1885.
Montag, den 16. Februar
37.
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Deutsches Reich.
Berlin, 15. Februar.
* Die Kommission des Herrenhauses hat, unter Verwerfung aller Abänderungsanträge, die Kreis- und Prvvinzial-Ordnung für Hessen- Nassau nach der Regierungsvorlage angenommen. Ende dieser Woche kommt dieselbe im Plenum des Herrenhauses zur Verhandlung.
* Der Reichstag trat gestern in die zweite Berathung der Getreidezölle. Die Fortsetzung der Debatte wurde auf Montag vertagt, an welchem Tage auch die Berathung des Sperrgesctzes stattfindet.
** Das Abgeordnetenhaus setzte gestern die zweite Berathung des Etats der Eisenbahnverwaltung fort. Der Abg. Büchtemann nahm dabei Veranlasiung, eine Reihe von Beschwerden gegen die Verwaltung des Winisters Maybach vorzubringen. Unter Anderem brachte er die geringe Besoldung der niederen Beamtenkategorien, die Höhe der Tarife, die Umgehung des Landes- eisenbahmaths bei Feststellung der Tarife, und die „drakonische" Strenge gegen die Beamten zur Sprache. Der Minister ging auf die Vorwürfe im Einzelnen ein und rechtfertigte unter wiederholtem lebhaftem Beifall der Rechten insbesondere die Strenge, mit der er gegen die Beamten anläßlich der Eisenbahnunfälle habe vorgehen muffen. Auch bezüglich der Beamtenbesoldung stellte der Minister weitere Aufbesierungen in Aussicht, sobald die Finanzlage eine günstigere geworden sei. Der Abg. Bachem lenkte die Aufmerksamkeit der"Re- gierung auf die Ueberlasiung der niederen Eisenbahnbeamten und führte auch darauf die Mitschuld an den Eisenbahnunfällen zurück. Der Minister Maybach sagte eine Erwägung dieser Frage zu, sowohl im Jnteresie des Verkehrs, wie der Familien dieser Beamten.
* In der Arbeiterschutz-Kommission des Reichstages kam es zur Abstimmung über die Anträge betr. die Sonntagsruhe. Der Antrag des Abg. Lieber: „An Sonn- und Festtagen dürfen die Gewerbe-Unternehmer die Arbeiter nicht beschäftigen und ihnen die Arbeit in ihren Werkstätten nicht gestatten," wurde mit zwölf gegen zehn Stimmen abgelehnt. Der Antrag Äckermann wurde mit dem Amendement Lieber uf Einfügung der Werkstätten in folgender
X Die Tochter des Aristokraten.
(3. Fortsetzung.)
2. Kapitel.
Sie war endlich gekommen, die Stunde, in welcher der alte Earl seiner Tochter Alles sagen, ihr junges Leben all' seines Glanzes, all' seiner Hoffnungen berauben mußte.
Er wählte die MitternachtSzeit, weil dann die Besucher zur Ruhe gegangen, die Dienerschaft sich zurückgezogen haben würde. Er konnte dann Janthe ganz für sich haben und den ersten Ausbruch ihres Schmerze» zu beruhigen suchen.
„Janthe", hatte er zu ihr gesagt, „wenn das Haus heule ganz still ist, um Mitternacht, willst Du dann in das Bibliothekzimmer zu mir kommen? Ich möchte Dich sehen, mit Dir sprechen."
Ohne sich im Geringsten überrascht zu fühlen, Halle sie ihm lachend versprochen, zu kommen. E» war der Tag nach ihr-m Geburtstag ; vielleicht hatte er ihr etwas wegen der Familienjuwelen oder sonstige Arrangements in Bezug auf ihre Mündigkeit zu sagen. Keine Ahnung der Wahr- heit kam ihr in den Sinn. Sie entließ ihre Zofe mit dem Bemerken, sie wünsche noch nicht zur
Fassung: „Die Gewerbetreibenden können die Arbeiter zum Arbeiten an Sonn- und Festtagen nicht verpflichten. Sie dürfen dieselben an Sonn- und Festtagen nicht beschäftigen in Fabriken, Werkstätten und bei Bauten," mit zwölf gegen zehn Stimmen angenommen. Für den Antrag stimmten Centrum, Konservative, Sozial-Demokraten und Hermann (deutsch-freisinnig).
