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J\s 74.

Mittwoch, den 1. April

Fuidarr

1885.

®ie .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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A Glückwunsch-Adresse der deutschen Katholiken an den Füllte« Lismarck.

(Zum 1. April.) (Schluß.)

Ew. Durchlaucht wünschen wir vor Allem ein langes, friktionsloses Leben, das den kirchenpoli­tischen Kampf überdauern möge. Sie haben Deutsch­land geeint, machen Sie es auch einig! Sie haben das staatlich zerrissene Vaterland zusammengeschweißt, beseitigen Sie auch die innere Zerrissenheit! Wir sind fest überzeugt, daß Sie nur das Beste des Reiches wollen, — dieses Beste ist aber nicht allein die Achtung gebietende Stellung Deutschlands nach außen, die Furcht, die es den Nachbarstaaten ein­flößt, und die Erwerbung fremder Kolonien in fernen Welttheilen, sondern es ist wesentlich der Friede im Innern! Dieser Friede ist die Basis der Liebe, mit welcher alle Bürger am Throne und am Reiche hängen sollen, die Basis des Glückes, das wir ersehnen. Dieser Friede muß aber so lange ein frommer Wunsch bleiben, als 16 Millionen Katholiken sich in ihren heiligsten Gefühlen verletzt und in ihren Rechten beeinträchtigt sehen. Wir lieben, unser theures Vaterland treu und wahr; aber wir lieben auch unsere Kirche, und wir bitten Ew. Durchlaucht, nicht ferner die Liebe zu unserer Mutter mit der Liebe zum Vaterlande in Konflikt bringen zu wollen/ Sie haben es in der Hand, den Kampf zu beendigen und den Völkerfrühling anbrechen zu lasten. Dankbar erkennen wir es an, daß Sie das einst verspottete und verachtete Deutsch­land, das ein Spiel ball fremder Eroberer war, zur gebietenden Größmacht in Europa erhoben haben; sollte es für Ihr Herz und Ihren Ehrgeiz eine minder große Befriedigung sein, aus diesem mächtigen Reiche auch den inneren Hader verbannt zu haben? Und Sie können es mit einem Feder­striche! . . Was haben die Katholiken Ihnen ge- than? Haben sie in den gewaltigen Völkerkriegen der Jahre 1866 und 1870 nicht ebenso muthig Blut und Gut geopfert, wie jeder Andere im Reiche? Haben sie durch Opferwilligkeit nicht sogar die Uebrigen beschämt? Verdienen sie den Namen „Reichsfeinde", weil sie dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, aber auch Gott, was Gottes ist, — während die Herren Armeelieferanten, die an Erbswürsten reich geworden sind, heute mit ihrem allein waschechten Patriotismus prunken? ...

Durchlaucht, die Malgesetze und der Kulturkampf lasten wie Bleigewichte auf dem Lande, und so lange sie nicht beseitigt sind, ist an eine Besier- gestaltung der Dinge, an Frieden und Glück und an den deutschen Völkerfrühling nicht zu denken. Zwei Erzbischöfe weilen im Exil, — waren sie Rebellen?

