Mittwoch, den 15. April
1885.
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Deutsches Reich.
Berlin, 14. April.
* Durch Ueberweisung des Rittergutes Schönhausen in der Altmark ist Fürst Bismarck einer der größten Grundbesitzer Preußens geworden; denn zu dieser neu erworbenen Herrschaft kommen die Herrschaft Varzin in Hinterpommern, welche aus 7 Rittergütern sich zusammensetzt, und Friedrichsruhe im Lauenburgischen, das den werthvollsten Theil des Gesammtbesitzes ausmacht. Auf den 3 Territorien lastet nicht ein einziger Pfennig Schulden; denn Varzin ist aus der Dotation von 1867 erstanden und voll ausbezahlt, Friedrichsruhe ist eine Staatsschenkung, und die Schulden- sreiheit Schönhausens ist, wie bekannt, vor einigen Tagen bewirkt worden. Der Jahresertrag von Varzin wurde Ende der 60er Jahre auf 16,000 Thlr. geschätzt. Seitdem hat es sich indeß durch Ankäufe erweitert und durch Errichtung einer rentablen Papierfabrik gehoben. Die Einkünfte aus dem Friedrichsruher Besitz werden bei mäßiger Holzfällung auf 80,000 Thlr. geschätzt. Rach diesen ungefähren Abschätzungen erfreut sich nun- mehr der Kanzler einer jährlichen Gesammtrente von 360,000 M., blos aus seinem Grund und Boden. Als Reichskanzler bezieht der Fürst ein etatsmäßiges Gehalt von 54,000 M., das sich um 9000 M. erhöht, in Form einer Pension (?) als lauenburgischer Minister seit der Einverleibung des Herzogthums Lauenburg in den preußischen Staat. Die hier wiedergegebenen Aufrechnungen wurden angeblich von einem Aus- schußmitglied des Bismarckspende-Comitäs gemacht, als die Frage zur Discussion stand, ob Schönhausen zu kaufen wäre over nicht. Und dabei wollte man unferm Volke noch kürzlich die Meinung beibringen, Bismarck sei nicht reich — damit es die Verwendung der Bismarckspende zum Ankauf des Gutes Schönhausen billige! Ein Mann mit wenigstens 400,000 M. Jahreseinnahme!!
* Der Reichstag trat heute nach dreiwöchentlicher Osterferienpause wieder zusammen. Sichtliche Ueberraschung erregte es im Hause, als der Präsident am Eingang der Sitzung die Mittheilung machte, daß nach einem ihm soeben zugekommenen Schreiben der Abg. Dr. Fihr. v. Schorlemer« Alst aus Gesundheitsrücksichten sein Reichstagsmandat niedergelegt habe. Rach Bewilligung einer
O Maske gegen Maske. 121
Roman von A. Werner.
„Es ist ein Extrazug für Söhne reicher Leute, die bei Etarnps auf die Jagd gehen wollen, und damit diese sich amüsiren können, muß meine Tochter sterben!" schrie er auf. „Nein das darf nicht geschehen! Gott sei meiner armen Seele gnädig!"
In demselben Moment ließ der Maschinist einen schrillen Pfiff in kurzen und rasch aufeinander folgenden Stößen aus der Röhre aufsteigen, um den Weichensteller zu benachrichtigen. Es hat eine Sprache, dieses Pfeifen, bald langsam und traurig wie eine Klage, bald schroff und gebieterisch wie ein strenger Befehl, — eine bominirenbe Sprache, die jeder Angestellte genau kennt! Dieses Pfeifen, dieses Zischen, es redete auch dem beklagenswerthen Weichensteller rn's Gewiffen und es war ihm, als ob die Locomolive ihn andonnerte:
„Was haben diese lebensfrohen jungen Leute Dir gethan, daß Du sie tobten willst? Hast Du denn kein Mitleid mit den unglücklichen Eltern, die heute Abend ihre Kinder beweinen werden?"
