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J\i 87.

Sonnabend, den 18. April

1885.

mit der

Zweites Blatt.

* Die kombinirbaren Rundreisebillets.

Die „allgemeinen Bestimmungen" über die Benutzung der kombinirbaren Rundreisebillets enthalten gegen die vorjährigen zwei neue Vorschriften, welche im Interesse des reisenden Publikums vereinbart worden sind und gewiß freudig begrüßt werden. Die eine derselben geht dahin daß die Koupons für die Bahnstrecken Schaffhausen-Konstanz, Mainz Bingen-Koblenz.Köln (rechts- und linksrheinisch) und Passau-Linz-Wien auch für die auf dem Rheine b.-zw. der Donau kursirenden Dampfboote benutzt werden können, jedoch nur in der Weise, das die ganze Strecke des be­treffenden Koupons entweder nur auf der Eisenbahn oder nur auf dem Dampfschiff- zurückgelegt wird. Dabei gelten die Koupons 1. und 2. Klasse für den Salon auf allen Schiffen, die Koupons 3. Klasse aber nur für die Vor­kajüte auf den gewöhnlichen Schiffen (nicht Schnellfahrt). Im letzteren Falle ist indessen die Lösung von Zugbillets zur Benutzung des Salons und der Schnelldampfer zulässig. Bei der Dampfschifffahrt kann die Reise innerhalb der Kouponstrecke nicht unterbrochen werden. Eine zweite vor- theilhafte Neuerung ist die, daß das Vereinsgebiet an einem Punkte verlassen und an einem anderen wieder be­treten werden kann oder umgekehrt, was namentlich den nach, bezw. von der Schweiz, Italien rc. Reisenden zu Statten kommt. Eine erhebliche Vermehrung haben auch die sog. Verbindungskoupons erfahren, welche dazu dienen, die Rundreise mit außerhalb des Bahngebietes liegenden Strecken (Fußtouren, Brücken rc) zu schließen. Solche Koupons für Gebirgsübergänge sind namentlich für den Schwarzwald, das Riesengebirge, den Harz sowie für die Tiroler und Salzburger Alpen eingeführt. Auch für die Donaufahrt zwischen Semlin und Orsowa sowie für die (noch dem Verkehr zu übergebende) feste Rheinbrücke bei Kastel-Mainz) sind Verbindungskoupons vorgesehen. Auch eine Vermehrung der Ausgabestellen hat stattgefunden und zwar durch Einrichtung neuer Stellen für die Badischen Staatsbahnen in Zürich, für die Elsaß-Lothringischen Bahnen in Basel (Ctrl.-Bahnhof), für den Eisenbahndirektionsbezirk Erfurt in Leipzig (Göthestraße 9) und für die Sächsischen Staatsbahnen in Leipzig (Dresd. Bhf.). Die Bestellzeit ist an den Ausgabestellen auf 6 Stunden erhöht worden.

Unter Anerkennung dieser Verbesserungen weist die »Köln. Vtg/ auf einige weitere Uebelstände hin, deren Be­seitigung vom Publikum ebenso dankbar begrüßt werden müßte, als sie die Benutzung der Billette selbst unstreitig bedeutend heben würde. Ein sehr großer Uebelstand ist zunächst die auf die sogenannte Reisesaison beschränkte Zeit der Ausgabe. Fast hat es den Anschein, als seien di- kombinirbaren Rundreise-Billete nur für die Vergnü­gungsreisenden da, während doch auch der Ge­schäftsreisende die in diesem System enthaltenen Vor­theile gern genießen möchte. Dieses ist aber nur möglich, wenn die Ausgabe das ganze Jahr hindurch erfolgt. Gleich- I

Mtig müßte freilich auch die Marimalgültigkeitsdauer von 31 Tagen verlängert werden. Für größere Reisen nach Oesterreich, Ungarn, Mähren rc. reicht jene Zeit bei weitem nicht aus, während sie bei kleineren Touren von gerade 600 Kilometern in den meisten Fällen nicht ganz ausge­nutzt wird. Es dürfte sich daher empfehlen, die Giltigkeits­dauer in Verhältniß zu der geforderten Kilometer-Anzahl zu stellen. Eine gleiche Praxis wird ja bereits bei den ge­wöhnlichen Retour- und Rundreise-Billets geübt. Die Ita­liener geben z. B. in Chiasso Billets zum Besuche italie­nischer Plätze mit einer Giltigkeitsdauer von 8, 15, 30, 35, 40 und 50 Tagen, je nach Größe der Tour, aus.

