JW 76. Sonnabend, den 4. April 1885.
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Erstes Blatt.
Die nächste Nummer dieses Blattes erscheint am Dienstag.
Alleluja!
(Nachdr. verb.)
Ostern, das hehre Fest der Auferstehung und der Wiedergeburt, erfreut uns wieder mit seinem herzerhebenden, hoffnungsfrohen und gnadenreichen Glanze. Während schon in Wald und Flur die ersten Knospen sprießen und junges Grün das Nahen des Lenzes verkündet, feiert auch die hl. Kirche ihr Auferstehungsfest. Von den Kirchthürmen jubeln die Glocken ihr Alleluja, und die erhebenden, frohen Feierklänge finden tausendfachen Widerhall in den Herzen. Es webt sich ein geheimnißvoller Zauber um die großen Feste des Kirchenjahres, keine weltliche Feier hat einen so mächtigen, tiefgehenden Einfluß auf die Stimmung, auf das Fühlen und Denken der Menschen, und dieser christliche Festeszauber ergreift selbst Solche, deren Glaube und Gottesfurcht in den Stürmen des Lebens Schiffbruch gelitten, mit geheimnißvoller Gewalt, und führt oft genug lange verlorene Kinder dem liebenden Schooße der Mutter-Kirche wieder zu. „Alleluja" braust es durch die Hallen der Gotteshäuser, und der andächtige Sinn schwingt sich in höherem Fluge zu seinem Schöpfer empor. Die Alltagssorgen sollen für einige Tage vergessen sein, überall soll Freude herrschen und friedliche Harmonie, denn die Kirche feiert das Andenken an den glorreich aus dem Grabe erstandenen Welterlöser, an den Sieger über Tod und Hölle, und jubelnd singt sie: „Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat, laßt uns frohlocken und fröhlich sein in Ihm". Am Tage der Auferstehung des Herrn über Leben und Tod feiert auch das arme Menschenherz im Andenken an den erhabenen Gottmenschen, im de- müthigcn Gebet, in freudevoller, feierlicher Stimmung und in der Hoffnung der ewigen Seligkeit sein Fest der Auferstehung, sein Osterfest, und die Festesfreude gibt sich auch äußerlich kund in Lichterglanz und Frühlingsschmuck, im frohen Verkehr der Menschen, im Ruhen jeder Arbeit und des geräuschvollen Treibens des Alltaglebens.
Auch die politische Welt hat ihre Osterstille und ihre Osterrast. Die Vertreter des Volkes erholen
sich in der Heimath von den Mühen und Sorgen der parlamentarischen Arbeit, und die politische Entwickelung macht eine kurze Ruhepause, wenngleich wichtige und folgenschwere Fragen in der politischen Welt der Entscheidung harren. Im fernen Süden und in China lodert die Kriegsfackel, und auch über Afghanistan ziehen unheil- schwangere Wetterwolken zusammen. Aber auch in den europäischen Ländern, die lange Zeit von einem eigentlichen Kriege verschont waren, gährt und zischt eine Bewegung, die schlimmer ist als Krieg, eine Bewegung, die den ganzen Fortbestand der heutigen gesellschaftlichen Zustände, die Thron und Altar, Adel und Bürgerthum, Leben und Besitz, Ehe und Familie bedroht. Aus der rapid wachsenden Sozialdemokratie der unzufriedenen Arbeitermassen hat sich das an Zahl noch schwache, aber durch die rücksichtslose verbrecherische Gesinnung übermächtige Häuflein der Anarchisten herausentwickelt, welches mit allen erdenklichen Mitteln, mit Dolch, Kugel und Dynamit die Ordnung des Staatslebens bedroht und aus dem feigen Versteck heraus mit sicherer Hand seine Todesurtheile an denen vollstreckt, die ihm hindernd in den Weg treten. Ja, diese soziatistische und anarchistische Gefahr ist schlimmer als alle anderen Lasten und Sorgen, welche zeitweilig und vorübergehend die einzelnen Völür bedrücken, und sie findet einen nur zu empfänglichen und nur zu gut vorbereiteten Boden in der systematisch der Religion und der Achtung vor jeder sittlichen und moralischen Autorität entfremdeten Gesellschaft.
