44. Dienstag, den 24. Februar
N
1885.
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* Die römische Frage in Spanien.
In der Sitzung des Madrider Kongresses vom 6. d. versuchte der Abgeordnete Montero Rios, ein beredter Führer der liberalen Linken, zwischen dem Minister-Präsidenten Canovas del Castillo und dem Kultusminister Pidal y Man eine Verschiedenheit in Bezug auf ihre Auffassung der römischen Frage zu konstatiren, indem er behauptete, der Minister-Präsident habe in einer vorangegangenen Sitzung des Kongreffes gesagt, daß die römische Frage zu den innern Angelegenheiten des Königreichs Italien gehöre. Der Ministerpräsident fand sich in Folge dessen veranlaßt, seine Stellung zur römischen Frage und die seines KabinetS in ausführlicher Weise zu präzisiren, und bewies damit zugleich, wie sehr er mit den zur Zeit gegebenen Erklärungen seines Kultusministers über die weltliche Herrschaft des Papstes im Einver- ständniß steht. Rach dem offiziellen Bericht über jene hochwichtige Sitzung des Kongresses lauten seine Ausführungen im Wesentlichen also:
„Als ich das historische Wort gebrauchte und sagte, daß die Geschichte Spaniens mit der des Königreichs Italien in keinem Zusammenhang stehe, habe ich die Reihe von Ereignissen vor Augen gehabt, denen zufolge die Zerstörung der weltlichen Macht de« Papstes vollenvet wurde, und wollte mit meinen Worten andeuten, daß die spanische Nation sich die Unabhängigkeit ihrer Geschichte und die absolute Unabhängigkeit ihres Urtheils bewahre, und ebenso die vollständige Verantwortungslosigkeit für ihre Akte in Beziehung auf Thatsachen und historische Begebenheiten, woran sie nicht den geringsten Theil genommen hat, noch auch, wie Jeder zugeben wird, irgend einen Theil nimmt. Falsch ist ei, daß ich behauptet habe, die Frage der weltlichen Macht des Papstes sei eine innere Angelegenheit Italiens. Im Geqentheil, ich glaube, daß die Frage der Unabhängigkeit des Papstthums, in we cher Form auch immer sie in der Geschichte aufgetreten ist, in welcher Form auch immer sie jetzt erscheint, wie auch immer man sie behandeln mag, immerdar eine wichtige Frage für den ganzen katholischen Erdkreis bilden wird. Das Wort „innere", welches Herr Montero Rio« mir vorhält und welches durch die Blätter gelaufen ist, habe ich niemals ausgesprochen. All' dasjenige, was möglich und nolhwendig ist im
X Die Tochter des Aristokraten.
(10. Fortsetzung.)
Mit jedem Tag verliebte sich Hermann Culroß mehr in seine schöne, junge Wirthin, die ihrerseits mehr denn je entschlossen war, die Entfernung zwischen Parvenü und Aristokratin bemerkbar zu machen, was ihr mit wunderbarem Takt gelang.
An einem schönen, herrlichen Morgen machte ihr der Earl den Vorschlag, mit Mr. Culroß einen Spazierritt zu unternehmen; die Luft sei so rein und klar, es würde ihr gut thun. Hermann erwartete voll brennender Ungeduld ihre Antwort, die ruhig, aber mit aller Bestimmtheit gegeben wurde. Sie gab zu, daß das Wetter herrlich sei, und war auch überzeugt, für Mr. Culroß sei ein Spazierritt sehr angenehm; aber sie selbst war des Morgens zu sehr in Anspruch genommen, was bei der Herrin des Hauses Croombe doch leicht zu begreifen wäre.
„Aber für kurze Zeit könntest Du Dich doch frei machen," meinte ihr Vater! doch sie bedauerte mit der größten Gelassenheit, daß dies unmöglich sei.
