42.
Sonnabend, den 21. Februar
1885.
Die »Fuldaer Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — minder belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.» sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Februar.
* Als würdiges Pendant zur Heranziehung der Jugend zur „Bismarckspende" präsentirt sich der Schlußvers eines Gedichts aus der »Cannstatter Zeitung' zur Aufmunterung für BiSrnarck-Gaben. Nachdem dieses Gedicht zunächst von dem deutschen Volke als von „seinem", nämlich BiSmarck's Volke, und von „seines Volkes Lieb' und Treu'" geflunkert hat, als ob Bismarck der Herr und Kaiser wäre, sagt eS weiter: „Bleibt diesem Mann die Liebe fern, — Und dunkeln seines Abends Pfade — O dann erlischt auch Deutschlands Stern, — Dann weicht auf ewigGottes Gnade! — Nein Brüder, das soll nimmer sein, — O kommt und legt die Scherflein ein." Da muß man schon nach dem Irrenarzt rufen.
* Der Bundesrath hat heute beschlossen, daß das Sperrgesetz schon von morgen ab in Kraft treten soll. Das Sperrgefltz wird durch das heute erscheinende Reichsgesetzblatt publizirt.
• Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Berathung des Volksschulleh r er-Pensions- Gesetzes nahm § 6 in folgender Fassung an:
„Die Pension wird bis zur Höhe von 800 Mark vollständig, über diesen Betrag hinaus zu zwei Drittel aus der Staatskasse, zum Rest von den bisher Verpflichteten gezahlt. Hat der Inhaber eines vereinigten Kirchen- und Schul-Amis bei der Versetzung in den Ruhestand eine Pension aus kirchlichen Mitteln zu beanspruchen, so wird her Betrog derselben auf Oie. nach den Vorschriften dieses Gesetzes zu gewährende Pension angerechnet."
* * Der Reichstag setzte heute die Berathung der Zolltarif-Novelle fort. Der Zollsatz für Mais wurde nach längerer Debatte entsprechend dem Anträge der freien wirthschaftlichen Vereinigung auf 2,40 Mk. festgesetzt. Abg. Lenzmann plaidirte für einen Zollsatz von nur 2 Mk. Geh. Ralh Thiel und Abg. v. Kardorff weisen darauf hin, daß der Malzzoll mit dem Gerstenzoll in einem richtigen Verhältniß stehen müffe, wenn der Gerstenzoll seinen Zweck nicht verfehlen solle. Hierauf wurde der Antrag Rackä berathen, wonach dem Tarif die Bemerkung hinzugefügt werden soll: der Bundesrath ist befugt, die Zölle auf Weizen, Roggen, Hafer, Buchweizen und Hülsenfrüchte, sowie nicht besonders genannte Gelreidearten, Gerste, Raps, Rübsaat, Mais und Malz im Falle einer Theuerung entsprechend zu ermäßigen event. ganz '
X Die Tochter des Aristokraten.
(7. Fortsetzung.)
Bald daraus trat der Earl ein und schüttelte beiden Herren herzlich die Hände. Ein leises Beben klang aus seiner Stimme, als er mit Hermann Culroß sprach: ein Schatten von Furcht, was seine Tochter mit Ueberraschung bemerkte. Dann wurde das Diner angemeldet, und die Gesellschaft begab sich in den Speisesaal.
Lady Janthe hielt sich genau an ihr gegebenes Wort. Sie war „höflich" gegen Mr. Culroß, nicht mehr. Wenn ihr Vater sich aus irgend einem Grunde genöthigt gesehen hätte, einen der benachbarten Kiämer einzuladen, so wäre sie genau ebenso höflich gegen diesen gewesen. Mit einem höflichen Lächeln nahm sie die Bemerkung auf, die Hermann Culroß an sie richtete; doch gerade dieses Lächeln schien die Entfernung zwischen ihnen zu vergrößern. Sie redete ihn niemals an, ausgenommen, wenn ihre Pflicht als Wirthin die» erforderte. Sie versäumte nicht den unbedeutendsten Akt der Höflichkeit, und doch, als sie sich vom Diner erhoben, hatte Hermann das Gefühl, als ob ein gefrorener Ocean zwischen ihnen läge. Aber
aufzuheben. Staatssekretär v. Burchardt, sowie die Abgg. Graf zu Stolberg, Buhl und v. Köller bekämpften den Antrag, während die Abgg. Rich- . ter und Rohland für denselben eintraten. Auf An- , trag des Abg. Dr. Windthorst, der den Antrag . in der vorliegenden Form für nicht annehmbar erachtet, geht der Antrag Rackö zur Vorberathung an die Tarifkommission. Schließlich wird der Zoll für Korianden, Fenchel, Anis und Kümmel auf je 3 Mk. festgesetzt. Weiterberathung morgen.
