Freitag, den 8. Mai
1885.
JV 104.
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* Es hat getroffen.
UDie .Germania' hatte kurz nach den kirchenpo- litischen Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses einen ernsten Mahnruf an die Regierung gerichtet, in dem u. A. folgender Passus vorkam:
„Deutschland und Preußen werden, so übermüthig man in gewissen Kreisen auch ist, um so weniger davon verschont bleiben, als auf einem kulturkämpfenden Staatswesen der Segen Gottes niemals ruhen kann, und als gerade der Kulturkampf in Verbindung mit den sozialen Schwierigkeiten, selbst abgesehen von etwa äußeren Kriegen, schon die Entwickelung erkennen läßt, welche zu Krisen führt. Freuen wir uns darüber? Bei Leibe nicht, wir wünschen unserem Vaterlande gewiß überhaupt kein Unglück, zum Ueberfluß werden wir ja auch selbst mit darunter leiden, und wir werden auf's Eifrigste bemüht fein, daß jedes Unglück, welches kommt, in keiner Weise durch Unterlassungen und Handlungen unsererseits mit verschuldet ist. Aber wenn es kommt, dann soll es uns auch die Kirchenfreiheit bringen, dafür werden wir, wenn man dann nicht von selbst einlenkt, schon sorgen!"
Das genannte Blatt bespricht nun diesen Artikel und seine Wirkung in der kulturkämpferischen Presse neuerdings in einem Leiter unter der Überschrift „Es hat getroffen". Derselbe lautet wie folgt:
„Es hat getroffen — das warnende Wort nämlich, das wir den Kulturkämpfern zuriefen. Sie fangen immer mehr an, sich damit zu beschäftigen, und bieün nach dem Muster der Dezember-„Entrüstung" zum Theil schon jetzt wieder das Schauspiel, das sie durch Verdrehungen erst zu einer „Entrüstung" gegen uns zu gelangen suchen, nachdem sie Tage lang nicht recht wußten, wie die unangenehme Sache anzugreifen sei. Die ,Post' allein hat regelmäßig. Tag für Tag, die drei Nummern der Germania' mit ihren Bemerkungen begleitet, aber — diese sind auch danach geworden.
Gegen unsere Ueberzeugung von den Strafgerichten Gottes, die bei Fortsetzung des Kulturkampfs drohten, hat die ,Post' nichts zu sagen gewußt. Daß unmittelbar nach dem ersten Attentat aus Kaiser Wilhelm Herr Falk sich gedrungen fühlte, sein Ministerportefeuille zur Verfügung zu stellen, suchte sie dadurch jedes Zusammenhangs mit „Gewissensbissen" zu entkleiden, daß sie von der — ein Jahr später erfolgten Entlassung Falk's sprach. Auch nach unserm Hinweis auf diese Umgehung der Frage blieb die ,Post' die Antwort schuldig. Wir wiederholen also: Warum bot ver Minister Falk unmittelbar nach dem Hödel-Attentat seine Entlaffung an? Nur, was wir über das Benehmen der kulturkämpferischen Parlamentarier sagten, daß sie, früher so laut, jetzt wie die armen Sünder bei Kulturkampf-Verhandlungen dasäßen, nur das versucht die,Post' „erheiternd" zu finden. Wir können der .Post' darauf sagen, daß sie mit dieser erzwungenen Heiterkeit außerhalb des Volksbewußtseins steht. Wenn streng substantiirte, mit heiligem Eifer vorgetragene Klagen des
Q) Maske gegen Maske.
Roman von A. Werner.
25. Kapitel. Verfolgt.
Pergon war in jeglicher Beziehung gewandt und brauchbar. Seine frühere Lebensweise beim Regiment, und die langjährige Hebung im Polizeidienste hatten ihn gewöhnt, sich aus jeder Klemme mit Leichtigkeit herauszuziehen. Kleider zu wechseln, war für ihn ein Kinverspiel. So hatte er denn auch in einer Viertelstunde den Intendanten Ali in einen im Greisenalter gehenden Bürger verwandelt, der sauber gekleidet und dessen Antlitz mit den erforderlichen Runzeln wohl versehen war. So ausgerüstet, konnte er es kühn wagen, sich den scharfen Blicken des verkleideten Geheimpolizisten auszusetzen, den er von Straße zu Straße verfolgte. In der Straße de la Paix blieb Tollart vor einem Galanteriewaarenladen stehen und zog seine Uhr hervor.
„Ec scheint eine Verzögerung zu befürchten," dachte Pergon. „Vielleicht will er einen Wagen nehmen."
