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JM 99.

Sonnabend, den 2. Mai

1885.

Fuldaer

KM KW

Die .Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Q) Maske gegen Maske. 137

Roman von A. Werner.

„Wo darf ich Sie aufsuchen?"

„Im „Grand-Hotel." Später werde ich mir ein eigenes Palais kaufen, da ich wenigstens ein Jahr in Frankreich verweilen werde. Wir Morgen­länder sind an eine kostspielige Existenz gewöhnt, und wenn ich in der nächsten Umgebung von Paris eine stattliche Villa mit einem Parke anträfe —"

Es ist mir gerade eine solche bekannt," fiel Tollart ihm in's Wort, „welche Ihnen gefallen könnte, und wenn es Ihnen angenehm ist, werde ich nicht ermangeln, anzufragen, ob man geneigt wäre, sie zu verkaufen."

„In der That, mein Herr, Sie überhäufen mich mit Verbindlichkeiten, so daß ich kaum weiß — "

Die Komplimente des Nabob wurden plötzlich durch Madame Disney unterbrochen, welche die brasilianischen Diplomaten so eben an einen Spiel­tisch geführt hatte und jetzt wiederkehrte, um dem Stern der Soiree ihre Aufmerksamkeit und ihr Lächeln zu widmen.

-TT Zur Börsensteuerfrage.

(Nachdruck verboten.)

Im Reichstage machte sich allgemein der sehr verständliche Wunsch geltend, die Session möge vor Pfingsten noch zum Abschluß gebracht werden. Schon jetzt kämpft das Haus fortwährend mit der Gefahr der Beschlußunfähigkeit, welche, falls die Tagung noch länger ausgedehnt wird, schließlich chronisch zu werden droht. Soll aber in den bis Pfingsten noch bleibenden drei Wochen ein Ab­schluß erziehlt werden, so muß eine Reihe von Vorlagen zunächst unerledigt bleiben. Wir würden z. B. dem Postsparkafienentwurf und dem in Aussicht gestellten deutsch-russischen Auslieferungs- vertrage gewiß keine Thräne nachweinen, wenn sie den Reichstag mit ihrer Gegenwart verschonen wollten, jedoch harren u. a. noch die Unfallver­sicherung für das Transportwesen und für die forst- und landwirthschaftlichen Arbeiter, die Vor­schläge zur Abänderung der Justizgesetze, das Militärreliktengesetz und namentlich die aus dem Hause- hervorgegangenen Anträge zur Arbeiter­schutzgesetzgebung und zur Handwerkerfrage der Erledigung. Reben dem Zolltarif ist es aber insbesondere eine Vorlage, deren Erledigung in geeignetem Sinne von der großen Mehrheit des Volkes schon seit langer Zeit dringend ersehnt wird, das B ö r s e n st e u e r g e s e tz.

Mit berechtigtem Unmuth hat man gesehen, wie die Börsensteuerfrage, welche früher schon dreimal an den Reichstag herangetreten war, immer wieder an dem Widerstande und den Jntriguen der Börsengewaltigen und der liberalen Parteien und an dem schwächlich nachgiebigen Standpunkte der Regierung gescheitert ist. Das Volk würde es sehr übel aufnehmen, wenn auch jetzt wieder die zarte Rücksichtnahme auf die Börsenkönige, welche, wie sich bei der Bismarckspende gezeigt hat, ihre Millionen gar nicht zu lassen wissen, die Anwen­dung des Prinzips der ausgleichenden Gerechtig­keit auf die Geldspekulation, das Großkapital und die Börse abermals hintanhielte. Leider hat der Reichskanzler und die Reichsregierung, wie in so vielen Fragen, so auch in dieser, kein festes, klares Programm, was, — nebenbei bemerkt — eine der Hauptursachen der endlos sich hinziehenden Reichstagsverhandlungen ist. Vor den Reichs­tagswahlen wußten die von der Regierung kräftigst unterstützten „nationalen", mittelparteilichen Zei­

