M 47.
Freitag, den 27. Februar
1885
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Mit Abdruck des bereits angekündigten Romans aus der Pariser Gesellschaft werden wir im Laufe des nächsten Monats beginnen.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Februar.
** Im Herrenhause wurde zunächst der Gesetzentwurf betreff, die Landeskreditkasse in Kassel debattenlos angenommen. Die Berichte über dieStaatsbahn-Betriebs-Ergebnisie für 1883/84, über die Bauführungen und Beschaffungen der Eisenbahnverwaltung während desselben Jahres, über die bisherige Ausführung des in den verschiedenen Gesetzen, über den Erwerb von Privatbahnen für den Staat und über den Verkauf einer Berliner Sladtbahnparzelle werden durch Kenntniß- nahme erledigt. Zuin Mitglied der Staatsschuldenkommission wurde Herr v. Pfuel gewählt. Hierauf wurde die Berathung der Kreisordnung und des Ausführungsgesetzes für die Provinzialordnung bezüglich der Provinz Hessen-Nassau fortgesetzt. Im Laufe der Debatte führte Reg -Komm. Geh. Rath Dr. v. Bitter aus, daß nur auf dem Wege der Vereinigung der Verwaltung des Stadtkreises mit dem Landkreise Frankfurt a. M. in einer Hand Gefahren entgegen getreten werden könne, wie solche die jüngsten Ereignisse in Frankfurt a. M. enthüllt haben. Die Vereinigung wurde daraufhin beschlossen. Der Rest der Kreisordnung wurde ohne weitere Debatte angenommen. Auch das Einführungsges.tz für die Provinzialordnung, wovon gestern nur der 1. Artikel erledigt wurde, werden in Verfassung der Kommission nach längerer Debatte angenommen. Endlich wurde die Uebersicht über die Verwaltung der fiskalischen Bergwerke rc. durch Kenntnißnahme erledigt. Nächste Sitzung morgen. T.-O. Kleinere Vorlagen.
• Das Abgeordnetenhaus befaßte sich heute zunächst wieder mit dem Fall des wohlbekannten ungenannten Herrn Schweninger. Der Abg. Stern begründete nämlich seinen Antrag, die
geforderten 3900 M. für die Professur der Dermatologie zu streichen, indem er die fachwissenschaftliche und sittliche Qualifikation des neuen Professors in Abrede stellte. Die verschiedenen Vorschläge des Redners, wie man den kanzlerischen Leibarzt hätte abfinden können, ohne auf eine Professur zu greifen, wurden von dem Hause mit Heiterkeit ausgenommen. Der Abg. v. Rauchhaupt erklärte die Zustimmung der Konservativen, gab aber dabei eine merkwürdige Interpretation des Budgetreckts, die später von dem Abg. Virchow mit Recht bekämpft wurde. Der konservative Führer meinte nämlich, eine budgetmäßige Position könne nicht mit Rücksicht auf eine daran geknüpfte Personenfrage verweigert werden — es würde dies ein indirekter Eingriff in die Exekutive fein. Der Abg. Windthorst benutzte die Gelegenheit, um feine Beziehungen zu dieser Affaire darzustellen und bemerkte, er habe zwar im vorigen Jahre in einem größeren Kreise das Verbleiben Schweningers in Berlin mit Rücksicht auf dessen glückliche Kuren au verschiedenen Orten befürwortet, aber von den inzwischen bekannt gewordenen Antecedentien desselben nichts gewußt. Er enthalte sich aus diesen Rücksichten der Abstimmung. Die Redner der Fortschrittspartei, die Abgeordneten Virchow und Hänel, griffen auch heute wieder die Kultusverwaltung in der entschiedensten Weise an, der letztere klagte den Minister förmlich an, daß er nicht gesetzmäßig gehandelt habe, — auf eine Provo- cation des freikonseroativenAbgeordneten v. Zedlitz hin, der behauptete, die Forischrittsparrei habe mcht den Muth, dem Minister ein förmliches Mißtrauensvotum zu ertheilen. Die Nationalliberalen bla- mirten sich heute wieder so gut sie konnten, ihre Sprecher waren H o b r e ch t und Graf. Die Forderung von 3900 M. für den außerordentlichen Professor Schweninger wurde schließlich in namentlicher Abstimmung mit 190 gegen 149 Stimmen bewilligt. Das Centrum stimmte natürlich gegen dieselbe. Der Abg. Dr. Windthorst verlangte wiederholt die Anstellung eines katholischen Geschichtsprofessors in Berlin, die Regierung hielt es aber nicht der Mühe für werth, der Anregung näher zu treten. Der Zuschuß für die Universität Berlin wurde unverändert bewilligt. Der Abg. Mosler unterzog den bekannten Aufruf zum Bau dner altkatholischen Kirche in Karlsruhe einer verdienten Kritik. Der Aufruf sprach
von einem „Versinken des katholischen Volkes in Aberglauben," dem durch Unterstützung der alt- katholischen Sache entgegengetreten werden müsse. Ein „kalter Wasserstrahl" für diese Verletzung der Parität wäre wohl am Platze. Den letzten interessanten Punkt der heutigen Debatte bildete die Frage wegen Nichtbesetzung der Professur für neu- testamentliche Exegese an der Akademie zu Münster in Folge der bureaukratischen Behandlung der Angelegenheit durch den Minister, welche Windthorst lebhaft beklagte, ohne damit indeß ein Entgegenkommen der Regierung gegen den Bischof von Münster zu erreichen. Das Kapitel „Universitäten" war damit erledigt.
* Es wird beabsichtigt, wenn am Sonnabend im Abgeornetenhause der Kultus-Etat durchbe- rathen ist, einen Vertagungs-Antrag einzubringen, um vom 2. März ab alsdann dem Reichstage zur Behandlung der Kolonialfragen rc. ununterbrochen Zeit zu geben. Die Pause des Abgeordnetenhauses soll acht Tage betragen.