** Das Abgeordnetenhaus begann heute die Berathung des Kultusetats. Abg. Stöcker wiederholte seine bereits im Vorjahr vorgetragenen Klagen über den kirchlichen Nothstand in der evangelischen Kirche und stellte Anträge, welche die Regierung zu Kirchenbauten und Anstellung einer größeren Anzahl von Geistlichen auffordern sollen, in Aussicht. Obgleich er daran festhalte, daß die Kirche möglichst auf eigenen Füßen stehen müffe, bitte er doch dringend um finanzielle Beihülfe durch den Staat, wenn der Entsittlichung des Volkes, der Sozialdemokratie und dem Anarchismus begegnet werden solle. Abg. v. Epnern ist seinerseits mit den Anträgen einverstanden, meint aber, die Beseitigung des kirchlichen Nothstandes allein werde das Volk nicht bessern. Abgg. Reichens- perger-Koln und Dr. Windthorst spechen gegen den Antrag, da sie es im Interesse beider Kirche nicht für angezeigt halten, noch abhängiger vom Staate zu werden. Die Katholiken verlangten eine freie Kirche von Gottes (Knaben Aehnlich äußerte sich Abg. v. Schorlemer-Alst, welcher zugleich bestreitet, der katholische Kultus sei int Etat besser bedacht, als der evangelische und die Rückberufung der kirchlichen Orden für nothwendig zur Hebung der Sittlichkeit des Volkes hält. Abg. v. Rauch- Haupt empfahl ebenfalls Abhülfe im Stöcker'schen Sinne, worauf sich noch eine lebhafte Debatte über die letzte Wahlcampagne entspann, in welcher Abg. Windthorst das Zusammengehen von Centrum und Freisinnigen rechtfertigt. Die Debatte ivurde auf morgen vertagt.
* Hausminister Schleinitz ist gestern Nachmittag gestorben.
* Limburg, a. L., 19. Fehr. Zur Bischofswahl schreibt der .Nass. Bote':
„Unter sehr zahlreicher Betheiligung von hier und auch der Umgegend wurde heute früh 9 Uhr im Dome vom Herrn Domdekan Dr. Klein das die Bischofswahl einleitende Kapitelsamt zu Ehren des hl. Geistes celebrirt.
er wollte ihn überbrücken, sagte er sich, mochte er auch noch so tief und hart gefroren fein.
Nach dem Diner setzten sich der Earl und sein Anwalt zu einem Spielchen Fhombre zusammen. Lord Carre wollte an diesem Abend die Geschäfte noch unberührt lassen. Er hatte Mr. Culroß gefragt, oo er Schach spiele, mit dem Beifügen, in Lady Janthe würde er eine geschickte Partnerin finden. Nur zu erfreut zog Hermann das elegante Schachtischen in die Nähe des Feuers und rückte einen Sesfil nebst Fußschemel für Lady Janthe herbei. Sie dankte ihm mit höflichem Ernst, und sie saßen nieder.
Als sie etwa eine Stunde gespielt hatten, sagte sich Hermann, er müsse jetzt wissen, ob sie seiner knabenhaften Liebe noch gedenke. Ec blickte sie an; das schöne, vornehme Gesicht war über das Schachbrett geneigt, die weißen Hände berührten leicht die Figuren, er fand nicht das leiseste Anzeichen, daß sie seiner Gegenwart bewußt sei. Plötzlich faßte er Muth.
„Lady Janthe," sagte er, „ich hoffe, daß Sie mir meine knabenhafte Indiskretion jetzt vergeben haben.
Die klaren, stolzen Augcn schauten gleichgültig zu ihm hinüber.
