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Montag, den 23. Februar

J\1 43.

Julitor

1885.

Die .Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — nut der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen^ in Fuld« 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Die slavische Wett, Mähren, Böhmen, Polen und Ruthenen, wie auch die Südslaven — rüsten sich, um am 6. April d. I. die 1000jährige Gedenkfeier des Todestages des hl. Methodius zu feiern, der für die Sla­ven das war, was der heil. Bonifatius für Deutschland. Mit Argusaugen verfolgt man von St. Petersburg und Moskau Alles, was auf die Feier Bezug hat, ja russische Heißsporne muthen in der Befürchtung, daß die Feier eher zur Kräf­tigung des Katholizismus als des Schismas unter den Slaven beitragen wird, der österreichischen Ne­gierung die Rolle des verhindernden GenSdarmen zu. Jedenfalls ohne Erfolg, denn die Feier ist der berechtigte Tribut der Dankbarkeit der Slaven gegen ihren großen Apostel, dem sie außer dem Glauben auch die Güter der christlichen Cioilisalion, ihre slavischen Schriftzeichen, ihre rituellen Bücher und die slavische Uebersetzung der hl. Schrift verdan­ken. Richt die Feier des 1000jährigen Gedenk­tages am Grabe des Heiligen im mährischen Weleh- rad, sondern die Unterlassung derselben würde auf­fallen. Ebenso begreiflich ist der Wunsch aller slavischen Völker, bei der Feier des gemeinsamen Apostels vertreten zu sein; daher erklärt es sich, daß überall in Lemberg, Krakau, Posen, Olmütz u. s. w. Komitö's sich bilden, welche überall zahl- reiche Pilgerfahrten zum Grabe des slavischen Glaubensboten organisiren. Um nicht hinter den katholischen Slaven zurückzustehen, beschloß auch die schismatische Kirche Rußlands, an der Mer theilzunehmen, ja auch die Slaven des Balkan» wollen sich nicht ausschließen, und Fürst Alexander von Bulgarien hat persönlich das Protektorat über die Feier übernommen. Ermöglicht ist den Rusien die Begehung des Millenariums dadurch, daß das Schisma, die LoStösung von Rom, erst später er­folgte. Seitdem jedoch das Schicksal eingeriffen, ist die slavische Welt religiös gespalten, und daher wird sich am Grabe des gemeinsamen Apostels zu Welehrad eine doppelte Strömung bemerkbar machen: eine slavisch -katholische und eine slavisch - schismatische. Die wahren Erben des Apo­stels sind zweifellos die katholischen Slaven, denn der heil. Methodius stand in engster Verbindung mit Rom, verdankte dem Papste seine Weihe zum Bischöfe. Die russische Presse verschreit nun die 1000jährige Gedenkfeier als politische Demonstra­

tion, wittert dahinter das Vorhaben, alle katholi­schen Slaven um Oesterreich zu schaaren und dann auf dem Balkan eine allgemeine slavische Födera­tion zu gründen. Nichts ist lächerlicher, als diese Verdächtigung, denn die österreichische Negierung als solche nimmt an der Feier gar nicht Theil, und sie zu hindern, dazu hat sie kein Recht. Nur ein übereifriger Panslavismus konnte in die rein kirchliche Feier eine solche Gehässigkeit hineintragen. Allerdings hatten die schismatischen Eiferer eine Handhabe dazu; sie müssen es zu ihrem Zorne mitansehen, wie im Herzen Rußlands selbst hoch­angesehene Publizisten aus Anlaß der F-ier die Frage aufwerfen, ob denn die Wiedervereini­gung der orientalischen Kirche mit der occidentalischen, deren Nothwendigkeit aner­kannt wird, nicht möglich und — angesichts der Verknöcherung des Schismas und der vollständigen Unfähigkeit der russischen Kirche zu den Aufgaben des Christ-.nthums — nicht auch ein dringendes Gebot der Zeit sei. Man weiß, daß sich nicht nur im Balkan, sondern auch in Macedonien unter den Schismatikern eine stets wachsende Bewegung gel­tend macht, und nun befürchtet man, daß die ge­meinsame religiöse Feier, die wiederholt, nämlich am 6. April, 5. Juli, 15. August und 4. Oktober zu Welehrad stattfindet, den tiefgehenden Zug nach der Wiedervereinigung mit Rom mächtig befördern würde. Eine Abwendung vom Schisma würde aber auch, so fürchtet Rußland, die politische Folge haben, daß die Balkanslaven sich von dem auf ihnen lastenden russischen Joche abwenden und den Anschluß an Oesterreich und damit an Deutschland suchen. Darin liegt, wie die,Pf. Ztg/ sagt, die hohe politische Bedeutung der Me- lhodius-Feier für das deutsche Reich, eine Bedeu­tung, von welcher unsere „Kulturkämpfer" in ihrer Verblendung allerdings keinen Begriff haben.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Februar.

