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Deutsches Reich.

Berlin, 10. Februar.

* Der Reickstüg begann heute die erste Be- rathung der Zolltarifnovelle. Der Abg. Rickert bekämpfte in einer etwa Ist/? stündigen Rede die Erhöhung insbesondere der Getreide- und Holzzölle, ohne indeß wesentlich Neues vorzubringen. Redner meint, wenn man vor den Wahlen eine Erhöhung des Roggenzolls in Aussicht gestellt hätte, dann wären die Wahlen ganz anders aus­gefallen. Das Triumphgeschrei über den Segen der neuen Wirthschaftspolitrk sei verstummt. Der Danziger, Königsberger und Memeler Handel sei in Folge der neuen Wirthschaftspolitik zurückge- gangen, dagegen aus dem kleinen Liebau (Ruß­land) ein großer Gelreidehafen geworden. Die gegenwärtige Vorlage bezwecke eine Preissteigerung,^ d. h. eine Bereicherung ver besitzenden K-affen auf Kosten der ärmeren. Aber der Staat des allge­meinen Stimmrechtes werde nicht mit «ich fpaffen lasten und die Sozialdemokratie werde aus der Vertheuerung des Brodes die schärfste Waffe schmieden. Redner bestreitet natürlich eine allge­meine Nothlage der Landwirthschasl und gibt höchstens eine partielle für einzelne Gegenden zu. Aus den amtlichen Berichten des LandwirthschaftS- MinisterS Dr. Lucius und aus deu Zeugnisten un­abhängiger Landwirthe gehe hervor, daß man von einem generellen Rolhstand gar nichr reden könne. Der Schutzzoll sei eine Subvention auf Kosten der übrigen Steuerzahler, aber ohne den Nachweis des Nothstaudes könne mau keine Subvention be­willigen. Nur die Großgrundbesitzer, d. h. höch­stens 10 pCt. der landwirthschaftlichen Bevölkerung, würden einen Nutzen von der Erhöhung der Ge­treidezölle haben. Der Holzzoll sei der wider­sinnigste aller Zölle und nur erfunden zur Be­reicherung der Magnaten. Einzelne Ausführungen des Redners wurden selbstredend aus den Reihen d-s Centrums und der Rechten mit verdienter Heiterkeit belohnt. Minister Lucius widerlegte eine große Anzahl von Bemerkungen des Vorred- ners und forderte besonders warm die Bewilligung der höheren Getreidezöll- mit Rücksicht auf die Nothlage der Landwirthschaft, die der Minister an der Hand der Statistik nachwies. Die Produktionskosten, die Löhne der ländlichen Arbeiter, insbesondere dir weiblichen Dienstboten,

* Emanuel Geibel's Beziehungen zn Hessen.

(Schluß.)

Am 1. Mai 1842 war er wieder in Escheberg; doch sollte seines Bleibens nicht mehr dort sein, seine Neigung zu der Tockter de« Hauses trieb ihn hinweg, da er stch selber sagte, „zwischen uns ist eine Kluft gezogen, die sich verbinden läßt durch keine Brücke und die noch keiner glücklich üb ifloaen." Das Scheiden wurde ihm furchtbar bitter. Als er am 22. Mai 1842 Abschied nahm von dem hochaelegenen Poetenstübchcn, das später Bodenstedt, Kugler und Julius Roden- berg ebenfalls bewohnt, schrick er mit bebender Hand die vom Weh des Abschieds durchzitterten Verse auf, welche bisher noch keine Sammlung seiner Gedichte enthält:

„geb' wohl Du grüne Wildniß, Leb' wohl Du froher Ort, Ich trage still Dein Bildniß Im Herzen mit mir fort.

Und wenn des Tages Tosen Jn's Ohr mir draußen schallt. Denk' ich an Deine Rosen, Denk' ich an Deinen Wald.

