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J\ß 16. Mittwoch, den 21. Januar 1885.

Fuldser

WNW

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Centrom und Sozial-Demokratie.

(Aus der Rede des Abg. v. Schorlemer-Alst in der Reichs­tags-Sitzung vom 15. Januar.)

Der Abg. Lohren sagte, das Centrum möge sich nicht darüber täuschen, daß mit Beendigung des jetzigen kirchen­politischen Streites — wovon übrigens noch gar keine Rede ist — die religiösen Interessen mehr in den Hinter­grund treten, und dann auch in den katholischen Bezirken die Sozial-Demokratie an Ausdehnung gewinnen würde. Er verwies auch noch auf Länder wie Frankreich, Belgien u. s. w. als katholische Staaten. Ja, wir täuschen uns nicht; aber der Herr Abg. Lohren täuscht sich, indem er die Sache geradezu auf den Kopf stellt. (Sehr richtig! im Centrum.) Bei der Fortdauer des Kulturkampfes, bei den Folgen, die das für die Ausübung der Religion hat, bei dem Zurückgehen des religiösen Bewußtseins muß die Sozial-Demokratie zunehmen, und da wird sie auch in den katholischen Landestheilen zunehmen. Das ist es ja, was wir immer hier betont haben; und wenn der Herr Abg. Lohren nun auf Frankreich Belgien u. s. w. ver­weist, so frage ich: Seit wann haben dort die Kom­munisten, Anarchisten und Verbrecher aller Art so zuge­nommen? Doch gerade besonders, seitdem dort kultur­kämpferische Freimaurer am Ruder sind, welche die katho­lische Kirche, die Religion so bedrängen, daß sie nicht einmal mehr den Religionsunterricht in der Schule ge­statten wollen. (Sehr wahr! im Centrum.) . . . Herr Schumacher (von der sozial-demokratischen Partei), welcher ja in dem größeren Theil seiner Rede seine Angriffe gegen das Centrum richtete, hat gesagt, die Ultramontancn hätten wiederholt behauptet, die Kirche allein könne helfen. Nein, das ist von Keinem von uns jemals ausgesprochen worden; aber wohl haben wir gesagt, wo die christlich-gläubige Gesinnung fehle, da würde auch alles Andere nicht helfen, namentlich nicht gegen die Sozial-Demokratie. Wir ver­langen, der Staat solle auch helfen; und unser Antrag ist ja ein Beweis dafür, indem wir gerade beantragen, daß gesetzliche Bestimmungen getrosten werden. Aber der Staat kann auch nicht allein helfen und soll auch nicht allein helfen, wie das gerade die Herren von der Sozial- Demokratie verlangen, zu deren System dies ja gehört. Der Hr. Abgeordnete sagte, er kenne keinen ultramontanen national-ökonomischen Schriftsteller. Nun, das kann man ja auch von ihm nicht verlangen. (Heiterkeit.) Ich will ihn zunächst an einen solchen aus sehr alter Zeit erinnern, deffen er vielleicht auch aus seiner Jugend gedenkt: das ist der h. Thomas von Aquin. «Lachen links.) Ja, Sie lachen; ich bin aber fest überzeugt, kein Einziger von Ihnen hat je ein Wort von ihm gelesen. (Sehr gut! im Centrum und Heiterkeit.) Dann der Jesuit Taparelli d'Azeglio und Perin. Einstweilen wird das wohl für sein Studium genug sein. (Heiterkeit.) Der Hr. Abgeordnete bemerkte, es sei gesagt worden, in den katholischen Be­zirken befänden sich keine Sozial-Demokraten, oder viel weniger, und sie hätten dort keinen Boden; es sei aber doch in diesen Bezirken eben so schlecht bestellt mit den Löhnen und mit der Lage der Arbeiter. Er verwies ganz besonders auf Crefcld. Nun, ich glaube nicht zu irren, wenn ich sagen, daß die Arbeitgeber in Crefeld über­wiegend nicht oder gar nicht der ultramonen Partei an-

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(»»chdi. »erb.)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

Als er am Vormittag zu einer spätern Stunde in die Bedientenstube trat, hörte er einige Männer über das Montheron-Drama reden. Er hörte aufmerksam zu, und auf seine Fragen erfuhr er, was die Veranlassung zu der Unterhaltung ge­geben. Es war nämlich der Aberglaube unter den Leuten verbreitet, daß der Geist des er­mordeten Marquis wieder erschienen sei, um das Schloß zu beunruhigen, und daß dieser Geist in der Nacht wiederholt in den Ruinen der oberen Terrasse gesehen worden sei.

