76.
Sonnabend, den 4. April
1885.
Fuldaer
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Zweites Blatt.
" O«ern.
(Nachdruck verboten.)
Die Welt, die lang und tief in Schlummer lag, Ist aufgewacht; die Bäche rauschen wieder. Die Lerche singt die alten Frühlingslieder, O sei gegrüßt, du schöner Ostertag!
Seht hin, wie alle Fluren freundlich lachen. Geht hin und seht, ein Wunder ist geschehen;
An allen Enden frohes Aufersteh'n, Die Todten nur, sie wollen nicht erwachen.
Allüberall kehrt Licht und Wonne ein. Die alte Frühlingspracht ist neu erstanden;
Rur du, o Mensch, du liegst in Todesbanden, Und doch willst du der Schöpfung König sein?
Der Lenzhauch weht durch tausendjähr'ge Eichen, Aus deren Stämmen junges Leben bricht;
Dort unten nur ist's still; dort regt's sich nicht, Rur Tod und Grauen dort und Nacht und Leichen!
Das Jubelrauschen, das zu Gottes Thron Die neuerwachtcn Kreaturen tragen, Es klingt zu dir hinab wie Weheklagen, Zu dir, o Mensch, hinab wie Spott und Hohn.
Muß nicht Verzweiflung dich, o Mensch, erfassen, Daß Gott beschieden dir ein solches Loos?
Mußt nicht verwünschen du der Erde Schooß, Dich selbst verachten und den Schöpfer hassen?
Rein, nein, so ruft's millionenstimmig, nein! Die Allmacht Gottes sprengt die Todtengrüfte, Und Hallelujah braust es durch die Lüfte, Und alle Welt stimmt in den Jubel ein.
Wenn einst die Feuerbälle nicht mehr glühen. Und keine Blume mehr zum Licht erwacht, Wenn einst die Erde liegt in Schutt und Nacht, Dann wird der Menschheit ew'ger Lenz erblühen.
Nur den empört der Hallelujahsang, Den Gott von seinem Angesicht verstoßen; Den Aufgeklärten nur, den Glaubenslosen Rührt nicht der Osterglocken Feierklang.
Er pocht auf Geist und kann des Geistes Walten, Das Auferstehungswunder nicht versteh'»;
Wer sagt ihm denn, seit wann die Wolken geh'», Und wie am Baum die Blätter sich gestalten?
Dem glorreich Auferstand'nen folge nach. Dann wird nach Kanipf und Leid und Todesqualen Dereinst auch dir ein lichter Morgen strahlen, O sei gegrüßt, du schöner Ostertag!
____________ D.
Q) Maske gegen Maske. (1S
Roman von A. Werner.
Seit seinem nächtlichen Gespräche mit dem Mörder konnte Pergon nicht eines Shawls erwähnen hören, ohne daß seine Aufmerksamkeit rege geworden wäre. Er schickte sich demgemäß sogleich an, den Mann, den die Kohlenhändlerin der Frau bezeichnet hatte, einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen.
Derselbe, welcher durch einen Theil seiner Be- kleidung der Kohlenhändlerin den Mörder in's Ge- dächtniß zueuckgerufen hatte, ward nicht sogleich von dem Beamten bemerkt. Es sei erwähnt, daß, abgesehen von dem Shawl, der Anzug desselben in keiner Weise Aehnlicdkeit mit dein Kostüm des Mörders hatte. Der Besucher der Morgue trug z. B. keinen Ueberzieher, obgleich es fast ebenso kalt wie in der Nacht des Zusammentreffens war. Ec war gekleidet nut einem Rock von karrirtem Stoff, einer gleichen Weste und dunkelfarbigen Beinkleidern. Aus dein Kopfe trug er einen ziemlich groben Filzhut.