Ec täuschte sich nicht, denn Tollart winkte den
Centrums immer auf stumme Gegner stoßen, dann wird das Volk in immer weiteren Kreisen verstehen, daß man nicht mehr antworten kann, und nur als „plumpe" Mehrheit, ohne Gründe und ohne Gewissen, fortfährt, die Katholiken zu drücken.
Der selige Hermann v. Mallinckrodt warnte schon einmal gleich bei Beginn des Kulturkampfes vor gewissen Folgen dieser kirchenknechtenden Politik. „Sie ziehen sich ein Geschlecht groß," sagte er in seiner tief ernsten Weise, „welches von Gott und seinen Gesetzen nichts mehr wird wissen wollen, und welches alle Bande der Ordnung zerreißt." Damals nannten die Kulturkämpfer, was eine Warnung war, eine Drohung. Die Warnung ist aber eingeiroffen. Die Sozialdemokraten, damals erst bei den ersten Hunderttausenden, sind jetzt über eine Million und über sie hinaus haben wir ganz neu die Anarchisten bekommen mit Verbrechen von unerhörter Bosheit. So sind viele Warnungen von uns Centrumsleuten eingetroffen; sie betreffen ja auch nur die natürlichen Konsequenzen des vorausgegangenen falschen Handelns und die einfachsten Gesetze der göttlichen Weltordnung. Aber immer noch nennt man Drohung, was eine Warnung ist. Drohung ist es schon deshalb nicht, weil wir es nicht sind, welche diese Folgen schaffen, sondern unsere kulturkämpfe- rffchen Gegner schaffen sie. Aus ihrem Lager, nicht aus dem unfern, sind ja auch die Sozialdemokraten und Anarchisten hervorgegangen.
Ganz besonders erstaunt und „entrüstet" zeigt man sich über die Stellen unserer neuesten Warnungsartikel, in denen gesagt war, die Fortsetzung einer falschen Politik müsse nothwendig zu Strafgerichten, zum Unglück führen, und dieses Unglück werde uns dann auch die Kirchenfreiheit bringen, entweder so, daß die Kulturkämpfer dann von selbst einlenkten, oder so, daß wir sie dann dazu zwängen. Die Herren Kulturkämpfer scheinen wirklich geglaubt zu haben, wenn wir sie in den Tagen ihrer Macht und ihres Uebermuthes bekämpft hätten, so würden wir in den Tagen ihrer Roth und Schwäche sie in Ruhe lassen. Aber warum denn? Sind in solchen Tagen die Kulturkampfsgesetze weniger verwerflich? Und soll man nicht gerade dann, wenn die Gottesgerichte sich schon zeigen, die Ursachen derselben möglichst beseitigen und so Gott wieder zu versöhnen suchen? Es ist heiligste Pflicht, auch patriotische Pflicht, den Kulturkampf zu beseitigen, und wir werden jeder Zeit ihr gerecht werden, in Lagen der Roth und des Zwanges natürlich nicht minder, als in den Tagen ihres Uebermuthes und ihrer Macht! Das wäre unverantwortlich, sie gerade dann in Ruhe zu lassen, wenn sie am ersten Gerechtigkeit üben müssen!"
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Mai.
* Der Strolch, der gestern Nachmittag mit einem Stein das Fenster des Zimmers des Kaisers zertrümmerte, hat, wie sich jetzt herausstellt, bereits am Abend vorher mit einem Steinwurf ein anderes Fenster des Palais getroffen. Er ist dann verhaftet worden und wurde gestern unter polizei-
Kutscher eines Wagens heran, welcher langsam vorüberfuhr, öffnete selbst den Schlag und stieg in den Wagen.
„Er hat keinen Wagen auf dem Boulevard genommen, damit man ihm nicht folgen kann," dachte Pergon weiter.
