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1885.

Donnerstag, den 5. März

Die ersten Tage ihrer Reise vergingen auf ganz angenehme Weise. Das Neue, was sie sah, ent' zückte sie, seine Güte und Aufmerksamkeit gefiel ihr.

Er war ganz wunderbar aufmerksam gegen sie; ihr kleinster Wunsch, ihre leichteste Kaprice war erfüllt, ehe sie diese nur ausgesprochen hatte. Er sprach nie zu ihr von Liebe — nie von sich selbst — aber er umgab sie mit einer Atmosphäre von zärtlicher Sorgfalt, die ihr bald unentbehrlich wurde.

Sie suchten alle Plätze auf, die sie zu sehen wünschte. Sw gingen nach Rom, Venedig, Neapel, Palermo. Sie schwärmte für das neue interesiante Leben. In ihrem Gatten fand sie — wenn sie vergessen konnte, daß er ihr Gatte, daß er ein Plebejer war — einen höchst intelligenten Ge- sährten. Sie staunte über sein umfassendes Wissen; er schien die Geschichte jedes Gemäldes, jeder Sta­tue, jedes interesianten Ortes zu kennen; er wußte etwas aus dem Leben aller bedeutenden Männer.

An einem herrlichen Junimorgen besuchten sie

liberalen für die Bewilligung gesprochen, vertrat Abg. Rickert den Standpunkt der Minori­tät der Deutschfreisinnigen, welche „aus rein sachlichen Gründen" für die Position stimmen wollen. Abg. v. Wöllwarth, welcher hierauf das Wort ergriff, leitete seine Rede mit der zu­treffenden Bemerkung ein, daß das Centrum aller­dings ruhig gegen den zweiten Direktor stimmen könne, weil es seiner Wahlkreise sicher sei. Nach dem Votum vom 15. Dezember sei namentlich in Schwaben eine so große Erregung in das Volk gedrungen, und das Ansehen des Reichstags sei durch dieses Votum so tief gesunken, daß das Volk selbst einem Staatsstreich der verbündeten Negierungen ruhig zusehen würde. Dem Abgeord­neten v. Wöllrath antwortete zunächst sein schwäbischer Landsmann Abg. Payer (Volkspartei), welcher zunächst deffen Aeußerung über die Eventualrlät eines Staatsstreichs festnagelte und dann darlegte, daß die Position durch die künstlich erregte Ent­rüstungsbewegung aus einer einfachen Budgetfrage zu einer hochpolitischen Frage aufgebauscht worden sei. Jetzt handle es sich darum, ob man für den Reichstag oder für den Reichskanzler stimmen solle, und da könne sich die Volkspartei nur für den Reichstag entscheiden, nachdem der Reichskanzler durch Annahme der Entrüstungsadreffen die den Reichstag herabwürdigende Tendenz derselben accep- tirt habe. Aba. v. Voll mar motivirte das ab­lehnende Votum der Sozialdemokraten, während Abg. v. Helldorf für die Bewilligung plaidi-te. vr" Windthorst protestirt gegen die Herabsetz­ung des Parlamentes, welche dre Entrüstungsbe­wegung erzeugt habe. Wenn der Reichskanzler etwas verlange, werde immer gleich die Vertrauens­frage gestellt. Hr. v. Wöllwarth habe angedeutet, daß ein Staatsstreich geringere Bewegung hervor- gerufen haben würde, als es die Abstimmung vom 12. Dezember gethan. An einen Staatsstreich dürfe kein konstitutioneller Mann denken. Das Centrum sei durch seine Wähler verpflichtet, gegen die Position zu stiinmcn. In Abstimmung durch Namensaufruf wurden mit 17 2 gegen 153 Stimmende geforderten 20,000 M. bewilligt. Dafür stimmten Reichspartei, Nationalliberale, Deutschkonservative und ein Theil der Frei­sinnigen, meist frühere Sezessionisten.

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für das Lehrerpensions-Gesetz hat gestern die

X Die Tochter des Aristokraten

(19. Fortsetzung.)

