ifiilh.irr l^ilinirt
-J'lllUlll l A’IJ UUIIU,
Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeile »der deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Aus den Reichstags-Debatten über die Dampfersubventions-Borlage
vom 13., 14. und 16. d. M.
(Fortsetzung.)
Der Abg. Richter ist für die Bewilligung nur der ostasiatischen Linie, welche der Reichskanzler als Abschlagszahlung anzunehmen erklärt habe, mit dem Bemerken, man müffe erst Erfahrungen sammeln. Es empfehle sich daher, das Risiko möglichst gering zu bemessen und erst, wenn die erste subventionirte Linie prosperire, zu weiteren Subventionen überzugchen. Redner polemisirt gegen die afrikanische und die australische Linie, erklärt dagegen die einmüthige Zustimmung seiner Freunde zur asiatischen Linie. Der Reichskanzler habe gestern von der Prosperität der Geschäftsbeziehungen mit Guinea und Kamerun gesprochen aber keine Beruhigung gewähren können, ob die Gegenden auch klimatisch für die Colonien geeignet seien. (Fürst Bismarck tritt ein.) Die gestern vom Reichskanzler skizzirte Colonialpolitik weiche wesentlich von den Angaben ab, mit denen der Regierungskommissar in der Kommission die Torlage befürwortet habe. Redner wendet sich schließlich gegen die Wirthschaftspolitik, weist auf den österreichisch-deutschen Zollkrieg hin und bekämpft die gestrigen Ausführungen des Reichskanzlers, daß der nationale Gedanke zurückgegangen sei. Die Förderung materieller Sonderinteressen in der Steuer- und Zollpolitik werde nicht beitragen, den nationalen Sinn zu heben.
Fürst Bismarck bestreitet dem Vorredner das Recht, hier im Namen des deutschen Volkes zu sprechen. Seine Rede sei eine Vertretung der Minoritätspartei. Selbst die Mehrheit der fortschrittlichen Wähler wußte nicht, was sie thaten. Soll ich mein ganzes Leben lang mich geirrt haben und bas patriotische Verständniß allein beim Fortschritt gewohnt haken? Wie gestern Herr Windthorst, hat heute Herr Richter die Debatte so geführt, 'als wäre nicht von Dampfersubventionen, sondern von Coloniengründung die Rede. Die Dampfervorlage ist von der Colonialfrage in der Hauptsache ga>-z unabhängig. Er warne, sich cin- reden zu lassen, daß die neuen Dampfersuboentionen blos bezweckten, Verbindung mit Kamerun und Angra Pequena aufrecht zu halten. Daß man für den neuen Zolltarif Cisleithaniens unseren Zolltarif ve antwortlich macht, ist natürlich aber doch unberechtigt. Ich bin gern der Dritte int Bunde mit den Herren Richter und Windthorst in dem Wunsche nach einer eng freundschaftlichen Verbindung mit Oesterreich. Wenn Herr Richter sich freue, daß in der Colonialfrage eine Verständigung mit England erzielt worden sei, so wäre eine solche noch leichter gewesen, wenn Herr Richter nicht zuvor hier einen Standpunkt vertreten, der unsere Stellung in den Verhandlungen wesentlich erschwert hätte. — lieber eine Aeußerung des Herrn Windthorst, daß zwischen uns und England Alles in hellen Flammen stehe, war ich geradezu bestürzt. (Windthorsts Aeußerung beruhte doch auf Bismarcks Rede und den Zeitungsartikeln seiner Offiziösen.) Redner weist auf die entgegengesetzten Ausführungen des heutigen „Timcs"-Artikcls und auf die Erklärungen Gladstone s über die deutsche Colonialpolitik hin. Es sei allerdings erklärlich, wenn die Mitglieder solcher Fraktionen, deren Ideal (?) nur durch einen Krieg realistrbar sWiederver-
6 Tagebuchblätter.
(Fortsetzung.)
Erinnerungen.
