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Freitag, den 10. April

JV/80.

Fuldaer

1885.

Die .Fuldaer Zeitung erscheint täalich, Sonn- und Feiertaae ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementspreisZohne Brmgerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.Wei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Ein Berliner Charfreitags-Bergnügen wird seit einigen Tagen in der Presse wieder lebhaft besprochen und in der Kritik darüber herrscht jetzt endlich diejenige Einmüthigkeit, welche nöihig ist, um bei der betreffenden Behörde Ein­druck zu machen. Wie immer am Charfreitag, so war auch diesmal das Hauptziel der Berliner der Spandauer Bock — eine Parodie des Mün­chener Salvators, aus der Gemüthlichkeit in die Bestialität übersetzt. Die ,National-Ztg.' schreibt darüber:

„Wie alljährlich, so verwandelt sich am Charfreitag auch diesmal der Spandauer Bock in ein großes Toll Haus. Es war, als seien fünfmalhunderttausend Teufel losgelas­sen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend wander­ten Zehntausende in ununterbrochenem Zuge hinaus. Die Tradition hat just diesen Platz dazu geschaffen, der Ausge­lassenheit und der Tollheit am stillen Freitag eine nicht sehr rühmliche Stätte bereitet. Fixiren wir das Bild einen Moment. Es ist 5 Uhr Nachmittags. In dem gewaltigen Lokale drängen sich etwa 15,000 Menschen Wüster Lärm von tausendstimmigem Durcheinander liegt über dem Gan­zen. Da plötzlich langgezogene Rufe ironischen Erstaunens. Die lebendigen Mauern theilen sich, eine Gasse entsteht, breit genug, um eine einzelne Person durchzulassen. Es ist eine auffallend gekleidete Person, deren Ruf nicht mehr geschädigt werden kann. So frech sie auch ausschaut, in diesem Moment schämt sie sich. Durch die Zehntausende läuft sie Spießruthen. Wahnwitziges Gejohle be­gleitet sie. Einige besonders freche Burschen streichen ihr die Wange. Wie sie Miene macht, zu remonstriren, wird ihr gedroht. Endlich ist sie zum Garten hinaus. Der nächste, der ihr folgt, ist ein auffallend gekleideter Herr. Er hat sich in trikoartig anliegende Kleider gesteckt, weiß und schwarz karrirt, und trägt einen sehr hohen Cylinder- hut. Ihm spielt man nicht so hart mit; da er schimpft, bekommt er Stöße auf den Weg mit. Mittlerweile stellt sich der Führer einer großen Gesellschaft junger Leute auf einen Stuhl. Er kommandirt mit dem Stock: „Eins, zwei, drei" und der zweihundertstimmige Chor fällt rythmisch ein: „Kell — ner — Bier — her". Selbst diese Maffenbestellung hört man in dem Gebraust nicht. Denn von dem Orchester­raum, auf dem heute die Musikanten nicht spielen dürfen, hat ein Radau-Orchester Platz genommen, das mit Kinder-Trom­peten, Flöten, Pfeifen, Becken, Mundharmonika's und Tuten einen steinerweichenden Walzer zum Besten gibt. Jede be­kannte Persönlichkeit wird mit tollem Jubel begrüßt. Die Künstler des Amerikan, der Volksiheater, der Tingeltangel, aber auch der vornehmen Bühnen, der Musiker, die Akro­baten, die Equilibristen, die Trapezkünstler, die Theater- Agenten, kurzum Alle, die an diesem einen Tage des Jahres zur Feier gezwungen sind, geben sich hier Rendez­vous. Jedes Jahr kennt eine neue Eigenheit, die aus den Index gesetzt ist. Diesmal richtete sich die Animosität gegen die neue Mode der grünen Damenhüte. Dutzende von Personen wurden in der vorgeschriebenen Weist hin- ausgegrallt. Jetzt erhebt sich ein neues Jubelgebrüll. Eine Laterne ist unter dem Druck der gegen sie pressenden

2) Maske gegen Maske. <» Roman von A. Werner.

„Die Morgue lag also nicht auf Ihrem Weg," bemerkte der Polizeidirector nachdrücklich; „indeß entschuldigt ein so intereffanter Anblick wie die Pique - Dame den weiten Umweg. Sie sind wahrscheinlich willenlos der Menge gefolgt."

„Gewiß und ich bereue es sehr, diesem unerklär­lichen Einfall gefolgt zu sein. Der Anblick der Leiche erschütterte mich tief."

„Aus dieser Ursache hielten Sie wohl auch ein Taschentuch vor Ihre Augen?"

„Wer hat Ihnen das gesagt?"