seien außerordentlich gestiegen, während die Ge­treidepreise heute niedriger seien, als vor zwölf Jahren. Ebenso seien die öffentlichen Lasten, ins­besondere die Armenlast, unter welcher der Grund­besitz schwer leide, erheblich gestiegen. Zum Schluß gab der Minister seiner Ueberzeugung vahin Aus­druck, daß sofort und unmittelbar eine Preis­steigerung nicht eintreten werde. Dafür spreche die bisherige Erfahrung. Um den Betrag der Zollerhöhung werde auch später der Getreidepreis aller Erfahrung gemäß nicht steigen, vielmehr ein Theil des Zolls sicher vom Ausland getraaen werden. Die vorgeschlagenen Sätze seien im Ein­zelnen wohl diskutirbar, aber der Reichstag möge die Sätze so bemessen, daß in nackhaltiger Weise der Landwirthschaft geholfen werden könne. (Lebhafter Beifall rechts und im Centrum.) Holzmann (natlib.) bekämpft im Namen eines Theiles seiner politischen Freunde die Vorlage, und empfiehlt schließlich eingehende Kommissions- berathung. Unter großer Spannung ergriff sodann Fürst Bismarck das Wort. Die Rede des Kanzlers beschäftigte sich mehr mit dem Holz zoll, als mit dem Getreidezöll. Bezüglich des elfteren bezeichnete Fürst Bismarck als den Zweck der Vor­lage die Einfuhr des bearbeiteten schwedischen Holzes in Deutschland möglichst zu verhindern, nicht die Einfuhr des schwedischen Rohholzes: Dem deutschen Arbeiter solle nur die Bearbeitung des letzteren und der daraus fließende Verdienste ge- sichert werden. Der Kleinbauer habe vielleicht ein noch größeres Interesse an einer rentablen Waldwirthschaft, als der Waldbcsttzer selbst, der Bauernstand prosperire dann besonders, wenn er sein Zugvieh auch zu anderen Zwecken und zu der Zeit beschäftigen kann, wo dasselbe für den Acker­bau nickt nothwendig ist; also zu Holzfuhren. Der Reichskanzler wendete sich sodann in einigen dra- stischen Bemerkungen zur Bekämpfung der Ver­billigungstendenz durch fremde Einfuhr auf Kosten des deutschen Handwerkers und Arbeiters und kennzeichnete schließlich die Behauptung, die Re- gierung bezwecke durch ihre Zollvorlage eine Be­reicherung der besitzenden Klassen auf Kosten der ärmeren, als eine Unwahrheit und als eine Auf­hetzung des Volkes gegen die Regierung. Die Linke protestirte gegen diese Bemerkung durch wieder­holtes Zischen, woraus Fürst Bismarck seinerseits den Schluß zog, daß sich die Linke wohl getroffen

Dann wird hinipeggenommen Das wüste Lärmen sein, Dann wird es auf mich kommen, Wie stiller Mondenschein.

Und Deiner Quellen Fließen • Und Deiner Wipf-l Weh'n Wird wie ein stilles Grüßen Durch meine Lieder geh'n."

Aus dieser Zeit stammt auch das Gedicht „Mulh"; „O Herz laß ab zu zagen und wirf von Dir Dein Joch." Geibel ging zurück nach seiner Vaterstadt Lübeck, von dort aus schrieb er an seinen Gönner Karl von der Malsburg: „Gern hätte ich Ihnen schon früher geschrieben, wenn mir dazu nickt die nöthige Muße gefehlt hätte, jetzt bin ich Gottlob eingerichtet und daS Leben geht wieder seinen alten Gang. Mit inniger Freude denke ich an meinen Aufenthalt in Escheberg, der mich zu Ihrem ewigen Schuldner macht. Ick fühle es deut-ich, daß, wenn etwas aus mir wird, ich es allein Ihnen zu dan­ken habe. Bewahren Sie mir, das ist mein innig­ster Wunsch, ein freundliches Gedenken".....

In Lübeck hatte er die Freude, Ludwig Uh land zu sehen und mit ihm einen gemüthlichen Abend im Rathskeller zuzubringen, ^eine an­dere angenehme Ueberraschung war die vonFr edrich Wilhelm IV. eingetroffene Bestätigung der Ver-

fühlen müffe. Der Abgeordnete von Ssckalscka (Centrum) begrüßt die Vorlage sehc^lebhaft, ver­miß nur höhere Flachs- und Viehzölle und die Einführung eines Kohlenzolles. Die Weiieibc- rathung wurde schließlich auf morgen vertagt.^

* Dem Abgeordnetenhause gehen seitens des Gen» trumS die früheren Anträge des Abg. Dr. Windt- borst aus Aufhebung des Sperrgesetzes und Straffreiheit des Sakramentespendens und Messe lesens wieder zu. Die Anträge werden vom Centrum, sowie den polnischen Abgeordneten unterschrieben.