Diese kleine Arbeit stälkte und erfrischte niich. Ich war vorher zum Tode getrübt vor Heimweh und Sehnsucht nach — — ihm! Ja, nach ihm! Ich wollte es mir selbst kaum gestehen, und ich habe gekämpft und gerungen im Gebet, ihn zu vergessen — umsonst, umsonst, sein Bild verfolgte mich täglich, stündlich!
„Mein Herz ist krank, ich sag's gar nicht, Rein Herz ist krank um Einen, Ich könnt' eine ganze Winternacht Durchweinen um den Einen!"
So klang es mir tief im Herzen. Und jetzt ist es plötzlich ruhig, ich möchte fast sagen — heiter — in mir geworden, so daß ich — was mir bis jetzt noch nicht l’tttte gelingen wollen — aufrichtigen Herzens sagen kann: „Herr, nicht mein, sondern dcin Wille geschehe!" Es hat mir bi» jetzt nicht gerade schlimm auf der Welt gegangen; aber ich bin auch fast nie so recht glücklich gewesen. Nicht daß ich undankbar wäre gegen den allgüligen Schöpfer, der uns armen Menschen so viele und so herrliche Dinge spendet; nicht, daß
einigung Schleswigs mit Dänemark (??) Elsaß-Lothringen mit Frankreich (??), Wiederherstellung der Königreiche Polen und Hannover (?)] ungeduldig werden, weil der Friede sich immer mehr consolidire; aber man solle doch vorsichtig sein, unser Verhältniß mit den befreundeten Mächten ohne Grund als gefährdet zu bezeichnen. Ich würde meinen Sohn nicht nach England geschickt haben, um dort Händel zu suchen. Der Konflikt mit England ist gelöst. Ich hoffe, Herr Windthorst wird darüber herzliche Freude empfinden. Wenn wir keine Colonien und keine Subvention hätten, hätte unsere Flotte doch bald einer größeren Mehrbewilligung bedurft. Dem entgeht man durch Ablehnung oder Abschwächung dieser Vorlage nicht. Wenn wie Poschinger über den Bundesrath, so nach 30 Jahren ein Reichstags-Poschinger die heutige Zeit schildere, werde er den nationalen Gedanken als lebendig betrachten? Nein, aber die Hoffnung ruhe auf der Jugend, die unter dem Eindruck der großen Zeit ausgewachsen und für die Größe des Vaterlandes Gefühl habe. Erleben werde ich es nicht, aber die Zeit wird kommen.
Abg. Windthorst: Wenn der Reichskanzler gesagt, ich beweise nicht durch die Thal, daß ich die Einigkeit wünsche, so wünsche ich allerdings die Einigkeit, und die Bundesgenoffenschaft des Reichskanzlers wäre mir sehr lieb, aber nicht um den Preis meiner selbstständigen Meinung! Wir sind nicht in den Reichstag gesandt, um zu den Anschauungen des Reichskanzlers ja zu sagen, sondern um sie zu prüfen. Rächten die Verhandlungen die jetzt stattgefunden haben, dazu beitragen, daß beim Reichskanzler und bei uns die Ueberzeugung befestigt wird, daß es am besten wäre, wenn wir uns beiderseitig zu verständigen suchten. Die Behauptung, daß die Regierung die Leitung der Dinge zu wenig in der Hand habe, halte ich aufrecht. Auf den wichtigsten Gebieten, wo wir die Initiative der Regierung nölhiz gehabt hätten, haben wir sie nicht gefunden. Daraus folgt nicht, daß die Regierung nirgends die Initiative ergreife: sie ergreift sie, wenn ihr gerade der Gegenstand ein augenblickliches Interesse erweckt, wie z. B. die Colonialpolitik Ich halte auch meine fernere Behauptung aufrecht, daß mir der Reichskanzler bald zu schnell und bald zu langsam vorgeht. In der Koloniapolitik z. B., deren Tendenz ich vollkommen billige, geht mir der Reichskanzler z u s ch n e l l; in der Beseitigung des Kulturkampfes geht er mir zu langsam. (Heiterkeit.) Früher ist das Parlament mit Fragen der auswärtigen Politik vom Herrn Reichskanzler niemals befaßt worden; erst seitdem wir in eine Kolonialpolitik eingetreten sind, für welche er unfern Beistand nicht entbehren kann, ist das anders geworden. Ich halte diese Aenderung für einen Gewinn. Er ist ja das ernste Bestreben des Herrn Reichskanzlers gewesen, uns den Frieden mit England zu erhalten, und auf diesem Wege haben wir ihm stets unseren Sympathien entgegen gebracht. Wir sind immer glücklich gewesen, wenn ihm ein Schachzug gelungen ist. Um so schmerzlicher hat es mich berührt, wenn er heute hat durchblicken lassen, als ob es hier int Hause Leute gäbe, zu denen er auch nnch zu rechnen schien, die auf einen Krieg mit dem Auslande spekulirten. Eine derartige Beschuldigung weise ich entschieden zurück.