Und als er noch zögerte, stieß die Maschine
langen Reihe von Urlaubsgesuchen setzte sodann das äußerst schwach besetzte Haus die vor Ostern abgebrochene zweite Berathung der Zolltarif- Novelle bei den Zollsätzen auf Asbestwaaren fort. A's über den Antrag der Abgg. Biehl-Sedlmayr auf Einführung eines Zollsatzes von 0,30 M. für land- und flußwärts eingehenden Gement (die Einfuhr seewärts soll zollfrei bleiben) abgestimmt werden sollte, bezweifelte der konservative Abgeordnete v. Köller die Beschlußfähigkeit des Hauses. Da das Bureau diesen Zweifel theilte, wurde zur Auszählung geschritten. Dieselbe ergab die Anwesenheit von nur 156 Mitgliedern, während zur Beschlußfähigkeit 199 gehören. Die Berathung wurde deshalb abgebrochen. Nächste Sitzung morgen 1 Uhr. (Anträge und Petitionen.)
* Das Abgeordnetenhaus hat heute seine Thätigkeit wieder aufgenommen. Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung stand die zweite Berathung des Volksschullehrer-Pensions- Gesetzes. Die Diskussion wurde von dem Finanzminister von Scholz mit der Erklärung eingeleitet, daß die Regierung im Allgemeinen eine zustimmende Haltung gegenüber der Vorlage einnehme. Unannehmbar sei aber für dieselbe die Bestimmung im § 9b, daß tue Pension bis zum Betrage von 900 M. aus der Staatskasse gedeckt werden solle; die Regierung könne dem Gesetze nur dann zustimmen, wenn ein Maximum von 600 M. angenommen werde. Diese Erklärung fand im Hause eine geteilte Aufnahme. Soweit dieselbe dem Zustundekommen des Gesetzes die Sympathie der Regierung entgegenbrachte, wurde sie auf allen Seiten beifällig ausgenommen, dagegen wurden von rechts und links Ausdrücke des Bedauerns darüber laut, daß die Regierung ohne ersichtlichen Grund ihre Zustimmung von der Herabsetzung des Staatsmaximalbeitrages auf 600 M. abhängig mache. In dieser Beziehung wurde von dem Abgeordneten Freiherr v. Richthofen der Vorschlag gemacht, einen Mittelsatz von 750 M. anzunehmen. Dieser Vorschlag wurde von dem Abg. Frhr. v. Zedlitz-Neukirch acceptirt, welcher der Hoffnung Ausdruck gab, daß es gelingen werde, über diesen Mittelsatz mit der Regierung zu einer Verständigung zu gelangen. Vom Regierungstische aus fand eine Stellungnahme gegenüber diesim Vorschläge nicht statt, wohl aber gab Finanzminister v. Scholz wiederholt zu verstehen,
abermals einen Mahnruf aus und dieser Pfiff, gellender als zuvor, schien ihm zuzurufen:
„Mörder, hundertfacher Mörder!"
Der unglückliche Vater blieb entsetzt stehen. Würde er seine Tochter am Leben finden? Ihm blieb ein Schimmer von Hoffnung, denn sie war zart und schmächtig genug, um sich, wenn sie sich platt auf die Erde niebermarf, zu retten. Als ihr Vater sie wiedersah, lag sie zwischen den beiden Schienen, das Antlitz in den Sand gedrückt, mit ausgestreckten Armen unbeweglich da. Ihr kleiner Handkorb stand neben ihr.
„Mein armes Kind!" murmelte der unglückliche Weichensteller; — ein Longeron, — ein Querbalken, — eine Kette vom Gespann wird sie gestreift haben. — Mein Gott, wenn sie nur nicht tobt ist!
Er eilte auf sie zu und bückte sich, um sie in feine Arme zu schließen, als sie ihr Haupt erhob. Ihre blauen Augen und ihr roiher Mund lächelten; ihre Wangen waren kaum blaß geworden. Aufspringen, ihrem Vater um den Hals fallen und ihn mit Küssen bedecken war Eins.