* Wir lesen heute in der ,Köln. Volksztg.':

Mit mmölhigem Mangel an Höflichkeit schreibt die .Germania': „Ein Korrespondent der .Köln. Volksztg.', welcher schon verschiedene „Enten" in die Welt gesetzt hat, wartet wiederum mit der Nachricht auf, daß kirchen­politische Vorlagen fertig gestellt seien, und will sogar Näheres über dieselben erfahren haben. Woher der Korre­spondent seine „Informationen" bezieht, ist uns unbekannt; wohl aber können wir erklären, daß in hiesigen parlamen­tarischen Kreisen von dem betreffenden Gerücht nicht das Geringste bekannt ist." Wenn unsere Kollegin nichr weiß, daß das Gerücht von der Existenz einer kirchen-politischen Vorlage schon vor Monaten vorhanden war, und zwar gerade in parlamentarischen Kreisen, so können wir nicht dafür."

* Köln, 10. Febr. Auf ihre erste Sendung für die Opfer des spanischen Erdbebens hat die .Köln. Vztg.' ein schönes lateinisches Schreiben des Hm. Erzbischofs von Granada erhalten. In Uebersetzung lautet daffelde:

Sehr geehrte Herren! Euer ehrenvolles Schreiben, Geliebteste im Herrn, habe ich erhalten und desgleichen die Liebesgabe von 5000 Realen (1000 Mark), durch welche ich in den Stand gesetzt werden soll, den dringenden ycvuifnifferT so vieler Noihleideiiden «einer Diözese in euerm Namen nach meinem Ermessen abzuhelfen. Des­halb bitte ich den himmlischen Geber aller Dinge, welcher euch diesen Entschluß eingab, voll Demuth und Dankbar­keit, Er möge euch Alle mit Seinem reichen und immer­währenden Segen erfüllen.

Vorderhand ersuche ich euch, Geliebste, ihr wollet bald­möglichst euerm hochverdienten Erzbischof Paulus Melchers, meinem Bruder, den Ausdruck der innigsten Liebe vermitteln, welche ich seit jenem Tage, wo ich ihn auf dem vatikanischen Konzil kennen lernte, für denselben hege. Zwar vermag ich den weit von mir Getrennten nicht zu sehen, aber eingeschrieben ist sein Name in meinem Herzen und wird es immer bleiben. Ich be­wundere seine unbesiegbare Standhaftigkeit in der Wah­rung der Freiheit der Kirche. Seit dem Beginn seiner Verbannung verfolg- ich aufmerksam seine Schritte, und unaufhörlich gedenke ich beim h. Opfer und im Gebete dieses ausgezeichneten Bekenners Christi und muthigen Vertheidigers der Kirche.

Indem ich das von Ihnen Allen mir bewiesene ehren- gernliffienm«—I rmr- r

lcihunq eines Jahresgehalts von 300 Thalern. „Wie sehr mich das bewegt," schreibt er an Malsburg, „kann ich Ihnen nicht sagen, ist es auch nicht viel, so reicht es doch hin za einem freien Leben. War ich dock schon so verzagt, daß ich daran dachte, die bisherige Richtung meiner Thätigkeit aufzugeben und wenn auch mit innerm Widerstreben mich ganz der Wiffenschaft zu miornen. Nun kommt diese Nach licht wie ein Blitz aus heiterm Himmel und setzt mich in den Stand, ganz Poet zu fein. Nun, ich will ein redlicher Kämpfer fein, will nicht nach rechts, nach links sehen. Mein Glaube ist nicht der Glaube der Menge. Vielen ersckeint er als eine Thorheit" .... Im Jahre 1843 verlebte er mit Freiligrath und ein paar anderen Freunden glückliche Wochen am Rhein, überall das Andenken au die Escheberger Zeit mit sich tragend. Auf einer Reise durch Süooeutsch- land trifft er Kerner, welcher ihn äußerst freund- schaftlich empfing; von Stuttgart aus schreibt er an Malsburg, daß er viel gearbeitet und seine Ansicht in politischen und religiösen Dingen sich bedeutend geklärt habe. Ende Februar ist er wie­der auf der Rückreise nach Lübeck, abe er konnte es sich nicht versagen, noch einmal die Stätie auf­zusuchen, die ihm so theuer war, er bat um die