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1885

Donnerstag, den 19. Februar

So vergiftet der „Kulturkampf" unsere natio­nalen Gedenktage, so läßt er uns zu keinem Innern Frieden kommen und so wird auch der Kanzler an seinem Ehrentage sich sagen müssen, daß wenig­stens ein Drittel der Nation ihm fremd gegenüber steht, wie er sich ihm fremd, ja feindlich gegenüber gestellt hat!

Wenn man bedenkt, wie sich unsere Zustände seit 1871 verändert haben, so wird man sich selbst in den höchsten Kreisen gestehen müssen, daß die soziale Lage sich immer schlimmer gestaltet. Kein Einsichtiger, der nur Halbwegs die Zeichen der Zeit versteht, zweifelt an dem Ernst der Lage. Das monarchische und das Rechtsbewußtsein der Massen ist tief erschüttert, die überkommenen Grund­lagen unseres gesammten sozial-wirthschaftlichen Lebens sind fast zertrümmert, Produktion und Ver- theilung des nationalen Vermögens zum Schaden des mittleren und kleinen Mannes bedenklich ver­schoben und die überwiegende Mehrheit unseres Volkes in schwere wirthschaftliche Roth gebracht. Eine verkehrte, theils vor Leidenschaften, theils von falschen Voraussetzungen getragene Behandlung der religiösen Angelegenheiten hat den christlichen Glauben und damit das Autoritätsgefühl, das Familienbewußtsein, die Treue von oben hinab und von unten hinauf, hat Nüchternheit, Fleiß, Arbeitslust, Sparsamkeit und sittliches Streben, hat überhaupt den Idealismus und die besten Tugenden, die unserem Volke seit fast zwei Jahr­tausenden nachgerühmt wurden, bereits in weiten Kreisen hinweggenommen und führt uns einer er- schreckenden Genußsucht, einer grauenhaften sittlichen Verwilderung und sozialen Desorganisation entgegen. Je mehr die jetzige, unter besseren Traditionen ausgewachsene Generation ausstirbt, desto schneller eilen wir auf dieser schiefen Ebene hinab. Das Gefühl naher Katastrophen hat sich wie eine unheil- schwangere Wolke über unserem natio­nalen Himmel gelagert, Erscheinungen blitzen auf, vor welchen Staat und Ge­sellschaft bis in die innersten Fugen er­zittern. Da wäre es wahrlich Zeit zu erkennen, daß man auf Irrwegen gegangen ist, daß man umkehren müffe. Aber nichts von alledem! Zu spät wird Fürst Bismarck oder werden seine Nach­folger einsehen, wie verkehrt unsere Entwickelung seit 1871 geleitet worden ist.

* Die Ehrengabe für den Fürsten Bismarck.

(Schluß.)

Nehme man dazu die Behandlung, welche Fürst Bismarck und die .Nordd. Allg. Ztg.' dem Par­lamente und dem Centrum zu Theil werden läßt. Noch vor wenigen Wochen versuchte der Reichs­kanzler dem Centrum die Makel der „Reichsfeind- schast" anzuheften, warf er dem Centrum vor, die „Herrschaft der Geistlichen,, anzustreben und sich mit den offensten Widersachern von Kaiser und Reich zu verbinden. Und erst die ,Nordd. Allg. Ztg.'! In der gemeinsten Weise zieht dieses Blatt gegen das Centrum und dessen Führer los, fast kein Tag vergeht, an welchem es dieselben nicht mit Koth bewirft. Ein Mann, der als stark in die Ansichten des Reichskanzlers eingeweiht gelten darf, das bekannte „Büschchen", verlangte noch kürzlich in den „Grenzboten" den Kampf gegen den Katholizismus bis aufs Messer, die Ver­drängung jedes treugläubigen Katholiken aus irgendwelcher Beamtenstelle, von dem Ministerposten bis zum Nachtwächteramt.

