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Ich denke, das Zugeständniß werden Sie mir auf keinen Fall verweigern. Dann kam ein Schlag, ein Druck nach dem andern auf die katholische Kirche, di« Bischöfe remon- strirten, sie machten entgegenkommende Vorschläge, sie blie­ben ungehört, ja, erhielten nicht einmal eine Antwort. Nach Rom hin wurde Niemand geschickt, dort auch Niemand befragt, mit Niemand nahm man überhaupt Rücksprache, der sich für die katholischen Interessen nur irgend halte erwärmen können. Man hörte nur auf di- Stimmen er­klärter Feinde der katholischen Kirche. Und welche Töne vernahmen wir hier im Hause! Allerdings, das gebe ich zu, meine Herren, es besteht ein außerordentlicher Unter­schied in dem Tempo der Gegenwart und dem der Vergan­genheit. Nicht selten wurde ich hier an die Wolfschluchts­scene erinnert, durch das Toben über Reden, über Aeuße- rungen aus dem Centrum, die nur den Zweck hatten, uy- sere Kirche, unser gutes Recht zu vertheidigen. (Sehr rich­tig! im Centrum.) Mit Phrasen aller Art, mit einem wahren Phrasenschutt wurden wir übergossen, wir wurden ausgeschlossen im Reichstage und in diesem Hause von jeder parlamentarischen Würde, wir wurden als Reichs­feinde, als Gott weiß was Alles denuncirt, in den Bann gethan. Das war allerdings der Ton der damaligen Zeit, als cs galt, die katholische Kirch- mit Gewalt niederzuwer- fen. Das war denn auch wirklich das Ziel. Dieses Ziel hat man allerdings nicht erreicht, man ist gescheitert an der Macht der Verhältnisse, man ist gescheitert an dem Widerstande des katholischen Volkes, welches fest auf seinen Glauben stand, man ist gescheitert an der Hingebung und der Opferwilligkeit des katholischen Klerus und seiner Bi­schöfe. An dies- Vorgänge bitt- ich doch auch den Herrn Kultusminister sich erinnern zu wollen, diese Vorgänge geben auch, wie mir scheint, die beste Antwort auf das­jenige, was zuvor von Herrn v. Epnern uns gesagt wor­den ist und was wir eben, wenn auch nicht in gleicher Form, so doch im Wesentlichen eben wohl aus dem Munde des Herrn Ministers vernommen haben. Es wird uns bald gesagt — wir haben es früher schon öfter gehört — der Papst pflege den Kulturkampf. Herr Stöcker hat sich sogar den Scherz erlauben zu dürfen geglaubt, den Papst als den größten Kulturkämpscr zu bezeichnen, wie denn auch heute Hr. v. Epnern auf Grund seiner Fühlung mit dem Vatikan den Papst als den hervorragendsten Nationallibe­ralen uns vorgeführt hat. Wie weit diese Scherz- geschmack­voll sind, lasse ich dahingestellt, darüber mögen Sie sich selbst ein Urtheil bilden; das aber möchte ich bemerken, daß, wenn man solche Reden hört, man fast glauben sollte, der Papst habe beim Zustandekommen des Kulturkampfes mitgewirkt. Darum sei es nun auch seine Sache, die Mai­gesetze wieder aus der Welt schaffen zu helfen. Ich sollte doch glauben. Diejenigen, welche diese Gesetze geschaffen hrben, welche so Vieles in Unordnung, in die tiefste, ver­derblichst- Unordnung gebracht haben, was früher durch Verfassung und Gesetz bestens geregelt war, diese hätten vor Allem Alles aufbieten sollen, damit der srühere Friede in unfern Staat zurückkehrt. (Sehr richtig! im Centrum.) Wir haben zwar eben vom Herrn Kultusminister gehört, wie hier einmal die Dinge ständen, und wie sie im Herren­hause beschaffen seien, wäre nicht zu erwarten, daß irgend eine Revisionsvorlage seitens der Regierung, die uns vom Centrum befriedige, Erfolg habe. Nun, was das Herrcn-