• Das ReichSgesetzblatt veröffentlicht folgende Bekanntmachung vom 20. Februar 1885:

„Nachdem der Reichstag bei der zweiten Lesung des Entwurfes eines Gesetzes betr. die Abänderung des Zoll­tarif-Gesetzes vom 15. Juli 1879, die Eingangszölle von den nachbenannten Gegenständen der Nr. 9 des Zolltarifs in folgender Weise genehmigt hat: 1) Weizen 3 Mk., 2) Roggen 3 Mk., 3) Buchweizen 1 Mk., 4) Gerste 1 Mk. für 100 Kilogramm, werden die Eingangszölle

hiermit auf Grund des Gesetzes vom 20. Februar 1885 betr. die vorläufige Einführung von Acnderungen des Zolltarifs in vorläufige Hebung gesetzt. Berlin, den 20. Februar 1885. Der Reichskanzler Fürst v. Bismarck."

Nachdem der Reichstag gestern in zweiter Lesung die Zollerhöhung auf Schaumweine auf 80 Mark angenommen hat, wird das Sperrgesetz sofort auch auf Schaumweine angewendet werden.

* Ter Reichstag setzte gestern die zweite Berathung der Zolltarifnovelle fort und genehmigte nach unwesentlicher Debatte die Zölle auf Schaum­wein, Weinbeeren und Mühlenfabrikate, den Zoll auf letztere in der Höhe von 71/« Mark, während die Regierung nur 6 Mark vorgeschlagen hatte. Auch die Vorlage wegen des Zollanschlusses von Bremen wur. e in zweiter Be-athung unverändert angenommen. Der Abg. Windthorst bean­tragte schließlich, den Reichstag auf 8 Tage zu vertagen, um dem Abgeordneten­hause inzwischen Zeit zu seinen Berathungen zu lassen. Das Zusammentagen von Reichstag und Landtag erschöpfe die Kräfte derjenigen Abgeord­neten, welche beiden Körperschaften angehören. Fürst Bismarck, welcher gegen Schluß der Sitzung im Reichstage erschien, nahm alsbald das Wort und schob die Schuld an dem Uebelstand des Zusammentagens auf die Doppelmandate. Der Reichskanzler wies auf das große Arbeitsmaterial hin, speziell müsse die Zollnovelle möglichst bald erledigt werden, da sonst dem Reich und den Einzelstaaten inzwischen erhebliche Mehreinnahmen an Zöllen verloren gehen würden. Auch die Redner der Reichspartei und der Natiouallrberalen, die Abgeordneten x>. Wöllwarth, Graf Stolberg-Wer­nigerode, v. Lenz, v. Benda und endlich auch Fischer (Ulm) äußerten sich im Sinne des Fürsten Bismarck und warfen den Deutschfreisinnigen Ver­schleppung der Arbeiten vor. Die Abgg. v. Francken- stein, Richter und Rickert vertraten den Antrag Winthorst mit Rücksicht aufdie Ueberbelastung der Kommissionen, und besonders auf die entfernt wohnenden Abgeordneten, denen man eine Pause zur Erledigung dringender häuslicher Geschäfte lassen müsse. Nachdem der Reichs­kanzler noch wiederholt Bedenken gegen dir Ver­tagung geäußert, wurde dieselbe nach 1 ^stündiger Geschäftsordnungsdebatte mit 137 gegen 118 Stim­men beschlossen. Dafür stimmten Centrum, Frei­sinnige, Volkspartei, Polen, Sozialdemokraten. Die nächste Sitzung findet also erst am 2. März statt.

