Einzelbild herunterladen
 

ifulbittt Jäliiitü

Freitag, den 30. Januar 1885,

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., —^mit^der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeil- oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Der Antrag auf Einführung eines Befähigungsnachweises für Gewerbe­treibende.

* * Ein Theil der Preffe hat den jüngst im Reichstage eingebrachten Antrag auf Einführung eines Befähigungsnachweises für Gewerbetreibende so behandelt, als gebühre vor Allen den konser­vativen das Verdienst, den bekannten Wünschen der Handwerker immer mehr entgegenzukommen. Im Interesse der Wahrheit muß darauf aufmerk­sam gemacht werden, daß eine derartige Annahme nicht zutreffend ist. Es waren vielmehr Centrums­leute, welche die Anregung zu dem Anträge ge­geben haben, und zwar namentlich bayerische Abgeordnete. Die Centrumsleute aus Norddeutsch­land sind hinter ihren süddeutschen Kollegen natür­lich nicht zurückgeblieben; wir brauchen nur auf Frhrn. v. Schorlemer hinzuweisen, der ja auch Mitantragsteller ist. Namentlich an den Einzel­heiten der Bestimmungen über die Erwerbung des Befähigungszeugniffes durch Handwerksmeister wird man den bayerischen Ursprung des Antrages un­schwer erkennen. Den Antrag haben röcht sämmt- liche Mitglieder des Centrums unterzeichnet. Wir dürfen wohl die Vermuthung aussprechen, daß der Grund hiezu in den weitgehenden diskretionären Befugniffen der Verwaltungsorgane zu suchen sein dürfte. Inwieweit diese Seite des Antrages noch eine Abschwächung erfahren wird, müffen wir der Erörterung in der Kommission überlasten. Soviel steht fest, wenn der Antrag durch den Reichstag und Bundesrath acceptirt wer­den sollte, daß dann das ganze „schöne" Gebäude der Gewerbefreiheit über den Haufen stürzt. Die ,D. Buchdrucker-Zeitung' schreibt: Für die Anfertigung des kleinsten und geringsten Bedürfnißgegenstandes haben wir geschulte Arbeiter, die wir 4X(2 Jahre in die Lehre stecken, um sie für ihren Beruf vorzubereiten und die da­durch ein Anrecht an die Gesellschaft erwerben, ihnen Arbeit und Brod zu geben. Das ist ihr erworbenes „Recht auf Arbeit", welches ihnen doch nicht durch eine Gewerbefreiheit verkümmert werden sollte. Wir finden es ganz natürlich, daß Aerzte, Apotheker, Anwälte rc. erst zur Praxis zugelaffen werden, nachdem sie ihre Examina abgelegt, d. h. den Befähigungsnachweis erbracht haben. Mit Recht! der Staat muß dafür sorgen, daß

124) | f X fl (K-chdr. enb.)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

„Suchen Sie Miß Strange, Sir?" fragte der Heizer unbefangen. „Wenn dies der Fall ist, werden Sie sie in Mrs. Jngestre's Zimmer finden. Ich sah sie vor einer Stunde dahin gehen."

Renard war keines Wortes mächtig; aber er starrte Wilson an, als wolle er ihn mit seinen Blicken zu Boden schmettern; dann drehte er sich rasch um und ging in sein eigenes Gemach.

Wilson zog sich mit einem seltsamen Lächeln in das Privatgemach Lord Montheron's zurück, um seine dort angestellten Nachforschungen fortzu­setzen, in denen er gestört worden war.

55. Kapitel.

Ein verzweifelter Anschlag.

Mr. Dalton übereilte sich nicht mit der Aus­führung des ihm gewordenen Auftrages. Es war in der Abenddämmerung, als er zwei Polizisten Auftrag ertheilte, in das Schloß zu gehen, um nach dem lange vermißten Lord Stratford Heron zu suchen und ihn zu verhaften. Er befahl ihnen Verschwiegenheit in Bezug auf ihre Mission, daß

