18.
Freitag, den 23. Januar
1885.
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Fuldarr
Circular des Präfekten der Propaganda an alle Bischöfe der katholischen Welt.
Hochwürdigster Herr! Das Urtheil des römischen Kassationshofes, welches die unbeweglichen Güter dieser heiligen Kongregation der Conversion umwirft, ist nunmehr fast ganz vollstreckt worden. So werden künftighin die Mittel, über welche dieses kosmopolitische, von den Päpsten zur Ausbreitung des Evangeliums und der Civilisation gegründete Institut verfügt, vollständig von dein guten Willen einer Negierung abhängig sein, welche im Jahre 1870 auf bekannte W^ise Besitz von Rom nahm und im „Angesichte Europas und des Ka- tholizismus" erklärte, „die Verantwortung für einen gesicherten Schutz des Papstthums zu übernehmen", und feierlich versprach, „dem Oberhaupte der Kirche an den Ufern der Tiber einen glorreichen und von jeder menschlichen Souverainetät unabhängigen Sitz zu erhalten" (Brief Victor Emmanuel's an Pivs IX. vom 8. September 1870). Wie Ew. bischöfl. Gnaden angestchts dieser traurigen Sachlage die Stimme erhoben haben, um den Act in seiner wahren Natur zu kennzeichnen und das Interesse zu bekunden, welches Sie sowohl als die Ihnen anvertrauten Gläubigen an der Vertheidigung der Rechte dieses so verdienstvollen Instituts nehmen, so werden Sie ohne Zweifel auch mit Schmerz vernehmen, daß die gemeinschaftlichen Anstrengungen des ganzen Episkopats, der hervorragendsten Glieder cher"8aienwelt und selbst von Nichtkatholiken nichts genützt haben, um das Vorgehen einer Regierung zu hindern, welche in Zukunft im Angesicht Eu- ropa's alle Ausschreitungen gegen die Kirche und ihr erhabenes Oberhaupt ungestraft sich wird erlauben können.
Obwohl ich nicht ermangelt habe, gleich gegen die ersten auf die Propaganda gerichteten Attentate, welche dieselbe, indem man ihr die freie Verwaltung und Verfügung über die Güter nahm, der staatlichen Gewalt unterwarf, zu protestiren, so halte ich als General-Präfekt dieser Congre- gation dennoch jetzt, wo nichtsdestoweniger die Wegnahme der unbeweglichen Güter fast vollendet ist, für meine strenge Pflicht, einen neuen Protest gegen einen Act zu erheben, welcher so tief die Freiheit der Propaganda verletzt und in Widerspruch steht mit der Unabhängigkeit eines auf Erhaltung und Verbreitung des Christenthums in
der ganzen Welt, vor allein in jenen Gegenden, welche sich der Wohlthaten der Civilisation nicht erfreuen, gerichteten Amtes. Dieser Angriff ist um so unerträglicher, je schwerer und dringender die Rothwendigkeit erscheint, den vielfältigen Be- dürfniffen der auswärtigen Missionen zu Hülfe zu kommen. Abgesehen von den fortwährenden Verfolgungen, denen mehrere apostolischen Vikariate, namentlich im äußersten Osten Asiens, ausgesetzt sind, und denen wir keine Erleichterung durch unmittelbare und entsprechende Unterstützung verschaffen können, vermehrt sich die Sorge angesichts der colonisatorischen Bestrebungen Europa's, welche uns ein weites Feld eröffnen in den unermeßlichen Gebieten Afrika's und der occanischen Inseln, wo unzählige Völker berufen sind, an den Wohlthaten der Civilisation Theil zu nehmen.
