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Fuldm

1885.

[., — mit der

Sie ,Fulda er Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis oh

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Q) Maske gegen Maske. (U Roman von A. Werner.

„Kennst Du dieses Portrait?"

„Ja," murmelte der Gefragte, „es ist dasjenige der Frau, die tobt drüben liegt."

„Und welche Du ermordet hast."

„Ich habe sie allerdings als Leiche gesehen, nie aber lebend."

„Du glaubst doch nicht gar, mir dergleichen vorlügen zu können? Hättest Du sie nie gesehen, würdest Du ihre Photographie nicht in Deinem Taschenbuche haben."

„Meinen Sie das Taschenbuch, welches Sie mir soeben abgenommen haben? Das gehört mir ja nicht."

„Wem sollte es sonst wohl gehören?"

„Demjenigen, dem ich es kurz zuvor au» der Tasche gezogen habe."

„Nicht übel erfunden," sagte Pergon, ein wenig verdutzt, „doch dazu bedarf es der Beweise. Wo hast Du den Gegenstand gestohlen? Zu welcher Zeit? Und wie sah der Mann aus, dem Du es aus der Tasche genommen hast?"

„Ich habe es mir kurz vor meiner Verhaftung

im Leichensaale angeeignet. Der Besitzer trug einen karrirten Rock, einen schottischen Shawl, einen weichen, breitrandigen Filzhut und Hand- schuhe von grauem Pelzwerk," antwortete der Taschendieb, ohne sich zu besinnen.

Auf diese unerwartete Antwort verlor Pergon's Gesicht die Farbe. Diese Antwort vernichtete eine Fülle vorzeitiger Hoffnungen, stürzte ihn aus all' seinen erträumten Himmeln. Wie ein Ertrinken­der, um sich zu retten, nach einem Strohhalm hascht, suchte er sich zwar selbst zu überreden, daß der Enländer eine Lüge vorgebracht habe. Aber deffen schlagfertige Antwort war so ungezwungen, so natürlich, die Beschreibung des Anzuges de» muthmaßlichen ThäterS so zutreffend, daß ihm nichts übrig blieb, als die Wahrheit anzuerkennen.

„Ich räume ein," fuhr der Engländer fort, „daß ich in der Absicht nach Paris gekommen bin, um die Taschen zu visitiren. Auf den Boulevards ließ sich nichts machen, da die Kälte die Leute von den Straßen verscheuchte. Da las ich in einem Kaffeehause die Nachricht, daß heute in der Mor­gue eine Ausstellung stattfände, die ganz danach angethan sei, die Aufmerksamkeit der feinen Welt auf sich zu ziehen. Ich kam also hierher und stieß, nachdem ich bereits mehrere glückliche Fänge ge-

UME" Bestellungen auf das begonnene II. Quartal 1885 der .Fuldaer Zeitung' werden von den Post-Anstalten, Boten und in der Expedition noch fortwährend entgegengenommen. Die Nach­lieferung der bereits erschienenen Exemplare erfolgt auf Verlangen.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. April.

* Der Eintritt der wärmeren Witterung hat das Augenmerk auf Frühjahrsreifen des K a i s e r s gelenkt. Es ist abermals von einem mehrwöchent­lichen Aufenthalt in Wiesbaden voraussichtlich in der zweiten Hälfte dieses Monats die Rede. Be- stimmtes ist indessen noch nicht festgesetzt. Der Kaiser selbst neigt sehr dafür, ebenso wünscht derselbe in diesem Sommer möglichst die Kurreisen der früheren Jahre zu unternehmen und also Ems und Gastein zu besuchen. Selbstverständlich ist dabei alles späteren Entschließungen varbehalten.

* Nachdem nunmehr der Bundesrath die Dampfer- subventionsvorlage nach den Beschlüssen des Reichs­tages angenommen hat, wird in allerkürzester Frist die Ausschreibung der Submission erfolgen. Der Hauptbewerber um beide Dampferlinien — die ostasiatische sowohl rote die australische — ist der Norddeutsche Lloyd in Bremen.

* Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist mit seiner Gemahlin und seinen beiden Söhnen heute Mittag nach Schönhausen abgereift.