wir nicht von Stümpern und Pfuschern verstüm­melt und vergiftet, daß unser Recht nicht von Ignoranten vertreten werde. Aber wenn wir dem Staat bereitwillig diese Aufsicht anvertrauen, sollen wir dann zugeben, daß er alle andern Berufsarten ungehindert durch Freibeuter verpfuschen läßt, die das Niveau des guten Geschmacks beim Publikum herunterdrücken und die Empfänglichkeit für das Gute und Solide vermindern? Wird denn die Ge­fahr, die darin liegt und die unser ganzes Erwerbs­leben bedroht, für nichts geachtet? Der Handwerker­stand kann durch den geforderten Befähigungs­nachweis nur gewinnen. Das Lehrlingswesen würde in seiner Breite verbeffert, wenn jedem Lehrlinge die Gewißheit wird, daß er seine vier Jahre unter den Augen eines tüchtigen Meisters oder Gesellen absolvirt. Was wollen dagegen Spielereien wie Lehrlingsausstellungen sagen, durch welche nur gegen das Handwerk der Beweis erbracht werden soll, daß auch unter den jetzigen zerfahrenen Ver- hältnissen einige Lehrlinge etwas Tüchtiges leisten! Die Achtung vor dem Handwerkerstand würde wieder wachsen, wenn man weiß, daß der Schuhmacher einen Stiefel fertigen, der Schneider einen Rock selbst zuschneiden kann. Außerdem würde auch wieder mehr Solidität und Aufrichtigkeit in den ge­schäftlichen Verkehr kommen. So mancher „Meister" und „Fabrikant", der in Wirklichkeit nur Zwischen­händler oder Agent ist, müßte seine falsche Berufs­bezeichnung streichen und dadurch würde das Publi­kum sich gLwShneu, möglichst teiehrj* direkt? Ver­bindung mit den Produzenten zu treten, woraus für beide Theile nur Vortheile erwachsen würden, während jetzt Produzent und Konsument gemeinsam den gefräßigen Zwischenhandels-Schmarotzer ernäh­ren müffen. Ein ganz besonderes Gewicht aber legen wir auf den Umstand, daß mit den aus der wiederzuerrichtenden Gewerbeordnung erhofften Vor­theilen sich die besten Waffen gegen die gesellschafts­untergrabenden Tendenzen der S o z i a l d e m o k r a t i e schmieden laffen. Die Gewerbeordnung bringt in die Gewerbeverhältniffe unter allen Umständen eine g wiffe Stabilität zurück, von der nicht nur der Arbeitgeber allein, sondern in nicht minder chohem Grade auch der Arbeitnehmer profitirt. Das „Recht auf Arbeit" findet darin eine praktische Erfüllung und mit der relativ leichten Gewährung dieses Rechtes in Verbindung mit der weitange­legten Sozialreform des Staates, die sich auf Ber­

ste nicht mit der Dienerschaft plaudern sollten; er nannte die Quelle seiner Information, besprach die Thatsache von dem erfolgten Ableben Lord Stratford's in Amerika und brachte es dahin, daß die Polizisten ihre Mission antraten voller Zweifel an den Aussagen des Kammerdieners und nicht in der Stimmung waren, sich viele Mühe zu geben, den Flüchtling zu fangen, weil sie die Mühe von vornherein für eine nutzlose hielten.

Sie fanden Pierre und Jean Renard ungedul­dig ihrer wartend, und der Erstere machte ihnen ihrer Langsamkeit wegen Vorwürfe.

Die Polizisten antworteten ärgerlich und so ent­spann sich ein Wortwechsel, der immer heftiger wurde und nur verursachte, daß die Polizisten zu ihrer Aufgabe immer mehr die Lust verloren und dieselbe nur noch zum Schein ausführten. Die Ruine und die Kapelle wurden durchsucht, wie die Beamten voraussahen, ohne Erfolg. Sie verweilten noch kurze Zeit und entfernten sich dann, ungeach­tet der Befehle und Drohungen Renard'S.

