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JW 106.

Montag, den 11. Mai

1885.

Fuldaer?

Die »Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Freiherr Schorlemer's Toast auf Windthorst.

Angesichts des nahe bevorstehenden Schlusses der Sessionen der parlamentarischen Körperschaften hatten sich am 5. in Berlin die Mitglieder der Centrums-Fraktion des deutschen Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses zu einem ge­meinsamen Mittagsessen im Hotel de Rome zahl­reich vereinigt, um nach den Mühen und Kämpfen der letzten Monate auch der Geselligkeit zu ihrem Rechte zu verhelfen. An der stattlichen Tafelrunde herrschte die gemüthlichste und herzlichste Stimmung. Den wärmsten Widerhall fand der Trinkspruch, welchen der Vorsitzende der Centrums-Fraktion des Abgeordnetenhauses, Frhr. v. Schorlemer-Alst, auf Exzellenz Windthorst ausbruchte. Wir sind, so lauteten ungefähr die warmen Worte des Redners, darüber nicht im Zweifel, daß der Kampf, den wir zu bestehen haben, nicht leichter, sondern ernster und schwerer geworden ist denn je, so daß es, um ihn zu bestehen, unseres ganzen Muthes, unserer ganzen Thatkraft und Ausdauer bedarf, und ich vertraue zu Gott, daß sie uns nie fehlen werden. Ob man von „Polonisinus", „Welfen- thum", „Ultramontanismus", Centrum und wovon immer reden möge, das wirkliche Ziel unserer Gegner ist doch die Beugung des legitimen Rechtes und der legitimen Freiheit. Man kann es nicht vertragen, daß die Träger dieser Rechts aufrecht­stehen, Zeugen gegen das Unrecht, Mahner des Gewissens. Ich hoffe zu Gott, sie werden immer fest stehen, in ihrer Hand die Fahne für Wahr­heit, Recht und Freiheit. Wir unterschätzen die materiellen Jntereffen nicht, wir treten für sie ein und fördern sie, wo das Wohl des Volkes es erfordert. Aber.ungleich höher stehen uns und muffen uns stehen jene heiligsten Güter, für deren Bewahrung oder Wiedererlangung wir seit einem Jahrzehnt kämpfen, unter treuer Waffenbrüderschaft unserer Fraktionsgenossen aus Süddeutschland. In allen diesen Fragen sind die Centrums-Fraktionen des Reichstages und des preußischen Abgeordneten­hauses einig und solidarisch. Diese Einigkeit ist unsere Stärke, ist die Gewähr des endlichen Sieges. Ihr gilt mein Toast; aber ich darf und muß sie persomfiziren. Ich thue es, indem ich mein Hoch zuwende dem, welcher in seiner Person beide Fraktionen und ihre Einheit repräsentirt, dem

O Maske gegen Maske. (45 Roman von A. Werner.

„Was uns aufgefallen," fuhr der Kohlenhändler fort, „ist Folgendes: Die Pique-Dame hatte eine Gesellschafterin, welche an dem Abend, an welchem ihre Gebieterin ermordet wurde, verschwunden ist."

„Ganz recht," erwiderte Pergon, „wo könnte man sie ausfinden?"

„Ich bin der Ansicht, daß sie Paris nicht ver­lassen hat."

„Sie sind ihr also begegnet?"

„Ja, vor einer halben Stunde, — auf diesem Bahnhofe, wenn ich mich nicht sehr irre."

„Wie sah sie aus?"

„Es war eine schlanke Blondine von großer Schönheit. Jeder sah ihr nach, wenn sie über die Straße ging. Es scheint, daß sie eine gute Stelle bekommen hat. Als sie noch bei der Pique-Dame war, ging sie nicht so geputzt wie jetzt."

„Run entsinne ich mich dieser Frau. Sie löste sich am Schalter ein Billet und reiste mit dem letzten Zuge ab."

