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Donnerstag, den 12. Februar 1885.
abgesandt, dessen Erhöhung von3Mk. auf 20 Mk. in der Zolltarif-Novelle vorgeschlagen ist.
» Bremen, 10. Febr. Die Auswanderung über Bremen hat wieder erheblich abgenommen. Es sind besördert im Januar 1885 über Bremen 1078 deutsche und 1149 außerdeutsche Auswanderer gegen 1811 bezw. 1166 gleicher Zeit im Vorjahre.
* Regensburg, 11. Febr. Das Fastenpatent des hochwurdigsten Herrn Bischofs von Regens- bürg ermahnt die Gläubigen zum Gebete und zu einem ganz christlichen Leben, um die Erbarmungen Gottes, wie der hl. Vater Leo XIII. mahnt, zu beschleunigen.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Februar.
• Der R eichstag letzte die erste Berathung der Zolltarifnovelle fort. Der Abgeordnete Bebel bekämpfte in ausführlicher Rede die Vorlage, insbesondere die Getreide- und Holzzölle, und meinte, der Landwirthschaft könne nur noch aufgeholfen werden durch Uebergang zu einem anderen Bewirthschaftungsmodus, zu der sozialistischen Ackerbaugenossenschast. Durch die gegenwärtige Zollpolitik mache sich die heutige Gesellschaft zum besten Vorarbeiter der Sozialdemokratie und zu ihrem eigenen Todlengräber. Nach dieser schrecklichen, aber eindruckslos gebliebenen Ankündigung betrat der schwäbische Landwirthschafls-Jnspektor Seemann die Tribüne, um im Namen des andern TheilS der Nationalliberalen die Vorlage zu befürworten. Dirichlet und Kcöber (Volkspartei) bekämpften die Vorlage, letzterer speziell die Holz- zölle, während Kardorff und Grad (Elsässer) sich für die Novelle aussprachen. Neue Gesichtspunkte wurden auch h»ute von keiner Seite ins Feld geführt. Der Reichskanzler verließ noch vor Schluß der Sitzung das Haus, ohne das Wort zu ergreifen.
• Der Reichstag wird mit Petitionen förmlich überfluthet. Bi« jetzt haben die Petitionen für die Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle einen weiten Vorsprung, ebenso die, welche sich für eine prozentuale Börsensteuer autsprechen. Zu diesen Massenpetitionen gesellen sich zahlreiche kleinere. So petitiomrt neuerdings ein Herr um Verbesse- rung des Kalender«, als ob der Reichstag Zeit und Neigung zu solchen Dingen hätte. Auf dem Regensburger Reichstag hat man noch trotz der Stürme des 30jährigen Krieges die Muße gefunden, gegen die Einführung de« „papistischen" Gre- gorianftchen Kalenders zu protestiren, aber der jetzige tt>eichstag hat entschieden wichtigere Dinge zu lhun.