„Dafür sollen sie belohnt werden!" rief der Kammerdiener. „Die Londoner Polizisten werden morgen früh Hiersein und wir werden den Flücht­ling finden, wenn wir auch die ganze Kapelle nie­derreißen sollten. Diese Nacht, Jean, müffen wir

sicherung in Krankheit, Invalidität und Alters­versorgung des Arbeiters erstreckt, sind so ziemlich alle Forderungen erfüllt, die der vernünftig denkende Theil des Arbeiterstandes an den Staat stellen kann. Gerade diese Folgen des Jnnungswesen» sind es, welche die Arbeiterführer am meisten fürchten. Ist es durch eine roeije Gesetzgebung möglich, die berechtigten Forderungen des Arbeiter­standes zu erfüllen, so zerfällt die Sozialdemokratie in sich, denn Utopistereien nachzuhängen, ist nicht Sache des deutschen Arbeiters; das überläßt er solchen Doktrinären, die die Welt vom Katheder oder der Parlamentstribüne aus reformiren zu können meinen — den „guten Revolutionären" in Schlafrock und Pantoffeln, wie ein bekanntes Wort sagt. Die Erhaltung resp. Wiederaufrich­tung eines kräftigen Mittelstandes hat zu allen Zeiten als ein Palladium gegen Umsturz­bestrebungen gegolten; mögen unsere gesetzgebenden Faktoren deffen eingedenk sein und in diesem Sinne den Antrag des Centrums und der Konservativen in Berathung nehmen.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Januar.

* Von Berlin aus wurde folgender Aufruf veröffentlicht:

Im deutschen Volke ist allerorten der Wunsch lebendig, dem Reichskanzler Fürsten Bismarck zu seinem 70. Ge­burtstage ein« Ehrengabe als Ausdruck des Dankes der Ration zu überreichen. Die Unterzeichneten haben sich ver­einigt, t&r dieses Bestreben einen Mittelpunkt zu bil­den und ein Zusammenwirken der das gleiche Ziel verfol­genden Komits's zu ermöglichen. Wir halten letzteren den Zutritt offen und werden Mitglieder derselben gern in unsere Mitte aufnehmen. Unser Ruf zur Mitwirkung er­geht an alle Deutsche. Wir ersuchen, wo dies noch nicht geschehen ist, die Sammlungen zu eröffnen und die Zeich­nungen und Beiträge an unseren Schatzmeister, den Prä­sidenten der Seehandlung, Hrn. Rötger, einzusenden. Der Bestimmung der Ehrengabe entsprechend, werden auch die kleinsten Beiträge willkommen sein. Ueber die Ausführung werden wir öffentlich Rechenschaft legen.

Unterzeichnet ist der Ausschuß u. A. von den Präsidenten des preußischen Herren- und des Ab­geordnetenhauses, Herzog von Ratibor und v. Köl­ler als ersten und zweiten Vorsitzenden und Röt­ger, Präsidenten der Seehandlung, als Schatzmeister.

Die Centrumspartei betheiligt sich bekanntlich nicht an der Sammlung.

* Die Kreis- und Provinzialordnung für Hessen- Nassau soll, abweichend von dem bisher beo«

in der Kapelle völlig durchwachen. Wenn wir ihn erwischen, werden wir sowohl den Ruhm ganz für uns allein haben, wie auch die Belohnung."

Jean stimmte bei und sie richteten sich für die Nacht in der Kapelle ein. Stundenlang sprachen sie leise zusammen, dann wurden sie schweigsam.

Etwas nach Mitternacht hörte Pierre in der Gegend des Kirchenstuhles ein Geräusch, aber eine unvorsichtige Bewegung seines Bruders vereitelte seine Hoffnung, Lord Stratford zu fangen. Er stieß einen Strom von Verwünschungen hervor, worüber sich Jean so ärgerte, daß es beinahe zu einer Schlägerei gekommen wäre.

Mr. Strange war im Begriff gewesen, sein Ver­steck zu verlaffen, um etwas Bewegung in der frischen Luft zu machen; aber so gewarnt, zog er sich eiligst zurück und kam diese Nacht nicht wieder zum Vorschein. Sein Speisevorrath war nur ge­ring, und mit Rücksicht auf diese Thatsache be­merkte er zu seiner großen Besorgniß, daß seine Anwesenheit im Schlöffe entdeckt worden war und daß er sich in einem Belagerungszustande befand. Wie er fiinen Vorrath an Lebens Mitteln erneuern, wie er sein Entkommen bewerkstelligen, oder sich die ihm so nothwendige Bewegung verschaffen sollte, das waren ihm unlösbare Räthsel.