Nein, und tausendmal Nein! Die Ordensleute und Klosterfrauen wurden aus dem Lande gejagt, — waren sie Verbrecher und staatsgefährliche Sub­jekte? Nein, sie haben gebetet, gearbeitet, unter­richtet, verwaiste und verwahrloste Kinder erzogen! Ist es soweit in Deutschland gekommen, daß Liebes­dienste mit Verbannung bestraft werden? Hunderte von Pfarreien sind verwaist, ohne jede Seelsorge, und wir haben es kürzlich noch erlebt, daß ein Pfarrer der Erzdiözese Posen gerichtlich bestraft wurde, weil er in einer Nachbargemeinde die Sterbesakramente gespendet hatte. Was sagen Sie zu solchen Zuständen, und welche Folgen ziehen diese nach sich? Wo der Geistliche nicht mehr predigen und unterrichten darf, da finden die Sozialdemokraten freies Terrain. Sie wünschen zwar noch ein Dutzend Sozialdemokraten mehr im Reichstag zu haben, aber in ruhiger Stunde und in Anbetracht Ihrer so oft betonten Loyalität werden Sie diesen äußerlich bedenklichen Wunsch nicht aufrecht erhalten können. Sehen Sie sich um im Lande! Aus den Kulturkampfsruinen wuchert das Unkraut der Gottentfremdung, der Sittenlosigkeit und der Brutalität heraus. Die Verwilderung des Volkes hat eine erschreckende Höhe erreicht. Die Verbrechen aller Art nehm n zu an Zahl und Scheußlichkeit, die Gefängniffe und Zuchthäuser sind überfüllt, — . urchlaucht, ist das die vielgerühmte Kulturära, die Sie an­bahnen wollten? Das Volk verwildert mehr und mehr; es ist unzufrieden und murrt, und die Kirche hat nicht die Freiheit, die sittlichen Schäden zu heilen und die entfeffelten Leidenschaften zu zügeln. Deshalb beschwören wir Sie im Jnter- este des Thrones und des Reiches, dec Kirche und des Volkes: machen Sie dem kirchenpolitischen Kampfe ein Ende! Erst trenn diese Eiskruste ge­sprengt ist, können die garten Blüthen des Völker- rühlings ihre Köpfchen^ heben und die Kelche palten. %

Die Erfüllung dieses Wunsches schließt alle anderen Wünsche in sich; dazu gehört in erster

Lime der Wunsch, daß Sie das Centrum, unsere parlamentarischen Vertreter, so beurteilen und behandeln, wie die loyale Gesinnung und Prin­zipientreue dieser Männer es verdi.nt! Im Centrum haben Sie das vor sich, was Sie sonst im Lande mit der Laterne suchen müssen, — Männer! Und mit Männern wird ein großer Mann, wie Sie sind, doch lieber zum Wohle des Reiches arbeiten, als mit willenlosen Marionetten! Gott hat Ew. Durchlaucht sichtlich gesegnet: Sie haben ein hohes Alter erreicht; Sie haben hoff­nungsvolle Söhne, große Glücksgüter, seltene Erfolge, Ehre und Ruhm. Aber die schönste Perle in Ihrer Fürstenkrone wäre die Liebe des Volkes, das in Frieden und Eintracht sich um die Fahne schaarte, die Sie so stolz vorantragen. Europa zittert vor Ihnen, — mag es zittern! Aber soll ganz Deutschland, dessen ruhmreicher Sohn Sie sind, Ihnen nicht in dankbarer Ver­ehrung die Hand drücken dürfen? Wir möchten es so gerne, Durchlaucht; aber wir können die Hand nicht fassen, die uns schlägt. Wollen Sie aber dem Reiche den Frieden zurück­geben; wollen Sie den unheilvollen Kulturkampf, an dem Sie selbst keine Freude haben, und den Sie gewiß nicht zu Ihren Erfolgen zählen, ein­stellen, dann sind wir die Ersten, die Ihnen Glück wünschen! Möge der Allmächtige, in dessen Hand Sie ja auch nur ein Sandkorn sind, Sie auch ferner behüten; möge er Sie auch ferner be­leuchten, daß Sie nicht nur die äußeren Feinde des Landes bändigen, sondern, daß Sie auch in der inneren und zumal in der Kirchenpolilik die Wege beö- Rechtes und der Wahrheit wandeln! Dieses wünschen Ew. Durchlaucht zum 70. Geburts­tage die deutschen Katholiken.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. März.

** Zum 1. April regnet es B i s m a r ck - Gedichte, Festessen, Festreden, Fackelzüge, Festoersammlungen und Gott weiß was Alles. Es gibt aber auch Viele im Lande, die der Feier recht kühl gegenüber« stehen. In büser Beziehung hat ganz vorzüglich der Gutsankauf in Schönhausen gewirkt. Die Blätter, die sonst für den Fürsten Bismarck bis zum Exzesie schwärmen, zeigen sich in hohem Grade ernüchtert. Die ,Magd. Ztg.' z. B., die sich sonst vor Begeisterung für den Fürsten nicht zu fassen

2> Maske gegen Maske. (1° Roman von A. Werner.

