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JV 105.

Sonnabend, den 9. Mai

1885.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Zweites Blatt.

* Ave Maria!

ur Maienkönigin, voll Engelmilde,

Zieht froh das Volk am Maiensonntagmorgen, Da schweigen all' des Alltagslebens Sorgen,

Nur Frieden strahlt vom gold'nen Sonnenschilde;

Di« Lerche jubelt über dem Gefilde, Die Wachtel schlägt, im grünen Feld verborgen. Still steht der Aand'rer, dem Gesang zu horchen, Der Kindlein dort vor dem Madonnenbilde.

Ein Vorgeschmack der Himmelsseligkeiten Jst's ihnen heut', Mariä Bild zu schmücken, Seht wie die Blicks Andacht rings verbreiten I

Dem Wandrer, tief gerührt und voll Entzücken, Erbeben fromm der S««l« gold'ne Saiten, Den Freudendank im Liede auszudrücken.

* Die Kitlteräckfälle im Mai.

„Schon von Alters her hat man den Kälterück­fällen im Mai eine besondere Aufmerksamkeit zuge­wendet, viel mehr als der weit größeren Tempe­raturerniedrigung. welche um Milte Juni stattzu­finden pflegt. Die Kälterückfälle im Mai sind eben für die Pflanzen nicht selten, zumal wenn diese durch ein warmes Frühjahr gefördert wurden, höchst verderblich, während die Rückfälle im Juni fast stets über dem Gefrierpunkt bleiben und weit sel­tener für die Pflanzenwelt schlimme Folgen haben. Ganz besonders aber sind es die Tage zu Anfang des zweiten Drittels des Mai, denen der Landmann mit banger Sorge entgegensieht, und welche der Volksmund im Norden an die „Eisheiligen" oder „gestrengen Herren" Mamertus, Pankratius und Servatius (10., 11. und 12. Mai) und im Süden an Pankratius, Servatius und Bonifatius (11., 12. und 13.) geknüpft hat. In Frankreich sind diese drei Tage unter der Bezeichnung „les trois saints de glace“ bekannt.

Für diese weitverbreitete Erscheinung sind viel­fach Erklärungen gesucht worden, in neuerer Zeit haben dies wieder Dr. Aßmann-Magdeburg und v. Bezold-München gethan.

Unter allen Winden bringen besonders die nörd­lichen Winde in unseren Gegenden eine Erniedri-

3 Maske gegen Maske.

Roman von ». Lerner.

„Da» ist gar nicht nöthig; Ihr Aussehen ist keineswegs gebrechlich. Habe ich nicht Recht, Jeannette?"

Jeannette begnügte sich, ihm durch ein Lächeln zu antworten. Es war ersichtlich, daß ihr das Compliment ihres Mannes nicht zusagte, denn es verdroß sie, daß der angebliche Landsmann aus einem geringe» Kohlenhändler sich zu einem Ren­tier emporgeschwungen hatte. Pergon schien es nicht zu bemerke», sondern er fuhr fort:

„Wie wäre es, wenn wir, anstatt uns am Buffet zu langweilen, ins Gastzimmer gingen und dort eine Flasche Wein leerten?"

Der Vorschlag ward angenommen und bald darauf sah man die drei Personen eifrig einer Flasche Bordeauxwein zusprechen. Ter Wein löst die Zungen und macht mittheilsam.

