1885
Mittwoch, den 29. April
Fuldaer
(34
Herr
Q) Maske gegen Maske
Roman von A. Werner.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. April.
* Zu einer angeblichen Aeußerung des Kaisers von Rußland über das Sinken der Friedensaussichten unserem Kaiser gegenüber hört die .Nationalzeitung', dem Kaiser Wilhelm sei in letzter Zeit weder ein Schreiben noch eine Depesche des russischen Kaisers zugegangen. Dem englisch-russischen Konflikte stehe Deutschland durchaus neutral gegenüber. Weder Rußland noch England habe Deutsch- lands Vermittelung nachgesucht.
* Die kirchliche N o t h l a g e der Katholiken wird von den Kulturkämpsern immer wieder bestritten. Bei der jüngsten krrchenpolitischen Verhandlung wurde wieder viel Aushebens mit der zu Gunsten der katholischen Bevölkerung eingerichteten Noth- seelsorge gemacht. Zunächst sieht das so aus, als ob die Katholiken eigentlich gar kein Recht auf eine ordentliche Seelsorge mit fest angestellten Pfarrern und Kaplänen hätten, sondern sich damit zufriedengeben müßten, daß wie in heidnischen Landen hin und wieder ein Geistlicher sie mit polizeilicher Erlaubniß besuchen darf. Die Konservativen thun sich, so schreibt man katholischen Blättern aus Berlin, sammt dem Kultusminister viel darauf zu Gute, daß eine beträchtliche Anzahl junger Priester in die Seelsorge eintreten konnte, und doch ist der Priestermangel so groß, daß, wenn die Seminare noch fünf bis zehn Jahre geschloffen bleiben, wir genau so weit sind wie vor Erlaß des Gesetzes über die Rothseelsorge. Der jährliche Ausfall durch Tod wird nicht ersetzt durch die neuen Kräfte. Der Bischof von Trier konnte 166 Hilfsgeistliche anstellen, das hört sich schön an, aber 99 Pfarreien mußten mit der Bitte um einen Geistlichen vollständig abgewiesen werden, weil der Bischof keinen einzigen mehr zur Verfügung hatte. In der Kölner Erzdiözese gibt es über fünfzig Gemeinden, wo auf 3000 bis 4000 Seelen je ein Geistlicher kommt; wie lange können die Kräfte eines Mannes diese Last ertragen? In Posen sind 185 Pfarreien mit einer Drittel-
„Geben Sie einer edlen Regung nach, Herr Lebrun," ermahnte der Präsident; „gestehen Sie, daß Sie Marie Fassit früher gekannt haben, daß ein unglückseliges Verhängniß Sie in den Pavillon der Straße l'Alouette geführt hat und daß Sie in der Aufregung, keineswegs vorsätzlich, den Doppelmord begangen baden. Die Jury wird alsdann mildernde Umstände walten lasten können, was ihr jetzt nicht freisteht. Sprechen Sie! Es ist Ihre Braut, di- Sie durch mich darum bittet, die
Wahrheit zu sagen."
Roch einmal öffnete der Angeklagte den Mund, wie um ein Geständniß abzulegen; seine Blicke begegneten indeß in diesem Moment den weinenden Augen seiner Braut, und gegen die Lehne der Anklagebank zurücksinkend, stammelte er:
„Rein, nein, ich kann es nicht, es ist zu hart, zu hart!"
Gabriele wandelte bei diesen Worten eine Ohnmacht an. Ein Gerichtsdiener sing sie in seinen Armen auf und führte sie, auf einen Wink des Präsidenten, in ein Rcbengemach.
