M 39.
Mittwoch, den 18. Februar
1885.
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* Die Ehrengabe für den Fürsten Bismarck.
Wäre e» an und für sich geziemend, dem Kanzler des deutschen Reichs zu seinem 70. Geburtstage (am 1. April) eine Ehrengabe der Nation darzu- bringcn, so würden doch die Grundfehler der inner« Visrnarck'schen Politik, der Kulturkampf, und das schroffe Hervortreten einer absolutistischen Richtung die volle Einigung der Nation in dieser Frage unmöglich inachen. Nachdem die deutsche Verfassungsfrage durch die Entscheidung der Waffen gelöst war, nachdem diejenigen Theile der Nation, welche früher anderer Ansicht waren, die Thatsachen anerkannt, und sich (einige unbedeutende Ausnahmen abgerechnet) rückhaltlos auf den Boden des neuen Reichs gestellt hatten, wäre es ein Leichtes gewesen, das deutsche Reich innerlich noch mehr zu einigen und die wichtiger!! Gruppen der Bevölkerung geistig zu versöhnen, nicht in mechanischer Einheit und mit Zwangsmitteln, sondern auf dem Boden der Freiheit, zumal der Freiheit der Gewissen. Statt dessen tobt seit Jahren ein Kampf, welcher ein volles Drittel der Bevölkerung in unversöhnlichen Gegensatz bringt zu den Bestrebungen der Reichsregierung auf reit* gwsem Gebiet und besonder» zu ihrem verantwortlichen Träger, dem Fürsten Bismarck, weil sich diese Bevölkerung im Heiligsten, was sie hat, in ihrer Religion tief bedrängt fühlt. Durch diesen Kampf sihlt dem jungen Reich eine der wichtigsten Grundlagen deS innsrn Friedens, die Freiheit der Religionsübung, die in unfern religiös gemischten Verhältnissen geradezu unerläßlich ist. So lange nicht unter dem mächtigen Schutz des Reichs jeder Deutsche, meß Glaubens er sei, friedlich seiner Religion leben kann, wird keine freudige Vereinigung sich bilden können. Dazu gesellt sich das Streben nach freiheitsfeindlichen Beschränkungen der Volks- und Parlamentsrechte, eirEtreben, welches gleichfalls wieder große Theile unseres Volkes und ganz besonders auch die Katholiken in tiefen Gegensatz bringt zur Regierung, von welcher sie sich auch in ihren politischen Rechten bedrängt glauben. Unverblümt und offen wird die liberal-konservative Mittelpartei erstrebt, die nichts weiter sein soll und sein würde, wie eine Kanzlerpartei sans phrase. Die Ehrengabe für den Fürsten Bismarck erscheint unter
X Die Tochter des Aristokraten.
(5. Fortsetzung.)
„Und heute ist Weihnachten," sagte das junge Mädchen sinnend, „wo Jedermann glücklich sein sollte. Vater, was sollen wir thun?"
„Ich kann es nicht sagen. Ich darf nicht daran denken. Ich bin ein ruinirler Mann. Kannst Du Dir klar machen, was dies für Dich bedeutet, Janthe — für Dich, die im Luxus erzogen, an Equipage und Dienerschaft gewöhnt ist, die sich keinen Wunsch zu versagen brauchte? Was wird aus Dir werden, mein Liebling? Wenn wir Beide Hand in Hand dieses Haus verlaffen, dann haben wir kein Heim, das uns ausnimnit, keinen Schilling in der weiten Welt. Begreifst Du nun, war Ruin bedeutet?"
Sie wurde noch weißer und blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an.
„Steht cS so schlimm, Vater?"
Er emzog ihr seine Hand und fiel mit einem leidenschaftlichen Schrei vor ihr auf die Kniee. .
