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Sonnabend, den 21. März 1885.

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Erstes Blatt

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1. Kapitel.

Der geheimnißvolle Koffer.

lichen Garde, „ich habe, seitdem ich im ersten Zouaven-Regimente gegen die Kabylen gefochten, seines Gleichen nicht erlebt. Jetzt streifen wir schon seit vier Stunden auf diesem holperigen Pflaster umher, ohne auch nur einer einzigen Per. son begegnet zu sein.

„Das ist sehr erklärlich! Die Spießbürger haben sich aufs Ohr gelegt und die Diebe sind zu bequem und allzusehr auf ihre Wohlfahrt be­dacht, um in solchein Wetter zu arbeiten."

Er konnte seinem gepreßten Herzen nicht weiter Luft machen, denn sein Kollege zupfte ihn plötzlich heftig am Arme. Man vernahm nämlich von der Straße Arago her Schritte, die zwar durch den fußhohen Schnee sehr abgeschwächt wurden, immerhin aber für das durch den langen Dienst geschärfte Gehör der beiden Polizisten vernehmbar waren. Leise zogen sie sich hart an die Thür- pfosten einer Bierbrauerei, von wo aus sie einen weiten Ueberblick über die vier sich kreuzenden Straßen hatten.

Bald darauf erblickten sie einen Mann, der mit gesenktem Haupte, aufgestülptem Halskragen und mit den Händen in den Taschen vom Boulevard Colbert sich eilig näherte. Dieser Mann hatte nichts Auffälliges an sich und schien einfach ein

lichen Täuschung in einem der heiligsten Dinge an. Gleichzeitig wurde es dem greisen Bischof von Culm zum Vergehen angerechnet, daß er sich zu den Polen gezählt, und seinen Namen mit cz geschrieben, denn Herr v. Goßler schloß: „Meine Herren, ein Marwitz sagt: „Wir Polen!"

Die Vertheidigung des greifen Bischofs führte nun, wie bereits kurz erwähnt wurde, in der Sitzung des preuß. Abgeordnetenhauses vom 16. ds. Mts. der Landrath von Marwitz, ein Neffe de» Angegriffenen. Er wies darauf hin, wie fein Oheim mit 17 Jahren freiwillig in das Heer während der Freiheitskriege eingetreten; wie er als persona gratissima auf den Bischofsstnhl ge­kommen ; wie ihm noch 1864 in einem allerhöchsten Handschreiben des jetzigen Königs der beste Dank für seine Haltung ausgesprochen sei, und fügte hinzu, er sei auch Inhaber des rothen Adlerordens I. Klaffe. Der conservative Landrath schloß: „und dieser Patriot muß solcheAnschul- bigungen erfahren!" Herr v. Goßler gab zwar in sehr sonderbarem Kontraste zu seiner Aenßerung vom 24. Februar dem greifen Bischof das Zeugniß, „daß er einer der loyalsten Unter- thanen Sr. Majestät sei", aber seine Mittheilungen über die Fassung des Kirchengebet« hielt er voll­ständig aufrecht. Nun hatte aber v. Marwitz nachgewiesen, daß in dem Gebete die Bitte ent­halten ist, „für den Kaiser und die Kaiserin, den Kronprinzen und seine Gemahlin, für das gefammte kaiserl. und königl. HauS und das ganze Kaiserreich (cesarstwo). Allerdings ist vor dem Wort Reich da« Wort „deutsch" aus­gelassen worden; aber gerade diese von dem Minister intriminirte Auslastung gereicht, wie Dr. Stablewski nachwies, der Umsicht und Loya­lität der Kirchenfürsten zur Ehre. In den pol- Nischen Gegenden gilt der Ausdruck „deutsch" (niemiecki) als identisch mit protestantisch. DaS Volk hätte also die Bitte für das „deutsche Reich" als eine Bitte für das „protestantische Reich" auf- gefaßt und die Bischöfe hätten dadurch das größte Aergemiß bei der Maste des Volkes erregt. Es war also ihre Pflicht, einen anderen Ausdruck zu gebrauchen und der gewählte Ausdruck „cesarstwou schließen derThat jedes Mißverständniß au«. Polen ist nie ein Kaiserreich gewesen, folg­lich kann das Gebet sich nur auf das deutsche Reich beziehen. Polen hat auch nie Kaiser und

Q) Maske gegen Maske.*)

Roman von A. W-rn-r.

schlagen.

