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J\® 93.

Sonnabend, den 25. April

1885.

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* Der englisch-russische Konflikt, der »och immer die Hauptaufmerksamkeit in An­spruch nimmt, ist in jenes Stadium getreten, worin jeder der Streitenden sich möglichst große Vortheile zu sichern sucht. Hand in Hand damit gehen Re- kriminationen und Drohungen und Anforderungen an andere Mächte, die weniger dem Völkerrecht als den eigenen Wünschen eines der Streitenden entsprechen. England hat sich ganz im Stillen ge­waltige Vortheile zur See gesichert, Rußland da­gegen zu Lande. Je weniger von russischen Truppen- koncentrationen an der afghanischen Grenze ver­lautete, desto energischer sind sie betrieben worden. General Komarow verfügt dort außer seinen Truppen über 25,000 turkmenische Reiter und ebenso viele Scharfschützen, und da täglich Zuzüge erfolgen, wird die russische Armee in Bälde dort mehr als 100,000 Mann zählen, eine Zahl, die zu einem Handschlage gegen Herat, selbst ohne einen Aufruhr in Afgha­nistan, genügen würde. Daß England an die Verstärkung seiner indischen Armee ebenfalls denkt, beweist die Meldung, daß bu SQ00 Mann be­tragende Erahäm'sche Kolonne aus dem Sudan abberufen werden soll. Ob die als Elitetruppe bezeichnete Kolonne nach Indien gesendet, oder als Schutzwehr des Suezkanals verwendet werden soll, steht noch nicht fest; jedenfalls würde die Preis- gebung des Sudan, wo übrigens jüngst Aufstände gegen den Mahdi ausgebrochen sind, ein Fingerzeig mehr für den Ernst der Lage in Afghanistan sein. Für diesen Ernst spricht aber auch die Thatsache, daß England sich auf einem Punkte im Borea- archipel festgesetzt hat, desien Besitz ihm die Brach­legung der russischen Kaperschiffe, also der schlimmsten Gefahr für den englischen Weldhandel, ermöglicht. Rußlands Flotte im schwarzen Meere kann nicht durch die Dardanellen, seine Ostseeflotte (17 Panzer­schiffe, 13 Küstenvertheidrger, 15 Klippen-, 15 Kanonenboote, 94 Torpedofahrzeuge) kann mit der englischen Flotte keinen offenen Kampf wagen, es

bliebe also für die Ruffen nur die Möglichkeit, durch möglichst viele Kaperschiffe englische Handels­schiffe zu vernichten und deren Güter fortzunehmen. Allerdings ist die Kaperei durch die Pariser De­klaration völkerrechtlich verboten, aber leider werden solche papierne Abmachungen ja nur so lange ge­halten, als es vortheilhaft erscheint. Die Russen aber bestreiten jetzt nicht nur die Rechtsverbindlich­keit der genannten Deklaration, sondern es wird berichtet, daß die Petersburger Regierung bereits viele Kauffahrteischiffe für das Kaperwesen erworben hat und in stillen Buchten der Oceane verborgen hält, so daß sie jeden Moment über englische Handelsschiffe herfallen können. Freilich würde England die Bemannung der Kaperschiffe einfach als Piraten behandeln, die Kriegführung würde zur barbarischen werden, aber leider wird die Aus­sicht auf reiche Beute doch viele Seeleute der Kaperei zuführen. Indessen das Kaperfahrzeug bedarf eines Zufluchtshafens, einer Bucht, wo es seine Leute in Sicherheit bringt, und zu diesem Zwecke hat Rußland nur ein Gebiet zur Verfügung: Die Küste von Ost­sibirien mit den Häfen von Petroplawsk, Nikola­jewsk und Wladisstock. Die einzig bequeme Aus­fahrt von diesen russisch-sibirischen Häfen ist die Boreastraße zwischen Kolsna und Javan. In die­ser Meerstraße, die an der engsten Stelle nur 25 Meilen breit ist, liegt nun der Borea-Archipel, darunter die Insel Port Hamilton, und diese hat England in aller Stille besetzt. Dort hat nun Eng­land eins der schnellsegelnsten Schiffe, das von Chili gekauft umrft* nebst inchreren anderen statio- nirt und damit ist den russischen Kreuzern und Kapern der Weg in's freie Meer gründlich verlegt. Diese Besitzergreifung, die den Sachkennern ein „politischer wie militärischer Meisenkoup" genannt wird, ist den Russen sehr unangenehm, aber ein Recht Rußlands hat England damit nicht verletzt. Die Besetzung ist auch keine Bedrohung, sie trägt vielmehr den Charakter einer legitimen Vertheidi- gungsmaßregel. Aber um so größer ist die Wuth der Russen und allen voran gibt Katkow, bekannt­lich Erzieher des Zaren, jetzt Leiter der Moskauer Zeitung und Häuptling Der milchendsten Pansla­wisten, in seinem Organ dieser Wuth Ausdruck. Der russische Geheimrath erklärt geradezu: wenn England Port Hamilton nicht herausgebe, sei der Krieg unvermeidlich. England wird indessen Port Hamilton sicher ebenso wenig herausgeben, wie die

O Maske gegen Maske.

Roman von A. Werner.

Nachdem der Angeklagte sich erhoben hatte, redete ihn der Präsident des Gerichtshofes an:

„Die gegen Sie sprechenden Beweise sind schwer­wiegend. Sie werden im Verlauf der Verhandlung gegen jeden einzelnen sich zu vertheidigen haben; zuvor aber liegt es mir ob, Sie zu fragen, ob Sie darauf beharren, jede Theilnahme an dem Ver­brechen, dessen man Sie beschuldigt, in Abrede zu stellen?""