„Kannst Du mir je vergeben, Janthe, daß ich Dein helles junges Leben ruinirt habe? Du wirst nun arbeiten muffen für Dein tägliches Brod, kannst Du mir dies je vergeben?"
diesen Umständen als eine Werbung für eine solche Mittelpartei, wie sie auch in Wahrheit sich eng an die vielfach künstlich aufgebauschte „En t r ü stu n gS"- Agitation wegen der bekannten 20,000 Mark an« schließt. Dadurch hat aber die Ehrengabe ihre Bedeutung für die ganze Nation verloren und ist, wie die ,Pf. Ztg.' treffend sagt, zur Parteisache geworden, für welche sich die Mittelpartei und die prinzipienlosen Anhänger jeder Regierung allerdings stark bemühen, die auch sonst vielfach von bessern Elementen in bester Absicht mitgemacht wird, welcher aber doch sehr große Theile der Bevölkerung durchaus kühl gegenüberstehen.
Wir wollen nicht die Verdienste bestreiten, welche Fürst Bismarck um die Wiederherstellung des deutschen Reiches, sowie, überhaupt als Leiter der auswärtigen Politik Preußens resp. Deutschlands sich erworben. Der Kanzler ist dafür vom Kaiser vom einfachen Adeligen zum Grafen und sodann zum Fürsten erhoben worden, im Jahre 1866 erhielt er eine mehrere hunderttausend Mark betragende Geld-Dotatwn, im Jahre 1871 das viele tausend Morgen große Gut Friedrichsruhe in Lauenburg. Dennoch könnte man noch an einem Nationalgeschenk für ihn sich betheiligen, wenn nicht gerade diese Bewegung eine politische Frukttfizirung bedenklicher Art ersehen ließe. Aus der Größe der Betheiligung und der Höhe des Ergebniffes wird man nämlich zu Gunsten einer Partei Politik, im Geiste der „Entrüstungs"- Bewegung Rückschlüffe ziehen. Soll das Centrum etwa dazu helfen, daß die eigene Patter verkleinert und die Zahl der Gegner aufgebauscht wird? Ter wichtigste und entscheidenste Grund gegen die Betheiligung an der „Ehrengabe" ergibt sich aber aus der Stellung des Fürsten Bismarck zur religiösin Frage. Er war es,, der ohne Veranlaffung den Katholikin den Fehdehandschuh hinwarf, der den Kampf, in dem die katholische Kirche Preußens seit Jahren um Sein und Nichtsein ringt, noch immer aufrecht erhält und sortsetzt, deffen offenes Bestreben es ist, die CertrumSpartei zu vernichten und die katholische Kirche wie jede andere unter die Staatsallmacht — dieses Grab jeder Freiheit — zu beugen. Der „Kulturkampf" hat das öffentliche Leben der Nation bis in das innerste Mark vergiftet und ihre besten Kräfte nutzlos verzehrt. Und daneben hat er Alles üppig ins Kraut schießen lassen, was das Volk materiell und moralisch
Sie neigte sich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit über ihn.
„Vater, sprich nicht so zu mir. Du meintest es gut. Aber selbst, wenn Du das größte Unrecht gethan hättest, würde ich nichts zu vergeben haben. Ich bin Dein Kind; an mir ist es nicht, Dich zu richten. Laß mich Dir helfen, Dich trösten, aber erbitte nicht meine Verzeihung. Ich bin bereit, mit Dir zu leiden."
„Gleichzeitig mit dem Brief, der mir die niederschmetternde Nachricht brachte," sagte der alte Earl wieder mit seiner bebenden Stimme, „erhielt ich gestern auch ein Schreiben von John Culroß, d. h. von seinen Exekutoren — er selbst ist tobt. Sie treiben seine ausstehenden Gelder ein und kündigten auch mir die 10,000 Pfund; wenn ich in 3 Monaten nicht zahlen kann, werde ich Croombe Abtei verlieren, sie wird aus meinen Händen in die ihrigen übergehen."
„Drei Monate," wiederholte Janthe, sie schienen ihr wie eine Gnadenfrist. „In drei Monaten läßt sich gewiß viel thun; könntest Du die Summe nicht von einem Andern borgen, Vater?"