* Graf Wilhelm Bismarck hat sich mit Frl. Sibylla v. Arnim, der zweiten Tochter der Schwester des Reichskanzlers, verlobt.

* Die ersten Glückwünsche, welche im Palais des Fürsten Bismarck eintrafen, rührten von zwei vor längerer Zeit wegen Bismarckbeleidigung zu mehrmonatlicher Gefängnißstrafe verurtherlten liberalen Redakteuren her, welche gegenwärtig im Auslande in unfreiwilligem Exil leben und nun diese Gelegenheit in nur zu deutlicher Absicht zum Schweifwedeln benutzten; vielleicht werden sie jetzt in Erfüllung des Kanzlerwortes: „Ein anständiger Mensch schreibt nicht für mich" be­gnadigt und finden Einstellung im Reptilienstall.

* Mehrere Blätter erinnern augenblicklich wieder an eine Episode aus dem Leben des Fürsten Bis­marck, welche einer seiner Verehrer s. Z. berichtet. Im österreichischen Kriege sei es der feste Entschluß

des damaligen Minister-Präsidenten gewesen, nur als Sieger lebendig zurückzukehren. In der Schlacht bei König grätz gab es einen Moment, wo die Entscheidung sich auf die Schärfe des Messers zu bewegen schien. „In diesem Moment," habe er erzählt, „begegnete ich dem General v. Moltke und bot ihm eine Cigarre an. Derselbe wählte aus meinem Vorrath die beste, und ich sagte mir, wenn der noch die Ruhe hat, die Cigarren zu prüfen, dann kann die Sache nicht so schlimm stehen." Nachdem die Schlacht gewonnen war, kam ein alter General an ihn heran und sagte: „Nun sind sie ein großer Mann. Wären wir geschlagen worden, dann wären zu Hause die alten Weiber mit nassen Handtüchern über sie hergefallen."

* Für die nächstjährige internationale Kunstausstellung sind außer den vom Ma­gistrat zugesagten 100,000 Mark nunmehr auch vom Kultusminister 100,000 Mark aus Staats­mitteln bewilligt.

* Köln, 3. April. Die .Köln. Vztg.' schreibt: Von Rom aus geht uns die Nachricht zu, die Ver­handlungen zwischen der Kurie und Hrn. v. Schlö- zer seien dahin gediehen, „daß eine Vereinbarung bevorstehe über den Nachfolger des Hrn. Erbischoss Melchers von Köln in der Person des Bischofs K r e m e n tz von Ermeland". Wir verzeichnen diese Meldung nur, weil sie heute durch zahlreiche Blät­ter gehen wird, ohne daß wir irgend welche Ge­währ dafür übernehmen können. Man nimmt all­gemein an, Zugeständnisse in der Perfonenfrage (bezüglich der erzbischöflichen Stühle von Köln und Posen-Gnesen) würden in Rom davon abhängig gemacht, daß in Betreff gewisser besonders bedeu­tungsvoller prinzipieller Punkte (Erziehung des Klerus und bischöfliche Jurisdiktion! vorher ein Einvernehmen erzielt fei. In so weit könnte eine Bestätigung der Nachricht eine große prinzipielle Tragweite haben. Lediglich der Gedanke, daß da- mrch auf dem Wege zur Wiederherstellung des irchlichen Friedens ein weiterer Schritt geschehen ei, würde auch die schmerzlichen Gefühle zurück- »rängen können, welche der Verzicht auf die Rück­kehr ihres Erzbischofs bei den Katholiken der Erz­diözese wachrufen müßte. Eben erfahren wir, daß das .Journal de Luxembourg' bereits in feiner gestrigen Nummer die obige Nachricht gebracht hat. Erzbischof Paulus, welchem der Purpur zugedacht

wäre, hätte vorher feine Bereitwilligkeit bekundet, im Interesse des kirchlichen Friedens auf seine Diö­zese zu verzichten. LW MW

* Köln, 3. April. Kölns Mitbürger, der deutschsspanische Dichter Dr. Johannes Fastenrath, ist von seinem zweiten Vaterlande in sinnigster Weise geehrt worden, indem eine der neuen Avenüen der durch das Erdbeben in der Weihnacht 1884 zerstörten andalusischen Stadt Arenas bei Rey zu Ehren des Sängers von Spaniens Ruhm und Un­glück den Namen „Fastenrath" erhielt.

