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JV 73.

Dienstag, den 31. März

1885.

Fllldaer Jätung.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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A Glückwunsch-Adresse der deutschen Katholiken an den Füllten Kismarck.

(Zum 1. April.)

Durchlauchti Wenn die deutschen Katholiken sich den entrüsteten nationalliberalen und konserva­tiven Gratulanten anschließen, die Ihnen zum 1. April, Ihrem 70. Geburts- und 50. Dienst-Jubi- läumstage, ihre Glückwünsche darbringen, so nehmen Sie von vornherein die Versicherung hin, daß die Wünsche, die wir auf dem Herzen haben, auch wirklich aus dem Herzen kommen und nicht blos phrasenhaftes Lippengemurmel sind. Sie wissen, Durchlaucht, daß die Centrumsleute nicht zu jenen Menschen gehören, welche mit Lobhudeleien um sich werfen und auf den Knieen rutschen, aber wir setzen das Vertrauen in den Gerechtigkeitssinn Ew. Durchlauchl, daß sie einer festen Ueberzeugung und der mannhaften Vertretung derselben um so mehr Achtung zollen, je seltener Sie in unserer charakterlosen Zeit einer solchen Festigkeit begegnen. Wir wissen voll und ganz Ihre wahren Empfin­dungen zu würdigen, zumal am 1. April, wenn ein Schwarm von Schmeichlern vor Ihnen knixen und zusammenbrechen wird.

Reichskanzler und Fürst! Der „Enthusiasmus", den Sie in einer Ihrer letzten Reichstagsreden ge­fordert haben, sitzt rein unverfälscht in unserer Brust; denn wir sind so frei, uns wahre, treue Patrioten zu nennen, die ihr deutsches Vaterland lieben, die es groß, mächtig und einig sehen wollen. Unsere Liebe ist eine durchaus uneigennützige, denn wir schachern nicht mit derselben, um Aemter und Ehrenftellen zu erlangen; wir bieten sie nicht als Tauschmittel für die „Regierungsfähigkeit" an; ja, wir coquettiren nicht einmal mit Patriotismus und Bismarckianismus, wie zahlreiche aus dem Oriente eingewanderte Elemente, die sich um des Geschäftes und des klingenden Lohnes wegen er­dreisten, uns, den echten deutschen Landeskindern, die Vaterlandsliebe und das Deutschthum, natio­nale Gesinnung und patriotische Gefühle abzu­sprechen. Aber das Feuer unseres Enthusiasmus kann nicht, wie es sollte, zum Durchbruch kommen, weil die Schneelawine des Kulturkampfes dasselbe mit Eiseskälte bedeckt. Durchlaucht! Sie sehnen den deutschen Völkerfrühling herbei. Alle Achtung vor der Aufrichtigkeit Ihrer Wünsche und der Kraft Ihres Willens, — aufrichtiger und stärker

0) Maske gegen Maske.

Roman von A. Werner.

„Die Asche muß gleichfalls durchsucht werden", murmelte der Direktor, indem er die Portiere aufhob, die den Salon von einem Boudoir ohne Fenster trennte, denn das Haus gewann aus­schließlich sein Licht von der Fayade.

Dieses Gemach enthielt nur einen Spieltisch, auf dem verschiedene Spiele Karten lagen, einen umgeworfenen Sessel und eine holländische Wand­uhr, deren Gehäuse groß genug war, um einen Menschen zu verbergen. Die Uhr ging. Der Direktor trat jetzt in einen Speisesaal ein. Der Tisch war für zwei Personen servirt, aber die Mahlzeit schien gewaltsam unterbrochen worden zu fein, denn Alles lag auf und neben dem Tische in wilder Unordnung zerstreut umher. Die Trümmer eines zerbrochenen Stuhles, sowie zer- schlagene Flaschen und Schüsseln bedeckten den Boden. Zwei umgestürzte Karaffen hatten das Tischtuch mit Wein und Wasser überschwemmt. Welch' ein neues Verbrechen mochte hier begangen sein? Das Auge des Gerichtsbeamten fesselte plötzlich ein Gegenstand, der mit einem Teppich

