j\a 35. Freitag, den 13. Februar
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1885..
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Zeitgemäße Glossen über Vergnügungssucht und Bereinswesen.
* Ein großes Nebel, das sich tief eingefresien hat in unfern Volkskörper und die ganze Gesellschaft durchseucht, ist die bis in'6 Maßlose gesteigerte VergnügungSwuth und Genußsucht. Es ist nicht genug, daß gutgesinnte Blätter, denen das Wohl des Volke» am Herzen liegt, ab und zu auf dieses Nebel Hinweisen und dasselbe beklagen, es ist auch hohe Zeit, daß allgemein Maßregeln ergriffen werden, um dasselbe nachdrücklich zu bekämpfen und einzuschränken. Nichts ruinirt so sehr den Nationalwohlstand. nicht» fördert so sehr das Elend in den Familien und füllt die Armenhäuser und Gefängnisse in gleichem Maße, wie die VergnügungS- undGenußsucht, die einen wahrhaft epidemischen, ansteckenden Charakter angenommen hat. Sie verschleudert in meist sehr zweifelhaften Amüsements den sauer verdienten lohn; ihr wird das Geld geopfert, das im Haushalte bitter nöthig ist; sie führt zum Zwiste in den Familien und zum leidigen Borgsystem; sie benimmt die Lust und Freude an der Arbeit und zerrüttet oft genug den Körper; die Seele aber füllt sie mit Heißhunger nach immer neuen Vergnügen, so daß das Göthe'sche Wort zutrifft:
Von Begierde taumle ich zum Genuß
Und im Genuß verschmacht' ich vor Begierde."
Die große, brennende soziale Frage, die wie ein schwarzes Gewölk über uns hängt, wird mit dem Krankenkassengesetz, der Unfallversicherung und der Altersversorgung der Arbeiter allein nicht gelöst; hier gilt es vor allen Dingen den Hebel anzusetzen und Abwehrmaßregeln zu treffen. Die Wuth zu genießen hängt mit unserer m a t e r i a l i st i s ch e n Zeit strömung enge zusammen. Wenn dem Volke von den Lehrstühlen der Wissenschaft herab, in Zeitungen und Schriften vordemonstrirt wird, daß es in der Ewigkeit nichts zu hoffen, keinen Lohn für feine Mühen und Entbehrungen zu erwarten habe, dann wird es folgerichtig darauf erpicht fein, hienieden zu genießen und sich das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Besitzenden, die Reichen und Großen gehen dem Volke ja mit dem anreizendsten Beispiele voran, und wenn die Arbeiter und Handwerker auch nicht leben können, wie die „oberen Zehntausend", so wollen sie doch wenigstens das mitnehmen, was für sie im Bereiche der Möglichkeit liegt. An den Thüren der
X Die Tochter des Aristokraten.
(1. Fortsetzung.)
„Vergiß nicht, daß ich die erste bin, die Dir eine gesegnete Weihnachten wünscht. Später werde ich mich Dir im Glanze der Carre-Diaman- ten zeigen, Du kannst mich hier erwarten." In der nächsten Minute war sie gegangen. Als sich die Thüre hinter ihr geschlossen, schwand das Lächeln aus des alten Mannes Zügen und machte einem Ausdruck fast geisterhaften Entsetzens Platz.
„Wie kann ich eö ihr sagen?" rief er, verzwei- feit die Hände ringend. „Wie soll ich e» ertragen, sie heute Abend ahnungslos sich ihrer Triumphe freuen zu sehe» — ich, der ich die Wahrheit weiß? Darf ich sie ihr noch länger vorenthalten?" Seine Lippen bebten und fein weißes Haupt senkte sich tief auf die Brust herab, als ob die Stürme des Lebens es gebeugt hätten.
„Heute noch nicht," sagte er — „heute soll sie es noch nicht ei fahren. Sie ist so jung und glücklich, so stolz und schön, diesen einen Abend soll sie noch ungetrübt genießen und morgen will ich ihr Alles sagen."
