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J\£ 68.

Dienstag, den 24. März

1885.

JfukXirr

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Lbonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Wegen des Festes „Mariä Ver­kündigung" wird unsere Zeitung morgen nicht erscheinen.

Bei dem bevorstehenden Quar- talrwechsel (1. April 1885) werden die verehrlichen Abonnenten gebeten, ihr Abonne­ment bei den kgl. Postanstalten rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Auf die nach dem 1. April erfolgenden Zeitungs-Bestellungen berechnen die Postanstalten eine um 10 Pfg. höhere Gebühr. Bestellzettel sind der heutigen Nr. beigelegt.

* Zur Bismarckspende.

Deichhauptmann Gärtner, der gegenwärtige Be­sitzer des größern Bismarck'schen Stammguter, kann sich ins Fäustchen lachen. Das „Central- KoinitL" wird ihm, vielfach au» den „Ehren"- Pfennigen, welche den Arbeitern und kleinen Leuten zum Bismarckseste abgenommen worden sind, den Kaufpreis zahlen, den der Reichskanzler für sich selbst „unverantwortlich" hoch fand. Als vor einigen Wochen die ersten Andeutungen kamen, daß der Rückkauf des Gärtner'schen, ehemals Bismarck'schen Rittergutes zu Schönhausen geplant sei, zuckten die Einen ungläubig die Achseln, die Anderen protestirten empört gegen diese „Verleumdung", welche blos von den „Reichsfeinden" ausgehen könne. Heute steht fest, daß das Berliner Centralkomits diesen Geniestreich geplant, sogar schon den Kauf bewerkstelligt hat, und da ist es erfreulich, daß sogar aus dem konservativen und nationalliberalen Lager mit wenigen Ausnahmen der laute Ruf erschallt: „Das schickt sich nicht!" Die getreue Magdeb. Ztg.', die ihren Percy auch im Zorne liebt, sogar dieses Blatt fragt: „DaS Kaufgeld, welches Fürst Bismarck, der so reich ist, nicht bezahlen mag, soll jetzt aus der BiSmarck- spende bestritten werden, für welche so viele arme Leute im Vertrauen auf eine gemeinnützige Verwendung ihr Scherflein beigestcuert haben?" „Alle wirklichen Freunde des Kanzlers", klagt der .Reichsbote', „würden das auf's tiefste beklagen. Wenn die reichen Börsenfürsten dem Reichskanzler ihrerseits ein besonderes Geschenk derart aus ihren Mitteln machen wollen, so wird dagegen Niemand etwas haben; aber die aus den kleinen Gaben,

den Pfennigen und Marken der Arbeiter und der geringen Seute zusammengcflofseneSpende, in der so viel patriotische Freude, Dankbarkeit und Verehrung zum Ausdruck gekommen ist, darf nicht zu einem solchen prosaischen Zweck verwendet werden." Solche Stimmen lasten sich mastenhaft hören."

