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72.

Montag, den 30. März

1885.

»nInner OÄ Mliiihi iiiviii i syygs .* *'8 lllulU.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld' 1 Mk 50 Sßfo __ mit der

belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.» auswärts 1 Mk. 75 Pfq ' '

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Q) Maske gegen Maske. (8

Roman von A. Werner.

„Sie kennen den Mann also nicht, welcher läutet?"

„Ich habe ihn bi» fitzt noch nie gesehen," ver­sicherte die Kohlenhändlerin, ein wenig erstaunt über diese Fragen.

„Vielleicht irrt er sich in der Thür; ich werde ihn fragen."

Und er näherte sich, indem er die Kohlenhänd­lerin stehen ließ, dem Stummen und klopfte ihm auf die Schulter. Derselbe drehte sich verwundert um, aber seine Miene zeigte keine Furcht.

„Ein neuer Beweis, der überzeugender ist, al- alle übrigen," dachte der Direktor. „Lebrun hat Recht: dieser Bursche weiß nicht« von dem Morde. Aber er hat un» die Spur gezeigt. Dar genügt, wenn wir mit Methode und Klugheit unser Ziel verfolgen."

Sein Plan war bereit« gefaßt. Er ergriff den Stummen bei'm Arin und führte ihn zu seinem Wagen. Nachdem er ihn hatte einsteigen laffcn, rief er durch ein Zeichen Bernard herbei, dem er strenge anbefahl, den Gefangenen nicht entschlüpfen

zu lasten. Dann befahl er Pergon, vor der Gitter- thür de« Hause« Wache zu halten.

„Ich will allein eintreten," schloß er; „sollten die Thüren verschlossen sein, so wirst Du einen Schlosser holen müssen, aber ich wette Zehn gegen Eins, daß sie offen sind. Und Sie," wandte er sich an die Kohlenverkäuferin, „werden über da«, wa« Sie gesehen haben, das tiefste Stillschweigen beobachten. Ich bin Polrzeikommissar und habe Ihrer Nachbarin wegen eine« Rechttsalles einen kurzen Besuch abzustatten. Verfahren Sie also klug; ich lasse diesen Beamten vorläufig zu Ihrer Bewachung zurück und werde vielleicht später noch ein Wort mit Ihnen reden."

Mit diesen Worten entledigte er fich seines Ueberrocks, den er über den Arm warf und wo­durch fein Abzeichen al« höherer Polizeibeamter sichtbar ward. Beim Anblick diese« gefürchteten Zeichens verschwand die Frau in das Innere ihrer Kellerwohnung.

„Die Augen auf Alles!" ermahnte der Direktor den ihm untergebenen Pergon, welcher durch eine bezeichnende Geberde antworte! e.

Er kehrte jetzt zur Gitterrhür zurück und unter­warf das Haus und dessen Zugänge einer aufmerk­samen Untersuchung. Es war ein einfacher Pa-

Deutsches Reich.

Berlin, 29. März.

** Anläßlich der Ablehnung der 2. Direktor- (teile im Auswärtigen Amte waren dem Reichs­kanzler von mehreren Seiten Beiträge zur Verfü­gung gestellt worden, aus denen die Besoldung ves betreffenden Beamten erfolgen sollte. Für den Fall der Genehmigung des 2. Direktors bei der dritten Lesung sollte der Reichskanzler anderweit darüber verfügen. Der Reichskanzler beabsichtigt nun, jene Mittel zu einer Stiftung zu gestalten, aus welcher bedürftige Beamte des Auswärtigen Amtes alljäh­rig in Beträgen von 100 Mark zu unterstützen sein würden. Die Geber sind ersucht worden, hierzu ihr Einverständniß zu erklären.