Darum erhebt der hohe Kirchenfürst im Vatikan immer wieder seine mahnende Stimme, damit die Staaten und Völker wieder zur Pflege des christlichen Glaubens und der Sitten, zur Achtung vor der gottgewollten Autorität zurückkehren, damit Friede werde zwischen Staat und Kirche, und beide im einträchtigen Bunde den unheimlichen Feind der Ordnung und des Rechtes bekämpfen können. Auch in Deutschland ist jüngst der Mahnruf „gebt die Kirche frei, beseitigt den Kulturkampf" wieder eindringlicher zu den Ohren der maßgebenden Gewalten gebracht worden; mit welchem Erfolg, das wird sich zeigen müffen. Leider sind unsere Hoffnungen gering, denn die Männer und Parteien, welche im Stande wären, zur Beseitigung dieses deutschen Nationalunglücks beizutragen, suchen gerade jetzt wieder ihr und des Volkes Gewissen mit
stolzen Phrasen zu betäuben. Möchte dem sogen, „nationalen" Rausche nicht ein schreckliches^Erwachen folgen!
Daß die inneren Verhältniffe allmählich zu irgend einer Entscheidung drängen, muß auch dem blödesten Auge klar sein. Möchte dieser Umschwung, diese Wiedergeburt zu christlicher Gläubigkeit und Gesittung aus der freien Entschließung der Regierungen und Völker erfolgen, damit nicht das Ende des sinkenden Jahrhunderts von schlimmeren Schlägen und Greuelthaten erfüllt werde, als das vor- hergegangene.
Aber mehr noch als die Nationen, die Staaten und Völker, sollen die Einzelmenschen ihrer Wiedergeburt, ihrer Auserstehung zu einem christlichen Wandel, zu Religion und Tugend entgegenstreben. Das christlich gläubige Gemüth feiert seine Auferstehung, sein Osterfest auch mitten in den schlimm- sten Stürmen der Welt mit gleicher Hoffnungsfreudigkeit, den Blick nach Oben gewendet und das Herz zu Dem, der uns über das irdische Jammerthal hinaus ewige Glückseligkeit versprochen hat, wenn wir seiner nicht vergessen und nach seinem Willen leben. Wie Christus selbst nach all' den Leiden und Schmerzen der Charwoche wieder siegreich aus dem Grabe erstand, wie die hl. Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer wieder auf's Neue gestärkt und geläutert über ihre Feinde triuni/ phirt hat und triumphiren wird, so winkt auch der gläubigen Seele über alles Erdenleiden und über alle Widerwärtigkeiten und Sorgen hinaus der endliche Sieg und Triumph, der Lohn der Ewigkeit. Darum jubeln auch wir an dem heutigen hl. Osterfeste mit der heil. Kirche: „Das ist der Weg, den der Herr gemacht hat, laßt uns frohlocken und fröhlich sein in ihm." Im Kreuz ist Heil! Alleluja!
Deutsches Reich.
Berlin, 3. April.
* Nachdem jetzt die Bisinarckfestlichkeiten vorüber ind, gibt die ,Germ." dem Bedauern Ausdruck, laß man sich nicht veranlaßt gesehen hat, vor der Charwoche zu feiern. Es würde dem christlichen Bekenntnisse der arrangirenden Persönlichleiten sehr gut angestanden haben, dieser Woche ihren Charakter der Woche des Leidens und Sterbens des Herrn rein und ung,stört zu erhalten. Das hohe Kirchenfest der an die h. Jung-
2) Maske gegen Maske. 112 Roman von A. Werner.
9. Kapitel.
In der Morgue.