tungen und Wahlkandidaten dem Volke Wunder­dinge vorzureden von den bestehenden Absichten bezüglich einer stärkeren Heranziehung der Börse zu den Staatsabgaben. Als aber die schönen Worte,, ihre Schuldigkeit gethan hatten, wartete man vergeblich auf die Thaten. Zwar hat ein von den Nationalliberalen eingebrachter durchaus unzulänglicher Börsensteuerenrag den Schein zu wahren gesucht, aber in Wirklichkeit sollte dieser Antrag nur ein Knüppel sein, welcher der von den Konservativen und dem Centrum schon seit langer Zeit vergeblich angestrebten procentualen Börsensteuer mit Schlußnotenzwang zwischen die Beine geworfen werden sollte. Ganz genau so haben die Nationalliberalen es jetzt wieder mit ihrem Gegenantrag zum Huene'schen Verwendungs­gesetz im preußischen Abgeordnetenhause gemacht, obwohl die Mehrzahl der norddeutschen National­liberalen im Reichstage überhaupt gegen die theilweise zur Verwendung vorgeschlagenen Zölle gestimmt haben. Als der nationalliberale Börsen­steuerantrag eingebracht wurde, und als eine Sektion des preußischen Staatsrathes die procen- tuale Besteuerung der Börse, also die Grundlage des im vorigen Jahre von Preußen selbst einge­brachten Gesetzentwurfs, abgelehnt hatte, mußte man zu der Ansicht gelangen, die Börsensteuer­erhöhung solle wieder einmal auf unbestimmte Zeit aufgeschoben bezw. „vertagt" werden.

Die Nachricht, daß jetzt der engere Staats­rath, entgegen dem ablehnenden Re -Hlvss» b«»- Spezial-Sektion, dem Prinzip des Wedell'schen Entwurfes, der prozentualen Besteuerung mit Schlußnotenzwang, zugestimmt hat, kam daher fast überraschend und hat die Hoffnung auf eine end­liche Erledigung dieser wichtigen Frage wieder einigermaßen erhöht. Allerdings gibt es Manche, die auch in diesem von der preußischen Regierung herbeigeführten definitiven Gutachten des Staats­rathes ein Mittel erblicken wollen, das Volk zu beruhigen und eine abermalige Aufschiebung der Sache in einem milderen Lichte erscheinen zu lassen. Die den Börseninteressen dienstbare Presse setzt denn auch alle Hebel an, um die Entscheidung hintanzusetzen, sie hat sogar die alsbald dementirte Nachricht in die Welt gesetzt, die preußische Re­gierung wolle jetzt auf Grund des Staatsraths­beschlusses einen neuen Entwurf ausarbeiten lassen, was natürlich einer Verschiebung der Entscheidung

für die nächste Reichstagssesston gleichgekommen wäre. Unserer Ansicht nach ist die Frage schon längst vollständig spruchreif, und heute, nach der Stellungnahme des Staatsrathes, muß sie auch der Regierung und dem Fürsten Bismarck spruch­reif erscheinen. Denn wozu sonst alle diese weit­läufigen Maßnahmen zur Herbeiführung eines reiflich erwogenen Urtheils. Der Staatsrath hat sich dem Grundprinzip des vorjährigen preu­ßischen Entwurfs und dem des jetzigen Wedell- schen Entwurfs angeschloffen, für dieses Steuer­system ist bei den Konservativen und im Centrum eine reichliche Majorität im Reichstage vorhanden, und die Sache kann daher alsbald definitiv ge­regelt werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Mai.