Unter Absingung des Hymnus „ Veni Creator Spiritus“ begaben sich nach demselben die 7 wahlberechtigten Dom- Sierren, der Notarius Apostolicus (Herr Domvikar ßLöt- chert) und die gebetenen Zeugen (die Herren Geistl. Rath und Seminarregens Lala und Pfarrer Fluck) prooessionaliter nach dem neben der Domsakristei befindlichen Wahllokal» wahrend der übrige Klerus in den Chor zurückkehrte und alsdann das Marienlied Nr. 301 „Mutter Christi hoch erhoben" von den versammelten Gläubigen abgesungen wurde. Nach Absingung aller Verse dieses Liedes erschien Herr Domkapitular Dr. Hohler, von den beiden Zeugen und dem Notarius Apostolicus begleitet, und bestieg unter lautloser Stille der harrenden Anwesenden die Kanzel, um den Namen des Gewählten öffentlich zu verkünden. Eine freudige Bewegung ging durch den ganzen Dom, als die Worte: „Geistlicher Rath und Stadtpfarrer Roos" über seine Lippen gekommen waren. Sofort fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten und in froher Begeisterung wurde das „Großer Gott, wir loben Dich" von der versammelten Gemeinde gesungen. Alles Weitere verlief dann in der vom bischöflichen Domkapitel programmmäßig vorgeschriebenen Weise. Nach beendigter Feier sanden die Gratulationen Seitens der anwesenden Geistlichen, sowie der städtischen Behörden statt. Die Stadt selbst prangte sofort in festlichem Fahnenschmuck. Die Nachricht von der getroffenen Wahl wird gewiß in der ganzen Diözese mit Freuden begrüßt; denn Herr Geistlicher Rath Roos gehört zu den Männern, welche besonders bei dem Klerus der Diözese in allgemeiner Achtung stehen. Herr Roos ist durch seinen leutseligen Charakter, durch sein freundliches Wesen eine wie in hiesiger Stadt, so besonders bei dem Klerus sehr beliebte Persönlichkeit. Neben seinen persönlichen Eigenschaften empfiehlt ihn dann hauptsächlich der Umstand, daß er während seiner priesterlichen Thätigkeit wie kaum ein anderer Geistlicher die verschiedensten geistlichen Stellungen begleitete. Geboren zu Kamp a. Rh. den 28 April 1828 wurde er am 22. August 1853 zum Priester geweiht. Er war alsdann Kaplan zu Sachsenhausen, Ransel und-Oderlahnstein, vom 1. Ium 1856 bis 1. Juni 1860 Pfarrverwalter zu Hochheim, dann Kaplan und Sekretär des hochseligen Bischofs Dr. Peter Joseph, vom 1. August 1862 Sekretär und Registrator beim Bischöflichen Ordinariat bis zum 1. Oktober 1864, von da an Subregens, Professor und Regens des hiesigen Klerikalseminars. Am 1. Oktober 1869 endlich wurde er zum Domkapitular und Geistlichen Rath erwählt und war als solcher zugleich bis heute Stadtpfarrer von Limburg. Unter allgemeiner Betheiligung aller Stände der hiesigen Stadt wurde im Jahre 1878 sein25jähriges Priesterjubiläum gefeiert. Wie als Pfarrer, war Herr Roos auch als langjähriger Schulinspektor überaus beliebt, und werden die ihm unterstellten Herrn Lehrer und Lehrerinnen ihn ungern von diesem Posten scheiden sehen. Möge nun die päpstliche Bestätigung nicht lange auf sich warten lassen und Golt ihm dann die Gnade verleihen, den Bischofsstab mit dem gleichen Muttz, derselben Energie und Umsicht, mit derselben Hirtensorgfalt, im selben Geiste weiter zu führen wie fein hochseliger unvergeßlicher Vorgänger Sßeier Joseph zum Heile und Segen der Diözese. Wir aber danken dem Himmel, daß er uns nicht lange als Waisen gelassen und uns wieder einen Vater gegeben hat, dem wir aus inner-
„Es wäre nicht großmüthig, die Fehler des Knaben den Mann entgelten zu lassen," sagte sie ruhig. „Ich Habs sie vergeben."
Var dieser Erwiederung verstummte Hermann für eine Zeitlang. Also hatte sie feine Liebe für einen Fehler angesehen, einen Fehler, diese unpassende, glühende Verehrung, die er an sie verschwendet hatte. Es war hart. Nach einer Weile faßte er sich.
„Sie müßen mich für sehr anmaßend geyalten haben," begann er wieder.
„Bitte sehr, es ist mein Zug, nicht der Ihrige. Anmaßend? Nein, ich dachte gar nicht an Sie."
Wieder schwieg Hermann. Sie hatte es nicht einmal der Mühe wsrth gefunden, böse zu fein. Sie Halle ihn einfach iguorirt. Aber er wollte sich nicht zurückschrecken lassen.
„Es war ein schrecklicher Schlag für meine Eitelkeit," fuhr er hastig fort. „Ich hielt meine armseligen Verse für sehr schön."
„So? Ihre Königin ist in Gefahr. Mr- Culroß." Ihre stolze Ruhe machte sie ganz un. nahbar.
„Wenn ich klug wäre," dachte Hermann, „würde ich jetzt schweigen; aber ich bin nicht klug und werde mich noch einer Unvorsichtigkeit schuldig