„So ist es. Aber den Schluß zu ziehen, sie

Manne, der beider Fraktionen Führer, ihr glänzendes Vorbild ist, der in vorgerücktem Alter mit seltener Ausdauer, seltenem Geschick und unbeugsamen Muthe an deren Spitze steht. Diesem verehrten General des Centrums wiederhole ich die Worte, welche eine liebenswürdige Dame ihm zu seinem letzten Geburtstage widmete: „Du wirst nie alt, Gott dich erhalt."

Der Abg. Windhorst dankte nicht minder herz­lich, betonte gleichfalls die Einigkeit des Centrums und feierte die hohen Aufgaben der Centrums­fraktion, welche weit über die Grenzen des Deutschen Reiches hinausreichten. Es fei etwas Großes, daß heute Deutschland in den ersten Reihen der Völker stehe, etwas Größeres aber, wie die Katholiken Deutschlands allen andern voran den weltbewegenden Kampf kämpften für kirchliche Freiheit, Religion und Christenthum. Windthorst's Hoch galt den Vorsitzenden der beiden Centrums-Fraktionen, den Freiherren zu Franckenstein und v. Schorlemer-Alst. Namens der anwesenden Gäste der polnischen Fraktion sprach Dr. v. Stablewski dem Centrum in bewegten Worten Dank aus. Frhr. zu Francken­stein, welcher darauf erwiderte, gedachte auch in liebenswürdiger Weise eines allverehrten Abwesenden, des Abgeordneten Dr. Aug. Reichensperger, dessen Genesung in erfreulichster Weise fortschreitet, so daß derselbe das Krankenlager bereits wieder ver- laffen konnte.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Mai.

* Zu den Gerüchten über die Drei-Kaiser- Zusammenkunft wird der ,Kreuzzeitung' aus Wien geschrieben: „Von einer Ankündigung oder Vereinbarung einer Monarchen-Entrevue ist hier nichts bekannt. Ich kann Ihnen auch auf das bestimmteste auf Grund bester Informationen mit­theilen, daß Pourparlers behufs Einleitung bezüg­licher Vereinbarungen bisher nicht gepflogen, und auch von keiner Seite hierzu eine Anregung gegeben worden. Die Annahme, daß der Czar den beiden befreundeten Souoerainen einen Gegenbesuch ab- zustatlen beabsichtige und wahrscheinlich früher oder später abstatten werde, liegt nahe und ist auch in der Natur der obwaltenden Verhältnisse und Be­ziehung begründet."

* Der Reichstag überwies gestern zunächst

kenne den Elenden, welcher ihre Herrin und den Kaufmann ermordet hat, liegt mir fern. Doch die Uhr schlägt fünf und der Zug fährt nach sechs Minuten ab, so daß es die höchste Zeit ist, einzusteigen."

Mit diesen Worten verabschiedete der Kohlen­händler sich von seinem angeblichen Landsmanns und zog seine Ehehälfte mit sich fort. Pergon hielt sie nicht zurück und wollte sich auf den Rück­weg begeben, als sein Blick auf den Weichensteller Pierre Cambrenner fiel. Er war nicht wie ein Bahnangestellter gekleidet, sondern trug einen an­ständigen Cioilanzug und schien, seine Tochter an der Hand, einen Spaziergang zu machen. In diesem Augenblicke fiel es Pergon auf, daß feine Verkleidung als Rentier, die auf den Kohlenhändler und desien Frau einen so bestechenden Einfluß aus­geübt hatte, ihn dem einfachen Weichensteller gegen­über entfremden mußte. Ec wußte sich indeß zu helfen. Er zog sich in einen Winkel zurück, wischte sich mit seinem Taschentuch die Runzeln aus dem Gesicht, entfernte die Percücke und den falschen Bart und ahmle jenen wiegenden Gang nach, an welchem man einen Menschen erkennt, der an das Tragen schwerer Gegenstände gewöhnt ist. Dann bahnte er sich einen Weg durch die hin- und Her­

