JX® 14.
Montag, den 19. Januar
1885.
Die .Fuldaer Reituna' erscheint titalich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Psg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Psg., auswärts 1 Mk. 75 Psg.
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Fuldm
eitung
* Der Frankfurt er Mord
verstärkt die traurigen Befürchtungen, welche der Niederwald-Prozeß hervorgerufen hatte. Die geplante Explosion auf dem Niederwald richtete sich gegen den Kaiser selbst und seine ganze hohe Umgebung; es war ein Verbrechen von ganz anderer Ausdehnung und Bedeutung, als der Meuchelmord, den die Rachsucht an einem Polizeibeamten beging. Jedoch bei dem Unternehmen Reinsdorff's blieb es bei fruchtlosen Vorbereitungen. Jetzt aber stehen wir vor einem Opfer der Anarchisten, und die Vollendung der entsetzlichen Thal bringt uns die Gefährlichkeit dieses verbrecherischen Bundes besonders eindringlich zum Bewußtsein. Obschon der Mörder oder seine Mitschuldigen noch nicht ergriffen find, kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß man es mit einer Rachethat der Anarchisten zu thun hat. Das fruchtlose Dynamit-Attentat im Frankfurter Polizeigebäude hat uns vor einiger Zeit schon gezeigt, daß der Zorn und die Rachsucht derMost'schen Verbrecher-Partei sich besonders gegen die dortige Polizei richtet. Die Ursache dieser Erbitterung ist in dem Anarchisten-Prozeß von 1881 zu suchen. Gerade der jetzt ermordete Polizeirath führte die Verurtheilung der Angeklagten herbei, deren Treiben er durch ein ausgebildetes Spionsystem entlarvt hatte. Es blieb ihm damals der Vorwurf nicht erspart, daß er in seinem Eifer zu weit gegangen und seine Spione vielfach zu pro» vozirend aufgetreten seien. Tie Vorgänge in Frankfurt und auf dem Niederwald lassen leider keine Zweifel mehr über die traurige Thatsache, daß wir in Deutschland eine Anarchisten-Partei haben, welche mit Dynamit und Dolch nach dem Muster der russischen Nihilisten arbeitet. Ihre Organisation mag vielleicht noch klein sein; aber die Paitei ist vorhanden und wird wachsen, denn die Politik d-s Kulturkampfes und noch andere Fehler der inneren Politik Deutschlands ist das Mistbeet, in dem sie wuchert und noch ist keine Aussicht, daß den maßgebenden Persönlichkeiten die Binde von den Augen fällt.
Mit neuen Vollmachten der Polizei und Be- schränkui-gen, der Freiheit wird man versuchen, einen Eifolg gegen die Verbrechergesellschaft zu erringen. Für Leute, welche mit den Mord- und Hochverraihsparagraphen ihr Spiel treiben und selbst die Todesgefahr nicht scheuen, um ihre Rache
ober
Auf dunklen Wegen.
Roman »on 6. Wagner.
„Ich denke," sprach Alexa weiter, noch immer ruhig, obwohl ihr Herz rasch-r und heftiger schlug, „Sie wissen, daß Lord Strarfoid Heron unschuldig ist, und Ihr Zeugniß könnte seinen Namen von aller Sä mach besi eien Ich glaube sogar, Sie kennen den wirklichen Möroer bis Marquis?"
Ter Müller flaute das Mädchen an, als wäre sie ein überirdisches W>sen und hätte ihn völlig durchsäaut. Sein Aihem stockte, seine Knie schlotterten. Die Angst schien ihn seiner Kraft zu berauben und er lehnte sich schwer an das Brückengeländer, um nicht umzusinken.
Alexa erkannte in bieftii Symptomen ein vollständiges Bekenntniß. Sie hatte nun eine andere Spur aufgefunden, welche zur vollständigen Beleuchtung des Eeheimniffes führen durfte, das ihres Vaters Glück zerstörte. Der Müller kannte den Mörder des Marquis; er konnte den Namen ihres Vaters wieder zu Ehren bringen.