Ein tiefer Schmerz muß uns erfüllen, wenn wir uns der freien Verfügung über ein heiliges Gut beraubt sehen, welches die katholische Welt der Propaganda, nicht irgend einer Regierung, anvertraut hat, um diesen armen, wilden Völkern das Evangelium zu verkünden und sie zu civi- lisiren; wenn wir sehen, wie uns die nothwendige Zahl der evangelischen Arbeiter mangelt, sei es in Folge der böswilligen Unterdrückung religiöser Genossenschaften, sei es in Folge der gewaltsamen Expropriation mehrerer Collegien, welche die Con- gregation in Rom zur Heranbildung apostolischer Missionare --esaß. Diese Expropriation sowohl wie die den Seminaristen auferlegte Verpflichtung zum Militairdienst haben die italienischen Mis- sionen in eine höchst übele Lage gebracht und die Propaganda in die Rothwendigkeit versetzt, Missionare anderer Länder in Dienst zu nehmen.
Inmitten dieser Beängstigungen und Bitterkeiten, welche jedes katholische Herz zerreißen, ist es nichts- leftoroeniger ein Trost, zu sehen, wie in fremden Ländern fromme Vereine existiren, welche mit einem wahrhaften Eifer und unermüdlicher Aufopferung unter sich wetteifern, um dem edlen Werk, die Völker zur Wahrheit des Evangeliums zu ühren, zu Hilfe zu kommen. Unter diesen Vereinen st unstreitig der großartigste der zur Verbreitung ;es Glaubens, welcher trotz der augenblicklichen raurigen Lage in Frankreich eine außerordentliche Thätigkeit entfaltet, um sowohl die reiche Spende der Besitzenden als den Pfennig des armen Mannes zu sammeln. Aber wenn es auch Freude macht,
zu sehen, wie bewunderungswürdig die Missionen sich ausbreiten und Dank der Propaganda unablässig neue Kirchen sich erheben, so ist es doch traurig, nicht ausreichende Mittel zu haben, um sie zu erhalten und zu erweitern. Die durch die Propaganda in verschiedenen Gegenden der Welt errichteten Sammelstellen haben schon Geschenke und Vermächtnisse erhalten, welche indeß nicht genügen, um die laufenden und außergewöhnlichen Bedürfnisse zu befriedigen. In Folge dessen ist die Kongregation zuweilen gezwungen, selbst die Kapitalien anzugreifen, welche sie außerhalb Italiens frei verwaltet.
Angesichts dieser Sachlage wende ich mich noch ein Mal an den Eifer Ew. bischöfl. Gnaden, auf daß Sie die Gläubigen von der schwierigen Lage in Kenntniß setzen, in welcher dieses Institut sich befindet, und sie dringend ermahnen, eifrig zu den Kollekten für die frommen Absichten des oben genannten Vereins utr Verbreitung des Glaubens, des Vereins der Kindheit Jesu, des Vereins für die Schulen des Orients und anderer ähnlichen Zwecken dienenden Vereine beizusteuern; auf daß Sie endlich auch die mit Glücksgütern Gesegneten veranlassen, einen Theil ihres Vermögens dem edelsten und heiligsten Werk, dem des Glaubens und der Civilisation, zu opfern.
Angesichts der Bewegung, welche sich heute vollzieht, kann man in Wahrheit sagen, daß, wohin müit Die Äugest roerioef, die Ernte winkt in neuen und ausgedehnten Gegenden, daß aber der Arbeiter zu wenige sind und die Mittel fehlen, sie einzu- heiwsen. Einzig die Frömmigkeit der Gläubigen und der Eifer zur Verbreitung der christlichen Civilisation können zu Hilfe kommen dem erhabenen Werk des Apostolates und dasselbe triumphiren lassen auf der ganzen Erde.
Gegeben in der Propaganda am Feste der heiligen Dreikönige 1885.
K. Cardinal Simeoni, Präfekt.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Januar.
* Der päpstliche Moniteur de Rome' erhält folgende Nachricht aus Berlin:
In parlamentarischen Kreisen versichert man, daß nach den Erklärungen des Herrn v. Goßler in der vorletzten Sitzung des Staatsraths die Regierung sich entschlossen
xAlrrn ' oder Auf dunklen Wegen. Roman von ®. Wagner.