„Lieber Landsmann", rief der Kohlenhändler aus. „ich hoffe, daß Sie eine kräftige Hühner­suppe in meinem Hause nicht verschmähen werden I"

„Bon Herzen gern, vorausgesetzt, daß wir noch eine Flasche Wein trinken."

gung der Temperatur, insbesondere bei Abwesen­heit der Sonnenstrahlung hervor. Aus kälteren Gegenden führen sie uns meist kältere Lustmassen zu, sie sind in der Regel von trockener, klarer Witterung begleitet, welche in der Nacht eine starke Ausstrahlung der Erdoberfläche und der Pflanzen gestattet. Nun ist nach einem Gesetz der Meteoro­logie, dem sogenannten baierischen Gesetze, die Wind­richtung abhängig von der Luftdruckvertheilung und es liegt somit der Schluß nahe, daß sich die Kälterückfälle auch in der Luftdruckvertheilung aus­sprechen müssen. Schon wiederholt wurde in ein­zelnen Fällen auf diesen ursächlichen Zusammenhang hingewiesen, allein allgemein zuerst den Nachweis für das Zustandekommen der Kälterückfälle aus der Druckoertheilung gegeben zu haben, ist das Ver­dienst Aßmann's. Aus dem Vergleich der MiHel- werthe aus den Barometer- und Tbermometerstän- den für 8 Uhr Morgens (1877 — 1881) erkannte er diesen Umstand. Aus seinen Zusammenstellun­gen ergibt sich, „daß das Phänomen in den in Betracht fallenden Jahren nahezu konstant zu der­selben Zeit eintritt, jedoch schon früher am 8. Mai beginnt und am 12. beendet ist. Der Kälterück­schlag tritt zuerst in Skandinavien ein, verbreitet sich dann zuerst in südlicher, dann südwestlicher Richtung über Centraleuropa. Seine größte Aus­dehnung erreicht der kalte Luftstrom zuerst am 10., wo er bis zum mittleren Frankreich vordringt, weicht vom 11. an zuerst langsam, dann schnell zurück und ist am 13. bis auf die russischen Ost- f «Provinzen zurückgedrängt."

Die Eigenthümlichkeit des Wassers, die größte Menge von Wärme zu seiner eigenen Erwärmung zu gebrauchen, muß in Zeiten, in welchen das Land schon höher erwärmt ist, über diesem eine Auflockerung, über dem Wasser eine Anhäufung von Luft zur Folge haben. Da nun aber die Auf­lockerung gleichbedeutend ist mit leichterem Gewicht, die Anhäufung aber mit Vermehrung des Gewichts, so wird zu dieser Zeit des beginnenden Ueberwie- gens der Sonneneinstrahlung über die nächtliche Ausstrahlung die Differenz zwischen schwerer kalter Luft über dem Meere und leichter warmer Luft über dem Lande am größten sein. Die Bedingun­gen für das Auftreten eines Gebietes hohen Luft­druckes sind also zu dieser Zeit ein für alle Male gegeben, wenn auch nicht in ganz unwandelbare Tage zusammengedrängt.

„Ich din's zufrieden!" antwortete der Kohlen­händler, ihm seine Hand hinhaltend. „Sobald wir zurückgekehrt sein werden, werde ich nicht er­mangeln, Ihnen eine Einladung zu schicken."

Der Kellner brachte eine zweite Flasche Wein; der Wein perlte im Glase und das Ehepaar leerte die Gläser bis auf die Nagelprobe.

„Wo wohnen Sie?" fragte die Frau den freund­lichen Spender, und beeilte sich, als dieser ihr eine erdichtete Wohnung als die seinige angegeben hatte, hinzuzufügen: „Wir haben unser Kohlen- gesläft in der Straße l'Älouette."

„Das ist ja die Straße, in welcher vor einigen Monaten die Pique-Dame ermordet wurde, zu deren Leichenzug ganz Paris wallfahrtete. Ich war auch dabei."

„Wir waren ebenfalls in der Morgue gewesen", schaltete der Kohlenhändler mit geheimnißvoller Miene ein; „wir wohnten Thür an Thür mit der Ermordeten zusammen, was uns bewog, uns zu überzeugen, ob sie es auch wirklich wäre."

„Und Sie haben sie erkannt?„

„Wie bei Lebzeiten. Wer diese Dame einmal gesehen hat, konnte sie nicht wieder vergessen, uno wir sahen sie, so lange sie unsere Nachbarin war, alle Tage."