Seine Handschuhe waren indeß von grauem Kastor. Diese ganz neuen und an der Hand sorgfältig zugeknöpften Handschuhe paßten nicht zu der nachlässigen Toilette. Welch' ein Unterschied zwischen diesen Handschuhen und seinem Hut! Der Mann hatte allerdings einen Shawl um seinen Hals ge
* Ueber die Berliner Witzblätter schreibt die fortschrittliche .Berliner Zeitung' sehr zutreffend: O, über den Witz unserer Witzblätter! Man kann schon lange nicht mehr über ihn lachen. Einem dünnen Aufguß, der langweilig durch ein verstopftes Sieb sickert, einer magern Suppe, auf der hier und da ein kleines Fettauge umherschwimmt, einer überzuckerten Orangeschale, weich und süßlich, ohne ätzende Kraft, ist er vergleichbar. Wo ist der Humor unserer Humoristen geblieben, der weitgerühmte Berliner Humor, scharf und zündend, beißend und doch nicht verletzend. Ist er zerstreut in alle Winde? Was ist, um gleich ein Beispiel anzuführen, aus dem ,Kladderadatsch' geworden? Wir erinnern uns einer Zeit, wo Alles auf das Erscheinen dieses einst eines der vornehmsten und bestredigirten unserer Witzblätter wartete. Der Staatsmann wie der Gelehrte, der Schriftsteller wie der Kaufmann, der Rentier wie der Budiker, Alle sehnten sie den Sonnabend herbei, um unter der lustigen Führerschaft dieses papiernen Witzbol- des die Ereigniffe der Woche noch einmal schnell Revue passiren zu lassen. Hundert seiner prächtigen Einfälle wurden zu geflügelten Worten, vor seinem frohlaunigen Scepter beugten sich selbst gefürstete Häupter und ließen Milde walten, wo sonst die ganze Strenge des Gesetzes Platz gegriffen haben würde. Und heute? Welch' eine Veränderung? Dumm und fade ist der Witz geworden, der früher scharf und beißend war. Der liberale .Kladderadatsch' hat sich in einen so natiouälliberalen oer- wandelt, daß er als Sonntags-Beilage im .Hannoverschen Kourrier' oder in der .Kölnischen Zeitung' erscheinen könnte, und die Zeit, wo ihm einmal etwas Gutes einfiel, ist ebenso dahingeschwunden, wie jene schönen Tage, wo man ihn mit Ungeduld erwartete. Kaum spricht man noch sonderlich von ihm, das Gastrecht in den Familien hat er so gut als gänzlich eingebüßt, und nur der Restaurateur hält ihn noch, wohl mehr der Roth gehorchend als dem eigenen Triebe. Und was die 40,000 Abonnenten anbetrifft, so sind sie wohl auch nur noch eine Erinnerung aus schönerer Zeit. Sie stehen im Zeitungs - Katalog. und wie geduldig der ist, weiß sein Herausgeber am aller
schlungen, welcher ihm fast bis an die Ohren hinaufreichte, allein dieser Shawl war, statt von weißer Seide, von schottischer Wolle. Pergon rich- tete seine Blicke von dem Anzuge auf das Antlitz des Verdächtigen, fand sich aber hierin völlig getäuscht. Der Mann, welcher sich augenscheinlich wegen eines Halsleidens so warm eingehüllt hatte, schien in hohem Grade an einer Erkältung zu leiden, denn er nieste unaufhörlich und suchte das Niesen durch sein Taschentuch zu ersticken, so daß man kaum seine Nasenspitze erblickte. Nach dem Dafürhalten des erfahrenen Polizeibeamten nieste der Mann indeß unnatürlich. Die unaufhörlich drängende Menge trieb ihn jetzt so weit vorwärts, daß er nur wenige Schritte von Pergon entfernt war. Da es indeß bereits zu dämmern begann, er auch sein Taschentuch unverwandt vor sein Antlitz hielt, konnte Pergon keine Miene desselben sehen. Der Unbekannte schien überdies den Saal verlas- sen zu wollen, so daß keine Zeit mehr zu verlie- ren war.
„Höre, Bernard," wandte Pergon sich an seinen Kollegen, „es befindet sich im Saal eine verdächtige Person, deren Legitimation unerläßlich ist. Du wirst sie leicht erkennen, denn sie trägt einen breit- rändigen schlechten Filzhut und einen grün und roth karrirten Shawl. Verhafte den Betreffenden auf jeden Fall."