Pierre Renard horchte hoch auf bei diesem Bericht. Auf weitere Erkundigung erfuhr er, daß das Gerede von einem Stallknecht ausging, welcher vor zwei Tagen zur späten Nachtstunde von seiner Braut aus dem Dorfe gekominen war. Vom Dunkel der Bäume aus hatte er eine menschliche Gestalt auf der oberen Teraffe hin- und hergehen sehen. In der Meinung, es sei einer seiner Kameraden, war er näher geschlichen, um ihn zu

gehören (Sehr wahr! im Gentrum); so viel ich weiß, sind die meisten evangelischer Konfession und liberal gesinnt. (Sehr wahr! im Centrum.) Wenn nun unter denen die Lage der Arbeiter so schlecht ist, und die katholischen Arbeiter dort trotzdem nicht Sozial-Demokraten werden, dann muß mir der Herr Abg. Schumacher zugeben, wie stark da der katholische Glaube und das katholische Leben sich zeigt. (Sehr gut! im Centrum) ... Ich habe den Eindruck, daß augenblicklich eine gewisse Vertrauensselig­keit herrscht, daß man meint, die Sozial-Demokraten sind anders geworden — man sagt das ja auch. Ich habe am 17. Mai 1884 gesagt: Nova potentia cresoit. Und die Wahlen haben uns 24 Vertreter der sozial-demokra­tischen Partei gebracht, und das dritte Dutzend ist als er­wünscht erklärt worden. Das Auftreten der Sozial-Demo- kratie ist ein selbstbewußtes und festes, sie fühlen ihr Ge­wicht; sie sind seitdem auch recht viel schärfer gegen das Centrum vorgegangen, und das finde ich natürlich. Zwi­schen der Sozial-Demokratie und der Centrumspartei ist der denkbar schärfste und prinzipiellste Gegensatz, den es nur geben kann. (Sehr richtig! im Centrum.) Es ist mir das sehr angenehm, denn ich liebe die Klarheit. Nur eines hat mich erheitert, das war, als das freiwillige Or­gan des Fürsten Bismarck, die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung', neulich schrieb, zwischen dem Centrum und den Sozialdemokraten wäre ein Bündniß abgeschlossen. Nie­mand würde mehr dagegen protestiren, als die Sozial- Demokraten selbst. (Zustimmung bei den Sozial-Demo­kraten.) Wir wissen ja, und der Reichskanzler hat es selber gesagt, daß er die ,Nordd. Allg. Ztg.' mit Nutzen lese. Nach seinen Reden kann ich das nicht bezweifeln; (Heiterkeit) aber man ist bei dem Blatte immer in der unangenehmen Lage, daß man nicht sicher weiß, wer ist Leser und wer ist Autor? (Sehr gut! im Centrum. Hei­terkeit.) Wenn die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' von diesem Bündniß schrieb, muß sie aber in der Thal alles vergessen haben, was bei den Wahlen vorgekommen ist. Wir haben uns stets bemüht, die Lage der arbeitenden Klaffen zu verbessern, und erneuern deshalb den Antrag, den wir früher gestellt Haven. Siu gur sicherungs-Gesetz schon haben und ein Krankenkassen-Gesetz, ein Jnvalidenversorgungs- und Pensions-Gesetz für die Arbeiter demnächst erwarten, gerade so gut verlangen wir auch den Schutz für die gesunden Arbeiter. So gut jene Gesetze sein mögen — es Hai von uns abgehangen, ob sie zu Stande kamen, und wir haben dafür den schnödesten Undank geerntet — so muß ich doch sagen, daß in unfern Augen der Schutz für Leben und Gesundheit der Arbeiter, für ihre Sittlichkeit, für ihre Familien und ihr religiöses Leben bei weitem wichtiger ist. Denn, so hoch ich auch das Kapital in seiner Ziffer anschlage, welches in der vaterländischen Produktion engagirt ist, dasjenige National­vermögen, welches der Arbeiter mit seiner Kraft, mit feiner Gesundheit mit seinem Leben einsetzt, schlage ich noch viel höher an. (Bravo! im Centrum) Ich halte es für einen heillosen Fehler, wenn die Reichsregierung glaubt, nun ihre sogenannte fjumanitaire Fürsorge für die Arbeiter einstellen und es bei dem Invaliden- und Alterversorgungs- Gesetz bewenden (offen zu können. Für die Hauptsache im Interesse der Arbeiter ist eigentlich noch alles zu thun, wenn man wirklich ihre Leiden beseitigen und verhindern

überraschen. Aber der Schreck hatte ihn betäubt. Als er hinter einer Marmorstatue hervortrat, fand er sich einem großen vornehm aussehenden Manne gegenüber, deffen Gesicht todtenbleich und kummervoll aussah und deffen Augen ihn in die Erde zu bohren schienen. Die Gestalt sah geister­haft aus, wie ein Schatten, versicherte er, und zog sich lautlos von ihm zurück.

„Warum dachtet Ihr, daß es ein Geist war?" fragte Pierre lachend.

„Weil, obwohl meine Kniee zitterten und mir zu Muthe war, daß ich kaum mein Gebet stam­meln ton. te," antwortete der Stallknecht, „weil ich sehen konnte, daß er wie ein Montheron aus­sah. Er trug sich in der stolzen, erhabenen Weise, welche man, wie ich gehört habe, an ihnen stet» bemerkt hat. Ich weiß, daß e« de« Marqui« Geist war, der keine Ruhe findet, weil sein Mör­der nicht bestraft worden ist."