Bezold faßt die Ergebnisse seiner Untersuchung in folgender Weise zusammen: Wenn im Früh­jahre die Erwärmung unseres Erdtheiles von Süd her beginnt und damit Meere und Kontinente so­wohl hinsichtlich der Wärmeverhältnisse als auch hinsichtlich der Luftdruckvertheilung ihre Rollen tau­schen, dann spielt die Balkanhalbinsel mit dem im Norden derselben zwischen Adria und Schwarzem Meere liegenden Hinterlande bis zu den Karpathen die Rolle eines kleinen vorgeschobenen Kontinents. Die Erwärmung geht daselbst, und zwar vor Allem in der hierfür besonders geeigneten ungarischen Tiefebene sehr rasch von statten, es entwickelt sich dort ein Gebiet großer Auflockerung der Luft und somit niedrigen Barometerstandes, d. h. es wird Entstehung sowohl, als Eindringen von Depressio­nen in diesem Gebiete besonders begünstigt. Dies hat aber in Verbindung mit dem im Westen Eu­ropas herrschenden und um diese Zeit nordwärts stets an Ausdehnung gewinnenden hohen Luftdrucke in Deutschland nördliche Winde zur unmittelbaren Folge und damit den Kälterückfall. Bezold nennt die „gestrengen Herren" daher „geborene Ungarn".

Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß Professor v. Bezold in München dieser Tage einen Ruf nach Berlin angenommen hat. Die Münchener .Allgemeine Zeitung' bemerkt hierzu: „Wenn auch der Verlust dieses hervorragenden Gelehrten für München sehr zu beklagen ist, so glauben wir doch die Annahme des Rufes im Interesse der meteorologischen Wissen­schaft entschieden mit Fronden begrüßen zu kön­nen. Gerade durch bie Wahl dieser Persönlichkeit, welcher man die in den Fachkreisen des In- und Auslandes allgemein anerkannte Organisation des baierischen Beobachtungsnetzes zu danken hat, ist die Bürgschaft gewährt, daß das großartige Werk, welches die königlich preußische Regierung ihr übertragen will, in völlig entsprechender Weise durchgeführt und damit zugleich die so längs ver­mißte Einheitlichkeit auf diesem Gebiete für ganz Deutschland erreicht werde."

Vermischtes.

§ (Der Unterhaltbedarf einer Arbeiter­familie) Was braucht ein Arbeiter zum Unterhalt und wofür braucht er es? Diese Kragen beschäftigen seit Jah­ren zahlreiche Beobachter und alle zuverlässigen Antwor­ten helfen das Gemeinwohl fördern. In dem neuesten Heft IV des „Areiterfreund", Organ des Sentralvereins für das

„Dann sind Sie wohl auch als Zeugen ver­nommen worden?" warf der angebliche Rentier ein.

„Allerdings, und wenn sämmtliche Zeugen so ausgesagt hätten, wie wir, würde Herr Lebrun nicht verurlheilt worden sein."

„Sind Sie denn der Ansicht, daß er nicht der Mörder der Pique-Dame ist"

„Das weiß ich nicht, nur kann ich beschwören, daß ich ihn nie bei der Engländerin gesehen habe. Als wir diese Aussage bei Gericht machten, wurde uns indeß das Wort abgeschnitten und man bedeutete uns, daß wir gehen könnten."

„Wer ist beim nach Ihrer Meinung der wirk­liche Mörder?"

„Sie fragen mehr, als ich beantworten kann. „Aber", fügte der Kohlenhändler mit leiser Summe hinzu, „es befindet sich auf dem Pariser Straßen­pflaster ein Mann, der Ihnen auffällige Dinge berichten könnte."

Pergon horchte bei diesen Worten auf; zum ersten Male traf er zwei Personen an, die mit ihm der Meinung waren, daß das Gericht sich auf falscher Fährte befunden, als es den jungen Lebrun zum Tode verurtheilt hatte.

lFortsetzung folgt.)