„Welch' ein Wetter", begann der älteste von Beiden, ein alter Veteran der ehemaligen kaffer«

♦) Nachdruck v-rbot-n.

In einer eisigen Winternacht des Jahres machten zwei Polizisten in der entlegenen Straße l'Alouette zu Paris ihre Runde. Der Dienst ist hier sehr anstrengend und die Sicherheitsbeamten dieses Stadtviertels haben wahrlich keinen ange» nehmen Posten, denn ihre Arrestanten sind gewöhn­lich Taschendiebe und BUrunkene. Das elegante Pub­likum verirrt sich nur selten in diese verrufene, düstere und schlecht gepflasterte Straße, die selbst geborene Pariser oft kaum dem Namen nach kennen. Es herrschte in dieser Nacht ein heftiges Schnee- gestöder und der schneidend kalte Wind trieb den Schnee in dichten Flocken in’« Antlitz der beiden patrouillirenden Polizisten. Die große Glocke der Kirche des Gobelins hatte soeben drei Uhr ge«

** Dem Kaiser.

(3«m «eburistag 1885.)

Stolz erfüllt und wonnige Festesfreude Heut' am acht und achtzigsten Wiegenfeste Uns'res Kaisers Wilhelm, des Siegesreichen, All' unsre Herzen!

Stand und Amt, Parteien und Konfessionen Können heut' nicht scheiden des Reiches Bürger: Alle weih'» sie dankbar dem Landesvatcr Ehrfurcht und Liebe.

Wir als Katholiken zumal vereinen

Mit dem Zoll der Huldigung fromme Bitten, Fleh'» zum höchsten Herrn aller H-er-sschaaren: Schütze den Kaiser!

Schütz' ihn vor verderblichen dunklen Mächten, Die im Finstern schleichen und untergraben Glauben, Wohlstand, Frieden und heil'ge Ordnung; Schütze den Kaiser!

Send' ihm kluge, treue und fromme Räthe, Gib ihm zu den anderen hehren Siegen Roch die schönsten gegen di- inner'n Feinde, Feinde des Glaubens!

Daß die inner'n Feinde des Vaterlandes Bald erliegen und in den heil'gen Hallen Aller Gottestempel des Reichs ertönen

Lieder des Friedens! __________________________

* Die jüngsten politischen Erlebnisse eines Freiheits-Beteranen.

Am 24. Februar d. I. hatte der Kulturminister v. Goßler im preußischen Abgeordnetenhaus- erklärt, aus einer geheimen Korrespondenz zwischen dem Erzbischof Ledochowski von Posen und dem Bischof v. d. Marwitz von Culm ergebe sich, daß von Beiden da» allgemeine Kirchengebet dahin abgeändert sei, „daß in demselben der Hinweis auf das deutsche Reich und das deutsche Vater­land vermieden und durch eine von dem gemeinen Manne sicherlich auf Polen bezogene Bitte für da» gefammte Reich und das ganze Land ersetzt worden ist." So lautet der forrigirte stenographische Bericht; daß der Kultusminister aber selbst von geschulten Journalisten ganz anders verstanden worden ist, zeigt z. B. der Paffus in der .Nordd.', die Stelle des Gebets „sei so gefaßt worden, daß sie nur auf da« polnische Reich gedeutet werden konnte." Damit klagte der Herr Kultus­minister die beiden Kirchenfürsten einer absicht-

Kaiserinnen, sondern nur Könige gehabt, und darum weiß der einfachste Mann in Polen, baß sich das Gebet auf den deutschen Kaiser und den König von Preußen bezieht. Was also Herr v. Goßler dem Kirchenfürsten als Verbrechen an­rechnet, gereicht ihnen im Gegentheil jur Eh re. Herr v. Goßler würde sich nicht das Mindeste vergeben, sondern nur an Achtung gewonnen haben, wenn er die schwere Anklage zurückgenommen hätte. Aber nein! Herr v. Goßler schwieg — und schwieg abermals, und Niemand im ganzen Hause erhob sich zu seiner Vertheidigung. Da« war gewiß eine Nied erläge, wie Herr v. Goßler sie noch nicht erlitten. Die .Ger­mania’ bemerkt zu diesem „unerhörten Vorgänge" :