»Da» Abgeordnetenhaus verhandelte heute zunächst über den Antrag Bödicker auf Gleichstellung de« Strafmaßes und Strafverfahren« für da« Spielen in auswärtigen Lotterien. Die Strafen sind in den neuen Provinzen nämlich durchweg höher und fchärfer als in den altpreußischen Landesiheilen. Der Antrag wurde schließ- lich mit einem von dem Abg. Francke gestellten,
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der dieselbe Materie regeln will, an die Justizkommission verwiesen. Von größerem Interesse war die zweite Berathung der Convertirung der ch'/zprozentigen Staatsrente in 4prozentige. Die Maßregel wurde von den Abg. Wagner und v. Minnigerode mit Rücksicht auf den finanziellen Erfolg der bedeutenden Zinsenersparniß, welcher den Steuerzahlern zu Gute kommt, befürwortet, während die Abgeordneten v. Uechtritz und Windthorst den sozialpolitischen Folgen der Conversion eine größere Beachtung geschenkt haben wollten. Denn da die Mündelgelder und die Kapitalien der armen Leute gerade zumeist in Staatr- rente angelegt seien, so treffe also vorzugsweise diese Klassen der Zinsenverlust. Mit den sozialpolitischen Tendenzen der Regierung stehe diese Maßregel im Widerspruch, die Regierung sollte jedenfalls nur in Zeiten der dringendsten Roth dazu greifen. Dem gegenüber begrüßten e» die Abg. Hänel und Eynern, daß die Convertirung gerade jetzt erfolge. Indem das Volk sehe, daß es fein festes Anrecht auf eine unwandelbare Staatsrente habe, werde die staat-sozialistische Strömung schon von selbst nachlassen. Die Con- vertirungSvorlage wurde schließlich gegen einen Theil des Centrums angenommen. E« folgte sodann der Etat der Lotterieverwaltung. Die Kommission hatte beantragt, die Loose der preu- ßischen Klassenlotterie und noch kleinere Theilstücke einzuführen. Die Abg. Stöcker und Wagner beantragen dagegen, die preußische Regierung zu er- suchen, im Vereine iflti den betheMgtest'Smzeistaaten sämmtliche Staatslotterien aufzuheben. Die Frei- konservativen und die gouvernementalen Konservativen plaidirten für die Kommissionsbeschlüsse, während die Deutschfreisinnigen, da« Centrum, die Nationalliberalen und die äußerste Rechte dieselben bekämpften. Schließlich wurden sowohl der Antrag Wagner-Stöcker wie der erste Theil der Kommis- fionsbeschlüsse (Verdoppelung der Loose) abgelehnt, dagegen die Ausgabe noch kleinerer Loostheile, al« sie jetzt bereit« bestehen, beschlossen.
* Die Budgetkommission de« Abgeordnetenhauses genehmigte die Schwenninger'sche Professur bei der Abtheiiung der Dermatologie mit 13 gegen 4 Stimmen.
• Die Nürnberg-Fürther Lebkuchen-Fabri- kanten haben zu Händen de« Abg. Frhrn. von Stanffenberg eine Petition gegen den Honigzoll keine edleren Gefühle erweckte in ihr diese heilige Zeit, die doch so recht geeignet ist, un« zur De- muth, zur Betrachtung unserer eigenen Schwäche und Armseligkeit zu stimmen.
Janthe Carre galt von jeher für eine« der stolzesten Mädchen England«. »Lady Janthe" nannten sie die Wärterinnen ihrer frühesten Kind- heil, die schöne, vornehme, leider zu früh verstorbene Mutter, der alte Earl, ihr Vater, der sein einzige« Kind fast abgöttisch liebte, Gouvernanten und Lehrer, Freunde und Gefährten — kurz, Jedermann, der mit ihr in Berührung kam.
Lady Janthe wandte sich jetzt von dem Fenster ab und trat an den Toilettentisch, wo bereits seit einer halben Stunde die Zofe wartend stand und es nicht wagte, die Träumereien ihrer jungen Herrin zu stören. Die junge Dame blick e auf ihre kleine mit Juwelen besetzte Uhr. E« war noch nicht spät.
Ich will noch einen Blrck hrnunterwersen, wandle sie sich zu Der Zofe, „um zu sehen ob Alle« in Ordnung ist, ehe ich mich anueioe."
Sie öffnete die Thüre ihre« Zimmers und lächelte beim Anblick all' der Schönheit, die sie umgab. Die breiten Treppen waren mit schar- lachrolhem Tuch bedeckt, da» ledhast fontraftirte
X Die Tochter des Aristokraten.
iNachdr. »ert.J
Der Weihnachtsabend war angebrochen. Janthe Carre stand seit einer vollen Stunde am Fenster ihre« prächtigen Ankleidezimmer« und blickte hinau» in die prachtvolle Winterlandschast. Der dunkle Himmel mit seinen funkelnden Sternen bildete einen herrlichen Kontrast zu der weißen Erde, welche der scharfe Frost der letzten Tage wie mit einem silbernen Netzwerk überzogen. Die kahlen Hecken und laublosen Bäume glitzerten wie Silber, Eiszapfen hingen wie große Diamanten an den Dachrinnen der Gebäuden, an den viereckigen Thiirmchen bet Abtei. Die Wege waren hart und fest gefroren — ein kalter Nordostwind beugte die Häupter der hohen, kahlen Bäume und erhob zuweilen laut seine klagende Stimme. An« weiter Ferne ertönte der Klang der Weihnachtsglocken, das Dumpfe Brausen der Meereswogen; aber ane tiefe Ruhe, ein süße«, heilige« Schweigen lag über dem ganzen Lande.