Halb getröstet, halb beunruhigt hatte sich Lady
Kirchen, wo Mäßigkeit, Entsagung und Sparsamkeit gepredigt wird, treibt die Zeitströmung das Volk vorbei und wirft es in die Arme jenes Ungeheuers, das auf den moralischen und finanziellen Bankerott der Familie, de» Volkes und des Staate» hin arbeitet.
Mit allen nur erdenklichen Mitteln wird die Erreichung dieses traurigen Zweckes gefördert: in den Städten wachsen die Wirthshäuser und Schenken wie Pilze aus der Erde; Extrazüge führen allsonntäglich Tausende und Abertausende an Vergnügungsorte; die Tanzlokale, wo Fabrik-, Näh- und Dienstmädchen, Soldaten, Handwerker und Arbeiter sich einfinden, sind gefüllt; die Vereinswuth, die allenthalben graffirt, muß, außer ihren Versammlungsabenden, ihre Stiftungsfeste, Ausflüge, Festfahrten haben, und so ein Ausflug mit Familie kostet oft mehr, als der Mann in der ganzen Woche verdient. Dazu kommen die Kirmessen, die Schützenfeste, die Sängerfeste, die Tur- nerfefte, und wie die Festlichkeiten alle heißen mögen. „Was zu viel ist, ist zu viel." Wir wollen aus der Masse dieser Vergnügungen eins herausgreifen: ein Schützenfest in einer großen Stadt. Das Schießen ist den Meisten Nebensache; das Trinken, Tanzen und Spazierengehen die Hauptsache. Tausende von Menschen wälzen sich nach dem Festplatze, der von Buden aller Art bestanden und eingefaßt ist. Hier werden dem Volke seine sauer erworbenen Groschen mit einer Virtuosität aus den Taschen gelockt, die nur übertroffen wird vor. der Faul- lenzerei der Marktschreier, die von dem Vorwitz und der Gedankenlosigkeit der Menge lebe». Die meisten Buden, zu deren Besuch in der verlockendsten Weise angereizt wird, sind auf die Prellerei des Publikums berechnet; und welches Publikum ist es, das hier um feine wenigen Groschen geprellt und betrogen wird? Der sogen, kleine Mann. Gerade ekelhaft sind die ©eenen, die sich Abends auf solchen Volks- und Schützenfesten ab- spielen, und die ganze Nichtswürdigkeit der menschlichen Natur glaubt sich unter dem Schleier der Nacht breit machen zu dürfen. Trunkene Burschen schwanken brüllend über de» Festplatz.
Wie ist diesem Hebet zu steuern? Es liegt uns fern, für die Einschränkung der persönlichen Freiheit zu plaidiren und da« Volk unter Polizeiaufsicht fiel» len zu wollen; das Gesetz und die Behörde können Keinem verbieten, sich zu amüsiren, und die Macht
Janthe in ihr Ankleidezimmer zurückbegeben; sie kannte ihren Vater so genau, sie liebte ihn so zärt- lich mit einer so gänzlichen vollkommenen Hingebung, daß sie nur schwer zu täuschen war.
„Ersieht nicht krank aus," sagte sie; „aber seine Stimme hatte einen fremden Klang — einen Klang, den ich nie zuvor gehört."
Der Wind heulte klagend um das alte Haus — es klang fast wie ein Stöhnen von Zeit zu Zeit — und trotz der Wärme ihres luxuriösen Gemaches schauderte Lady Janthe.
„Die Canes haben ihre Fehler," sagte sie; „aber sie sind nicht abergläubisch. Was bedeutet diefis sonderbare Gefühl, das mich plötzlich überfällt?"