Angesichts alles deffen, angesichts der Wunden, die der „Kulturkampf" geschlagen, die zu heilen Fürst Bismarck sich noch immer sträubt, angesichts der schroffen Ablehnung des dreimal vom Reichs­tage mit überwältigender Mehrheit angenommenen Antrages auf Aufhebung des exorbitanten Priester- auSweisungsgesetzeS und angesichts so vieler an- deren Kränkungen und Zurücksetzungen, welche die Katholiken seit der Aera des „Kulturkampfes" zu erdulden haben, verbietet ihnen die Selbstach­tung und das Ehrgefühl, sich, selbst mildem allerkleinsten Beitrag, an dieser Ehrengabe zu be­theiligen.

Wir fragen jeden Protestanten und fragen jeden Israeliten, ob er nicht dieselbe Haltung einnehmen müßte, wenn das deutsche Reich, kaum geboren, sich mit solcher Schroffheit gegen feinen Glauben, gegen seine freie Religionsübung er­hoben und zu diesem Zweck, sei es direkt, sei es in seinem größten Staat, dessen Regierung der Kanzler gleichfalls leitet, derartige in allen andern Ländern, mit Ausnahme von Rußland, ganz un­erhörte Ausnahmegesetze gemacht hätte, wie gegen die Katholiken! Kein Protestant, kein Jsrae- lit, welchem seine Religion in Wahrheit heilig ist, wird diese Frage mit Ja beantworten können!

überzeugt, daß er mich liebe. Er hätte mir einen Heirathsantrag gemacht, und ich wäre möglicher­weise Lady Ravenscourt geworden. Bester Armuth, besser jedes andere Schicksal, als eine Heirath mit einem Manne, dem es an Seelenadel fehlt!"

Dachte sie jemals dieser Worte, als sie in spä­teren Jahren eine wahrhaft edle Seele kennen lernte?

Einer nach dem andern der Gäste reist- ab, und Lord Carre war wieder allein mit seiner Tochter. Eines Morgens erhielt ec einen Brief, der ihm Mr. Culroß' Ankunft für den Abend anmeldete. Er händigte das Schreiben schweigend seiner Toch­ter ein.

„Du wirst höflich gegen ihn sein, Janthe, um meinet* willen! Meine ganze Zukunft liegt in den Händen dieses Mannes."

„Gewiß," versprach Lady Janthe von Neuem. „Warum sollte ich auch nicht, Vater? Der junge Mann wird sicher so vernünftig sein, dieses Mal seine richtige Stellung uns gegenüber nicht zu ver­kennen." ,

„Janthe," sagte Lord Carre, etwas ängstlich seine Tochter anblickend, „Du sprichst fast verächt- lich von Mr. Culroß. Bedenke, er ist Millionär; ich glaube, es gibt kaum einen reicheren Mann in England, und Geld - ach, Janthe, Geld vermag viel/

X Die Tochter des Aristokraten.

(6. Fortsetzung.)

„Es ist ein Glück für mich, daß ich es nicht thue," dachte sie, „daß seine süßen Worte und feinen Schmeicheleien keinen tieferen Eindruck auf mich gemacht haben; denn, wenn ich mich nicht sehr irre, wird er wenn ihn Vater von dem wahren Stande der Dinge in Kenntniß setzt, in der verbindlichsten Weise sein Bedauern ausdrücken und sich von dannen machen."

Es kam, wie sie erwartete.

Am nächsten Morgen machte Lord Carre bei seinem vornehmen Gaste eine leise Anspielung auf fein* derangirten Verhältnisse und wurde sofort mit einer Fluth theilnehmender Worte überschüttet. Des andern Tages aber kündigte Lord Ravens« court feinem Wirthe an, daß unaufschiebbare Ge­schäfte ihn nöthigten, sofort abzureisen.

Lady Janthe lächelte bitter vor sich hm, als sie ibn wegfahren sah.

„Diese Lektion will ich mir zu Herzen nehmen, sagte sie. „Wäre mir vorgestern ein Vermögen zugefallen, anstatt verloren gegangen, fo hätte Lord Ravenscourt sich selbst und vielleicht auch mich

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Februar.