Fürst Bismarck hat nach dem französischen Kriege eine riesige Dotation bekommen und ist mehrfacher Großgrundbesitzer. Hing sein Herz an dem Familien­stammsitz, so mochte er eines seiner Güter ver­kaufen. War er aber nun ein Mal der Meinung, seine Verhältniffe erlaubten ihm diese Ausgabe unter keinen Umständen, und glaubte das Central- komits aus irgend welchen Gründen darauf ein­gehen zu müssen, dann war nicht erlaubt, einzelne Komitö's für einen gemeinnützigen Zweck sammeln zu lassen und so in die peinlichste Lage gegenüber den Gebern zu bringen; es war nicht erlaubt, Landräthe, Bürgermeister und Postbeamte vor den Sammelkasten zu spannen, der im ganzen Reiche rundgefahren wurde, nicht erlaubt, zuzu­sehen, wie die Spargroschen armer Leute zusammengebettelt und in vielen Fällen gleichsam erpreßt wurden. Das Centralkomits mag sagen, was es will, die Methode, wie die Gelder zum Auskauf des Hrn. Gärtner zu Stande kam, steht unter aller Kritik. Wir wissen nicht, was der Reichskanzler thun wird. Sollte er ebenfalls der Ansicht sein, es sei unpassend, wenn der Vertreter der sozialen Reform-Politik am Abend seines Lebens. eine Million Mark, oder wie viel es sein mag, in die Dasche steckte', zu der kleine Bauern und Fabrikarbeiter beigesteuert haben, sollte er Be­denken tragen, ein Rittergut von Leuten anzunehmen, die größtentheils nicht die inindeste Lust verspüren, ihm eines zu schenken, so wissen wir eine bessere Verwendung! Er schicke das Geld, meint die ,Pf. Ztg.', nach Saarbrücken und lasse es unter 6ie Hinterbliebenen der armen Berg­leute vertheilen, die vor wenigen Tagen in der Grube Camphausen ein so schreckliches Ende fanden. Mag er sich ein Beispiel nehmen an dem Abg. Wtndthorst, der ein Landgut ablehnte und sich zum Geburtstagsgeschenke Gaben für die Kirche seines Wohnortes geben ließ. Thut er desgleichen, so kann er das Centralkomits getrost seiner eigenen Blamage überlassen.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. März.

* Der Kaiser, der sich gestern von Anstrengungen fernhielt, befindet sich heute ganz wohl.

* Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Präsi­dent de» Abgeordnetenhauses die Osterferien am Freitag eintreten zu lassen.

* Sämmtliche Landesvirektoren werden am 29. Juni c. in Danzig zu einer Konferenz zusammentreten.

** Der Reichstag erledigte heute in dritter Berathung die Dampfersubventions-Vor­lage. An der Generaldebatte beteiligten sich nur die Abgeordneten Gkad, Dr. Bamberger und v. Helldorff-Baden. Ersterer äußerte sich über da« Bedürfniß der reichsländischen Industrie, welche« die Eröffnung neuer Absatzgebiete erheische. Abg. Bamberger legte nochmals seinen prinzipiell ableh­nenden Standpunkt dar und begnügte sich damit, das Haus zu bitten, nicht nur die afrikanische, son­dern auch die australische Linie abzulehnen und nur die ostasiatische zu genehmigen. Letzterer konstatirte, daß die Konservativen auf dem Boden der zweiten Abstimmung ständen, also die afrikanische Linie ab- lehnten. Zu § 1 verbreitet sich Abg. Virchow wie­derholt über das gesundheitsschädliche Klima der Kolonien. Abg. Woermann vertheidigte die austra­lische Linie und wendete sich sodann gegen die Vir- chow'schen Ausführungen. Wer hinter'm Ofen blei­ben wolle, dem sei allerdings nicht zu empfehlen, in den Kolonien sein Glück'zu suchen. Abg. Rin- telen bekämpfte die australische Linie, worauf die Debatte über § 1 geschlossen wurde. Ein Antrag, für den Fall der Berücksichtigung der australischen Linie, diese Bewilligung auf eine Lime nach dem australischen Festlande zu beschränken, wurde mit 163 gegen 151 Stimmen abgelehnt, die austra­lische Linie selbst mit 168 gegen 152 Stimmen genehmigt. Mit noch größerer Majorität wurde § 1 angenommen. Die einzelnen Punkte der Sub­missionsbedingungen fanden ohne Debatte Annahme. Die weiteren Paragraphen, Ueberschrift und Schluß des Gesetzes ebenso. Schließlich wurde der ganze Gesetzentwurf mit großer Mehrheit angenommen. Dafür stimmten die Rechte, die Nationalliberalen und die Mehrheit des Centrums, soweit dieselbe noch anwesend. — Morgen kleine Vorlagen, Zoll­tarif.

Q) Maske gegen Maske. 13

Roman von A. Werner.

3. Kapitel.

Der Taubstumme.