* An reichen Jubiläumsspenden wird es dem Kanzler Fürsten Bismarck nicht fehlen. Aus Miesbach in Baiern kommen „fünf schöne Kälber" und ein „prachtvoller Bulle", die nach dem Wunsch des Fürsten nach dem „arrondirten" Gute Schön­hausen transportirt werden sollen. Aus Würzburg kommen 25 Flaschen des besten Stein- und Leisten- Weines von dem berühmten Jahrgang 1868, und aus Zwiesel in der Oberpfalz widmet man ein Bier-Service mit 36 Humpen. Besonders ver­dient aber will man sich in Backnang in Württem­berg machen, von wo ein paar mächtige Geburts­tags. Cuirrassierstiefel kommen sollen. Die Bis- marck-Litteratur in Poesie und Prosa wächst täg­lich, und die Verkäufer derselben überfluthen die öffentlichen Lokale. Auch mit Bismarck-Bildern, -Büsten, -Bleistiften, -Federn, -Hüten und -Stöcken wird ein schwunghafter Handel getrieben. Gespannt darf man sein, was am Bismarcklag selbst erst noch alles zu Tage treten wird.

** Ein gouvernementalesBlatt ist so „geistreich", den Fortschrittlern den Namen „Loki st en" an­zuhängen. Demnach müßten die Gouvernemen- talen nunmehr „Baldurianer" heißen. Den schönen Namen „Hödurianer" könnte man für die Nationalliberalen reserviren, welche Lust ver­spüren, beim Zolltarif oder sonstwo die Cirkel Baldurs zu stören. Vielleicht könnte Herrn S ch w e n« ninger der Titel Doktor Baldrianus ver­liehen werden. — Jeder wird gut thun, sich recht­zeitig in die Evda und in die sonstigen Geheim- Nisse der Mythologie hineinzulesen, denn sonst wird er von all den Redensarten, die bei der

nächsten Wahlagitation umherfliegen werden, kein Wort verstehen.

" Bielefeld, 28. März. Authentischerseits wird mitgetheilt: Gestern und vorgestern fanden hier anläßlich des Arbeiterstrikes in der Koch'schen Nähmaschinenfabrik Zusammenrottungen und Ruhe­störungen statt. In zwei Häusern wurden Fenster­scheiben eingeworfen. Das requirirte Militär säu- berte die Straßen und stellte die Ruhe wieder her. Einige Personen sind verwundet, gegen 30 verhaftet.

• Limburg, 28. März. Wie ein Extrablatt des ,Nass. Boten' meldet, hat der Papst in einem gestern abgehaltenen Konsistorium die Wahl des Herrn Roos zum Bischof von Limburg bestätigt und den Gewählten als Bischof präkonisirt.

Der ,N. B.' bringt einen Abvruck des vom 21. November 1884 datirten Testaments des hochseligen Bischofs Peter Joseph von Limburg. Danach ist der Herr Domdekan Dr. Klein Uni­versalerbe, der die Hinterlassenschaft nach Er­füllung aller Verbindlichkeiten zu kirchlichen und wohlthätigen Zwecken verwenden soll, was auch alsbald geschehen ist. Von seinem Privateigenthum hatte der Hart,selige noch bei Lebzeiten einen kost- baren Bischofsring, den ihm 1854 der französische Clerus als Anerkennung für die entschiedene und muthige Vertheidigung der kirchlichen Rechte und Freiheiten dedicirt hat, ein Pectoralkreuz mit Kette, eine anläßlich des Bischofsjubiläums im Jahre 1867 von der katholischen Pfarrgemeinde empfangene Uhr seinem langjährigen General­vikar und treuesten Mitarbeiter und Mükämpfrr Herrn Domdekan Dr. Klein als Andenken ge­schenkt. Herr Regens Lala hat zwei schöne Orl- gemälde als Andenken erhalten. Gaben erhielten 3000 Mk. die Armen der Stadt Limburg, 3000 Mk. die der Vaterstadt des Hochseligen, Geisenheim, 3000 Mk. die Diözesanrettungsanstalt in Marien- statt, 3000 Mk. für eine neue katholische Kirche zu Frankfurt a. M., 3000 Mk. für denselben Zweck in Wiesbaden, 2000 Mk. für den Parr- hausbau in Biebrich, 2000 Mk. für die Seel­sorgestelle in Langhecke. Das Andenken de« hohen Verstorbenen wird stets in Segen bleiben.

Ausland.