Der Wagen schlug die Richtung ein, woher Tollart gekommen war. Durch diese Wendung sah Pergon sich gezwungen, dem Wagen auf'S Eiligste zu folgen, wobei er spähende Blicke umher warf, ob nicht seine Augen auch einen Wagen entdecken möchten. Aber die Straße war wie verödet. Es war sehr heiß, und die Kutscher ver- laffen bekanntlich bei schönem Wetter ihre Haltestellen nicht, um auf's Gecathewohl umherzufahren. Es wäre ein Spiel des Zufalls gewesen, wenn Pergon einen Wagen auf der Straße angetroffen hälte. Unter diesen Umständen blieb ihm nichts Anderes Übrig, als dem rasch dahin fahrenden Fuhrwerk, trotz der brennenden Sonnenhitze, im Laufschritt zu folgen. Unverdrossen folgte er der Richtung des Wagens und hatte endlich die Ge- nugthuung, zu sehen, daß derselbe am Bahnhofe zu Orleans anhielt, worauf Tollart oder Holtz auf den Perron sprang und sich in den Wartesalon dritter Klaffe verfügte, der von Reisenden
kicher Bedeckung, man weiß nicht recht zu welchem Zweck, wahrscheinlich zu einem Verhör an Ort und Stelle, vor das Palais geführt, und bei dieser Gelegenheit ist es ihm gelungen, den zweiten Wurf gegen das Fenster des Kaisers auszuführen. Unerklärlich ist es, wie er dabei zn dem Stein gelangen konnte. Die hiesigen Blätter drücken ihr Erstaunen und Befremden darüber aus. Die ,Rat. Ztg.' bemerkt hierzu: Entweder man hatte die Taschen des Gcigoleitis nicht erschöpfend genug durchsucht, so daß er einen Stein in der Tasche behielt — was kaum glaublich erscheint. Oder Grigoleitis hat den Stein unterwegs aufgehoben — ein Streich, der der Wachsamkeit seiner Transporteure kein großartiges Zeugniß ausstellen würde. Oder zum Dritten, man hat ihm das Original- Corpus delicti vor dem Palais in die Hand gegeben, damit er zeigen solle, wie er es gemacht habe, eine Eventualität, an die man kaum glauben könne, da der Vorgang sich in Berlin und nicht in Schilda abspielt.
* Das Schullehrer-Pensionsgesetz wird wahrscheinlich morgen in der Fassung des Herrenhauses vom Abgeordnetenhause, an welches dasselbe bekanntlich zurückging, acceptirt werden.
* Die Vormundschafts-Ordnung vom 5. Juli 1875 geht, wie die ,Voss. Ztg.' schreibt,, einer durchgreifenden Umgestaltung entgegen, und zwar in dem Sinne, daß die Vermögensverwaltung und Berechnung wiederum den Gerichten überwiesen wird. Maßgebend sind die jährlich in beträchtlicher Höhe durch ungetreue Vormünder veranlaßten Vermögensverluste der Mündel.
* Bei Beginn der heutigen Reichstags- sitzung theilte der Präsident zunächst mit, daß der Auslieferungsvertrag zwischen dem deutschen Reiche und Rußland eingegangen sei. Sodann befaßte sich das Haus mit der zweiten Berathung der Novelle zum Zollvereinigungsvertrag vom 8. Juli 1867. Nach Artikel 5 dieses Vertrages können zollausländische Erzeugnisse, welche entweder zollfrei eingehen oder nut einem Zollsatz von 3 M. pro 100 kg belegt sind, seitens der Emzel- staaten, der Kommunen und Korporationen der Besteuerung in dem gleichen Umfange unterworfen werden, wie die inländischen Erzeugnisse. Nachdem nun neuerdings die landwirthschaftlichen Zölle erhöht worden sind, sucht die Vorlage, die durch den vorbezeichneten Vertrag stipulirte Ausschließung
angefüllt war. Pergon bemerkte, daß er sich hier in eine Ecke drückte, und wollte sich so eben in seine Nähe schleichen, als seine Augen plötzlich zwei Personen entdeckten, welche er hier nicht ver- muthete. Der Kohlenhändler aus der Straße lÄlouette und dessen würdige Ehehälfte traten nämlich geräuschvoll unter der Säulenhalle hervor, seufzend unter zber Last von Mänteln, Körben, Kasserollen und sonstigen Hausgeräthen, wovon sie sich unterwegs nicht hatten trennen mögen.
„Bekommt man hier ein Billet nach Aurillac?" fragte die Frau.
„Ja," antwortete der Bahnbeamte, „jedoch erst in einer Stunde."
„Da hast Du es!" rief der Kohlenhändler ans. „Unter diesen Umständen hab.n wir Zeit genug, unsere Pasteten auszuessen, ehe wir uns in den Wartesaal begeben. Nicht wahr, Jeanette?"
Die Kohlenhändlerin öffnete gerade den Mund, um diesen vortrefflichen Plan zu billigen, als sie plötzlich einen unterdrückten Schrei ausstieß. Verwirrt betrachtete sie eine schlanke, hohe, blonde Dame in eleganter Kleidung, die soeben aus einem prächtigen Wagen gestiegen war und sich nach dem Schalter bewegte.
„Was hast Du?" fragte ihr Mann.