* Bielefeld, 4. April. Der Wortlaut der Bestätigung des Belagerungszustandes ist folgender :

Berlin, den 30. März 1885.

In Folge des in Bielefeld ausgebrochenen Aufruhrs hat das König!. Staatsministerium beschlossen, die von dem Militärbefehlshaber daselbst auf Antrag des Regie­rungspräsidenten des Bezirks gemäß § 2 des Gesetzes vom 4. Juni 1851 (Gesetz S. S. 451) unterni 28. März dieses Jahres erfolgte Erklärung des Belagerungszustandes für den Stadtkreis Bielefeld und die Amtsgemeinde Gadder­baum-Sandhagen unter Suspension der Artikel 29 und 30 der Verfassungsurkunde, wie hiermit geschieht, zu bestätigen.

Das Staatsministerium:

v. Bismarck, v. Puttkamer, Maybach, Lucius, v. Friedberg, v. Bötticher, v. Goßler, v. Scholz, v. Hatzfeld, Bronsart v. Schellendorf.

* Trier, 5. April. Gestern starb der greife Dompropst Dr. Holzer. Er war am 7. September 1800 in Ehrenbreitstein geboren, ftubirte oon 1819 bis 1822 in Bonn, war 1832—49 Oberpfarrer und Schulrath in Coblenz und wurde dann ins Domkapitel nach Trier berufen. Er gehörte von 1849—1854 der ersten Kamnter an, von 1857 bis 1862 und von 1867—1873 dem preußischen Abgeordnetenhause, 1867 dem konstituirenden Reichstage des norddeutschen Bundes, von 1867 bis 1870 dem ordentlichen norddeutschen und von 1870—1873 dem deutschen Reichstage. Der Kaiser, bei dem er ebenso wie bei der Kaiserin in hoher Gunst stand, berief ihn unter dem 6. April 1878 in das Herrenhaus, an dessen Sitzungen er trotz feines hohen Alters regelmäßig theilnahm.

* Paderborn, 5. April. Herr Bischof Franz Caspar von Paderborn hat mittels Urkunde vom 20. November v. I. eine Stiftung unter dem Namen „Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Geistlichen der Diözese Paderborn" errichtet und derselben zugleich ein Fundations - Kapital von 30,000 M. geschenkt. Nach der Bestimmung des Fundators sollen die Zinsen verwendet werden, um würdigen, noch im Amte befindlichen, von

macht hatte, auf den bezeichneten Herrn. Anfang» wollte ich ihn schon unbehindert passiren lassen, da ich aus feiner Kleidung entnehmen zu dürfen glaubte, daß ich bei ihm nur meine Zeit verlieren würde. Jndeß fiel mein Blick auf seine Hand­schuhe, und diese veranlaßten mich, seine nähere Bekanntschaft zu suchen. Ich bemerkte, daß er feine Hand häufig prüfend an die rechte Sette feine» Rockes legte. Leuten von Fach ist diese Bewegung, welche andeutet, daß der Betreffende daselbst ein werthvolleS Portefeuille zu haben pflegt, bekannt. Er stand inmitten einer dichten Menge, gerade vor der Ermordeten und dachte in dem Augenblick nicht an feine Tasche. Er schien sehr aufgeregt und —"

„Es ist leider kein Zwerfel mehr vorhanden," dachte Pergon. „Ich habe den wirklichen Thäter abermals entkommen lassen."

Der Taschendieb fuhr fort:

„Ich nahm die Gelegenheit wahr, mit diesem Messer einen Einschnitt in seine Tasche zu machen. Ich konnte nur das Taschenbuch unbemerkt herauS- ziehen. Bald darauf wurde ich bei einem ähnlichen Kunststück verhaftet."

Pergon hörte in seiner Aufregung die letzten Worte de» Diebe» nicht mehr. Er ließ den Ge-