Für die Monate Mai und Juni werden Bestellungen auf die ,Fuldaer Zeitung' von allen Postanstalten, Landbriefboten und für Fulda von der Expedition zum Preise von Mark 1,— (ohne Bestellgeld) angenommen.
gleichzeitig ersucht, ihrerseits nach Abschluß der im Gange befindlichen Untersuchungen mit Vorschlägen zur Regelung der Sache vorzugehen. Ultramarin, bisher zollfrei, wurde im Interesse der inländischen Ultramarin - Industrie mit einem Zoll von 15 M. belegt und der Oelfirniß-Zoll von 4 auf 6 M. erhöht. Für das bisher zollfrei eingehende Ultramarin wurde ebenfalls ein Zoll von 15 Mark, für die bisher ebenfalls zollfrei eingehendes Superphosphale und Strontianpräparate ein Zoll von 50 Pfg. resp. 2 Mk. festgesetzt und der Zoll für Oelfirryß von 4 auf 6 Mk. erhöht. Bei den Thonwaaren wurde für die bisher zollfreien feuerfesten Steine ein Zoll von 50 Pfg. festgesetzt und der Zoll für Schmelztiegel, Muffeln, Kapseln und sonstige feuerfeste Produkte von 1 Mk. auf 2 Mk. erhöht. Nachdem noch ein Antrag auf Erhöhung des Drahtzolles nach kurzer Debatte zurückgezogen, vertagt sich das Haus. Mit Rücksicht auf die Berathung des Antrags Huene im Abgeordnetenhause soll die nächste Sitzung am Donnerstag erst um 2 Uhr beginnen. (Wahlprüfungen, Zolltarif und kleinere Vorlagen.)
* Bayern brachte im Bundesrarh einen Ge- setzentwurf ein, wodurch die Beschlagnahme von Eisenbahnwagen zu Pfandzwecken untersagt werden soll. Motivirt wird der Antrag besonders durch die im bayerischen Verkehr häufige Beschlagnahme von Wagen verstaatlichter österreichischer Privat- bahnen, deren Folge in ietzler Instanz die Umgehung der bayerischen Bahnen seilens des österreichischen Verkehrs und daher die empfindliche Beeinträchtigung der Einnahmen der bayerischen Bahnen sein müsse.
* Bremen, 28.April. In der heutigen Generalversammlung des.Norddeutschen Lloyd' wurde der Antrag des Verwaltungsraths auf Bewilligung der in Folge etwaiger Uedernahme der vom deutschen Rerche zu subventionirenden Dampferlinien erforderlichen Geldmittel einstimmig angenommen.
* Limburg, 27. April. Die Bulle, welche die Wahl des Bischofs vom Papst bestätigt, ist hier eingetroffen und dem Domkapitel bereits vor- gelegt worden. Der Konsekrationstag ist mit Rücksicht auf die Bischöfe, die zum Theil bereits ihre Firmungsreisen angetreten haben, auf den 17. Mai d. I. den Sonntag vor Pfingsten fest- gesetzt. Wie das .Mainz. Journ.' vernimmt, wird der Bischof von Fulda die Weihe vollziehen;
zur Berathung zurückzogen. Als sie wieder in den Gerichtssaal traten, verlas der Präsident das Ver- dict, welches den Angeklagten Ferrand Lebrun zum Tode verurtheilte.
Der junge Mann lächelte schmerzlich und sagte leise:
„Ich unterwerfe mich dem Spruche der Geschworenen.
„Sie haben drei Tage Bedenkzeit zu Ihrer Verfügung, ehe Sie ein Kaffationsgesuch einreichen," bemerkte der Präsident, welcher lief bewegt schien.
Herr Lebrun wird hinaus geführt. Die Menge verließ schweigenv den Saal. Der Nabob und sein Diener waren die ersten, welche sich entfernten. Der Indier hatte ohne Zweifel den Eindruck mitgenommen, daß ein europäischer Gerichtshof der Justiz seines Landes weit überlegen sei.
Als Ferrand Lebrun durch den dunklen Flur ging, raunte ihm einer seiner Wächter in's Ohr:
„Ihr Vater bittet Sie, noch diesen Abend ein Gnadengesuch einzureichen."
In demselben Moment ward Gabriele Romont ein Brllet rn die Hand gesteckt, welches die Worte enthielt:
„Verzweifeln Sie nicht. Ich gebe Ihnen mein
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Million Katholiken unbesetzt, in Osnabrück fast die Hälfte der Pfarreien, in Münster 144 von 326, und wenn in Breslau nur ein Dutzend Gemeinden ganz ohne Priester sind, so hat man das dadurch erreicht, daß aus größeren Parochieen die Geistlichen versetzt und jedem zurückbleibenden oft 8000 bis 10,000 Seelen überlassen wurden.