wie wir, können Sie nach diesem Frühling nicht verlangen! Wir entbieten uns, die ersten Boten des Völkerfrühlings zu sein, wenn Sie nur den Käfig öffnen wollten, in dem wir sitzen. Wir Katholiken gleichen dem Adler im eisernen Zwinger; wir möchten unsere nationalen Schwingen regen und hinauffliegen mit Ihnen zur Sonne des deut­schen Glückes; aber wir sehen, wie draußen in der Freiheit freche Spatzen sich tummeln, mästen und breit machen.

Durchlaucht, nicht :. it leeren Händen stehen wir am 1. April vor Ihnen. Zwar haben wir keine Otto-Pfennige zu bieten, derlei klingende Bethätigung des Patriotismus überlassen wir jenen Elementen, die es nöthig haben, mit ihrer natio­nalen Gesinnung und ihrem Byzantinismus zu klimpern; wir haben auch keine Bismarck-Lieder gedichtet, keine Bismarck-Festschriften versaßt und tragen keine Bismarck-Medaillen an der Uhrkette; aber das Bündel der Wünsche, das wir Ihnen ehrerbietigst zu Füßen legen, ist mindestens so groß, wie der Sack mit den freiwilligen und unfreiwilligen Pfennigen, der Ihnen am 70. Ge­burtstage in die Hand gedrückt wird. Wir er­lauben uns demgemäß, Ihnen die Glückwünsche der deutschen Katholiken auszusprechen.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 30. März.

* Der Staatsrath wird sich eingehend mit der B ö r s e n st e u e r zu beschäftigen haben. Wahr­scheinlich wird die Vorlage der engeren Versamm­lung überwiesen werden, welche aus den königlichen Prinzen, den preußischen Staatsministern, den beiden Abtheilungcn, welche die Vorlage vorbe- rathen haben und einzelnen, vom König aus dem übrigen Gremium zu bezeichnenden Mitgliedern besteht. Der Zusammentritt dieser engeren Ver­sammlung soll gegen Mitte April erfolgen.

* Das Romite für Erwerbung der Lüderitz- schen Besitzungen hat heute eine Kommission niedergesetzt, welche mit der Regierung über das anzunehmende Statut verhandeln soll.

* Als künftiger Gouverneur von Kamerun wird der bisherige deutsche Konsul in Petersburg, Frhr. v. Soden (früher in Havanna) bezeichnet.

* Am 17. und 18. d. M. haben in Berlin die Vorstände der Arbeit er ko lonieen getagt. Aus

bedeckt war. Er näherte sich demselben, hob die Hülle empor und prallte mit einem Ausruf des Schreckens gegen die Wand zurück.

7. Kapitel.

Ein zweites Verbrechen.

Einen Augenblick blieb der Polizeibeamte regungslos stehen, wie betäubt von dem Anblick, der sich feinen Augen darbot, aber dann trat er näher und zog die Decke von dem von ihr ver- hüllten Gegenstand. Es war die Leiche eines vornehm und ehrbar aussehenden Mannes in den vierziger Jahren, welcher der Länge nach zu Boden gestreckt und die Arme übereinander ge­kreuzt, vor ihm lag.

Er war groß und kräftig und mit Geschmack gekleidet. An seiner weißen Weste hing eine schwere, goldene Kette, seine scbwarzseidene Hals­binde war mehrere Male umgedreht und der Rücken seines Paletots zerrissen. In einer Ecke lagen Handschuhe und ein zerknitterter Hut. Tas Ant­litz des Entseelten war entstellt durch eine klaffende Wunde, die von einem sogenannten Todtschläger herzurühren schien, der dieStirn zerschmettert hatte.