den Nachtragskredit auf Antrag des Abg. Frhrn. zu Franckenstein an die Budgetkommifsion und trat alsdann in die erste Berathung des von der Ar« beiterschutz-Kommifsion vorgelegren Gesetzentwurfs, betreffend die Sonntags- und Feiertagsruhe, in Verbindung mit dem Anträge der nationalliberalen Abgg. Dr. Buhl und Genoffen auf Anordnung einer Enquete. Die ersten Redner, die Abgg. Rü­diger, Dr. Lieber und Dr. Ackermann wandten sich hauptsächlich gegen diesen Antrag, welcher eine dringende der Lösung bedürftige und pruchreife Frage auf die lange Bank schieben wolle. Für die EnquZte sprachen die Abgg. Dr. Buhl und Robbe, letzterer int Namen der Mehrheit der Neichspartei. Fürst Bismarck, welcher nach dem Schluffe der Herrenhaussitzung im Reichstage erschien, sprach sich in derselben Weise wie bei der ersten Lesung des Antrags Hertling dahin aus, daß die Frage der Einschränkung der Sonntagsarbeit schwer zu lösen und noch nicht spruchreif sei. Der von der Kommission vorgeschlagene Gesetzentwurf enthalte nur den Rahmen eines Bildes, das Gemälde solle der Bundesrath machen, auf den die Kommission ihre legislatorische Aufgabe abgewälzt habe. Diese Aufgabe und die darin liegende Verantwortung könne, der Bundesrath nicht übernehmen. Die Verhand­lung wurde vertagt, das heißt bei der gegenwär­tigen Geschäftslage bis zur nächsten Session, da, wie die ,Germ.' ankündigt, das Centrum unzweifel­haft einen dahingehenden Gesetzentwurf wieder ein­bringen wird.

— Das Herrenhaus hat'in seiner gefirigcn Sitzung den Antrag Huene mit 92 gegen 27 Stimmen angenommen. Fürst Bismarck war von Beginn der Sitzung ab anwesend, griff aber nicht in die Debatte ein, sondern stimmte in seiner Eigenschaft als Mitglied des Hauses bei der Ab­stimmung nur mit „Ja". Die Debatte war wenig erheblich. Es sprachen nur Freunde der Vorlage, die zum Theil ihre Bedenken gegen Einzelheiten der Vorlage dem Hauptziele derselben: mit der versprochenen Entlastung der Communeu endlich einen Anfang zu machen, unterordneten. Graf Brühl stimmte zwar der Vorlage zu, erblickt aber in derselben einen bedenklichen Sieg des Parla­mentarismus, während Freiherr v. Landsberg- Steinfurt ausfühlte, daß die Zollnovelle im Reichs­tage gefährdet erscheine, wenn man den Antrag Huene nicht annehme. Der Finanzminister v. Scholz

strömenden Paffagiere bis zu Cambrenner, dem er vorsätzlich einen leichten Stoß versetzte.

„Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr!" brauste der Weichensteller auf.

„Ah, Sie sind es Kollege!"

„Kollege!" wiederholte Cambrenner mürrisch, „ich kenne Sie nicht."

„Das heißt, Sie haben mich aus dem Gedächt- niß verloren, während ich mich Ihrer sehr wohl erinnere. Es war auf dem Lyoner Eisenbahn­perron —"

„Ja, jetzt erinnere ich mich, — das ist aber lange her."

„Es war im Monat Januar."

„Als ich damals mit Ihnen sprach, waren Sie Lastträger —"

„Seit zehn Jahren", unterbrach ihn Pergon, und ich wäre es noch zur Stunde, wenn ich nicht eine reiche Tante beerbt hätte, die mir soviel hinterlaffen hat, daß ich jetzt von meinen Zinsen leben kann."

„Sie Glücklicher!"

„Vielleicht würden Sie anders urtheilen, wenn Sie sähen, wie es mich langweilt, nichts zu thun zu haben. Wenn man weder Frau noch Kind hat, wird einem das Leben unter solchen Verhältnissen