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j\6 69. Donnerstag, den 26. März 1885

Fuldm Jeitung.

Sie Fuldaer Seitwta' erscheint t»«lich, Sonn- und Feiert»,e «uäaenemmen. vierteljährlicher Absnnementspreis ohne Bringerlehn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — nut der belletristischen »ochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bei dem bevorstehenden Quar- talrwechsel (1. April 1885) werden die verehrlichen Abonnenten gebeten, ihr Abonne­ment bei den kgl. Postanstalten rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Auf die nach dem 1. April erfolgenden Zeitungs-Bestellungen berechnen die Postanstalten eine um 10 Pfg. höhere Gebühr.

Der Dank des Kaisers.

* Der.Reichsanzeiger' publizirt an seiner Spitze folgenden kaiserlichen Erlaß an den Reichs­kanzler :

Die Feier Meines Geburtstages am 22. März hat Mich wieder recht lebhaft empfinden lasten, wie unerschütterlich treu die Liebe ist, welche Mir vom deutschen Volke ent­gegen getragen wird. Aus allen Theilen des Reiches sind Mir von Gemeinden und Korporationen, von Vereinen und Anstalten, von Festversammlungen und einzelnen Per­sonen ohne Unterschied von Rang und Stand, ohne Rück­sicht auf religiöses Bekenntniß und politische Meinung, selbst vom Auslande her freudige Glückwünsche dargebracht worden. Ihre Zahl ist eine so beträchtliche, ihre Form eine so mannigfaltige, ihr Ausdruck ein so herzgewinnender, daß Ich von all diesen Beweisen warmer und inniger Theilnahme tief gerührt bin. Eine solche einmüthige, er­hebende Kundgebung an Meinem Geburtsfeste, an welchem Ich auf 88 Jahre eines wechselvollen, von Gott reich ge­segneten Lebens zurückblicke, hat Mir die Freude verdoppelt, und hoch beglückt fühle Ich Mich in dem Gedanken, daß das ganze deutsche Volk sich mit Mir und Meinem Hause zu einer gemeinschaftlichen Feier des Tages vereinigt hat. Es ist Mir daher ein wahres Herzensbedürfniß, Allen, welche Mir bei diesem Anlaß durch Adressen und Tele­gramme, durch poetische Ansprachen und musikalische Kom­positionen, durch Blumenspenden und sonstige Zuwen­dungen sinniger Art so liebevolle Aufmerksamkeiten er­wiesen, Allen, welche Meiner in Wort und Schrift gedacht haben, Meinen aufrichtigen Dank dafür auszusprechcn. In der allgemeinen, durch das ganze Land gehenden Beweg­ung giebt sich das wohlthuende Vertrauen kund, mit dem die Nation Meine ernsten Bestrebungen um des Volkes Wohl begleitet. Gestützt auf diese ermuthigende Erfahrung werde Ich nicht müde werden, bis Gott Meinem Wollen und Können ein Ziel setzt, der Fürsorge für Mein geliebtes Vaterland Meine ganze Kraft zu weihen. Dazu gebe Gott seinen Segen! Möge unter seinem Schutz und Beistand Deutschland zu allen Zeiten in friedlicher Entwickelung blühen und gedeihen!

Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kennt- niß zu bringen.

Berlin, den 24. März 1885. Wilhelm.

An den Reichskanzler.

♦ Hebet das Bahnprojekt Fulda-Gersfeld

berichtet der Abg. Schreiber (Marburg) Folgendes:

Die wirthschaftlichen Verhältniffe der Rhön sind sehr ungünstige, und lasten einen ständigen Rück­gang konstatiren.