„Ja", antwortete Lebrun mit festem Tone. „Ich bin unschuldig, das ist Alles, was ich zu sagen habe."

Diese einfache Antwort rief einen lebhaften Eindruck hervor.

„Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, daß ich Sie ersuche, Ihr System zu ändern," antwortete der Präsident. „Sie werden es in Der Folge sehr bereuen, wenn Sie meinem Ralhe keine Beachtung schenken sollten. Sie haben die Fragen, welche ich jetzt an Sre richte, kurz und bündig zu be­antworten. Sie werden dadurch selbstrebend nicht verwirrt werden, da Sie ja unschuldig sind. Wie lange ist es her, seitdem Sie nach Frankreich zu­rückgekehrt sind?"

„Sechs Jahre."

„Sie kamen aus Deutschland?"

„Ja, aus Heidelberg, wo ich die Universität besucht hatte."

„Besuchten Sie daselbst nicht häufig das Haus eines protestantischen Pfarrers?"

„Ja, ich bewarb mich um die Hand seiner Tochter, und sie war auch bereits meine Braut, als mein Vater sich dieser Verlobung widersetzte."

„Wir werden bald wieder darauf zurückkommen. Sind Sie nicht, bevor Sie nach Deutschland gingen, in England gewesen?"

„Ja, mehrere Jahre."

„Sprechen Sie Englisch?"

„Geläufig."

„Welche Bekanntschaften pflogen Sie in Eng- land?"

„Solche, wie sie ein Jüngling von sechszehn Jahren hat, der in einem Pensionat erzogen worden ist, wo die Zöglinge weit mehr Freiheit genießen, als die Gymnasiasten in Frankreich. Ich kannte mehrere wohlhabende Pächter der Umgegend."

„Das trifft zu. Haben Sie indeß nicht auch um die nämliche Zeit in London oder dessen

Russen Turkmenien, und damit wächst die Kriegs­gefahr, wenngleich die Lage sonst noch nicht be­drohlich betrachtet wird. Kalkow macht es aber durch die weiteren Forderungen, die er an alle Welt stellt, den Engländern geradezu unmöglich, seinem Verlangen zu entsprechen. Er fordert ein­mal die Sperrung des Suezkanals für Kriegsschiffe und dann auch die Abschließung des Sundes gegen die englische Flotte. Im Fordern, man sieht's, ist Katkow nicht blöde, er übersieht dabei nur etwas Zweifaches. Einmal besteht kein formales Recht, das die Sperrung des Suezkanals geböte, die auch schon deshalb nicht möglich ist, weil England gegen­wärtig faktffch Herr des Nillandes ist. Was aber die Abschließung der Ostsee betrifft, so würde darin keine Neutralität, sondern eine arge Parteinahme gegen England zu Gunsten Rußlands liegen, die Eng­land zu Repressalien auch gegen Deutschland führen könnte. Alles in Allem, meint der ,Bad. Beob.', sieht also die Lage nicht hoffnungslos, aber sehr ernst aus.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. April.

* Im Reichstage wurde heute vor fast leeren Bänken die Spezialdebatte über die Zoll-Novelle fortgesetzt. Ein Antrag auf anderweitige Klassifi­kation der Vaumwollenwaaren wurde nach längerer Debatte zurückgezogen. Der Zoll für baumwollene Spitzen und Stickereien wurde von 250 auf 350 Mk. erhöht UND Das bisher frei eingehende fertige Schmirgeltuch mit 6 Mk. Eingangszoll belegt. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, die bisherigen beiden untersten Staffeln des bestehenden Tarifs von 3 und 5 M. in eine einzige zu 5 M. zu vereinigen und zugleich in den Tarif eine An­merkung aufzunehmen, nach welcher Kokosgarne zur Fabrikation von Decken rc. auf Erlaubnißscheine unter Kontrole zollfrei eingehen sollen. Der Zoll für grobe Leinwand wurde von 6 auf 12 M. und der für Damast von 60 auf 150 M. erhöht. Verarbeitetes Tisch-, Bett- und Handtücherzeug aus leinenen Geweben, sowie auch leinene Kittel sollen auch ferner zum alten Zollsätze von 60 M. eingehen. Morgen 11 Uhr sollen die Zollverhandlungen fort­gesetzt werden.

* Das Abgeordnetenhaus erledigte heute zunächst den Rest der Provinzialordnung für Hes­sen-Nassau, welcher ohne bemerkenswerlhe Debatten

Umgebung eine Dame gekannt, Namens Marie Fassit?"

„Nein, Herr Präsident. Wenn Sie von der­jenigen sprechen, welche in der Straße l'Alonette ermordet worben ist, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, seitdem ich England verließ, bereits zwölf Jahre verflossen sind, — vor zwölf Jahren muß diese Dame also noch ein Kind gewesen sein."

„In der That, Sie haben ihr Alter sehr gut geschätzt, als Sie sie, nachdem sie ermordet worden war, in der Morgue gesehen haben. Doch, lassen wir das! Sie sind ein Jahr nach dem Kriege zwischen Deutschland und Frankreich in Ihre Heimath zurückgekehrt, haben ohne Tadel Ihren Einjährig-Freiwilligendienst absolvirt, haben sich ein Doktorbiplom erworben unD sich auf das Amt eines Notars praktisch vorbereitet. Endlich standen Sie im Begriff, ein junges Mädchen aus sehr achtungswerther Familie zu heirathen."

FerranD Lebrun wiegte zustimmend sein Haupt, antwortete aber nicht, und Die neugierige Damen­welt glaubte zu beobachten, Daß sein Antlitz bei diesen letzten Andeutungen blaß wie eine Leiche geworden sei.

„Welche Lebensweise haben Sie in Paris ge­führt?" fragte der Präsident ohne Uebergang.