Deutsches Reich.

Berlin, 4. März.

** Eine lange und erregte Diskussion knüpfte sich in der heutigen Sitzung des Reichstages an Kap. 4 Tit. 2 des Etats des Auswärtigen Amtes, in welchem bei der zweiten Lesung die Einstellung einer zweiten Direktorstelle ab­gelehnt war. Von Seiten der freikonservativen, konservativen und nationalliberalen Partei lagen Anträge auf Wiederherstellung der Regierungsvor­lage vor. Als erster Redner erklärte Abg. Rich­ter Namens der Majorität der deutschfreisinnigen Partei, daß die Mehrheit seiner Freunde schon am 15. Dezember diese Position als eine reine und unbedeutende Budgelfrage angesehen habe und nicht als eine Vertrauensfrage für den Reichs­kanzler. Das verneinende Votum habe auf der rein sachlichen Erwägung beruht, daß der Reichs­kanzler provisorisch die nöthigen Hilfskräfte an­stellen könne und daß man dann nach Jahresfrist bester darüber entscheiden könne, ob die definitive Creirung einer zweiten Direktorstelle nothwendig sei. Für die deutsch-konservative Fraktion sprach der Abg. Graf v. Dönh of f-Friedrichstein für die Bewilligung und kam dabei auch auf die Entrüstungsbewegung zu sprechen. Es handele sich, meinte Redner u. A., darum, ob die 45 Millionen Deutsche keine 20,000 Mark aufbringen könnten. Abgeordneter Freiherr von und zu Franck en- stein gab Namens der Centrumsfraktion die Er­klärung ab, daß dieselbe in Konsequenz ihres Ver­haltens bei der Feststellung des Etats die zweite Direktorstelle deshalb abgelehnt habe, weil die Nothwendigkeit derselben nicht nachgewiesen worden sei. Nachdem jedoch gegen alle Jene, welche gegen den zweiten Direktor gestimmt haben, eine solche Fülle von Schmähungen, Verdächtigungen und Unterstellungen in die Welt geschleudert, und nach­dem diese jede Grenze übersteigenden Kundgebungen in der offiziösen Press- beifällig registrirt worden, sei es für das Centrum eine unabweisbare Pflicht und Nothwendigkeit, bei dem Votum der zweiten Lesung zu verharren. Geh. Legationsrath Hum­bert trat der Behauptung entgegen, daß seitens der Regierungskommissarien in der Budgetkommis­sion keine genügenden Gründe für die Creirung der zweiten Direktorstelle angegeben worden seien. Nach Abg. Dr. v. Lenz Namens der National-

eine alte Gemäldegallerie in Venedig. Ein Bild fesselte besonders Janthe's Aufmerksamkeit, es war betitelt: „Eine unglückliche Ehe". Ein junges Weib mit einem süßen, geduldigen Antlitz, auf rem sich tiefer Kummer ausprägte, bewachte den Schlaf ihres Gatten, eines schönen, aber aus­schweifenden jungen Mannes mit erhitztem Antlitz und wirrem Haar. Eine Welt von Bedauern lag in den Augen der Frau, eine Geschichte in den lieblichen, hoffnungslosen Zügen.

Hermann zog Lady Janlhe hinweg.

„Betrachten Sie es nicht," sagte er hast'.g, „es gefällt mir gar nicht."

„Aber mir gefällt es," versetzte sie. „Was haben Sie daran auszusetzen?"

„Es weckt zu schmerzliche Gefühle," erwiderte Hermann; und Lady Janthe lachte.

„Es betrifft uns doch nicht im Entferntesten, sagte sie. „Wir haben uns nicht in einander getäuscht; bei uns handelte es sich weniger um eine Heirath, als um ein geschäftliches Arrange­ment. Wie kann dies Bild Sie schmerzlich be­rühren?" . ,

Ec wandte sich von ihr ab mit einem plötz­lichen tiefen Stöhnen, als ob er sein Weh nicht mehr ertragen könne.

zweite Lesung des Entwurfs vollendet. Die zweite Berathung wird in der nächsten Woche zwischen der zweiten und dritten Lesung des Etats erfolgen können. Es muß immer betont werden, daß die Regierung sich über ihre definitive Stellung zum Gesetz noch nicht geäußert hat.