ich unzufrieden wäre mit dem Loos, für meines Lebens Unterhalt zu arbeiten, nein, o nein! Aber ein Glück, an das die meisten Menschen wenigstens die Erinnerung besitzen, habe ich niemals kennen gelernt — Vater- und Mutterliebe! Und die Sehnsucht nach diesem nie gekannten Glück zieht sich durch meine ganze Kindheit und Jugend. Mit welch sonderbaren Empfindungen habe ich stets andere Kinder betrachtet, die umgeben von sorgender Elternliebe aufwuchsen! Wie einsam fühlte ich mich stets, wenn ich ans einem Familienkreis kam, in dem Eltern und Kinder in herzinniger Gemeinschaft lebten! Wohl habe ich eine dunkle Vorstellung, daß sich einst ein liebes, freundliches Gesicht über mein Bettchen beugte, mit mir betete und mir einen Gutenachtkuß gab; aber es ist nur ein Schatten, nach dem ich mich als Kind mit wehem Herzchen sehnte, und alle guten Vorsätze, die ich faßte und ausführte, gipfelten in dem einen Wunsch und in der einen Hoffnung, zu meiner lieben Mutter in den Himmel zu kommen.
Ich war noch nicht vier Jahre alt, als meine Eltern kurz hintereinander an einer ansteckenden Krankheit starben. Entfernte Verwandte nahmen mich in ihr Haus auf, und dort verlebte ich
Ich versichere, daß ich Herzenswünsche habe in Beziehung auf verletzte Rechte, aber um den Preis eines Krieges würde ich nimmermehr wünschen, eine Befriedigung derselben zu erlangen. Mir das nicht zu glauben, halte ich für ganz unzulässig. (Beifall im Centrum.) Ich verstehe nicht, wie der Reichskanzler das hat thun können, besonders mit Beziehung auf Hannover. Ich habe schon einmal erklärt, daß meine Herzenswünsche auf die Wiederherstellung Hannovers gerichtet sind: aber um den Preis eines Krieges nimmermehr. Ich habe, wenn ich jene Aeußerung gethan, mich daran erinnert, daß es Momente in der Geschichte gegeben hat und geben wird, wo ein verletztes Recht sich so sehr geltend macht, daß man aus freier Entschließung dazu kommt, etwas wieder gut zu machen, was man niemals hätte verletzen sollen. (Beifall im Centrum.) Diese Erklärung wird den Herrn Reichskanzler hoffentlich zufriedenstellen. Ich kann nicht glauben, daß der Herr Reichskanzler annimmt, Gefühle, wie ich sie habe, lassen sich unterdrücken. Auch er ist ein monarchisch gesinnter Mann und weiß, daß man die monarchische Gesinnung nicht wechseln kann wie einen Rock. (Beifall im Centrum.) Damit fällt auch die Andeutung in nichts zusammen, als ob ich gestern auf England nur angespielt, weil ich geglaubt hätte, daß wir in einen Krieg mit dieser Macht gerathen könnten. Ich bin auf diese Angelegenheit nicht weiter eingegangen, weil ich eine heikle Angelegenheit nicht noch mehr verwickeln wollte. Aber ich glaube, darüber keinen Zweifel haben aufkommen zu lassen, daß bei Verwickelung mit dem Auslande der Reichskanzler das ganze Parlament hinter sich hat. Die Erörterungen sind dann weiter gegangen zwischen England und Deutschland, sie haben