„O, ich weiß mehr, als Sie glauben. Wann überzeugten Sie sich von dem Verlust Ihrer Brieftasche?"

„Als ich in meiner Wohnung angelangt war."

„Und Ihren Anzug wechseln wollten, nicht wahr?'

„Nun ja; ich wollte bei meinen Schwieger­eltern zu Mittag effen!"

„Allerdings hätten Sie sich in dem Anzuge, den Sie in der Morgue trugen, vor den er­wähnten Personen nicht zeigen können. Ein kar-

Menschenmenge umgefallen. Im Triumph wird sie von Hunderten durch den Garten geleitet. Dazwischen tritt eine neue Kompagnie ein. Diesmal sind's einige Dutzend Soldaten, ebenfalls mit Radau-Instrumenten. Je mehr die Zeit vorgerückt, desto wahnwitziger ist das^Treiben. Jetzt gibt es schon kein Drängen und Winden mehr. Tausende ziehen in das Lokal, Tausende verlassen es. Viele Zehntausend« müssen im Laufe des Tages dagewesen sein."

Der ,Reichsbote^ bemerkt zu dein Vorgänge:

Nach den Berichten von Augenzeugen, die wir zufällig mit anzuhören Gelegenheit hatten, gibt die Schilderung der ,Nat.-Ztg.' aber nur ein sehr schwaches Bild von dem aller Sitte und allem Anstand Hohn sprechen­den Treiben, welches sich in den Nachmittagsstunden des Charfreitags aus dem Spandauer Bock entfaltet hat. Daß dasselbe ein geradezu pöbelhaftes war und stellenweise an Bestialität grenzte, wird indessen schon aus dem Obigen klar — und das, wie gesagt, am Charfreitag. Soweit es sich nur um die Thätlichkeiten und rohen Beschimpfun gen handelt, welche die Theilnehmer an dieser Orgie sich gegen­seitig zufügen und in denen sie ihr Hauptamusement finden, gönnen wir ihnen natürlich diesen und würden gern bereit sein, dasjenige, was sich nun einmal im Schlamm wälzen will, diesem Element zu überlassen. Wenn solche Circe­ställe aber an einem öffentlichen Ort, »mittelbar neben der Chaussee, aufgemacht werden, wenn die von der Polizei an diesem Feiertage verbotene Musik durch ein „Radau"- Orchester ersetzt und die gesetzliche Bestimmung so offenbar verhöhnt wird und wenn diese Höllenmischung von wüstem Lärm, Gebrüll, Trunkenheit und Rohheit gerade am Char­freitag Nachmittag, in der Todesstunde des Heilands, in das Land hinauswiehert, dann sagt man sich wohl: es ist begreiflich, wenn die Teufel ihre Orgien gerade an diesem heiligsten Tage feiern, wo die Christenheit die Er­lösung von der Macht der Finsterniß feiert — aber nicht verstehen wir es, baß ihnen dazu in einem christlichen Staate unter den Augen einer christlichen Behörde ge­wissermaßen ein: Freistatt gewährt wird.

Zu denken gM die' Thcktsache, "dtfp geraoe Oie Jugend es ist, welche auch bei dieser Gelegen­heit einen so hohen Grad der Ver.ro hung an den Tag gelegt hat. Wir haben da so recht die Früchte des modernen Kultur-Staats vor uns! Es ist Hoffnung vorhanden, daß für die Folge ein Verbot die Wiederholung solcher Orgien verhindern wird.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. April.

* Durch den Regierungspräsidenten Nasse in Trier haben Kaiser und Kaiserin den Ver­wandten des verstorbenen Dompropstes Dr. Holzer aussprechen lassen, daß Allerhöchstdieselben das Hinscheiden dieses ebenso treuen Dieners der Kirche wie der Monarchie aufrichtig beklagen.

rirter Rock, ein wollener Shawl und ein schlechter Hut. Eine seltsame Bekleidung für einen eleganten jungen Mann."

„Ich wollte mich an einem solchen Orte nicht in gewähltem Anzuge sehen lassen," entgegnete Ferrand Lebrun, der seine Fassung zu verlieren begann, „und habe mir die von Ihnen be­zeichneten Kleidungsstücke zu diesem Zwecke ange­schafft."

„Sie sagten mir indeß soeben, daß Sie zu Ihrem Juwelier gegangen wären. Es scheint also doch nicht, daß Sie demselben gegenüber be­fürchtet haben, sich in diesem schlechten Anzuge zu compromittiren," äußerte der Polizeidirektor kalt. „Allerdings beabsichtigten Sie baar zu bezahlen und wird er Sie ja wohl auch persönlich gekannt haben."