liegen Zeugnisse selbst seitens der Regierung vor. Und nun kurz nach dem siegreichen Einzuge unserer Truppen hier in Berlin, bei welchem Einzuge auch Jesuiten, die das Eiserne Kreuz auf ihrer Brust trugen, mit unseren Truppen, als an deren Siegen betheiligt, erschienen. (Hört! hört! im Centrum.) Kurz nachher sage ich, beginnt der Kulturkampf; er fängt damit an, die katholische Abiheilung aus dem Kultusministerium herauszudrängen, er fängt damit an, daß die Regierung offen Partei für die Alt­katholiken ergreift, ihnen die Pantaleonkirche zu Köln aus- tiefert und den katholischen Armeebischof beseitigt. Das waren di- ersten Symptome des Kulturkampfes. So ging es immer weiter in immer rascherem Tempo, bis zur ärgsten Bedrängung! — Und was hat man vorgebracht, um eine so plötzliche Umkehr nach solchen Begebnissen zu motiviren? Was man alles damals zu diesem Zweck vor­gebracht hat, ist so gründlich widerlegt, ja ich kann sagen ad absurdum geführt, daß selbst Herr v. Epnern Nicht mehr den Muth hat, darauf zurückzukommen. (Abgeord­neter v. Epnern: abwarten!) Man hat zunächst gegen uns das Dogma von der Unfehlbarkeit in's Feld geführt. Diesem Stratagem hat bann der Herr Reichskanzler selbst dadurch ein Ende gemacht, daß er offen erklärte, das Dogma sei eine Sache der Kirche, die ihn und den Staat nichts angehe, wie das ja auch in anderen Staaten, die gewiß eher als protestantisch bezeichnet werden könnten als früher Preußen thatsächlich bekundet worden ist. Hat man in Holland, England, in Amerika, staatlicherseits ans dem Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit Aufhebens gemacht? Man hat dort einfach gesagt, wir wollen ab­warten, ob daraus etwas staatsgefährliches erwächst und dagegen dann unsere Maßregeln treffen; kurz das Dogma ist als Anlaß zum Kulturkampf von dem Herrn Reichs- kanzler selbst beseitigt worden. Dann kam die „Mobili- sirung des Centrums" in den Vordergrund. Das scheint mir indeß ein so fadenscheiniger Grund zu sein, daß man darauf nicht zurückkommen wird und kann. Das Centrum wurde damals von der katholischen Bevölkerung hierher- gefchickt als eben mit der Aufhebung der katholischen Ab- theilung, der Kulturkampf begonnen hatte, wie sich übrigens schon vor depr Kriege «ns dieser sder linkens Seite ein sehr entschiedenes Streben nach einer Nationalkirche u. A. durch den bekannten Moabiter Klostersturm und was damit zufaminenhing, zu erkennen gegeben hatte. Da schickte dann ganz natürlich das katholische Volk katho­lische Männer hierher, um solchem Beginnen entgegen­zutreten, um für die Verfassung, wie sie damals noch bestand, nach besten Kräften einzutreten. Aber, meine Her­ren, konnte dann wirklich dies Centrum dem Staate irgend Gefahr bringen? In spezifisch kirchlichen Angelegenheiten waren wir ja vollkommen beruhigt, wenn man die Dinge nur eben in d.m Stande beließ, in welchem sie sich bis dahin auf Grund der Verfassung befunden hatten. Sollten wir vom Centrum in kirchlichen Dingen Hebelgriffe in's staatliche Gebiet uns erlauben, dann bildeten wir ja hier eine so handgreifliche Minorität, daß von solchem Begin­nen nicht das Mindeste zu befürchten war. Im Uebrigen aber, glaube ich, werden selbst die Herren auf der Mini­sterbank mir zugestehen, daß das Centrum durch den Kul­turkampf ihnen viel unbequemer gerade geworden ist, als es jemals hätte werden können ohne den Kulturkampf.