Da weilt in de» ehrwürdige» Mauern der Cistercienser- Abtei P-lplin, des jetzigen Bischofssitzes der Diözese Culm, ein beinahe 100jähriger Greis, dessen ganzes Denken und Sinnen nur noch um die Ewigkeit sich dreht und um die Sehnsucht, Gort möge seinen Diener in Frieden dahin neh­men. Mehr als 90 Jahre hat dieser Bischof in Ehren vor Gott und den Menschen gewandelt, als treuesten Diener von Kirche und Staat kennt ihn seine ganz- Umgebung, verehren ihn seine Diözesanen, blicken weit- Kreise aus ihn. Seine Brust ist geziert mit dem Ehrenzeichen aus den glor­reichen Kämpfen der Deutschen gegen den korsischen Erobe­rer,' die der siebzehnjährige Jüngling als Freiwilliger be­standen hatte, „Kriegskamerad" Sein er M ajestät des Kaisers haben ihn auch protestantische und militä­rische Stimmen wohl genannt, als persona gratissima wurde er Bischof. Und auch als Bischof bewährte er sich in den schwersten Zeiten, speziell für sein weises und ent­schiedenes Verhalten in dem russisch-polnischen Aufstande von 1863 und 1864, der auch nach den preußisch-polnischen Landestheilen sich auszudehnen drohte, erhielt er den Rothen Adlerorden 1. Klaffe und ein Allerhöchstes Anerkennungs schreiben. Aber auch ein solcher Mann ist vor kulturkämpfe- rischer Anfeindung nicht sicher. Gerade in Bezug auf seine Loyalität, auf seine Stellung zu der Unterthanentreue der polnischen Untertanen Preußens mußte der 90jährige Greis im Abgeordnetenhaus- vertheidigt werden von seinem Reffen. Dieser Reffe ist unverdächtig. Er gehört auch weder dem Centrum noch den Polen an, sondern den Kon­servativen, er brachte nicht nur vor, was den unzweifelhaf­ten, sogar herzlichen Patriotismus seines bischöflichen Oheims bezeugen konnte, er führte auch den Wortlaut des vom Kultusminister angefochtenen Kirchengebetes an, zeigte di- volle Korrektheit, erklärte, keiner feiner politische» Freunde, derKonservativen, hab - darin irgend etwas Anstößiges, sondern man habe es sogar wesent­lich übereinstimmend gefunden, mit der betreffenden Stelle des Gebetes in den evangelischen Kirchen, und dann schil­derte dieser konservative Herr v. d. Marwitz, wie der greise Bischof gekränkt sich fühle und es ihn schmerze, derartige Anschuldigungen vom Mi­nister tische erfahren zu müssen, und der Konservative forderte dann die Sühne des geschehenen Unrechts. Und

Bürger zu fein, der sich bei irgend einer Beran- laffung verfpätet hatte.

„Der Mensch scheint die frische Witterung ge» meßen zu wollen", bemerkte der jüngere Beamte spöttisch.

„Pst! er ist nicht allein", murmelte der Veteran in den Bart.

In der That vernahmen sie jetzt andere weit schwerere und helltönendere Tritte, die von Je­manden herzurühren schienen, beffen Stiefel mit eisernen Hacken beschlagen waren. Der erste Fuß­gänger ging gleichgültig weiter, währenb ber zweite jetzt in bie Straße l'Alouette einbog. Er stützte sich auf einen dicken Stock und fein Nacken beugte sich unter der Last eine« schweren Koffers. Er konnte sehr wohl für einen HülfSmann gelten, allein die ehrenwerthen HülfSmänner, welche an der Ecke der Straße ihre Station hatten, pflegten nicht so spät zu arbeiten und bie an den Effen- bahnhöfen angestellten Packträger versahen erst nach 4 Uhr ihr Amt, bas heißt, bä ber Ankunft ber ersten Bahnzüge. Dieser Mann machte sich also ben Polizisten mit vollem Rechte verbächtig, um so mehr, als die Spitzbuben in dieser Jahreszeit ganz besonders thätig waren und mit Vorliebe bie von ihren Eigenthümern oerlaffenen Wagen burch-