Seine Situation war in der That keine benei« denswerthe. Der Märtyrer der öffentlichen Ord­nung war in einen so engen Kasten gesperrt, daß er sich nicht darin umdrehen konnte und wurde auf der einen Schulter durch das enorme Gewicht der Wanduhr fast eidiückt. Seine müden Beine versagten ihm fast den Dienst. Das Wetterglas zeigte 7 Grad unter Null und die Oeffnung war so klein, daß er kaum athmen konnte.

Endlich vernahm er wieder Tritte, und die Stimme seines treuen Pergon rief ihn bei Namen.

Man kann sich denken, daß er nicht zögerte „Hierher!" zu antwortet, n, und die Scene, welche sich nun zwischen dem Direktor und dessen Unter­gebenen abspielte, läßt sich kaum beschreiben.

Glücklicherweise halte Pergon in seiner Tasche stets ein kleines Arsenal von Schlosserwerkzeugen bei sich mit deren Hülfe er augenblicklich das Schloß sprengte.

Ehrfurchtsvoll bot Pergon dem Direktor, nach­dem er ihm zuvor beim Heraussteigen behülflich gewesen war, einen Stuhl an, und, um ihn zu

erfrischen, reichte er ihm eine gefüllte Weinflasche. Allein der Polizeidirektor schlug Beides aus und fragte statt dessen mit Heftigkeit: „Du hast ihn ergriffen?"

„Wen?" fragte der Polizist.

„Den Menschen, welcher vor etwa zwei Stun­den sich in dies Zimmer geschlichen und dasselbe zwanzig Minuten später wieder verlassen hat."

„Ich habe nur einen höheren Beamten der Präfektur ein» und ausgehen sehen!"

„Bist Du von Sinnen, ober willst Du mit mir scherzen?"

„Weber bas Eine, noch das Andere, Herr Di­rektor. Ich sah vor einigen Stunden einen sehr elegant gekleideten Herrn, im Begriff, die Gitter- thür zu öffnen, um sich iu's Haus zu begeben. Auf meine Frage, was er da zu thun habe, er­widerte er, er sei ein höherer Beamter, der an­läßlich des Mordes Nachforschungen in diesem Hause anzustellen habe."

„Und diese plumpe Ausrede hat Dir genügt?"

„Nein, ich habe ihm vieln:ehr seine Karte ab­verlangt."

„Hat er sie Dir gezeigt?"

„Ja, Herr Direktor, sie war in schönster Ord­nung."

„Unglücklicher, weißt Du, was Du gethan hast? Du hast den Mörder entschlüpfen lassen."

„Den Mörder!" rief Pergon unwillkürlich aus und wich betroffen einige Schlitte zurück. — „Dieser vornehme Herr war der Mörder ? Nicht möglich!"

„Ja, es war der Mörder," betonte der Direk­tor, in unglaublicher Aufregung. „Du hast ihn entschlüpfen lassen, während Du nur eine Hand auszustrecken brauchtest, um ihn zu verhaften. Deine Stunden im Polizeidienst sind gezählt. Solche Agenten, welche sich den ersten besten Spitz­buben durch die Finger gehen lassen, können wir nicht gebrauchen. Weich' ein unseliger Strrich — und das nach fünfzehnjähriger, polizeilicher Thätig- feit. —"

Der Polizist senkte sein Haupt und machte eine traurige Miene, während sein Vorgesetzter ihm diese Rüge ertheilte.

„Es ist wahr," versetzte Eisterer, „ich bin schul­dig und verdiene, entlassen zu werden. Jndeß habe ich fünfzehn Jahre lang, wie Sie selbst an­führten, der Polizeibehörde vorwurfsfrei gebient, so baß es immerhin eine Härte in sich schließen würbe, mich eines einzigen Vergehens halber so strenge zu bestrafen. Meine Entlassung würbe mich um so härter treffen, als ich brei kleine Knaben