X Die Tochter des Aristokraten (11. Fortsetzung.)

„Es hängt Alles von Dir ab, Janthe," sagte er — „Alles von Dir."

„Von mir, Vater? Wie kann dies sein?"

„Du sagtest, Du hättest Dein Leben verkauft, um mir zu helfen, Janthe. .Meintest Du dies so?" fragte er.

„Gewiß. Ich wäre mit Freuden gestorben, um Dich zu retten — Dich und den Nanien der Garte."

„Du sollst nicht sterben, mein Liebling," sagte Lord Gurre; „Du sollst nur ein Vorurtheil bei Seite legen. Höre mich an, Janthe. Hermann Gulroß ist ein hochsinniger Mann. Er hat sich er­boten — ach, mein Liebling, ich kann kaum die Worte finden, um Dir sein edles Anerbieten mit» zutheilen. Erstens will er zu gewissen Bedingun­gen mir die 10,000 Pfund wieder leiben, so daß ich Groombe, mein geliebtes Heim, nicht zu ver­lieren brauche; dann will er mir auch die 5000 Pfund, die ich Wyndham Garte schulde, zur Ver­fügung stellen, so daß ich diesen sogleich bezahlen und meinen guten Namen vor Schande bewahren kann; endlich will er von diesen elenden 200,000 Pfund, die ich geborgt habe, das eine Hun­derttausend aus eigenen Mitteln bezahlen und das andere soll durch den Ertrag der Güler ter» minweise abgetragen werden — so daß ich aller

Sie gewahrte Thränen auf seinem Antlitz. Er streckte ihr beide Hände entgegen.

„Janthe, mein Liebling, komme hierher," rief er — „hier, wo ich Dich küssen, Dich bitten, zu Dir flehen kann!"

Sie ließ sich auf dem Schemel zu seinen Füßen nieder und blickte voll unaussprechlicher Zärtlichkeit zu ihm auf.

„Janthe," begann er endlich, „es kommt Hülfe. O, mein Liebling, seitdem Dunkelheit mich umgab, habe ich heute zum ersten Mal wieder einen Schim­mer von Licht gesehen und ich bin ganz krank vor Freude I Janthe, es gibt einen Weg, auf dem ich gerettet kann werden."

Er hatte sich seither mit großer Anstrengung aufrecht erhalten, jetzt brach er zusammen. Sein Gesicht über Janthe neigend, weinte er wie ein Kind.

„Nur der Himmel weiß, was ich gelitten habe," schluchzte er. „Im Geiste sah ich mich verarmt, im Gesängniß — mein Vermögen verloren — mein Name beschimpft — mein einziges Kind für feinen Lebensunterhalt arbeitend. Ich hörte mich

einen Dieb, einen Betrüget nennen und es hat mich fast um den Verstand gebracht. Jetzt ist Alles vorüber — Alles vorüber. Ich hätte es nicht überleben können, Janthe."

„Armer Vater, rote muß Du gelitten haben!" sagte seine Tochter mit sanfter Stimme. „Und Du hast mir nicht« davon gesagt. Ich wußte noch nicht die Hälfte von Allem."

„Ich konnte es Dir nicht sagen, mein Liebling. Es gibt einen Schmerz, der sich nicht in Worte taffen läßt. Aber jetzt ist es vorbei, dem Himmel sei Dank! Ich sehe wieder bessere Tage kommen. Ich sehe meinen Namen in Ehren gehalten — ich sehe Enkelkinder auf meine Kniee klettern und ich danke dem Herrn für das unverdiente Glück."

Janthe's Züge erhellten sich, als sie bewegt seinen Worten lauschte.