Der Grund hierfür liegt allerdings zum Theil in den ungünstigen klimatischen und Bodenver- hältniffen der Rhön, zum Theil aber auch in der abgeschiedenen Lage und dem Mangel geeigneter Anschlüffe an das Eisenbahnnetz. — Diesem Mangel abzuhelfen und damit die Möglichkeit zu eröffnen, da« frühere blühende industrielle Leben der Rhön wiederum wachzurufen und die dort schlummernden Kräfte zu wecken, sind die Regierungen der an die Rhön grenzenden Staaten seit langem bemüht, und sind namentlich auch von Bayern Eisenbahnbauten in sichere Aussicht genommen, nachdem Sachsen-Weimar mit gutem Erfolge durch Herstellung der Fulda­bahn da« Projekt einer Rhönbahn zu lösen be­gonnen hatte. — Mit dem vorliegenden Projekt einer von Fulda nach Gersfeld zu bauenden Bahn macht die preußische Staatsregierung den Anfang dem preußischen Theil der Rhön, dem Kreise Gers­feld, die Vorth ile der Eisenbahnverbindung zuzu­wenden. Gegen dieses Projekt selbst, seinen An- fangtpunkt Fulda, seine weitere Richtung und seinen Endpunkt Gersfeld fand sich nichts einzuwenden. Die Kommission erkannte an, daß die Aurführung einer anderen Linie, wie auch die angeregte Trace in der Weise, daß der auf di« Mitte der Strecke vorgesehene Bahnhof näher an den Hauptort und AmtLgerichtSbezirk Weyhers zu liegen komme, wegen der Terrainverhältniffe nicht möglich feien, und daß weitergehende Wünsche kaum Beachtung finden könnten. — Es kam ferner die in« Auge zu faffende Fortsetzung der Bahn von Gersfeld aus zum Anschluß an die am südöstlichen Abhange der Rhön belegens Endstation der in Bayern pro- jektirten Bahn Bischofsheim zur Sprache und wurde es als nothwendig bezeichnet, bei der Bahnhofs- anlage in Gersfeld darauf thunlichst Rücksicht zu nehmen, daß die Lage des Bahnhofs eine Fort­setzung der Bahn über Gersfeld hinaus in der angedeuteten Richtung nicht unnöthig erschwert, ja unmöglich gemacht werde, und darauf aufmerksam gemacht, daß er sich empfehle, aus diesen Rück­sichten den Bahnhof südlich von Gersfeld anzu­legen. — Auf Befragen wurde Seitens der Ver­

treter der Königlichen Staatsregierung mitgetheilt, daß die Königlich bayerische Regierung von einer Fortsetzung der Bahn Neustadt-Bischofsheim mit Rücksicht auf die bedeutenden Terrainschwierigkeiten und Kosten abgesehen und bei der Lage de« End­bahnhofe« Bischofsheim auf eine derartige Fort­setzung keine Rücksicht genommen habe. Unter diesen Umständen sei auch diesseits davon Abstand genommen worden, den Bahnhof Gersfeld so hoch zu legen und da« Schlußstück der Bahnlinie zwischen Hettenhausen und Gersfeld mit so starker Steigung (1:40) vorzusehen, wie es unter der Voraussetzung einer späteren Fortsetzung nach BischofSheiin er­forderlich gewesen wäre. — Da die Kommission der Ansicht war, daß die bayerische Regierung doch vielleicht bewogen werden könnte, ihr noch nicht auSgebauteS Projekt Neustadt-Bischofsheim so zu ändern, daß die Herstellung einer Verbindung zwischen Gerrfeld und damit eine die Rhön durch­schneidende Bahn in Zukunft dadurch ermöglicht werde und daß die Wichtigkeit einer solchen Bahn ein nochmaliges Verhandeln rechtfertige, nahm sie eine Resolution an, welche die Regierung ersucht, in nochmalige Erwägung darüber zu treten, ob nicht der Bahnhof Gersfeld so zu legen sei, daß dadurch die Fortsetzung der Bahn nach Bischofs« heim ermöglicht werde. — Vom Herrn RegierungS- kommiffar wurde auf eine an ihn gerichtete An­frage, wie die Regierung zu der Erbauung einer weiteren Rhönbahn von Hünfeld durch dar Ulster­thal nach Hilders, welche für weite von dec Bahn Fulda-Gersfeld nicht, berührte Gebiete der Rhön .von der größten Bedeutung fei, stünde, geantwortet, daß die Bahn Fulda-Gersfeld nicht präjudizire. — Nachdem die Kommission sich auch damit einver­standen erklärt hatte, daß von den Jntereffenten der Fulda-Ger«felder Bahn neben der Hergade des zur Bahn erforderlichen Grund und Boden kein weiterer Zuschuß zu den Kosten der Bahn gefordert wird, beantragt dieselbe:

Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen:

1. Zum Bau einer Eisenbahn von Fulda nach Gers­feld die Summe von 1,280,000 Mark unver­ändert zu bewilligen.

2. Die Königliche Staatsregierung zu ersuchen, in nochmalige Erwägung darüber zu treten, ob nicht der künftige Bahnhof bei der Stadt Gersfeld so zu legen ist, daß dadurch die eventuelle Fort­setzung der Bahn Fulda-Gersfeld nach der Bayerischen Landesgrenze zum Anschluß an die

2) Maske gegen Maske.