Hermann'« Mienf trübte sich. Sie wollte nicht
Interesse der Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaters der Christenheit, wird die gegenwärtige spanische Regierung mit Emsigkeit thun; thun wird es die konservative Partei, welche jetzt am Ruder ist; thun werde ich es, entsprechend meinen Ueber- zeugungen und meinen Antezedentien. Was ich denke, das denken viele Katholiken, das denkt die ungeheuer große Mehrheit derselben, um nicht zu sagen, das denken sie fast einstimmig; denn eine Einstimmigkeit will ich hierin nicht behaupten, unter anderm deshalb, um Montero Rios ausnehmen zu können; und ich bin der Ansicht, daß eine bestimmte historische Form des Papstthums, die der weltlichen Macht nämlich, die passendste und wichtigste, daß sie für die Unabhängigkeit des Papstthums nothwendig ist. Die Katholiken Spaniens aller Zeiten konnten mit ruhigem Gewissen in Freundschaft, ja sogar in Bünd- niß stehen mit irrgläubigen und selbst mit ungläubigen Nationen. Die Gewissen unserer Väter in dem so geschmähten 17. wie auch im 16. Jahrhundert brauchten sich nicht zu beunruhigen, weil sie freundschaftliche Beziehungen oder gar Einigkeit und Bündniß mit protestantischen Nationen unterhielten. Wenn dies aber jederzeit möglich war, wie sollte es dann nicht angehen in Bezug auf das Königreich Italien, welches bis zur Stunde dem Titel eines katholischen Staates nicht entsagt hat? Die internationalen Fragen sind thatsächlicher Natur, sind praktische Fragen; das waren sie immer; niemals waren es theoretische oder philosophische Fragen. Um die Katholiken in ihrem Gewissen zu beunruhigen durch die Politik der Regierung in ihren Beziehungen zum hl. Stuhle und zu Italien, wäre es nöthig gewesen, daß die spanische Regierung irgend eine Verantwortung für die Akte Italiens übernommen, ober daß sie es in ihrer Hand hätte, diese Akte wieder gut zu machen. Wenn endlich die Karlisten, woran ich hier denke, in Spanien am Ruder wären — sie mögen jetzt sagen, was sie wollen, und das ist ja leicht, wenn man weit vom Ruder ist —, so müßten auch sie der großen Macht, welche sich die italienische nennt, Rechnung tragen."
Am Tage nach dieser Rede begab sich der päpstliche Nuntius, Msgr. Rampolla, in das Palais des Minister-Präsidenten um ihm zu seinen offenen und bestimmten Erklärungen Glück zu wünschen
freundlich gegen ihn sein; sie wollte nicht vergessen, daß er ihr nicht ebenbürtig war. So ging es mit Allem, was Lorv Carre vorschlug. Und doch war ihr Benehmen tadellos; aber es war das Benehmen einer Königin gegen einen Untergebenen.
Eine Woche war verstrichen, und Lady Janthe bemerkte jetzt, welch' großes Interesse Mr. Culroß an ihr nahm. Seine Aufmerksamkeit gegen Lord Carre kannte keine Grenzen. Er blieb die halben Nächte hindurch auf, sich bemühend, in das Chaos von Rechnungen und Briefen etwas Ordnung zu bringen; er bediente den alten Earl mit einer Sanstmuth und Zärtlichkeit, die ihres Gleichen suchte. Lord Carre fing an, sich auf ihn zu stutzen, zu ihm aufzublicken; es war rührend, sie beisammen zu sehen, die gewinnende Freundlichkeit und Ehrerbietung des jungen, die anschmiegende Vertraulichkeit des alten Mannes.
Lady Janthe sah dies alles mit Verwunderung, und um ihres Vaters willen, begann sie fast unwillkürlich ebenfaS« in ihren jungen Gast Vertrauen zu setzen.
Mit ihr selbst sprach Mr. Culroß nur wenig; seine Augen ruhten oft auf ihr, aber niemals wagte er es, ihr ein Kompliment zu machen; er enthielt sich selbst der kleinen höflichen RedenS
und ihm dafür zu danken. Tags darauf erwiderte der Minister-Präsident den Besuch in herzlichster Weise.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Februar.