Eine weitere Annehmlichkeit soidoht für den Vergnü- gungs- wie Geschäftsreisenden wäre die Erlaubniß, die Reise an jeder beliebigen Station unterbrechen zu dürfen, während dies jetzt bekanntlich nur an genau vorgeschrie- benen Plätzen gestattet ist. Eine solche Vergünstigung würde den Eisenbahnen weder Schaden noch große Belä­stigung bringen, wie die Einrichtung denn auch praklisch bereits in der Schweiz, Frankreich, Italien und Spanien besteht, ohne zu, besonderen Unzuträglichkeiten Anlaß zu bieten. Der Reisende braucht ja bloß angehalten zu wer­den, bei Unterbrechung der Reise den betreffenden Koupon vom Stationsvorsteher visiren zu lassen. Endlich wäre eine größere Uebersichtlichkeit bei der Zusammenstellung sehr ge­boten. Schreiber dieses glaubt sich einige Routine im Rei­sen erworben zu haben, muß aber doch gestehen, daß er bei der ersten Benutzung der kombinirbaren Billete im vorigen Jahre eine geraume Zeit gebrauchte, bis er sich in der Tabelle zurechtgefunden hatte. Wenn ihm später vom betreffenden Bureau Beamten das Kompliment zu Theil wurde, daß er so ziemlich der Einzige sei, der eine fehlerfreie, d. h. den Bestimmungen entsprechende Zusam­menstellung gemacht habe, so liegt hierin der beste Beweis, daß man einer besonders praktischen und übersichtlichen Ein- theilung nicht reden kann. Trotz dieses Kompliments mußte Schreiber auf der Hin- wie auf der Rückreise sich überzeu­gen, daß er in der Zusammenstellung Fehler begangen hatte. Eine Aenderung in dieser Beziehung käme sowohl den viel geplagten Beamten als dem Publikum zu gute.

Vermischtes.

* Trier, 15. April. Die geistliche Behörde hat zum Revisor der Kirchenorgeln in der Diözese Trier den Ge­sanglehrer am hiesigen Gymnasium, Hrn. Bohn, ernannt. Derselbe hat sich durch mehrere Arbeiten auf dem Gebiete der Öttern Kirchenmusik einen geachteten Namen erworben.

§ Der Bau von elektrischen Bahnen, der im alten Europa nicht recht vorwärts will, macht in den Ver­einigten Staaten bessere Fortschritte. Es sind mehrere kleine Linien nach verschiedenen Systemen dem Betriebe übergeben.

8 In Amerika sind jetzt Briefmarken-Porträts Mode. Es sind dies kleine Porträts im Format einer Briefmarke, die hinten mit Klebstoff versehen sind, so daß man sie ebenso leicht wie ihre Vorbilder abtrennen kann.

Die Briefmarken-Porträts bezieht man auf erfolgte Ein­sendung emes gewöhnlichen Porträts >wm Photographen zu dem billigen Preise von etwa 6 M. für 100 Stück von ca. 50 M. für 1000 Stück. Man klebt sie dann auf Briefbogen, Visitenkarten, Prospekte u. bergt.

§ Daß Redakteure sich mit der Feder bekämpfen, ist nichts Seltenes. Neu ist aber die Art und Weise, in welcher sich die Redakteure der republikanischen und demo­kratischen Zeitung in Boise-City, im nordwestlichen Terri­torium Idaho, das Leben sauer zu machen suchen. Der Demokrat ließ das Lokal seines republikanischen Kollegen theilweise unter Wasser setzen, der Republikaner rächte sich dadurch, daß er das Lokal seines demokratischen Kollegen m Brand steckte und diesem großen Schaden zufügte.

8 Heirathskandidat (verlegen): „ . . Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie mir die Hand Ihrer Tochter zur Frau geben würden!"

* Frankfurt a. M., 16. April. Der heutige Vieh- markt war betrieben mit 77 Ochsen, 49 Kühen und Rin- bern, 350 Kälbern, 2 Hammeln, 2 Schaflämmern, 2 Ziegen­lämmern unb 86 Schweinen. Gestern würbe nur ein Kälbermarkt und Schweinemarkt abgehalten. Auf bem Biehhof ist man soeben mit Vermehrung ber Gaslaternen beschäftigt, um an bem Perron ber Zweigbahn bei ben Ein- unb Ausladungen beä Abends besseres Licht zu beschaffen

Auszug

aus heu Registern des Standesamts Fulda,

vom 10. bis 16. April.

21 “fgeböte. Sen 13. April: Schuhmacher Johann Thomas Kock und Amalie Katharina gen. Emilie Brons Den 13. April: Glaser Karl Martin Joseph Traut und Anna Barbara gen. Babette Schmalz. Den 13. April- Fabnkwcbcr Philipp Kalb von Michelsrombach und Anna Katharina Theresia Remmert. Den 14. April: Wittwer Schuhmacher Johann Joseph Kollmann und Anna Elisa­beth« Wolf.

Eheschließungen. Den 15. April: Kaufmann Wolff gen. Willy Silberstein von Frankfurt a. M. und Friede- ncke Eschwege von hier. Den 15. April: Taglöhner Wil­helm Adolf Seuberlinz von Maberzell und Wittwe Maria Anna Mahr geb. Möller von Neuenberg. Den 15 April- Schlaffer am Bahnhof Georg Konrad Schwab von Hers­feld und Wilhelmine Maria Anna Schwab von hier

Geburten. Den 8. April: Barbara Louise Agnes T. des Büttners Georg Becker. Den 11. Paula, Magda­lena, T. des Bremses Georg Peter Vogel. Den 15. April - Sohn des Schlossers am Bahnhof Friedrich Viktor Lindner.