* Das endgültige Schicksal der Kolonial- P o li tik des Deutschen Reiches und der mit derselben zusammenhängenden Vorlagen ist noch nicht abzusehen. Je länger die Entscheidung aussteht, um so mehr schwindet die Phantasie und tritt t er nüchterne Verstand bei den Mitgliedern des Reichstages in den Vordergrund. Und das ist gut. Denn daß die ganze Sache doch ernster Ueberlegung werth ist und zu sehr bedenklichen Verwickelungen mit dem Auslande führen könnte, zeigt das von dem Fürsten Bismarck veröffentlichte neueste Weißbuch, welches die diplomatischen Verhandlungen mit England in Bezug auf die Interessen des Deutschen Reiches und Englands auf den Südsee-Jnseln enthält. Schon die Veröffentlichung solcher Aktenstücke ist ein Zeichen dafür, daß doch nicht alles glatt ist. Moltke's Wort von den Feinden ringsum hat auch jetzt noch, wie es scheint, seine Berechtigung, wenn auch der Reichskanzler von Freunden ringsum zu reden vorzieht.
* Die „Kolonial-Jnselu" werden bereits Gegenstand des Scherzes. Der Abg. Woermann hat in der Reichstagssitzung vom 4. d. die seitens seiner Firma von King Bell gegen Zahlung von 70 Pko. Stert." angeruufte Jnfl'i Herkü Richter billig zum Kauf angeboten. Herr Richter hat dies Anerbieten selbstverständlich nicht angenommen; dagegen soll, wie die „Lib. Korr." berichtet, die Firma Woermann die westafrikanische Insel an den Abg. Oechelhäuser verkauft haben. Somit hätte denn Herr — Oechelhäuser „seine Insel"!
** Gegen die Reichsfechtschule erheben sich aller Orten Stimmen. So schreibt man aus Dreden über eine daselbst abgehaltene Generalversammlung des Vereins: „Von ca. 400 Fccht- und Oberfechtmeistern waren in der letzten Generalversammlung nur 24, und davon noch die Hälfte Vorstands- und Aufsichtsrathsmitglieder, anwesend. Die meisten hiesigen Fechter sind eben empört darüber, daß es mit dem viel versprochenen Waisenhaus in Sachsen nichts ist, weiter, daß nach
Ruhe zu gehen, bedürfe aber ihrer Dienste nicht mehr. Dann legte sie ihre kostbare Abendtoilette ab und hüllte sich in ein warme», weißes Hausgewand.
„So, nun kann ich nach Behagen mit Papa plaudern", sagte sie lächelnd vor sich hin und verließ ihr Zimmer, um sich in die Bibliothek zu begeben.
Im Stillen wunderte sie sich doch ein wenig, warum ihr Vater gerade diese geisterhafte Nachtstunde zu ihrer Unterredung gewählt habe, die doch gewiß nicht so dringend sei, um deßwegen ihre Ruhezeit abzukürzen. Sie hatte nie das Gefühl von Furcht gekannt; aber sie schauderte ein wenig, als sie die große Treppe hinabschritt. Die Kerze, die sie in der Hand hielt, warf sonderbare Schafen; die Blumen an den Wänden schienen ihr zuzuwinken, al» sie vorüberging.
„Ein großes Hau» in der Stille und im Dunkel der Nacht ist kein sehr heiterer Anblick", dachte Lady Janthe. Dann öffnete sie die Thüre und sah den Earl beim Feuer sitzen. Sie stellte ihre Kerze auf den Tisch und trat auf ihren Vater zu, ihn zärtlich mit ihren Armen umschlingend.