Drei Tage später, nachdem sich Tollart, der von Herrn Lebrun so warm empfohlene Geheimpolizist, zu dem Polizeidirektor und dem Kommiffair nach dem Pavillon begeben hatte, in welchem das zweite Verbrechen stattgefunden und nach einer langen geheimen Unterredung mit seinen beiden Vorgesetzten sich ebenso vorsichtig wieder entfernt hatte, als er eingetreten war, bewegte sich eine große Menschenmenge nach der Morgue, dem bekannten Pariser Leichenhause, wo aus einem erhöhten Gesimse die Pique-Dame zur öffentlichen Schau ausgestellt war. Der Polizeidirektor hatte den Leichnam einbalsamiren lassen und da die Gründe, welche ihn in den ersten Tagen bewogen halten, sich dieses letzten Mittels Der Oeffentlichkeit zu enthalten, nicht mehr vorhanden waren, die Ausstellung des Körpers angeordnet, denn die Nachricht von dem Verbrechen hatte bereits ganz Paris durchkreist. Man wollte wenigstens diese letzte Chai ce nicht versäumen, um so weniger, als man vermuthete,
daß der Thäter sich noch nicht von Paris entfernt habe. Es ist erwiesen, daß eine geheimnißvolle Macht den Mörder stets nach dem Schauplatz seines Verbrechens zurückzieht. Die vorzüglich ausgeführte Einbalsamirung des Leichnams ließ eine längere Ausstellungszeit als die gewöhnliche von 3 Tagen zu. Da dar Verbrechen ein außerordentliche« Aufsehen erregt hatte, durste man sicher darauf zählen, daß über die Hälfte der Pariser Bevölkerung her- strömen werde.
Seiten« der Polizei waren die größten Vorsichtsmaßregeln angewandt. Es waren mehrere Beamte dahin birigirt und inmitten der Menc,e gingen Späher hin und her, die durch scharfe Sehkraft und feines Gehör sich auszeichneten, und, verkleidet, ihre Augen überall hatten. Die Präfektur war der Meinung, daß unter den Tausenden von Zuschauern und Zuschauerinnen sich Jemand finden würde, der sagte: „Diese Frau heißt so," ober auch nur: „Ich bin mit ihr hier ober Dort zu- sammengetroffen." Vor Allem zählte ber Polizei- binftor jeboch auf Pergon, ber einen unermüdlichen Eifer an den Tag legte, um die Spur des Mörders zu entdecken und sich dadurch wieder in den Augen seines Vorgesetzten zu rehabilitiren. Wo immer er einem Mann begegnete, der einen langen
Paletot und einen weißen Shawl trug, da eilte er ihm nach, um sich zu überzeugen, ob der Betreffende auch einen schwarzen Bart und die Augen einer Katze habe.
Dank der trefflichen Einbalsamirung hatte die wunderbare Schönheit der Todten sich nicht im Geringsten gemindert, so daß Diejenigen, welche sie im Leben auch nur ein einzige« Mal gesehen hatten, sie wieder erkennen mußten, denn ihre Züge prägten sich Jedem unwillkürlich ein. Sie war eine Blondine mit schwarzen Augen, mit fast durchsichtigem Teint, eine Blondine, wie man sie in solcher Schönheit selbst in England nur ganz ver-- einjelt findet. Beim Anblick ihrer halb geschlossenen Lider, ihrer schwellenden Lippen, hätte man glauben mögen, daß sie schliefe und sofort erwachen würde, wenn man sie bei ihrem Namen rief. Ihre weißen und zarten Hände umschlossen eine Blume, welche der Mörder ihr gelassen hatte. Die Blume mar welker als ihr Antlitz. Man hatte auch nicht vergessen, die Karte Pique - Dame, welche der Dolch mit fein cifelirtem Griff durch die Spitzen» Umhüllung auf ihrer Brust befestigte, der Tobten zu lassen.
„Nicht so laut!" unterbrach Pergon das Geplauder seines Fr.nndes Bernard, welcher sich an-