„Wer würde einem ruinirten Manne 10,000 Pfund leihen? Natürlich werde ich nach meinem Anwalt senden und mein Möglichstes thun; aber
auf'S Tiefste schädigen mußte. DieNation versinkt v elsach in Unglauben und Materialismus. Die große Mehrheit der Nation hat den „Kulturkampf" seit geraumer Zeit in seiner Schädlichkeit erkannt und darum verurtheilt und würde gern dessen Beendigung sehen. Ein Wort des Fürsten Bismarck genügte, ihm ein rasches Ende zu bereiten, aber er will dieses Wort nicht sprechen!
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Februar.
* Die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses werden nicht, wie vielfach erwartet wurde wegen der wichtigen Reichstagsverhandlungen in der kommenden Woche ausgesetzt. Wie der Präsident v. Köller am Schluffe der letzten Woche erklärte, will er den Beginn der Sitzungen auf eine frühere Morgenstunde ansetzen und dann eventuell die Verhandlungen abbrechen, wenn die Reichstagssitzung beginnt. Schon im vorigen Jahre wurde bei dem Zusammentagen beider Parlamente der parlamentarische Tag so eingetheilt, daß der Vormittag dem Abgeordnetenhause, und der Nachmittag dem Reichstage zusiel. Dadurch wurde den Mitgliedern beider Parlamente die Möglichkeit gewährt, beiden Sitzungen beizuwohnen, während dies jetzt unmöglich ift, wo in der Regel von 11—4 Uhr im Abgeordnetenhause und von 1—5 Uhr im Reichstage Sitzungen abgehalten werden. Daß diese Art des Zusammentagens mit mancherlei Unzuträglichkeiten verknüpft und auf die Dauer nicht haltbar ist, liegt auf der Hand.
* Die Reichstagskommission lehnte in zweiter Lesung das Postsparkassengesetz ab und nahm eine Resolution an, welche die Regierung ausfordert, ein Gesetz vorzulegen, durch das die Postanstalten Annahmestellen für die Sparkaffen werden.
* Der Reichstag trat heute in die Berathung des vom Abg. v. Kardoiff eingebrachten Sperrgesetzes, durch welches die Eingangszölle auf Getreide, Mühlenfabrikate und Schaumweine sofort in Hebung gesetzt werden sollen. Der Abg. v. Ow (Reichspartei) wünscht auch, daß die Zölle auf Raps, Rübsaat und Oele sofort erhoben werden sollen. Finanzminister Scholz empsiehlt das Sperrgesetz, ohne deffen Annahme dem Reiche in den
ich weiß, es wird nutzlos sein. Croombe Abtei, das Heim der Carre's, wird das Eigenthum eines Fabrikanten werden. Dte tobten Carre's werden sich in ihren Gräbern umdrehen!"
Ihr schönes Antlitz errölhete heiß, die dunkeln Augen sprühten Feuer.
„Vater," sagte sie, „Etwas muß sogleich gethan werden: wir muffen Lord Ravenscourt die Wahrheit sagen. Du glaubst, er sei hier, weil er mich bewundere; er muß wissen, daß ich keine reiche Erbin mehr bin. Wir werden sehen, ob dies einen Unterschied bei ihm macht."
„Dann muffen wir unter irgend einem Vorwand unsere Gäste zu entfernen suchen. Wie leid thut es mir, daß wir an diesen thörichten Ball so viel Geld verschwendeten!"
„Tu warst glücklich, mein Liebling, so war cS auch keine Verschwendung," sagte der Earl. „Wie ist es, Janthe, liebst Du Lord Ravenscourt?"
„Nein, Vater; er gefällt mir, mit der Zeit würde ich ihn vielleicht lieben lernen."
„Das Unglück würde mir nur halb so groß erscheinen, wenn ich Dich glücklich verheirathct sähe," bemerkte Lord Carre; „nur für Dich fürchte ich die Veränderung, nicht für mich selbst."
„Wir müffen ihn morgen von Allem in Kennt-