Mit dem Auge eine» Künstler« und der Seele eine« Poeten halte Janthe Carre die ganze lieb- liche Scene in sich ausgenommen, Bewunderung erfüllte ihr stolzes Herz. Kerne höheren Gedanken.
Ausland.
* Wien, 1t. Febr. In militärischen Fach- b ättern begegnet man immer von Neuern der Klage über die Abnahme der Kenntniß der deutschen Dienstsprache in der Armee. Trotz der Territorial-Eintheilung gibt es genug Tivi- fionen, welche aus Regimentern verschiedener Nationalität zilsammengesetzt sind; wie sollen deren Mannschaften unter einander sich bei Patrouillegängen, Vorpostenablösungen, im Nachrichtendienste, beim Kampfe in gemischten Verbänden u.^ s. w. verständigen, wenn die Kenntniß der Dienstsprache nicht bedeutend allgemeiner wird, al« dermalen?
• Agram, 10. Febr. Die Wühlereien gegen den hochwürdigen Bischof Stroßmayer haben immer bloß den Erfolg, die Achtung, die Liebe und Verehrung, welche derselbe bei seinen Diözesanen genießt, nur zu erhöhen. Der ,Pozor' veröffentlicht in der heutigen Nummer mehrere Spalten Glückwunsch-Telegramme an Stroßmayer, darunter von polnischen, slavenischen, dalmatinischen und czechischen Reichsraths - Abgeordneten, von Bischof Posiloviz, SlaatSrath Ozegooiz, von zahl- reichen Vereinen und Privaten. Der hl. Vater selbst sendete durch Domherrn Ernziz seinen speziellen Segen
— Während in Frankreich die moralische Zersetzung de« Volke» in erschreckendem Maße zunimmt, verhandelte die Kammer jüngst gemüthlich über die Frage, wie man die stärkste sittliche Macht, die Kir ch e, ihre« Ergenthurn« berauben und überhaupt ihren Einfluß so viel wie möglich einschränken könne. Der roütbenbe Kirchenfeind Paul Bert verlangte allen Ernstes, der Kirche alle Gebäulich- mit den weißen Statuen auf den Treppenabsätzen und dem Wald von seltenen Blumen, die da« Hau« mit ihrem Wohlgeruch erfüllten.
Lady Janthe schritt die bequemen Stufen hinab. Die große Eingangshalle war brillant erleuchtet und auf die geschmackvollste Weise mit prächtigen Tannen au«geziert. Sie öffnete die Thüre zum großen Speisesaal und sah mit einem Blick, daß Alle« in Ordnung war; dann begab sie sich in den Salon und lächelte wieder, al« eine der glänzendsten ©eenen sich vor ihr auftbat. Das prächtige Gemach, durch unzählige Wachskerzen erleuchtet, die zwischen den Massen grünen Laube« wie Sterne hervorblitzten, der seine Dust dcr seltensten, exotischen Gewächse, der silberglänzende Strahl der winzigen, wohlreichenden Fontamen, die kostbaren Gemälden und graziösen Statuen — die« alle« bot einen Anblick bar, der seine« Gleichen suchte. Lady Janthe lächelte befrieMgt. Es war Alle«, wie t« sein, sollte.
Die stattliche alte Haushälterin, Mr«. Charles, begegnete ihr in bet Halle unb trat mit einer tiefen Verbeugung auf sie zu.
„Gnädige«'Fräulein," begann Jie in ehrerbietigem Tone, „barf ich fragen, ob Sie Lorb Carre vor Kurzem gesehen haben?"