Bernard begab sich fort, und Pergon überließ sich seinen träumerischen Gedanken, ward aber bald
besten. Was vom .Kladderadatsch' gilt, das gilt in demselben Maße von den .Berliner Wespen'. Auch sie haben längst das Stechen verlernt. Sie sind flügellahm geworden und nicht mehr im Stande, wie die wirklichen Wespen Honigseim den Blumenkelchen, den Tagesereignissen Witz und Satire abzugewinnen. Auch „Wippchen" hat nur noch eine Vergangenheit; die Idee, ihn zu dramatisiren, hat ihm vollends den Garaus gemacht. Und da den Humoristen des Blattes nur noch selten etwas Neues einsällt, wird ein und dieselbe Idee zu Tode gehetzt. In der Musiksprache nennt man das „Variationen über ein beliebtes Thema", in derjenigen der Kritik „Gedankenar- muth". Vom .Ulk', als dem Dritten im Bunde, könnte man frei mit Shakespeare's Parzia sagen: „Man gab ihn heraus, laßt ihn für ein Witzblatt gelten!" Statt des Uhu oder der Eule sollte er sich einen behäbigen Sechsdreicr-Rentier mit der langen Pfeife im Munde und der Zipfelmütze auf dem Kopfe als Titelvignette erwählen, das würde die Art seines Humors am besten charakterisiren. Nur ein Blatt existirt, das sich unserer Meinung nach auf der alten Höhe gehalten hat, das sind die Münchener .Fliegenden Blätter'. Hier herrscht nach wie vor die alte Munterkeit und der gemüthliche und gemüthvolle süddeutsche, harmlose Witz. Man braucht nur eine Oberländer'sche Illustration anzusehen, und schon muß man lachen. .Kladderadatsch', .Ulk' und ,Wespen' dagegen bieten das beste Mittel, um möglichst schnell in eine melancholische Stimmung versetzt zu werden.
§ Landwirthschaftliches.
Der Erntezeitpunkt der Gräser und Futterpflanzen ist dann am geeignetsten, sobald dieselben ihre entsprechende Ausbildung erreicht haben und noch nicht in die Blüthe getreten sind oder sich doch nur in der angehenden Blüthen- bildung befinden. Ein weiteres Hinausschieben des Schnittes ist entschieden mit wirthschaftlichen Nachtheilen verbunden, denn das nach dieser Entwickelungsperiode geworbene Wiesenheu besitzt einen entschieden geringeren Nährw erth und eine geringere Verdaulichkeit. Die vor der Blüthen- und Samenreise eingeheimsten Futtermittel enthalten in den Stengeln und Blättern einen größeren Vorrath an Nährstoffen, welche sie behufs ihrer Entwickelung dem Boden entnommen und auf eine ihnen vortheilhafte Art umgebildet haben. Die Nährstoffe sind in den Zellen, welche eine
darauf durch den lauten Ruf: „Verhaftet den Elenden!" daraus aufgeschreckt.
„Wer wohl verhaftet wird?" fragte Pergon. „Sollte Bernard an den Mann mit dem Filzhut und dem schottischen Shawl Hand gelegt haben?"
Bernard näherte sich jetzt mit zwei anderen Polizisten, die einen Menschen durch den Saal schleppten, der sich verzweifelt wehrte.
„Ein Engländer!" murmelte Pergon, dem ein freudiger Gedanke durch den Kopf fuhr.
„Warte nur noch ein wenig, dis ich Dich gebunden habe," sagte Bernard, indem er einen Strick um die Beine des Gefangenen schnürte, welcher sich jetzt außer Stande sah, Widerstand zu leisten. „Es ist ein englischer Taschendieb, den ich ertappte, als er eben im Begriff war, einer Dame das Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen," fügte er hinzu, einem fragenden Blick seines Kollegen begegnend.
„Und der Andere?" fragte Pergon lakonisch.
„An den habe ich nicht weiter gedacht."
„Wir wagten es nicht, den Engländer nach dem Posten zu transportiren, weil die Menge zu aufgeregt war und ihn zu erschlagen drohte," äußerte ein anderer Polizeibeamter.
„Man bringe ihn später in einen Wagen," versetzte Pergon. „Wenn die Menge sich verlaufen hat, bleibt uns hinlänglich Zeit übrig, den Langfinger zu durchsuchen. Diese pick-pockets aus London sind geschickt wie Affen."