Roman von 31. Werner.

„Parbleu!" dachte der Direktor, „wenn dieser Tölpel nickt in der Thal taubstumm ist, dann würde ick diese Nacht den größten Komödianten unseres Jahrhunderts gesehen haben. Ich muß wohl zu umfaffenderen Mitteln greifen."

Dann wandte er sich an den angeblichen Taub­stummen:

„Ich sehe, daß ich mich arg getäuscht habe. Ich hielt Sie nämlich für einen Verbrecher, der au« dem Gefängniffe entsprungen ist und den wir seit einem Monat vergeblich steckbrieflich verfolgt haben. Jetzt habe ich mich aber überzeugt, daß das Signalement dieses Menschen weder auf Ihre Gestalt noch aus Ihr Alter paßt. Sie können gehen, mein Freund."

Der Gefangene rührte sich aber nicht vorn Fleck.

„Laffen Sie ihn los, Herr Inspektor," fuhr der geschickte UntersuchungSbearnte fort, „und reichen Sie ihm, bevor er geht, ein Gla« Wein. Er hat es wohl verdient, denn er hat eine schlimme Feuer­probe bestehen muffen, und et ist Überdies draußen eisig kalt."

Die Polizeibeamten sahen sich betroffen an, da sie nicht wußten, ob diese Worte ihres höchsten Vorgesetzten ernst gemeint waren, aber der Arre­stant that, als ginge ihn das Alles nichts an. In diesem Moment gab der Direktor dem Vor­steher de« Wachtpostens verstohlen einen Wink, worauf derfelbe sogleich eine Pistole in die Luft abfeuerte. Der Jnculpat bezeigte nicht einmal so viel Bewegung, als der geübteste Kanonier beim plötzlichen Aofeuern eine« Gewehr« zu erkennen ge­geben haben würde. Erst als der Geruch des Pulvers ihm ein unangenehmes Kitzeln in der Nase verursachte, drehte ec sich um, um nachzu­sehen, woher der Rauch käme.

Diesmal war die Erfahrung entscheidend und der Direktor murmelte zwischen den Zähnen:

„Ich fange allen Ernstes an zu glauben, daß der arme Bursche in der That taubstumm ist. Mir bleibt nur übrig, mich heute Vormittag zu Herrn Lebrun zu begeben: nur er vermag uns aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Herr Inspek­tor," sagte er jetzt mit lauter Stimme, „führen Sie den Menschen in'« Gefängniß zurück und be­sorgen Sie morgen den Koffer nach dem Leichen­hause! — Kommen Sie, Herr Doktor wir haben hier nichts mehr zu thun."

4. Kapitel.

Ein ehemaliger Geheimpolizist.

Der Quai Conti ist der schönste von allen Pa­riser Quai's, und in den stolzen Häusern desselben wohnen die reichsten Einwohner, die Paris besitzt. In einem der ersten Paläste wohnte ein Herr Le­brun de Gentilly', ein liebenswürdiger, reicher und angesehener Mann. Dieser Herr de Gentilly, Träger dieser beiden Namen, die schlecht zu ein­ander paffen, war ein noch rüstiger Greis, der seine Gesundheit theilweise seiner regelmäßigen Lebentwei e verdankte, indem er zu einer bestimmten Stunde aß, trank, spazierte und schlief.

Niemand wußte übrigens, woher er sein großes Vermögen bekommen hatte, obschon man seiner Zeit eingehende Nachforschungen darüber angestellt hatte. Die Nachbarn sind in solcher Beziehung immer thätig. Man gelangte dabei zu dem Re­sultate, daß er von der Provinz nach Paris ge­kommen sei, arm und unbekannt, und man wollte sogar behaupten, Herr Lebrun sei von sehr ein­fachen Bürgersleuten in Gentilly, bei Paris, ge­boren, und daß er sich somit den Namen seines Geburtsortes zu seinem Stammnamen nur ange- maßt hatte. Aber diese böswilligen Gerüchte ver­stummten nach und nach; Herr de Gentilly gewann