• Das Abge ordnetenhaus beschäftigte sich heute bei der Fortsetzung der Kultus etats- berathung zunächst mit dem neuen Professor Schweninger, dessen Name übrigens von keiner Seite während der längeren Debatte gebraucht wurde. Dir ich le t brachte nämlich heute die Ernennung des kanzlerischen Leibarztes zum Professor an der Berliner Universität zup. Sprache und beklagte dieselbe wegen der mangelnden sittlichen Qualifikation desselben, indem er gleichzeitig das Recht des Minister« dazu nicht leugnete. Sonst setze der Staat seine Beamten wegen viel geringerer Vergehen ab, nach der neuen Gewerbeordnung verliere sogar ein Hausirer seinen Gewerbeschein, wenn er wegen eines Sittlichkeitsverbrechens bestraft werde. In dem neuen Reichsbeamtengesetz werde auch der mit Entlassung bedroht, dessen Vorleben kein makelloses gewesen sei. Wenn der Minister diese Rücksichten im Falle Schweninger preisgegeben habe, so handele es sich nur um einen Akt des Byzantinismus. Nachdem Bender erklärt, daß die Budgetkommission trotz der schweren ethischen Bedenken die Personen-Frage nicht weiter in Vordergrund gestellt habe, erwiderte der Kultusminister v. Goßler, daß die Verurtheilung des „ungenannten Herrn Doktors" eine Thatsache sei, daß aber trotzdem nicht ausgeschlossen sei, daß der „ungenannte Herr" das Opfer eines Mißverständ- nisses gewesen sein könne. Jedenfalls müsse er als Minister mit der Thatsache der Verurtheilung rechnen. Wenn er trotzdem die Ernennung vollzogen habe, so habe er es gethan in der Ueber- zeugung, daß es ein gewisses Maß des Verdienstes geben müsse, welches'es ermöglicht, über frühere sittliche Fehler hinwegzusehen. Diese Theorie im Munde des Kultusministers erregte begreiflicherweise bei einem großen Theil des Hauses lebhafte Verwunderung und Unruhe, während die Rechte demonstrativen Beifall spendete. Der „ungenannte Herr Doktor" habe den größten Staatsmann gesund gemacht, habe sich aber mit Geld nicht abfinden lassen — darum habe man ihm, um den-
arten, die er leicht hätte anbringen können. Lady Janthe war ihm dankbar für sein einsichtsvolles Benehmen. Sie hatte nicht nöthig, ihn in seine Schranken zurückzuweisen; er schien nicht geneigt, ans den Verhältnissen Vortheil zu ziehen, und un- willkürlich ließ sie in ihrer Wachsamkeit nach.
Es schien ihr, als ob der Earl sie stets mit Mr. Culroß zusammen zu führen suchte. Es machte ihm Vergnügen, zwischen den beiden jugendlichen Gestalten die Gemäldegallerie zu durchschreiten, und wenn Lady Janthe bei solchen Gelegenheiten die Unterhaltung der beiden Herren ihrer Aufmerksamkeit würdigte, so war sie auf's Höchste erstaunt. Hermann Culroß hatte klare vernünftige Ansichten, er war ein guter Kritiker, ein gewandter, tüchtiger Kunstrichter. Seine Bildung war eine umfassende, man konnte ihn fast einen Gelehrten nennen. Janthe mußte sich gestehen, daß dies für den Sohn eines Fabrikanten wahrhaft wunderbar war.
Hermann hatte auch seine eigenen Ideen von Ritterlichkeit; er betrachtete diefe nicht als ein ausschließliches Erbtheil der hohen Aristokratie. Er wagte es sogar mit leichtem Sarkasmus, mit schlecht verhehlter Ironie von dieser bevorzugten Menschenklasse zu sprechen. Janthe war starr vor