„Ach, Vater!" rief sie aus, „welche Angst Du mir bereitest hast!"
daß die Regierung dem Modus einer Quotierung der Staatsbeitragspflicht den Vorzug gebe. In dieser Auffassung stimmte derselbe mit’bem Abgeordneten Richter (Hagen) überein, während die Redner der Rechten die Quotisirung als eine Ungerechtigkeit den ärmeren Gemeinden gegenüber bezeichneten. Abg. Dr. Windthorst brachte in Anregung, ob es nicht angezeigt sei, mit Rücksicht auf die heutigen Erklärungen des Finanzministers den Entwurf an die Kommission zurückzuweisen, insbesondere auch zur Prüfung der Frage, wie das Gesetz mit dem Artikel 25 der Verfassung in Uebereinstimmung zu bringen sei. Im Uebrigen betonte Abg. Dr. Windthorst, daß das Gesetz noch in dieser Session zu Stande gebracht werden solle. Die Ausführungen desselben fanden den heftigsten Widerspruch der Abgg. Dr. Enneccerus, Frhr. v. Zedlitz und Rickert. Letzterer verwies auf die Frage: woher für die Mehrausgaben des Staates in Folge dieses Gesetzes Deckung beschafft werden könn.', auf die Mehreinnahme aus der Zollerhöhung und knüpfte daran eine Polemik gegen den Antrag Huene. Seine Replik gegen diese Angriffe schloß Dr. Windthorst mit der Erklärung: „Entweder der Antrag Huene oder keine Zölle." Das Resultat der Debatte war nach dem Bericht der ,®erm.‘ die Annahme des § 1 der Vorlage mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Majorität, worauf die weitere Berathung auf morgen vertagt wurde.
* Die Berufung der engeren Versammlung des Staatsraths zur Berathung der Beschlüffe der Abtheilungen für Finanzen und Handel und Gewerbe in Sachen der Börsensteuer dürste in den nächsten Tagen erfolgen.
* Professor Schwenninger ist, wie mehrere Blätter melden, vom Fürsten Solms-Braunfels zur lieber» nähme der Leitung einer Kuranstalt in Braunfels nach der Methode Schwenninger aufgefordert. Es handelt sich bei der Errichtung der Anstalt nur noch um die Flüssigmachung der Bau-Gelder im Betrage von 300,000 Mark, was im Wege einer Actiengesellschast geschehen soll.
* Elberfeld, 14. April. Der hiesige „Verein der deutschen Fortschrittspartei" hat in einer Generalversammlung, wenn auch nicht ohne Widerspruch einzelner Mitglieder, beschlossen, der norddeutschen Demokratie sich anzuschließen.
* Aus Thüringen, 13. April. Vorige Woche
Er antwortete nicht; die Freude erstickte seine Worte.
„Ich wußte es, daß ich, indem ich mich platt auf die Erde warf, mein Leben retten würde," äußerte sie lebhaft. „Dein Freund, der Heizer, hat mir oft erzählt, daß er einst auf solche Weise sich gerettet habe, und ich bin doch noch weit schmächtiger als er. Weine nicht mehr, Vater, ich habe ja nicht den geringsten Schaden genommen. Ich höre nur noch ein starkes Brausen vor den Ohren in Folge des Getöses, das die über mich hinfahrenden Waggons verursacht haben."
Und als er sie innig an fein Herz preßte, unfähig ein Wort hervorzubringen, fuhr Pauline mit einer Beimischung von Stolz fort:
„Ich habe auch nicht den Kopf verloren, Vater, denn ich habe sämmtliche schönen Goldstücke behalten, die jener Herr, der mit Dir vorhin im Wachthäuschen sprach, fallen ließ. Da ist auch eine Visitkarte, die ich auffand. Schade, daß ich noch nicht lesen kann. Du wirst ihm die Goldstücke bringen, nicht wahr, Vater?"
„Ja, ja, ich weide zu ihm hingehen," murmelte Cambrenner, „und er soll mir Rede und Antwort stehen."