„Wie froh bin ich für Dich, Vater," sagte sie zärtlich. „Ich fühle Deine Freude, wie ich auch Deinen Schmerz getheilt habe. Ich würde mein Leben für Dich verkauft haben, wenn Dich dies hätte retten können."

Er blickte sie an und sie gewahrte einen Aus­druck von Furcht in feinen Augen. Er legte feine beiden Hände auf ihre Schultern und schaute lange und ängstlich in ihre bewegten Züge.

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Mit Abdruck de« bereits angekündigten Romans aus der Pariser Gesellschaft werden wir im Laufe des nächsten Monats beginnen.

* Aus der Rede des Abgeordneten Dr. Reichensperger (Köln)

gehalten im preußischen Abgeordnetenhause am 23. b. M. bei Berathung bes Kultusetats.

Meine Herren! Es scheint vielfach vergessen zu sein, auch seitens bes Herrn Kultusministers, wie es vor bem Jahre 1871, vor bem Beginn bes Kulturkampfes, in Preußen ausgesehen hat. (Sehr richtig! im Centrum.) Unb so halte ich es benn wirklich in mehr als einer Be­ziehung für notwendig, einen Rückblick auf jene Zeiten zu werfen. Der Herr v. Epnern wirb wohl nicht ver­langen, baß ich aufs Mittelalter zurückgehe, es wirb ihm hoffentlich genügen, wenn ich 30 bis 40 Jahre überblicke. Sie erinnern sich hoffentlich, wenigstens zurn Theil noch, baß aus ben Stürmen bes Jahres 1848 eine Verfassung hervorgegangen ist, bie wahrlich weber entworfen noch votirt worben ist von reichsfeindlichen ober heißblütigen Ultramontanen. Diejenigen, bie sie damals votirt haben, ebenso wie bie, welche sie entworfen haben, werben Sie wohl ber großen Majorität nach als burchaus freisinnig« Männer anerkennen. Diese Verfassung hat meines Wissens — unb ich glaube ba keinem Wiberspruch zu begegnen — ungefähr 20 Jahre lang in heilsamster Weise gewirkt, bie besten Früchte getragen, ben Frieben zwischen ben Kon­fessionen befestigt. Haben wir boch im Jahre 1861 bei ber Krönungsfeier in ber feierlichnen Weise aus bem Munbe Sr. Majestät bes Kaisers unb Königs ich habe es mit eigenen Ohren vernommen — ben Ausspruch ge­hört, baß im Lande Preußen bas Verhältniß zwischen Staat unb Kirche durch bie Verfassung unb durch Gesetze aufs beste geordnet sei. (Hört! hört! im Centrum.) Das war im Jahre 1861. (Zuruf.) Sie können bas nicht wissen, Herr v. Epnern, damals waren Sie noch zu jung. (Heiterkeit.) So lautete ber königliche Ausspruch, ber boch hoffentlich nicht bementitt werden wird, jedenfalls nicht bementitt werden kann. Die Thatfache spricht allzu laut. Die ganze Geschichte ber 20 Jahre nach Ablauf ber Verfassung spricht in bem bezeichneten Sinne. Da begann etwa 10 Jahre .nach ber Krönung ber von Frankreich muthwillig provozirte Krieg. Ich glaube boch wohl sagen zu bürfen, baß brr siegreiche Ausgang dieses Krieges eben so sehr ber katholischen Bevölkerung, wie ber nichtkatho­lischen beizumessen ist. (Zuruf.) Darum sage ich es gerabe, weil es unbestreitbar ist, baß bie katholischen Untertanen Sr. Majestät ebensoviel Opferwilligkeit, ebensoviel Tapfer­keit, ebensoviel Hingebung gezeigt wie itgenb ein anberer. Ich sage weiter, baß auch unsere kirchlichen Orben bamals ihre Hingebung auf bas Glänzendste betätigt haben, dafür

1885.

Mittwoch, den 25. Februar

Fuldaer