„Unser mitternächtliches Zusammentreffen ist ganz geheimnißvoll," sagte sie fröhlich, erschrack aber, al» sie in fein verstörtes Antlitz blickte.
bereits 4jährigem Bestehen der deutschen jReichs- fechtschule und des vorhandenen bedeutenderflFonds, circa eine halbe Million Mark, noch nicht ein einziges Waisenkind versorgt wurde, daß man sich jetzt sogar um das Eigenthumsrecht von der Hälfte des Sammelobjektes zu streiten beginnt und daß schließlich die sauer zusammengefochtenen Pfennige zu Advokaten- und Gerichtskosten verwendet werden." Man kommt hier, wenn auch etwas zu spät, jetzt zu der Einsicht, daß es besser gewesen wäre, wenn man das viele hier gesammelte Geld in Sachsen behalten und nicht nach Magdeburg gesandt hätte. Viele drehen deshalb dem Verern stillschweigend den Rücken" und nur Wenige machen ihrem Herzen noch in^Versamm- lungen Lust. KM. MM
* Hamburg, 14. Febr. Zwei anarchistischer Umtriebe Beschuldigte sind auf Requisition des Frankfurter Oberstaatsanwalts nach Frankfurt transporsirt worden.
* Speyer, 14. Febr. Die Genesung des hochw. Herrn Bischofs von seinem Augenleiden macht langsame Fortschritte, doch wird für dieses Jahr kein Fasten-Hirtenbrief erscheinen, da der Herr Bischof seine Arbeiten noch nicht in der hiezu uothwendigen Weise aufnehmen kann.
Ausland.
* Zu der Behauptung, daß die Schweiz die „Zuflucht der Hochoerrälher aus aller Herren Länder" )ei, bringt die ,Gaz. de Lausanne' einen i» folgeIIder Nachricht: Es haicen sich gegenwärtig auf Schweizerboden ungefähr 2000Anar« chifteu, meisten» Ausländer «uf; es bestehen anarchistische Sektionen in Zürich, Winterthur, St. Gallen, Zug, Luzern, Bern, Biel, Burgdorf, Basel, Neuenburg, Freiburg, Lausanne und Genf. Vielleicht hat das Blatt auch Sozialdemokraten al» Anarchisten gerechnet. Die auswärtigen Mächte haben dir Zahl ihrer Geheimpolizisten in der Schweiz erheblich vermehrt.
* London, 14. Febr. In Korti ist ein Bote eingetroffen, welcher vor 6 Tagen Khartum verlassen haben will. Er behauptet, von dem Falle Khartums oder dem Tode Gordou's nichts gehört zu haben. Der Mudir von Dongola glaubt auch jetzt noch nicht an die Richtigkeit der diesbezüglichen Meldungen, allein die englischen Behör-
„Was ist passirt, Vater?" rief sie aus. „Du bist krank, oder hast mir etwas Schlimmes mit« zutheilen. Wie Du verändert bist l Wa« ist Dir?"
Sie kniete neben ihm nieder und sah ängstlich zu ihm auf.
„Sage es mir, Vater; ich war immer Deine Trösterin, sage mir, welchen Kummer dies schöne, fröhliche Weihnachtsfest Dir gebracht hat."
Niemals vergaß sie das bleiche, abgehärmte Gesicht, das sich jetzt über sie beugte.
„Um Dir Alles zu sagen, Janthe, bat ich Dich, hierher zu kommen; und mancher Verbrecher ist seinem Richter, mancher Verräther seinem König mit weniger Furcht entgegengetreten, als ich meinem eigenen Kinde in dem Augenblicke, wo ich demselben meine Schuld gestehen muß."
Sie hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu. Da» Lächeln war auf ihren Lippen erstorben; ihre dunkeln, lebhaften Augen waren voll Verwunderung auf den Vater geheftet, der die {einigen vor ihrem klaren offenen Blick zu Boden schlug.
„Deine Schuld?" wiederholte sie langsam. „Ich weiß nicht, was Du damit meinst; aber einer Sache bin ich sicher: Du hast nichts gethan, was eines Carre unwürdig wäre. Du hast das zarte Gewissen eines Gentleman und legst einem unbe-