Aber sie vergaß den Wind und ihr beängstigendes Vorgefühl beim Anblick der kostbaren Diaman- ten, der Familien-Erbstücke, die heute ihr Eigen- thum wurden. Sie legte das Kleid an von schwerem mattrosa Brocatstoff, mit kostbaren weißen Spitzen besetzt. Sie war groß und schlank — diese stolze Tochter eines stolzen Geschlechts — mit einer graziösen Figur und einer vollendeten Anmuth in ihren Bewegungen. Sie hatte eine königliche Haltung — eine angeborene Würde, die sie nie verließ — und ein Gesicht, das die ganze stolze Schönheit der
der Polizei ist groß genug; wohl aber ist es erlaubt und nothwendig, dem Mißbrauch jener Freiheit Schranken zu setzen. Dieser Mißbrauch liegt zunächst in den allzu zahlreichen Gelegenheiten, sein Geld los werden zu können; die Behörde sollte mit den Wirthschafts-Konzes« sionen nicht so liberal sein und die Zahl derselben nach der Einwohncrzahl festsetzen. Manche der zweifelhaften Schwindelbuden auf Festvlätzen und ähnliche Geldbeutel-Entleerungsapparate sollte man, gleich den Singlokalen unter scharfe polizeiliche Äontrole stellen oder ganz verbieten. Man komme uns nicht mit der Gewerbefreihcit; solche „Gewerbe" verdienen keine Freiheit, und die nomadisirenden Tagediebe, die von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ziehen und faullenzen, sollten arbeiten, d. h. ein Gewerbe betreiben, das den Mitmenschen frommt! Es sollten unsere Strafgesetze aufhören, die Trunkenheit als Milderungsgrund bei Begehen von Verbrechen gelten zu lassen; in England verschärft der trunkene Zustand des Thäters die Strafe. Eine Vereins st euer wäre auch so übel nicht. Soll das Volk von den Bahnen des Materialismus und der Genußsucht ab- und wieder auf die Wege des Fleißes und der Sparsamkeit geführt werden, so ist es aber in erster Linie nothwendig, daß die Kirche mit vollster Freiheit auf Herz und Geinüth des Volkes wirken kann, was zur Zeit leider nicht der Fall ist.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Februar.
“ Das Postsparkassengesetz ist von der Reichstagskommission abgelehnt worden, nachdem vorher alle Paragraphen von 3u ab einzeln abgelehnt waren.
* Die Kommission des Abgeordnetenhäuser zu Berathung des Gesetzentwurfs betreffend Pensio- nirung der Volksschullehrer begann am Dienstag di- Generaldebatte. Abgeordneter v. Zedlitz berechnete den durch das Gesetz entstehenden Mehrbedarf der Staatskasse aus höchstens 3,650,000 Mark. Hnterstaatssekretair Lucanus konnte nur erklären, daß das Staatsministerium noch keinen Beschluß gefaßt habe und voraussichtlich auch in nächster Zeit nicht fassen werde, da erst feste Beschlüsse der Kommission und des Hauses vorliegen
CarreS in sich vereinigte. Die dunkeln stolzen Augen schienen mit einer gewissen ruhigen Feierlichkeit in die Welt hinaus zu blicken, aber sie konnten auch leidenschaftlich aufleuchten, sowohl in Siebe als in Zorn. Eine Fülle prachtvollen dunkeln, natürlich gelockten Haares umrahmte das reine Oval des blühenden Antlitzes, das wirklich tadellos zu nennen war,
Die einzige Tochter einer ter edelsten, ältesten Familien Englands, schön wie der schönste Traum eines Künstlers oder Poeten, hochbegabt, feingebildet, konnte man sich em glücklicheres Loos denken, als da», welches Janthe Carre zu erwarten schien? Heute, am Weihnachtsabend, erreichte sie ihr achtzehntes Jahr, und auf ihren besondem Wunsch sollte dieser Tag durch einen großen Ball gefeiert werden. Zu des alten Earls großer Freude hatte er einen Brief von Lord Ravenscourt erhalten, worin ihm dieser meldete, daß er sich um die Weihnachtszeit in der Nachbarschaft aufhalten und mit großem Vergnügen auch einige Tage in Croombe Abtei zubringen würde, welcher Brief natürlich mit einer herzlichen Einladung zu dem Geburtstagsball beantwortet worden war.
Es weilten auch noch andere Besucher im Hause: Lord und Lady Morston, Sir Harry Tredegar