** Im Reichstag wurde die Berathung der Zolltarifnovelle fortgesetzt. Der Antrag Brömel auf Hianusschiebung des höheren Roggenzolles bis nach Ablauf des spanischen Handelsvertrages wurde abgelehnt, nachdem Staatssekretär Burchard die von Stiller behaupteten Nachtheile von den Diffe­rentialzöllen bestritten hatte. Der Haferzoll wurde nach dem Antrag Schorlemer's auf 1 M. festge- setzt, obwohl unter Führung Wedell-Malchow's ein Theil der Konservativen für die Vorlage stimmte, die den Hafer mit 2 M. verzollte. Auch der Zoll auf Buchweizen und Hülsenfrüchte wurde auf 1 M. festgesetzt. Der Gerstenzoll wurde mit 184 gegen 110 (Stimmen auf 1 M. festgesetzt. Morgen 11 Uhr Fortsetzung und 3. Lesung des Sperrge­setzes,

* Das Abgeordnetenhaus begann heute die Berathung des bekannten Antrags Huene auf Ueberweisung der Erträge aus den l an d- wirthschaftlichen Zöllen an die Kom­mune. Von allen Seiten wurden Bedenken gegen den Antrag geäußert. Interessant war die ©tim« mungsskala der Rechten, die zwischen der puren Ablehnung des Abg. v. Meyer-Arnsmalde, der kühlen Kritik des Abg. Prof. Wagner und der sympathischen Begrüßung des ebenfalls konserva­tiven Abg. Andrä schwankte. Die Nationalliberalen vom Heede und Enneccerus hatten sich für den Antrag in die Rednerliste einschreiben taffen, um denselben dann später von „vorn bis hinten" zu bekämpfen. Der Abg. Enneccerus konstatirte schließ­lich ausdrücklich, daß- ec in allen wesentlichen Punkten mit dem Abg. v. Huene nicht überein« stimme — das nennt man nationalliberale Pro- fefforenlogik. Der Abg. Richter nahm die Ge­legenheit war, um seinem Unwillen gegen das Centrum wegen Bewilligung der Getreidezölle Lust zu machen und spickte seine Apostrophen an das Centrum mit allerhand wenig ernsthaften Bemerk­ungen, so daß er eine Zeit lang die Lacher auf feiner Seite hatte. Der Abg. Windthorst ver- theidigte die Haltung der Centrumsfraktion des Reichstages mit lebhaften Worten und bestand auf einer nachdrücklichen Verfolgung des Antrags Huene, obwohl derfelbe anscheinend wenig Sympathieen begegne. Daß der freikonservative Abg. v. Zed-

„Hat aber nie einen Gentleman gemacht — und wird es auch nie können," erwiederte sie. Man kann weder Geburt, noch Seelenadel, noch Talente kaufen. Ich sehe nicht ein, daß Geld allmächtig ifl, bettet/'

'„Was würde ich nicht darum geben, Janthe?" feufjte er. „Geld würde einen der ältesten Namen Englands vor Unehre und Schande retten; es würde mir wiedergeben, was ich verloren: meine Selbst­achtung; es würde mir Muth geben, wieder er­hobenen Hauptes unter meinen Mitmenschen um« herzugehen. O Janthe, wenn mir alle Gaben die­ser schönen Erde zu Füßen gelegt würden, ich könnte nur Etwas wählen — Geld!"

„Armer Vater!" sagte das Mädchen ruhig. „Aber über einen Punkt brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen: ich werde höflich fein gegen Mr. Culroß. Der Himmel taffe uns bald wieder beffere Tage sehen!" Mit diesen Worten verließ sie ihren Vater, um Vorbereitungen zu treffen für den erwarteten Gast."

3. Kapitel.

„Ein Unglück kommt selten allein," sagte Lord Carre. „Sieh', Janthe, hier ist ein Brief von Wyndham; er wird in sechs Monaten wieder zu

Di- ,Fuldaer Zeitung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertag- ausgenommen. $^1^.1^: 1 50