X Die Tochter des Aristokraten. (9. Fortsetzung.)

4. Kapitel.

Am Morgen nach der Ankunft der beiden Herren stand Lady Janthe an ihrem Fenster und blickte hinaus. Die schweren Wolken hatten sich während der Nacht getheilt und dichter Schnee war gefallen; wie ein weißer, weicher Mantel be­deckte er die Erde. Ein tiefblauer Himmel wölbte sich darüber, und die winterlichen Strahlen der Sonne schienen wie mattes Gold. Weit und breit sah man nichts als Schnee. Die Felder waren damit bedeckt, die Hecken und die kahlen Aeste der Bäume. Die scharlachroten Beeren der Stechpalme blitzten wie feurige Punkte zwischen dem weißen Schnee hervor; ein zierliches Roth- kehlchen hüpfte von Zweig zu Zweig. Es war eine winterliche Scene fo voll Poesie, daß Lady Janthe sich kaum davon abwenden konnte; aber plötzlich zog sie sich wie in schmerzlichem Erschrecken vom Fenster zurück. Nicht mehr lange würde sie ja diese großen, Jahrhunderte alten Bäume be- obachten können; nicht mehr lange wird dieses herrliche alte Heim das ihrige sein. Wo die

Carre's gelebt hatten und gestorben waren, würde nun das plebejische Geschlecht der Culroß seinen Wohnsitz aufschlagen. In leidenschaftlichem Kummer rang Janthe die Hände, als sie daran dachte. Sie würde ihr Leben gegeben haben, um ihr Heim vor dieser Entweihung zu retten. Sie würden sicher die alten Eichen umhauen, neue Vergoldung im Salon anbringen und an Stelle der alte Familienporträits moderne Gemälde auf» hängen. Dann fiel ihr ein, daß sie jetzt hinab- gehen und höflich gegen ihn fein müsse, gegen ihn, den Repräsentanten des von ihr verabscheuten Geschlechts. Sie begrüßte Hermann Cnrloß mit einem „Guten Morgen", ohne ihm die Hand zu bieten und nahm dann Platz, um am Frühstück­tisch zu präsidiren. Ader schon ihre bloße Gegen­wart machte Hermann glücklich; seine Verehrung für sie war grenzenlos. Nach dem Frühstück ließ Lord Caere seine Tochter zu sich bescheiden. Es schien ihr, als ob ihr Vater etwas heiterer aussehe.

„Janthe," sagte er, „ich habe Dich rufen lassen, weil ich gerne allein mit Dir sprechen wollte. Nachdem Du uns gestern Abend verlassen, hatten wir eine lange Unterhaltung üHxx mein — mein Mißgeschick. Er war so gütig gegen mich — ,

dieser junge Hermann Culroß — mein eigener Sohn hätte nicht gütiger gegen mich fein können."

„Das freut mich," bemerkte sie kühl. Die Idee, daß dieser Mann „gütig" war gegen ihren Vater, Lord Carre, gefiel ihr kaum. Es klang fast wie Gönnerschaft und so etwas war natürlich absurd für einen parvenu einem Peer gegenüber.

„Er nahm so großes Interesse an Allem, was ich sagte," fuhr Lord Carre fort, „daß ich ihm mein ganzes Vertrauen sche- kte. Ich erzählte ihm Alles — von den 10,000 Pfund, die ich ihm schulde — von den 5000, die ich Wyndham er­setzen muß — und von den 200,000, die ich für diese nichtswürdige Silbermine borgte."

„Dies Alles sagtest Du ihm? Du mußt ihm sehr vertrauen." •

„Das thue ich auch, Janthe. Ich fühle mich fo zu ihm hingezogen. Er ist ernst, offen und aufrichtig. Er gefällt mir sehr, Janthe."

„Ich bin froh, daß Du einen Freund in Mr. Culroß gefunden hast," sagte sie. „Sehen sie — diese Herren — keinen Ausweg aus Deiner Ver­legenheit?"

„Nein; sie mußten Beide zugeben, daß es bitterer, unvermeidlicher Ruin sei; aber sie ver­sprachen mir, ihr Bestes zu lhun. Mr. Grantley