♦ Die Budget-Kommission des Abgeord­netenhauses hat heute den Rest der Sekundärbahn. Vorlage unverändert genehmigt. n -k

* Die Arbeiterschutz-Kommission des Reichstage« hat heute zu ihren Beschlüssen über die Sonntagsarbeit noch Folgendes beschlossen: Welche Tage als Festtage gelten, bestimmen unter Berücksichtigung der örtlichen und konfessionellen Verhältmsie die Landesregierungen. An den be­sonderen Festtagen seiner Konfession kann kein Ar­beiter zum Arbeiten verpflichtet werden.

• Gestern ist das neunte Verzeichniß der beim Reichstage eingegangcnen P etitionen erschienen. Als besonders charakteristisch ist heroorzuheben, daß nicht weniger als 417 Petitionen um Einführung einer internationalen Doppelwährung eingegangen sind. Dieselben stammen sammt und sonders von den Vorständen land- und forstwirthschaftlicher Vereine. Sonst sind nur bemerkensw rth eine An­zahl von Petitionen, die von Rechtsanwälten aus­gehen und Reform der Gebührenordnung verlangen.

* Der .Reichsanzeiger' publizirt das Verbot der Ein- und Durchfuhr lebender Schafe aus Oesterreich-Ungarn und aus Rußland, sowie der Ein- und Durchfuhr frischen Fleisches von Schafen aus Rußland nach bezw. durch Würt- tenberg.

» Im Treibhaus der Bismarck-Begeisterung, das anläßlich ter bevorstehenden Jubiläumsfeier gegenwärtig stark geheizt ist, werden natürlich allerlei üppige Blüthen erzielt. Auf einen der originellsten Gedanken ist man im bayerischen Oberlande gekommen. Nach dem ,Nosenh. Anz.' geht man nämlich im Bezirk Miesbach mit dem Plane um, dem „Landwirth Bismarck" statt einer Betheiligung an der Geld-Sammlung zur Bismarck-Spende einen Zuchtbullen und fünf Kalbinnen echter „Miesbach-Simmenthaler Race" als Geschenk zu widmen. Wenn es zur Realisirung dieses sinnigen Gedankens kommt, werden zwei Bergbewohner in Nationaltracht die Thierchen nach Varzin begleiten, um sie persönlich dem erfreuten Kanzler vorzuführen.

Er versuchte sein Leid zu vergeffen, versuchte sich in den Anblick der herrlichen Scenerien zu versenken; er kaufte Alles, womit er Janthe eine Freude zu machen gedachte. Wenn sie eine Sta- tue, ein Gemälde bewunderte, und er konnte das Original nicht bekommen, so bestellte er eine Ko­pie. Er sandle Kunstschätze in solcher Menge nach Croombe, daß der Earl sich vor Staunen kaum zu saffen wußte.

Sie trafen viele Engländer auf ihrer Reffe. Lady Janthe suchte derartige Begegnungen nicht mehr zu vermeiden. Sie dachte nicht mehr, daß in ihrem Benehmen gegen den Gatten etwas Auf­fallendes liege. Im Gewöhnlichen verkehrte sie so unbefangen mit ihm, daß die Gegenwart Fremder sie wenig ober gar nicht genirte. Man machte keinerlei Bemerkungen über das schöne Paar, das überall Bewunderung erregte. Und bis jetzt war Hermann noch voller Hoffnung, sie würve nicht immer so kalt, so stolz, so abweisend gegen ihn sein. Sie würde ihn lieben lernen; und so hart es auch war, er wollte geduldig diesen Tag er­warten. Manchmal sehnte er sich nach einem freundlichen Wort von seiner Gattin — er sehnte sich, ihre Stimme den süßen, weichen Ton an­nehmen zu hören, in welchem sie von ihrem Vater

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