„Die Geschichte wird immer verwickelter," murmelte der Direktor, nachdem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte und warf

sämmtlichen größeren deutschen Staaten waren Ver­treter anwesend, mit einer einzigen Ausnahme von Elsaß-Lothringen. Neben Delegirten aus Baden, Württemberg und Hessen-Darmstadt erschienen zum ersten Male solche aus Bayern und Mecklenburg. Die preußische Staatsregierung bezeugte ihr Interesse für die wichtigen Berathungen durch die persön­liche Anwesenheit einer ganzen Reihe der höchsten Staatsbeamten. Es gewinnt immer mehr den An­schein, als ob die Vorstände jener Kolonieen die Führerschaft übernehmen würden in dem zielbe­wußten Kampfe der Gesellschaft gegen das tief eingerissene Unwesen des Vagabundenthums und der Bettelei. Für die Wirksamkeit der Arbeiter- kolonieen kann es kein glänzenderes Zeugniß geben, als daß mit der Errichtung einer solchen die That- sache in Verbindung gebracht wird, wonach die Zahl der in die Zwangsarbeitsanstalt eingelieferten Personen gegen das Vorjahr von 3042 auf 1846 zurückgegangen ist. Bel der Annahme eines durch­schnittlichen Aufenthalts des einzelnen von 6 Monaten in der Anstalt und eines Verpflegungssatzes von 80 Pf. täglich ergibt sich daraus eine Erfparniß von über 160,000 Mk. für die Provinz. Ebenso trefflich haben sich die sogen. Verpflegungs­stationen bewährt. Fast in der Hälfte jammt« sicher Kreise und Aemter des deutschen Reiches sind solche nunmehr in Betrieb. Rach den Be­richten aus 1334 derselben hat nach ihrer Ein­richtung die Wanderbettelei im Umkreise von 180 ganz aufgehört, von 1078 abgenommen, von 112 ist sie unverändert und nur von 4 hat sie zuge­nommen. Die Zahl der Stromer überhaupt soll in 918 Bezirken abgenommen Haden, in 218 nicht. In Berlin ist durch Errichtung einer besonderen Arbeiterkolonie für diese große Stadt ein glück­licher Versuch gemacht worden durch Anhalten zur Arbeit die ordentlichen Wanderer von den Vagabunden zu scheiden.

** Die allgemeine Israelitische Allianz, welche im Jahre 1860 zu Paris gegründet wurde, hat zu ihrem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum eine in Köln gedruckte Festschrift veröffentlicht, welche die großen Erfolge, die das Judenthum in der ganzen Welt dieser mächtigen Gesellschaft zu danken hat, hervorhebt. Die europäischen Regie­rungen finden bei den Juden das größte Lob. Unter „Mittel zur Erreichung ihrer Zwecke" heißt e5: Der Hülse der liberalen Presse

dabei einen Blick durch das Fenster. Der Wagen, worin Bernard den Taubstummen be­wachte, hielt noch immer vor der Gitterthür, und Pergon ging auf dem Trottoir wachsam auf und ab.

Der Tag ging zu Ende, die Straße war still und leer.

Der Direktor öffnete ein Fenster im Salon, damit der Ton der Signalpfeife sofort von Pergon vernommen werden könnte, und begab sich bann in's Boudoir.

Auf dem Spieltische standen zwei Wachslichter, die der Verbrecher wahrscheinlich nach begangener That ausgelöscht hatte. Der Beamte zündete eines derselben an und stellte es in einen Winkel, so daß der Schimmer nicht durch die Thür zu bringen vermochte. Dann hob er ben umgekehrten Sessel empor, setzte sich daraus und harrte, nur wenige Schritte von dem Leichnam entfernt, der gehofften Ankunft des Verbrechers.

Plötzlich hörte er ein schwaches Geräusch und bald darauf leise Fußtritte auf dem Flur, die sich dem Boudoir näherten. Der Direktor löschte das Licht aus und sprang behende in das manneshohe Gehäuse der holländischen Uhr, deren Thür er zuschob.