Ferrand ließ diese ironischen Bemerkungen unerwidert. Ec fühlte, daß der Boden unter seinen Füßen wankte und daß seine gewohnte Kaltblütigkeit ihn zu verlassen ansing. Der Beamte nahm jetzt seine Rede wieder auf.

„Es wird Ihnen theuer zu stehen kommen, wenn Sie' bei Ihrem Leugnen und Ihren Ausflüchten verharren werden und — verzeihen Sie, daß ich hier einen Namen nenne, der Ihnen sehr theuer

* Die Gründung einersGesellschaft für Angra Pequena soll fest, wenigstens soweit es sich um die rechtliche Form handelt, abgeschlossen sein; nur das Geld fehlt noch; es ist erst zur Hälfte aufge­bracht und man will sich jetzt wirklich an das größere Publikum wenden unv Einlagen von 1000 Mark annehmen.

* Von den 290 Abgeordneten, die am 29. März vor 36 Jahren in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. Friedrich Wilhelm IV. zum deutschen Kaiser wählten, leben heute noch 30. Dieselben haben, wie der Oberbürgermeister Dr. Becker im Gürzenichsaale in Köln bei der Bismarckfeier erzählte, dem Reichskanzler eine Adresse überreichen lassen, in welcher sie „ihm und dem Kaiser dafür dankten, daß ihre Hoffnungen, deren Scheitern im Jahre 1849 von unserem Volke so tief empfunden wurde, sich vor 14 Jahren doch noch erfüllt haben, wenn auch auf anderem Wege als man früher hätte ahnen können.

* Excellenz Wind 1 horst publicirt Folgendes: „Zehn Mark, welche mir auf telegraphische Anweisung aus Löhne in Westfalen eingezahlt sind und in Betreff deren ich später von demselben Absender nachstehendes Telegramm erhielt: „Verehrer Ew. Excellenz bitten Sie, auf das Wohl des Reichskanzlers zum Frühschoppen ein Glas Sekt zu trinken. Im Auftrage: Kuckuck," habe ich den Fonds für den Neubau einer zweiten katholischen Kirche in Hannover überwiesen und Bitte um Mehreres. Hannover, 1. April 1885. Dr. Windthorst.

Herr Kuckuck, der seine 10 M. los ist, erlaubt sich diesen Scherz schwerlich zum zweiten Male.

• Trier, 8. April. Im Februar 1874 hatte sich die SraalSregierrttlg bei Schließung des hie­sigen Priester-Seminars bekanntlich nicht darauf beschränkt, jede Unterrichtsthätigkeit den Professoren zu untersagen und die Alumnen auszuweisen, son­dern sie hatte auch die sämmtlichen Güter des Seminars, darunter namentlich die Gebäude und Weinberge, welche in dem napoleonischen Teeret vom 9. Ventöse XIII dem bischöflichen Priester- Seminar überwiesen worden waren, für Staats- eigeuthum erklärt, unter dem Vorgeben, daß dem Seminar nur die Nutznießung W demselben zu­stehe. Auf die hiergegen von dem Seminar ange­strengte Klage hin hat das königliche Landgericht gestern das Urtheil dahin gefällt, daß der Fiscus nicht der Eigenthümer jener Güter sei, diese viel­mehr dem Seminar voll und ganz zugehörten. Dem Fiscus wurden die Kosten zur Last gelegt.

* München, 9. April. Der Fachverein der

ist, — wenn Ihre Braut Gabriele hier anwesend wäre, sie würde Sie ebenfalls bitten, offen zu reden. Bedenken Sie, daß sie ängstlich auf Ihre Rückkunft harrt und daß es Ihrerseits genügt, mir eine annehmbare Erklärung zu geben, um Sie wieder in Freiheit zu setzen, — diesen Abend, — sogleich, - während ich an­dererseits Sie für schuldig erachten und dahin schicken muß, wohin man nur die des Mordes Verdächtigten bringt."

Der junge Mann ward entsetzlich bleich und er that sich ersichtlich Gewalt an, um zu er­widern:

„Ich habe Ihnen nichts zu gestehen, ich bin unschuldig, — machen Sie nur mit mir, was Sie wollen."

Der Polizeidirektor war auf diesen hartnäckigen Widerstand nicht vorbereitet, er erblickte darin indeß einen neuen Beweis seiner Schuld und än­derte von nun an seine Sprache.

„Kennen Sie den Herrn Bajeird? fragte er.

Anstatt bei Nennung dieses Namens, welcher der­jenige des ermordeten Kaufmanns war, zu er­schrecken, antwortete der junge Mann, ohne die geringste Bewegung zu zeigen:

„Nein."