* Vier katholische Geistliche in Preußen haben den Aufruf zur Bismarckspende mit unterzeichnet. Von diesen sind bis jetzt drei zurückgetreten, nämlich Erzpriester Warnatsch in Groß- Glogau, Pfarrer Kosche in Polkwitz und Pastor Fcintrup in Altona, weil sie, wie die beiden eisten erklären, jetzt erst erfahren haben wollen, daß das katholische Volk die Betheiligung eines Katholiken an solchem Aufrufe als Zustimmung auch zur Kirchenpolitik des Reichskanzlers ansehe. Pastor Feivtr-/p in der Diasporapfarre Altona erklärt: „Ich bin aus Nebereilung in das hiesige Komitee gerathen. Der Aufruf hat mir nicht vorgelegen und habe ich denselben nicht unterschrieben (!) und auch keine Beiträge entgegengenommen. Als ich dann meinen Namen unter dem Aufrufe gedruckt fand, habe ich das Komitee ersucht, ihn abzusetzen. Es kommt mir absolut nicht in den Sinn, Jemandem Aergerniß zu geben."
* Der Berliner Scharfrichter Krauts hat für die Hinrichtungen in Halle 600 Mark erhalten.
* Braunschweig, 26. Febr. Die Nachricht, daß in der letzten Zeit mehrere deutsche Fürsten für die Thronfolge des Herzogs von Cumberland in Braunschweig thätig waren, wird offiziös al« zutreffend bezeichnet. Besonders bemühten sich für einen Ausgleich der König von Sachsen und der Großherzog von Baden. Die Verhandlungen
X Die Tochter des Aristokraten.
(13. Fortsctzunz.)
Es war grausam, unnatürlich grausam von ihr, und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr schrak sie vor ihrem Entschluß zurück. Konnte sie, sein einziges, geliebtes Kind, den alten Vater wieder in den Abgrund der Verzweiflung, aus dem er sich schon gerettet geglaubt hatte, hinunter- stürzen?
Blieb ihr keine andere Wahl? Eine Idee drängte sich ihr auf. Sie wollte selbst mit Hermann Culroß sprechen, ihn fragen, ob er keinen andern Vorschlag zu machen habe. Sie wollte ihm sagen, nicht» könne sie dazu bestimmen, in eine solche Heirath einzuwilligen — die Idee sei einfach absurd — aber sie würde ihm ihr ganzes Leben dankbar fein, wenn er ihrem Vater auf irgend eine Weise aus seiner Verlegenheit helfen könne.
Dann versuchte sie zu schlafen, konnte aber in dieser Nacht Line Ruhe finden. Sie mußte beständig über die Unterredung am nächsten Morgen Nachdenken. Sie erhob sich früh; sie war entschlossen, ihn so bald als möglich zu sprechen, um der qualvollen Ungewißheit ein Ende zu machen, i
Unbewußt verweilte sie lange bei ihrer Toilette; sie wünschte besonders schön auszusehen — nicht um seine Aufmerksamkeit zu erregen, sondern um ihm mit ihrer würdevollen Erscheinung zu imponiren.
Dann fiel ihr ein, daß es nicht sehr angenehm fein würde, allein mit einem Manne zu frühstücken, den sie nut ihrem Zorn zu vernichten beabsichtigte. Sie ließ sich bei ihm entschuldigen und befahl, das Frühstück für Mr. Culroß im Speisesaal zu serviren.
Hermann wußte kaum, welchen Schluß er daraus ziehen sollte — war es eine gute ober schlimme Vorbedeutung? Er sollte es bald erfahren.
6. Kapitel.
Eines der hübschesten Gemächer in der Abtei war das Morgenzimmer. Es war ausschließlich für den Gebrauch der Damen Carre bestimmt und auf das Geschmackvollste und Eleganteste möblirt. Von diesem Zimmer au» trat man in ein Gewächshaus, da» selbst im Winter mit blühenden Blumen und reizenden Singvögeln angefüllt war. Weiße Spitzenvorhänge, Behänge von mattrofa Seidenstoff, einige ausgewählte Gemälde und eine weiße Psyche mit einem Korb voll rothen Blumen
zu ihren Füßen, machten das Morgenzimmer zu einem reizenden Aufenthaltsort.
Hier gedachte Lady Janthe mit Hermann zu sprechen. Sie ließ ihm sagen, daß sie ihn erwarte, und durch die weit offene Thüre erblickte er sie schon von ferne. Ihre graziöse Gestalt war leicht gebeugt, ein Ausdruck tiefen Nachdenken» und ernster Sorge lag auf dem schönen vornehmen Antlitz.
Hermann fühlte fein Herz in leidenschaftlicher Siebe zu ihr entbrennen.
„Sie ist eine Königin," dachte er — „und so schön, als sie stolz ist; aber ich werde sie gewinnen, wenn sie zu gewinnen ist."
Sie hörte ihn anfangs nicht; aber plötzlich blickte sie auf und erröthete heiß, al» sie ihn vor sich sah. Sie konnte nicht umhin, die leidenschaftliche Liebe, die aus seinen Augen sprach, zu bemerken und als er ihr stürmisch die Hand reichen wollte, schrak sie vor der warmen Begrüßung zurück.
„Guten Morgen, Mr. Culroß," sagte sie kühl, „ich wünschte mit Ihnen zu sprechen, wenn Sie ein wenig Zeit übrig haben."
„Für Sie, Lady Janthe, habe ich immer Zeit übrig. Ich wünsche nichts sehnlicher, als Ihnen mein ganzes Leben weihen zu dürfen."