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J\1 91.

Donnerstag, den 23. April

1885.

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Georglo FVItDensI Pastori IIjIjVstrlssIMo FaVsta CVnCta BonaqVe sVnto.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. April.

* Der Abgeordnete Windthorst hat mit Unter­stützung des Centrums den Antrag eingebracht, die Erwartung auszusprechen, daß die Regierung in Ausführung der vom Abgeordnetenhause am 25. April 1883 gefaßten Resolution dem Landtage nunmehr baldigst eine organische Revision der kirchenpolitischen Gesetze vorlege.

* Im Reichstage wurden heute die Be- rathungen wohl mit Rücksicht auf die wichtigen kirchenpolitischen Debatten im Abgeordnetenhause vor fast leeren Bänken geführt. Nachdem gestern die sogenannten agrarischen Zölle in zweiter Lesung erledigt worden, begann heute die zweite Bera­tung der sogenannten Jndustriezölle bei den Zoll­sätzen auf Baumwolle und Baumwollenwaaren. Die Zollnovelle bezweckt hierbei eine bessere Klassi- fizirung der baumwollenen Zwirne und eine Er­höhung des Nähfadenzolles von 70 auf 120 M. Die Debatte drehte sich zunächst vornehmlich um einen Antrag der Abgg. Brömel-Bamberger, welcher zu Gunsten der niederrheinischen Halb­seiden- und Sammetweberei die für die Halbseiden­industrie nöthigen feinen Baumwollengarne zollfrei eingeführt wissen will, wenn die betreffenden Maaren zum Export bestimmt sind. Ein Antrag des Abg. Trimborn (Crefeld) will zollfreie Ein­fuhr der betreffenden feinen Garne, gleichgültig, ob die Maaren zum Export bestimmt sind oder nicht. Abg. Trimborn (Krefeld) begründete seinen Antrag (zollfreie Einführung der feinen Baumwol­lengarne, wenn sie unter Kontrole zur Herstellung von Halbseidenwaaren verwendet werden) eingehend damit, daß diese Garne im Inlands nicht fabrizirt und also durch die Zollfreiheit die Feinspinner nicht geschädigt würden. Die französischen Fabrikanten

hätten jetzt durch die zollfreie Einfuhr der betref­fenden Garne vor Deutschland einen Vorsprung. Die Annahme seines Antrags werde die Deutschen und Franzosen beim Export wieder gleichstellen. Die Abgg. Bröinel und Bamberger begründeten ihre Anträge, die feinen Garne zollfrei eingehen zu lassen, wenn sie zu Halbseidenwaaren, die expor- tirt werden, verwendet werden, mit Hinweis auf die Nothlage der deutschen Halbseiden-Industrie. Die Anträge wurden von den Abgg. v. Fischer (Augsburg), Lohren (Reichspartei) und Staats­sekretär v. Burchard und Minister v. Bötticher bekämpft, weil durch dieselben die deutsche Fein­spinnerei geschädigt werde. Die Nothlage der Seidenindustrie sei nicht so schlimm, weil sie den Import von Seidenwaaren seit 1878 stetig ver­mindert habe. Schließlich wurden sämmtliche An­träge abgelehnt und hierauf die Weiterberathung der Zolltarifnovelle auf morgen 12 Uhr vertagt.