* In der heutigen Reichstagssitzung wurde zunächst bei der Fortsetzung der zweiten Berathung der Zollnovelle auf Antrag des Abg. Löwe (Berlin) der Zoll für harte Glanzgarne (Weftgarne) von 8 auf 3 Mark herabgesetzt. Die auf den Leder­zoll bezüglichen Anträge wurden zurückgezogen, ebenso bis zur dritten Lesung ein Antrag der Abgg. v. Fischer und Roß auf Erhöhung des Zolles für gepreßte Formköpfe von 30 auf 120 M., nachdem Bundeskommissar Schraut versprochen, daß Ermittelungen über die Lage der deutschen Knopf- tnb'ti’ieio ur.b. iifw„ hi» -b**- O-n«

Höhung veranstaltet werden sollten. Der Gesetz­entwurf, betreffend die Abänderung des Zollver­einigungsvertrages vom 8. Juli 1867 wurde einer Kommission überwiesen und der Gesetzentwurf, be­treffend den Schutz des zur Anfertigung von Reichs- Kassenscheinen verwendeten Papiers gegen unbefugte Nachahmung ohne Debatte in zweiter Lesung unver­ändert genehmigt. Sodann trat das Haus in die zweite Berathung des Gesetzentwurfs über die Aus­dehnung der Unfall- und Krankenversicherung. Morgen Zollnovelle; Montag Börsensteuer.

* Das Abgeordnetenhaus setzte heute die zweite Lesung des Antrages Huene betreffend die Ueberweisung eines Theiles der landwirthschaft- lichen Zölle an die Kommunen fort, und zwar bei dem § 2 des Entwurfs, welcher die entsprechenden Beträge an die Kreise überweisen will. Abg. Rickert machte seine Rede gegen diesen Paragraphen

„Hoheit", sagte sie, indem sie alle ihre Reize entfaltete, „meine Freunde zürnen Herrn Tollart, daß er Sie so ausschließlich mit Beschlag belegt hat. Spielen Sie Hazard?"

„Ich kenne dieses Spiel allerdings", erwiderte der Indier, man spielt es mit besonderer Vor­liebe in Pondichery, aber ich bin kein Freund davon."

„Spielen Sie vielleicht ein anderes Spiel?" beeilte sich Arabella zu fragen.

„Ja, aber das Spiel, welches mir am meisten gefällt, ist — Sie werden lachen — das Spiel, mit welchem sich die arme Frau aus der Straße l'Alouette, die Pique-Dame, die Zeit vertrieb, als sie ermordet wurde. Ich meine: das Paüencespiel."

Die Antwort des.Indiers brachte bei sämmt- lichen Anwesenden ein Frösteln hervor. Niemand hatte eine solche Anspielung auf das begangene Verbrechen, wovon Paris feiner Zeit so voll war, erwartet.

Arabella schien namentlich ergriffen, da sie, wie alle Engländerinnen, sehr gefühlvoll war, und diese Worte ihr die Verurteilung in's Gedächtniß riefen, welche sie vor einigen Tagen gegen einen jungen hübschen Mann hatte aussprechen hören.

Schir Sahib bemerkte, wie sehr seine harmlose

Andeutung die hübsche Herrin dieses gastfreien Sa­lons aufgeregt hatte und er beeilte sich, das, was er gesagt hatte, abzuschwächen.

„Ich spiele Patience," nahm er wieder das Wort, „wenn ich mich in meinem Palast zu Bahour allein befinde. Hier aber bin ich gern bereit, mich am Hazardspiel zu detheiligen."

„Die Taille ist soeben beendet, in welcher der arme Gustav Delorme seinen ganzen Einsatz ver­loren hat," äußerte eine reizende Blondine, welche den Namen Hermine Lecomte führte.

„Seine Hoheit wird ihn vorteilhaft ersetzen," rief Tollart aus.

Der Indier bot der Blondine seinen Arm und führte sie an den Spieltisch.

Inzwischen unterhi.lt Tollart sich lebhaft mit Madame Disney. Sie sprachen über den Nabob von Bahour, für deffen Person sie sich sehr zu interessiren schienen, und Madame Disney horchte hoch auf, als Tollart ihr die Mittheilung machte, daß der Indier ausschließlich in der Absicht nach Frankreich gekommen sei, um den Nachkommen des Majors O'Sullivan Millionen zuzuwenden. Es war begreiflich, denn Tollart war ein praktischer Mann, der inmitten rauschender Vergnügungen nie seine geschäftlichen Beziehungen aus den Augen