* Der Vorsitzende der Centrums-Fraction des Abgeordnetenhauses, vr. Frhr. v. Schorlemer-Alst, richtet an alle Mitglieder der Centrums-Fraction die dringende Bitte, bei der am Donnerstag den 30. d. beginnenden Debatte des Antrages v. H uen e anwesend zu sein, um diesem wichtigen Antrag eine große Mehrheit zu sichern. Die Berathung des Huene'schen Verwendungsgesetzes wird, wie man erwartet, zu großen Debatten führen. Der von den Nationalliberalen in letzter Stunde eingebrachte Gegenentwurf, der dahin geht, anstatt der Mehrerträge der Getreide- und Viehzölle drei und eine halbe Monatsrate der Grund- und Gebäudesteuer den Kommunalverbänden zu überweisen, findet Widerspruch auf allen Seiten. Die .Germania' und die .Kreuzzeitung' hören außerdem, daß die Nationalliberalen, die bisher bestritten haben, daß Mittel zu einer Verwendung vorhanden seien, sich jetzt doch zu dem Sprung über den Stock entschließen, um nur mitthun zu dürfen.
* In der heutigen Sitzung des Reichstags, welche gleich der gestrigen äußerst schwach besucht war, wurden zunächst zwei ungenügend motivirte Urlaubsgesuche abgelehnt. Darauf wurde die 2. Berathung der Zoll-Novelle -fortgesetzt. Zoll für Lichte wurde ohne Debatte von 15 auf 18 M. erhöht. Beim Cacao wurde zwischen rohem und gebranntem unterschieden. Für den ersteren soll der bisherige Zollsatz von 35 M. beibehalten, für den gebrannten der Zoll auf 45 M. erhöht werden. Außerdem wurde der Zoll für Cacao- Maffe, Chocolade und Chocoladen-Surrogate von 60 auf 80 M. erhöht, und der zur Stärkefabrikation verwendete Reis, der bisher 1,20 M. bezahlte, mit 3 M. verzollt. Ein Antrag des Abgeordneten Freiherrn von und zu Franckenstein auf Rückvergütung des gezahlten Zolles im Betrage von 80 Prozent für Chocolade, Cacao und Zuckerwaaren an die exportirenden Chocoladen- und Zuckerwaarenfabrikanten wurde der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen und die letztere
„Die Acten sind hiermit geschlossen!" sagte der Präsident mit dumpfer Stimme. „Der Vertheidiger des Angeklagten hat das Wort."
Ferrand's Vertheidiger plaidirte mit vielem Geschick. Er tadelte, daß die Verhandlung stattgefunden habe, bevor der Taubstumme, dessen Zeug- niß sein Client so dringend begehrt habe, aufge- sunden sei, er schilderte die Darstellung des Präsidenten, die beiden Ermordungen zu erklären, als einen geschickt entworfenen Sensationsroman und verwarf den Beweis der modellirten Fußspuren im Schnee als ungültig. Hinsichtlich der ermordeten Marie Fassit stellte er der Jury anheim, zu er- wägen, ob Herr Lebrun, wenn er sie wirklich ermordet hätte, wohl am folgenden Abend wieder gekommen wäre, um sie bei ihrem Vornamen Mary zu rufen? Konnte er denn von seinem erdolchten Opfer eine Antwort erwarten? Der verlesene Brief gehöre einer älteren Zeit an und sei auch unter sehr gravirenden Umständen zu Händen des Gerichts gelangt. Er halte seinen Clienten für völlig unschuldig und müffe die Richter warnen, auf zufälliges Zusammentreffen und bloße Ver- mulhungen hin ein voreiliges Urtheil zu fällen.
Der Staatsanwalt widerlegte die Vertheidigungs- | rede, worauf die Richter mit den Geschworenen sich