* Am 22. April 1875 wurde das Sperrgesetz erlassen, und heute, genau 10 Jahre später, schreibt die .Germss, stand der Antrag des Abg. Dr. Windt­horst auf Aufhebung dieses Gesetzes zum wieder­holten Male im Abgeordnetenhausezur Ver­handlung. Nachdem der Abg. Dr. Windthorst in eingehender Rede seinen Antrag auf Beseitigung dieses exorbitanten Gesetzes begründet und die Bei­behaltung desselben für die Erzdiözese Posen-Gnesen als eine durch nichts gerechtfertigte gehässige Maß­regel bezeichnet hatte, gab Abgeordneter v. Rauch­haupt Namens der konservativen Fraktion die Er« Nrung ab, daß dieselbe mit Rücksicht auf die Verhandlungen in Rom bezüglich der Wiederbe­setzung des erzbischöflichen Stuhles in Posen den Antrag ablehnen werde. In vortrefflicher Rede kritisirte sodann der Abg. Dr. Frhr. v. Schorlemer- Alst Zweck und Wirkungen des Sperrgesetzes, die Weigerung der Regierung, ein solches Gesetz endlich einmal ab^uschaffen, und das Verhalten der Kon­servativen. Dann ergriff der Kultusminister Dr. v. Goßler das Wort, um Namens der Staats­regierung dem Hause die Ablehnung des Antrages zu empfehlen. Die Regierung hoffe, daß über kurz oder lang der erzbischöfliche Stuhl in Posen wiederbesetzt werde, und auf diesem Wege gedenke sie das Gesetz vollständig außer Anwendung zu bringen. Nachdem noch die Abgeordneten Dr. v. Jazdzewski, Biesenbach und Bachem sich für den Antrag Windthorst ausgesprochen, wurde die

Q) Maske gegen Maske.

Roman von A. Werner.

„Die Sache ist sehr einfach. Eine Konfron­tation mit dem Stummen würde Ihren Sohn überführt haben, das ist nur zu gewiß, denn wir haben gegen Letzteren in seiner Wohnung einen neuen, ihn sehr kompromittirenden Schuldbeweis gefunden."

„Welchen Beweis?" fragte der Greis in fieber­hafter Angst.

„Sie werden sich darin finden müssen, daß ich Sie, unter den obwaltenden Umständen, nicht in die Geheimnisse der Untersuchung gegen Ihren Sohn einweihe. Ihr Sohn hat den Kaufmann und die Pique-Dame ermordet, davon sind wir jetzt völlig überzeugt. Der Stumme würde ihn sofort wieder­erkannt haben, und der Stumme ist verschwunden. Wer hatte daran das größte Interesse, ihn ver­schwinden zu lassen? Sie."

„Ich!" brauste Herr Lebrun empört auf. „Ich, der ich auf diese Zusammenkunft baute, um die Unschuld meines Sohnes zu beweisen! Vergessen Sie denn, daß ich der Erste gewesen bin, der Sie bat, ihn dem Stummen gegenüber zu stellen?

„Sie waren Ihrer Sache gewiß, daß Sie durch

| diese Bitte keine Gefahr liefen. Wenn man reich I ist wie Sie, wenn man, wie Sie, Polizeiagenten an jeder Ecke zur Verfügung bereit hat, dann ist es eben kein Kunststück, eine solche Entführung zu bewerkstelligen."

„Sie klagen mich an!" stöhnte der unglückliche Vater. „Sie verdammen meinen Sohn!"

„Ich bin nicht berechtigt, Sie anzuklagen und ebenso wenig beauftragt, Ihren Sohn zu verdam­men, wohl aber ist es meine Pflicht, gegen wirk­liche Verbrecher schonungslos vorzugehen. Ich habe ihnen nichts weiter zu sagen. Wir sind die besten Freunde gewesen, allein die Freundschaft, die ich für sie gehegt habe, kommt mir fürwahr theuer zu stehen. Unsere gegenseitigen Beziehungen dürften somit gelöst sein."

Mit dieser Schlußfolgerung empfahl er sich so­dann.

Herr Lebrun, von dem, was er vernommen, betäubt, versuchte es nicht, ihn zurück zu halten, wie er es eben so wenig versucht hatte, sich von dem Verdacht, der sich gegen ihn erhoben hatte, zu rechtfertigen. Was kümmerte es ihn, ob er angeklagt würde. Er wollte seinen Sohn ver« theidigen. Alles Andere war dem unglücklichen Vater gleichgültig.