* lieber das neue Gruben-Unglück bei Karmin meldet die ,R. Fr. Pr.': Abermals wird heute eine Explosion schlagender Wetter in einem

Kohlen - Bergwerke, Dombrau, gemeldet, wobei Arbeiter in einer noch nicht genau bestimmten Zahl um's Leben gekommen sind. Der Schauplatz der neuesten Katastrophe befindet sich in der unmittel­baren Nachbarschaft der Karwiner Unglücksstätte, nur einige Kilometer von derselben entfernt. Am 6. d. fand die Katastrophe in Karmin, zwölf Tage später jene in St. Johann bei Saarbrücken statt, und nach neun Tagen folgte nun das Unglück in Dombrau. Freistadt, 27. März, 9 Uhr 10 Mm. Vormittags. Heute Nacht um 1/2 Uhr fand im Bettina-Versuchsschachte in Dombrau, der im Be­triebe der Bergbau-Gesellschaft Orlan-Dombrau steht, eine Explosion durch schlagende Wetter statt. Die Ursache ist noch nicht ermittelt. Die Explosion geschah in dem sogenannten Ludwig-Flötz, welches das mächligste im Bettina-Schachte ist, und wo deshalb die stärkste Förderung stati findet. Den bisherigen Nachrichten zufolge sind mindestens 40 Arbeiter tobt. Zur Stunde sind 24 Leichen au's Tageslicht gebracht. Teschen, 27 März, 11 Uhr Vormittags. Die hier eingetroffenen Berichte geben die Zahl der umgekommenen Arbeiter sehr hoch an. Der ersten Meldung zufolge sollen 80 Berg­leute getöbtet und 15 Leichen stark verbrannt herausgezogen worden sein. Eine spätere Meldung bezifferr die Zahl der Opfer sogar auf 109, was aber gewiß übertrieben ist.

* W i e n, 28. März. Die Einsegnung der Leiche des Kardinals Schwarzenberg findet am Montag statt, worauf die Leiche nach Prag und von dorr nach Krumau zur Beisetzung in der Familiengruft übergeführt wird. Der Kaiser fonbolirte persönlich der Familie Schwarzenberg. Als Nachfolger wird laut der ,Fcks. Ztg.' der Budweiser Bischof Graf Schönborn bezeichnet.

* Paris, 28. März. Ein; Depesche Negriers meldet aus Lang so n vom 26. d. M.: Das Gros Dei Brigade ist bei Sangfon konzentrirt. Ich blieb am 25. in der Nähe von Langfon und erwartete >en Feind, der indessen sich nicht zeigte. Am 26. 'lieb ich ebenfalls bei Sangfon, ohne vom Feinde «unruhig! zu werben. Sämmtliche Verwundete eit dem 25. sind in Sangfon. Die Chinesen er« itten in dem Gefechte vom 24. bedeutende Ver- uste. Die Verluste der Franzosen bei Dongdong «trugen 7 Offiziere tobt, 6 Offiziere verwundet, 72 Mann tobt ober vermißt und 190 verwuubet.

* Sonbon, 28. März. Nach Portsmouth sind

villon mit einer einzigen Etage von drei Fenstern in der Vorderfronte. Ein sehr langer Hof trennte ihn von der Straße. Die Jalousien waren nicht herabgelassen und nur der Umstand, daß die bei­den Schornsteine von rolhen Mauersteinen keinen Rauch aufsteigen ließen, deutete an, daß das Haus verlassen sei. Die Aufmerksamkett des Beamten lenkte sich alsdann auf den Schneeteppich, der den Grund der Bobens bedeckte. Frischer Schnee ist das Buch, in welchem geschickte Untersuchungsbe­amte zuerst blättern, denn es bietet ihnen sehr oft kostbare Jndicien. Die Schuldigen drücken darin ihre Verurthcitung aus, wenn sie nicht dafür sorgen, die Spur ihrer Tritte auSzulöschcn. Von dem Gitter bis zum Pavillon hatten die Betreffenden indeß Eindrücke zurückgelassen, welche der Frost be- wundernSwerth bewahrt hatte. Man erblickte deut­lich vier Spuren im Schnee, wovon zwei sich durch sehr große, die beiden andern durch kleine, zierlich geformte Füße kennzeichneten. Diese Spuren ließen erkennen, daß zwei Männer neben einander von ber Straße in den Pavillon gegangen waren. Man war also zweimal eingetreten, ohne das Haus ein einzige» Mal verlassen zu haben.

„Wie seltsam", murmelte der Direktor vor sich hin. „Man kann doch nicht wieder zurückkehren,