es nothwendig gemacht, daß der Reich kanzler seinen eigenen Sohn nach England hinüberschickte, um das brennende Feuer zu löschen. Ich gratulire diesem jungen Herrn, daß ihm die schwierige Aufgabe gelungen ist. (Heiterkeit.) Die mächtige Hand des Vaters hat ihn auch auf diesem Wege begleitet und ihm zu einem Erfolge verhalfen, den sonst wohl auch unser Botschafter hätte erringen können. (Heiterkeit.) Wenn ich also davon gesprochen, daß unsere Beziehungen zu England einen sehr ernsten Charakter angenommen hatten, so halte ich das voll und ganz aufrecht, und alle Welt wird mir darin zustimmen. Daß es dem Reichskanzler gelungen ist, die Mißverständnisse zu beseitigen, darüber habe ich ihm gestern schon meine Glückwünsche ausgesprochen. Was weiter aus diesen Dingen gemacht ist, ist unbegründet, vor Allem die Insinuation, welche der Reichskanzler seinen Ausführungen angehängt hat, als ob ich gewünscht hätte, aus einem Kriege Vortheile zu ziehen. Sehr interessant war mir die Bemerkung des Herrn Reichskanzlers, daß er glaube, die künftige Generation werde mit einer anderen Auffassung unserer politischen Zustände begab: fein als wir. Das sind Zukunftsbilder, die wir abwarten müffen. Herrn Poschinger's Buch ist ein nicht uninteressanter Beitrag zu dieser Geschichte. Aber ich muß sagen, daß die Bekanntmachung des Herrn etwas einseitig ist und kein volles Bild von dem gibt, was zu jener Zeit gethan ist. Das zu behaupten, wäre ein schiefes Urtheil. Das Werk ist weniger geschrieben, um die Geschichte jener Zeit objektiv darzustellen, als um den Reichskanzler zu verherrlichen. (Sehr richtig! im Centrum.) Ich will dem Herrn
meine Kindheit und Jugend. Wir hatten — und haben uns noch — gegenseitig lieb; aber ich merkte doch, welcher Unterschied es ist, ein Kind vom Hause zu sein oder eine Verwandte. Ein Kind sieht gar scharf in Sachen der Liebe. Onkel und Tante sind gut und lieb mit mir gewesen, ich be» komme noch fitzt die herzlichsten Briefe von ihnen,, und ich glaube, sie denken selbst, sie hätten mich lieb, wie ihr eigen Kind — nur ich weiß, daß. es nicht so ist, nur ich kenne den feinen Unterschied in ihrer Liebe zwischen dem Sohn und mir. Doch, habe ich nicht während meiner ganzen Kindheit an. diesem Unterschied studirt, sondern war im Ganzen, ein fröhliches Kind, das seine kleinen Pflichten mit. großem Eifer und wahrer Freude that. Ich lernte gern, und als ich heranwuchs, hegte ich den Wun ch,. das Examen als Lehrerin zu machen, um mnr dann später durch Stundengeben mein Brod zu. verdienen. Von den Zinsen meines kleinen elter- lichen Vermögens konnte ich nicht leben, und ich wünschte sehnlichst, nicht mehr von meinen Verwandten abzuhängen, die in ihrer großen @üte- mein kleine« Kapital nicht angebrochen hatten- Onkel und Tante waren mit meiner Absicht einverstanden; aber nur unter der Bedingung, daß ich auch in Zukunft ganz bei ihnen bliebe und nur