Generaldebatte geschlossen. In der Spezialdebatte erklärte zunächst der Abg. Richter, daß die deutsch- freisinnige Partei für den Antrag stimmen werde, und erörterte sodann, daß der Reichskanzler nicht so ganz dem Kulturkämpfe ferngestanden habe, als er in der Reichstagssitzung vom 3. Dezember v. I. gesagt habe. Der Kultusminister trat diesen Aus. führungen entgegen unter oem Hinweise darauf, daß die Maigesetze erst vom Jahre 1875 an die Unterschrift des Fürsten Bismarck an leitender Stelle trügen. Im Uebrigen habe auch der Reichs­kanzler wohl den Muth der eigenen Meinung, den Muth, die Verantwortung für das zu übernehmen, was er gethan, oder vielleicht verschuldet habe. Anlangend die Wiedcrbesetzung des erzbischöflichen Stuhles erklärte der Kultusminister, daß die preußische Regierung von dem Inhaber desselben erwarten müsse, daß er sich als preußischer Bischof und als preußischer Unterthan fühle, daß seine Wirksamkeit an den Grenzen des preußischen Staates ihr Ende habe. Diese Erklärungen riefen lebhafte Entgegnungen der Abgg. Dr. Windthorst, Frhr. v. Schorlemer-Alst und Kantak hervor. Als­dann wurde über den Antrag namentlich abge­stimmt und derselbe mit 182 gegen 128 Stimmen abgelehnt. Für den Antrag stimmten nur Centrum, Polen und Deutschfreisinnige. Der Antrag auf Freigebung des Messelesens und Sakramentespen­dens wurde ebenfalls abgelehnt und zwar mit 169 gegen 127 Stimmen. Mit dem Centrum und den Polen stimmten einige Konservative und Di-utschfreisinnige für den Antrag.

* Meppen, 20. April. Seit einigen Tagen haben unsere Moor-Colonisten mit dem Moor­brennen den Anfang gemacht. Diese eigene Kul­turmethode, welche sich alljährlich im Frühjahre in den emsländischen Moordistrikten wiederholt und einige Wochen hindurch anhält, ist zwar sehr unangenehm, weil sie den leidigen Moorrauch, oder auch Höhenrauch genannt, verursacht, läßt sich jedoch nicht vermeiden, wenn nicht die Existenz unserer Moorbewohner erheblich in Frage kommen soll. Die gebrannten Moorflächen werven nicht mehr einzig und allein zum Buchweizenbau, der in der hiesigen Gegend immer mehr flott betrieben wird, verwendet, sondern auch zum Bau von Kartoffeln und sonstiger Früchte. Kartoffeln ge­deihen hier meistens auch recht gut und geben eine schmackhafte Frucht.

18. Kapitel.

Die Verbünd eten.

Acht Tage nach diesem Ereigniß, welches dem unglücklichen Lebrun die Hoffnung, seinen Sohn zu retten, auf so grausame Wesse genommen hatte, saß der Greis auf einer Bank im Garten der Tuilerien und die wenigen Besucher, welche durch die große Allee gingen, wunderten sich, ihn an einem kalten Februarmorgen off einem Platze zu sehen, der dem schärfsten Zugwinde ausgesetzt war. Der alte Mann hatte Alles vergessen, Alles, aus­genommen seinen Sohn. Er ah ihn unaufhörlich vor sich. Er folgte ihm in Gedanken während all' der Stunden seines Gefängnißlebens.

„Man wird ihm Fallstricke legen," dachte er, „die Richter werden ihn nicht wieder aus ihren Händen lassen, und er hat mich nicht einmal mehr, um ihn zu vertheidigen. Sie haben mir die Thür des Gefängnisses verschlossen, und der Präfect hat mich abgewiesen. Hätte der Polizeidirector sich nicht meiner mitleioig angenommen, so säße ich jetzt ebenfalls hinter Schloß und Riegel. Und alle Welt glaubt, ich hätte die Polizisten bestochen, um den Stummen heimlich entfliehen zu lassen. Es kommt mir gerade so vor, als ob man mich be­schuldigte, den Versuch gemacht zu haben, meinen