Sterbefälle. Den 11. April! Friedrich Ferdinand, S. des verstorbenen Schneiders Andreas Gutberlet 2 I. 5 M. 11 T. Den 12. April: Johannes, S. des'Mau­rers Emil Kampel, 12 T. Den 15. April: Anna Maria, T. des Schuhmachers Karl Heumüller, 1 I. 5 M. 12 T Den 15. April: Anton Joseph, unehel. S. einer Aus­wärtigen.

Q) Maske gegen Maske. (25

Roman von 21. Werner.

„Wie, Sie begreifen nicht, daß es, um die Schuld oder Schuldlosigkeit der Angeklagten fest­zustellen, Ihrerseits genügt, dieser Zusammenkunft beizuwohnen, ohne daß der Stumme Ihre An­wesenheit bemerkt?" „Entweder", setzte Herr Tollart seine Auseinandersetzung fort, „ist der Stumme ein Complice des Herrn Ferrand Lebrun, in welchem Falle er durch Zeichen seine Zufriedenheit und Freude darüber, ihn wieder angetroffen zu haben, zu erkennen geben wird; oder er hat Herrn Ferrand Lebrun nie gesehen und in diesem wahrscheinlichsten Falle wird er sich jeder Bewegung enthalten, was die Unschuld des Angeklagten klar beweist. Wir — Sie und ich — werden die Ersten fein, zu bezeugen daß die Probe glänzend ausgefallen, daß es augen­scheinlich sei, daß der Angeklagte niemals zu dem Menschen in Beziehung gestanden, welcher auf seinem Rücken den bewußten Koffer mit der Leiche der Piquedame trug, und daß er folglich nicht Mörder sein könne. Ich bin überzeugt, daß unser Bericht den Untersuchungsrichter augenblicklich zu der Erklärung veranlassen wird, daß kein Grund zur Einleitung eines Prozeffes vorhanden sei. Eine Confrontation in einer Gefängnißzelle würde hingegen höchst wahrscheinlich den Stummen be­

stimmen, in seinem System, den jungen Herrn Lebrun nicht kennen zu wollen, zu beharren."

„Ich müßte aber doch wohl zuvor dem Unter­suchungsrichter diesen Plan zur Begutachtung unterbreiten," meinte hierauf der Polizeidirector zögernd.

„Der Herr Richter kann gegen eine Zu- sammenkunft, die Sie überwachen, nichts einzu­wenden haben."

„In welcher Weise denken Sie sich das Arrange­ment hinsichtlich meiner Person?" fragte der Polizeidirector.

„Sie müffen der Zusammenkunft verborgen beiwohnen, Herr Director. Mir ist die Wohnung des Herrn Lebrun unbekannt; wahrscheinlich wird sie aber aus mehreren Zimmern bestehen. Sie werden sich in einem Zimmer aufhalten, Herr Lebrun in einem andern. Die Thür darf nur angelehnt, und in Ihrem Zimmer kein Licht fein, hingegen um so größere Helle in demjenigen herrschen, in welchem die Zusammenkunft statl- ftnden soll. Sie werden demnach, wie in einem Schauspielhause, Alles sehen, während man Sie nicht gewahrt."

„In der That, der Plan ist nicht übel ersonnen. Es bleibt uns nur übrig, zu erfahren, ob er den Beifall meines alten Freundes hat," rief der Po, lizeidirector.

„Er gefällt mir ausnehmend," beeilte Herr Le­

brun sich zu erwidern. „Sie würden mir den größten Dienst erweisen, wenn Sie ihn noch heute Abend zur Ausführung brächten."

„Haben Sie auch die möglichen Folgen einer solchen Confrontation erwogen? Haben Sie bedacht daß ein einziges Zeichen, irgend ein Mienenspiel dieses Menschen die Verurtheilung Ihres Sohnes zur Folge haben kann?"

„Ich weiß das Alles und bestehe dennoch dar­auf, da ich mich auf meinen Sohn Ferrand ver- lassen kann. Wäre er zugegen, er würde sich mit mir zu der Bitte vereinigen, dieses Experiment wodurch die Haltlosigkeit der Anklage klar zu Tage treten wird, schleunigst in's Werk zu setzen. Sie werden mir hoffentlich gestatten, daß ich mich, nachdem die Confrontation stattgefunden, zu Ihnen begebe, um das Endresultat derselben zu ver- nehmen?"

„O gewiß, mein alter Freund," antwortete der Polizeidirector lebhaft, indem er dem Greise die Hand drückte, „und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen eine gute Nachricht mittheilen könnte."

Tollart erging sich in Versicherungen seiner Anhänglichkeit und Freundschaft und Herr Lebrun, von so vielen Beweisen der Theilnahme lief ge- rührt, enipfahl sich, das Herz van Hoffnung erfüllt.

(Fortsetzung folgt.)