Wilson, als scharfblickender Polizist, betrachtete die Sache gegen Pierre Renard allerdings sehr ernst. Als er jedoch durch die Halle schritt und des seltsamen Benehmens des Kammerdiener» bei seinem Eintritt in'» Zimmer und seines unheimlichen Lachens gedachte, bedauerte er, daß er die Augen nicht auf Renard selbst gerichtet hatte.
Renard, in dem Bewußtsein, Alexa für immer beseitigt zu haben, hatte keine Ruhe im Zimmer. Er beschloß, wieder hinauszugehen und dem Vater Alexa's aufzulauern, welcher, wie die Gespenster- geschichte bewies, sich im Bereich des Schlosses aufhielt.
„Er wird diese Nacht sicher kommen. Alexa Dar draußen, um auf ihn zu warten," dachte er. »Ich will hinuntergehen und ihm auflauern. Jean wird auch auf dem Platze fein. Er kam mit mir von London und sollte während der Tages sich im Dorfe aufhalten und des Nachts in der Nähe des Schlosses fein. Er wird gewiß
im Park oder auf einer Terrasse auf das verabredete Zeichen von mir warten. Mit feiner Hilfe kann ich mein edles Wild leicht einfangen."
Nach einer Weile verließ er fein Zimmer und schlich die Treppe hinab in einen Seitengang, aus welchem eine Thür in's Freie führte. Er öffnete dieselbe und trat hinaus vor's Schloß. Niemand schien ihn bemerkt zu haben. Er glaubte alle Bewohner des Schlosses schlafend.
Wenige Minuten später wurde die Thür abermals geöffnet und John Wilson trat hinaus. Er hatte beschlossen, den Diener nicht wieder aus den Augen zu verlieren und hatte in einer Nische der finsteren Halle gewartet, bis er sich überzeugt haben würde, daß Renard diese Nacht fein Zimmer nicht wieder verließ. Als dieser nun aber doch fortschlich, wußte er, daß noch irgend eine That auszuüben war, und er folgte ihm.
Eine Stunde mochte vergangen fein seit der abscheulichen That Pierre Renard'S. Derselbe ging an den Rand des Felsens und starrte hinab in die schauerliche Tiefe und lauschte. Kein menschliches Aechzen und Stöhnen drang an fein Ohr.
„Sie ist tobt V* sprach er wieder und wieder bei sich selbst. „Sie ist tobt! Und nun kommt ihr Vater an die Reihe!"
Aber Alexa war nicht tobt! Die Vorsehung Gottes, welche bisher alle Gefahren glücklich ab» gewendet, hatte auch jetzt wieder ihre schützende Hand über sie gebreitet und sie vor dem Untergänge bewahrt.
Als sie den Felsen hinabstürzte, fiel sie nicht mehrere hundert Fuß lief in die See, wie ihr erbitterter Feind es hoffte, sondern war in ihrem Falle von einem Gebüsch, welches in einer Tiefe von etwa zwölf Fuß in den Ritzen eines Fels- vorfprunges Wurzel gefaßt, aufgehalten worden, wo sie bewußtlos und hilflos hängen blieb.
Ihr wilder Schrei war noch von anderen Ohren vernommen worden als von denen Re- nard's. Ihr Vater war feit einigen Minuten in der Nähe des Schlosses hin- und hergegangen, auf feine Tochter wartend. Er hatte sich schweigend wie ein Schatten der Unglücksstätte genähert in dem Augenblick, als die nichtswürdige That vollbracht wurde und war Zeuge derselben gewesen.
Einen Moment stand er wie in den Boden festgewurzelt. Mit Blitzesschnelle fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß feine Tochter das Opfer war und daß Pierre Renard es fein mußte, der sie hinab in's sichere Verderben schleuderte.