Auf die seltsame Erklärung folgte ein allgemeines Gemurmel seitens der Beigeordneten, die sich in ehrerbietiger Entfernung hielten, aber sich jetzt dem Koffer näherten, um mit ihren eigenen Augen das unglaubliche Ereigniß zu konstatiren, welches der Arzt soeben an dem leblosen Körper beobachtet hatte. Uebrigens war die Neugierde der Polizisten gerechtfertigt, denn es ist gewiß ein seltener Fall, eine Spielkarte auf dem Herzen einer erdolchten Frau befestigt zu finden. Meuchelmörder pflegen für gewöhnlich ihre Opfer nicht zu kennzeichnen, um so weniger, als ein derartiges Beginnen mit drohenden Gefahren verknüpft ist, da sie dadurch das Gericht auf eine Spur leiten, die eventuell zur Entdeckung der Miffethäter führen kann.

Und dennoch war es hier der Fall. Ter freche Mörder hatte sein Opfer durch eine Spielkarte bindurch getroffen, durch eine Karte mit weißer Rückseite, von starkem Papier, mit goldenen Rän­dern, wie sie nur in Salons gebraucht werden,

und man fragte sich vergeblich, in welcher Absicht diese ironische und grausame Handlungsweise statt- gesunden hatte.

„Fürwahr," sagte der Gerichtsdirektor, nachdem er ine fragliche Karte besichtigt hatte, „man lernt so lange man lebt. Hätte man mir diesen Fall gestern Abend erzählt, ich würde ihn für dre müßige Erfindung eines Journalisten gehalten haben. Mir ist dergleichen noch nicht vorgekommen. Wie denken Sie darüber, Herr Doctor?"

„Vom medicinischkn Standpunkte aus bin ich in der Ansicht bestärkt worden, daß diese Frau im Schlafe ermordert worden ist. Der Mörder hat ihren Schlaf benutzt, um ihr vor dem Stoß die Karte auf die Brust zu legen — "

„Falls er nicht die Karte vorher durchbohrt hat, damit si- das Herausspritzen des Blutes verhindern möchte."

„Das läßt sich hören — "

„Welch' einen Aufruhr wird dieser Mord in der Presse Hervorrufen!" unterbrach rhn der Gerichts­direktor, „ich stehe hier vor einem dunklen Geheirn- niß, aber ich habe treffende Anhaltspunkte für eine mögliche Entdeckung. Tiefe Karte zum Beispiel —"

„Kann vorsätzlich auf ihre Brust befestigt worden sein," versetzte der Mediziner, welcher sich seiner­

seits sceptisch verhielt, „um die Untersuchungsrichter auf eine falsche Fährte zu leiten."

„Dar wird sich finden. Stellen Sie diesen Koffer wieder an seinen Platz und holen Sie mir den Träger desselben."

Es verfloß eine geraume Zeit, ehe die Polizisten mit dem Arrestanten hereintraten. Es hatte viel Rippenstöße gekostet, ihn au« dem Schlafe zu rütteln, und als er sich im Wachtlokal befand, rieb er sich die Augen wie Jemand, der noch halb im Traume befangen ist.

Der Gerichtsdirektor richtete einen scharfen Blick auf den Eintretenden. Aber der Gefangene machte nicht das leiseste Zeichen von Erregung. Sein Gesicht trug völlige Gleichgültigkeit zur Schau. Der Gerichtsvirektor studirte fein Antlitz, seine Haltung, feinen Anzug, kurz, alle Nebendinge, welche Uneingeweihten nichtig erscheinen mögen, aber für Wissende durchaus erforderlich sind. Nach einigen Minuten hatte er sich eine Meinung über den Arrestanten gebildet.

„Dieser Mensch ist nun und nimmermehr der ursprüngliche Urheber," dachte er, „denn wie würde wohl ein Wallarbeiter in Holzschuhen und mit den Schultern eines Packträgers auf die rasfinirte Idee kommen, eine vornehme Dame zu tödten und ihr