„Da sein Mörder ihm schon längst in die andere Welt gefolgt ist, könnte er ihn doch lieber dort zur Verantwortung ziehen, als daß er hierher zurück­kommt und uns zum Tode erschreckt!" bemerkte ein anderer Stallknecht. „Was mich betrifft, werde ich mich wohl hüten, nach Dunkelwerden au« dem Hause zu gehen. Ich fürchte mich so leicht vor nichts, '

will, daß sie immer mehr verbittern und der Sozial-Demo­kratie verfallen. Ich will aber hier gleich erwähnen: wenn es nicht gelingt, die christliche Gesinnung in den Arbeitern zu er­halten, oder wieder herzustellen, wo sie verloren war, wird alles andere nichts Helsen. (Sehr richtig!) Auch die Anträge, die wir gestellt haben, und noch vieles andere, wenn es zur Ausführung kommt, wird nichts helfen, wenn man nicht wieder die freie Religionsübung gestattet, dem Kulturkampf ein Ende macht, der Kirche die Freiheit gibt, daß sie ihre gesegnete Wirksamkeit ausüben kann, wenn man die Orden, die so viel Gutes auf sozialem Gebiete geleistet haben, noch in der Verbannung läßt. (Sehr richtig! im Centrum.) Und auch dann wird es nichts helfen, wenn diejenigen, welche christliche und gläubige Grundsätze vertreten, dafür aller Beschimpfung, dem Hohn und der elendesten Verleumdung preisgegeben sind. Kein Geringerer als Heinrich Heine hat in einer feiner Schriften ausgeführt, daß die sozial­demokratische und kommunistische Bewegung ihre Quelle hauptsächlich in unfern Hochschulen habe. (Sehr wahr l im Centrum!) Man zerschlägt die granitenen Grundlagen, auf welchen der Thron und die gesellschaftliche und staat­liche Ordnung ruht, und man will sie wieder aufbauen auf den thönernen Füßen der Gewalt, des Nimbus und des patriotischen Geschreies. (Sehr wahr! im Centrum), das sofort verstummt, sobald eine ernste Gefahr eintritt. Sehen Sie sich doch nur die Wirkungen des Sozialisten- Gesetzes an; sie sind nicht nur gleich Null, sie sind sogar den Sozial-Demokraten förderlich gewesen; (Abg. Bebel: Sie haben dafür gestimmt.) Ich habe dagegen gestimmt. Ich begreife, daß die Herren von der Sozial-Demokratie selbst Bedenken tragen, ob sie die Aufhebung des Gesetzes, das Ihnen so nützlich ist, verlangen sollen. (Sehr gut!)

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Januar.

* Der Kaiser ist durch ErkältungSzuftand ge- nöthiat. seit gestern das Bett zu hüten.

• Da« Abgeorvnetenya u« setzte heute die Generaldebatte des Etats fort. Derselbe wurde Seitens des Abg. Freiherr v. Huene einer ein­gehenden Kritik unterzogen. Redner kann der Rosa-Schilderung der Finanzlage durch den Finanz­minister keineswegs beitreten, der Etat beweise viel­mehr ein schweres Darniederliegen der Landwirlhschaft, dieser Hauptsteuerkraft des Staates. Jndeß gehe es zu weit, wenn der Abg. Rickert von einem Fiasko der Wirtschaftspolitik rede, zu deren Zustandekommen auch das Centrum mitgewirkt habe. Zum Schluß fordert Redner angesichts der ungünstigen Finanzlage das Hau« auf, den Daumen auf den Beutel zu drücken. (Beifall im Centrum.) Der Finanzminister v. Scholz erwiedert in längerer Ausführung auf die Reden der Abgg. v. Huene und Rickert und be-

aber wa« Geister betrifft, nun, da bin ich so zag­haft wie ein Mädchen."

„Saht Ihr, in welcher Richtung der Geist ver­schwand?" fragte Renard.

„Er verlor sich wie ein Schatten in der Richtung nach den Ruinen," lautete die Antwort. „Einige Minuten stand ich wie zu Stein verwandelt, und dann schlich ich mich in'« Schloß. Alle« in der Welt könnte mich nicht bewegen, nach 10 Uhr Abend hinauszugehen."

„Wahrscheinlich kehrtet Ihr auf dem Wege nach dem Schlöffe in einem Wirthshause ein, nachdem Ihr Eurem Schatz „Gute Nacht" gesagt," spottete Renard. „Ihr mögt sicher sein, daß der ermor­dete Marquis jetzt nicht umherwandelt, nachdem er sich 18 Jahre lang ruhig verhalten hat. Die ganze Sache war, Ihr fürchtet Euch vor Euren eigenen Schatten oder vor einer Statue. Ja, was doch so ein Glas heißen Weines zu bewirken im Stande ist; es macht sogar, daß man Gespenster sieht!"

Pierre Renard galt im Bedientenzimmer als ein kluger Mann, und darum wurde seine letztere Aeußerung als Scherz ausgenommen, die ein schal­lendes Gelächter hervorrief. Der Geisterseher ärgerte sich, verbiß aber eine Erwiderung und brummle