„Lord Stratford Heron ist tobt," sagte der Müller zitternd." „Er starb in einem anderen
zu befriedigen, sind Ausnahmeparagraphen nur Zwirnsfäden, die sie nicht hemmen oder fesseln können. Man kann sogar sagen: gerade unter den Ausnahmegesetzen ist die anarchistische Partei in Deutschland groß geworden. Ward nicht schon oft genug erwiesen, daß Ausnahmemaßregeln gerade das provoziren, was sie verhindern wollen? Bis zu den Unthaten Hödels und Nobilings, welche das Sozialistengesetz hervorriefen, zeichnete sich die Sozialdemokratie Deutschlands vor der anderer Länder dadurch aus, daß sie jede Theilnahme an der Zerstörungstaktik der Anarchisten verschmähte. Ihr Feldzugsplan ging auf die Gewinnung eines massenhaften Anhangs hin, der erst an dem „großen Entscheidungstage" nöthigenfalls zu den Waffen greifen follte. Diese in ihrem Endziel gefährlichere, aber in ihrer gegenwärtigen Kampfweise erträglichere Richtung hielt uns die Anarchisten mit ihren Schrecken und Greueln vom Halse. So lange die Agitation frei war, konnten die einzelnen verzweifelten Köpfe, welche gewaltthätige Neigungen hatten, keinen Anklang finden. Unter dem Ausnahmezustände mußte sich naturgemäß die Stimmung der Sozialdemokraten von der friedlichen Richtung ab und der kriegerischen zuwenden. „Man nimmt uns die Freiheit; man macht uns die Propaganda des Wortes unmöglich, es muß zur Propaganda der Th-rt gegriffen werden!" Nicht die strenge Macht, sondern nur die helfende Liebe heilt solche Veririzynaen Eine ernsthafte, ehrliche, uneigennützige Sozialreform, die Wiederbelebung des religiösen Sinnes mit Hülfe vor Allem einer freien Kirche: — das allein kann uns von diesem Nebel erlösen, wenn überhaupt noch eine Erlösung möglich ist! ... .
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Januar.
** DieThronrede des Landtags enthält nichts über die auswärtige Politik und ebenso mangelt jede Andeutung über die kirchenpolitische Lage. Das erstere kann kaum auffallen, denn das Aeußere ist Sache des Reichs. Das Fehlen jeder Aeuße- rung über die Kirchcnpolitik ist um so bedauerlicher, insofern es zeigt, daß die Regierung trotz alledem an keine Maigesetzreform denkt. Was die Thronrede sonst vorführt giebt kein heiteres Bild
Welttheile und die Ermordung des Marquis geschah vor so viel Jahren, daß es zu nichts führt, davon zu sprechen. Das Geschehene kann doch nicht ungeschehen gemacht werden, und die Vergangenheit wird nicht wieder aufgeführt; es ist Niemand, der die alten Geschichten wieder an's Licht bringen wird."
„Lady Wolga Clyffe, die geschiedene Gattin Lord Stratford Heron's hat nie an seine Schuld geglaubt," erklärte Alexa, „sie wird die Sache wieder aufnehmen und Alles daran setzen, die Wahrheit an's Licht zu bringen."
Der Müller schwankte.
„Und wenn die Sache zur Untersuchung kommt, werden Sie als Zeuge vernommen werden."
Des Müllers Schreck war so groß, daß er ihn nicht verbergen konnte. Er blickte rückwärts auf seine Mühle und sein hübsches Wohnhaus, dann wandte er seinen Blick scheu zu Alexa und sagte trotzig:
„Und wenn ich als Zeuge vernommen werde, kann ich doch nichts sagen."
„Das wird sich finden," entgegnete Alexa. „Warum überläßt Ihnen Lord Montheron die Mühle und das Haus ohne Pacht? Sie sind aus einem bedeutungslosen Gärtner zu einem !
von der Lage Preußens, wenngleich die Lichtseiten in den Vordergrund gestellt sind. So wird gleich hervorgehoben, daß die Staatseisenbahnen, die wieder durch neue Ankäufe vermehrt werden sollen, einen Ueberschuß von 20 Millionen geben. Im Jahre 1882 betrug dieser Ueberschuß 29 Millionen. Doch d.r jetzige Ueberschuß wird durch die Erhöhung der an das Reich zu zahlenden Matrikularbeiträge (im Betrage von 24 Millionen) nicht nur vollständig verschlungen, sondern die Regierung sieht sich trotz der „befriedigenden Finanzlage" zu der Erklärung veranlaßt, daß sie zur Befriedigung der preußischen ' Bedürfnisse Schulden machen machen müsse. Die Verstaatlichung der Schule ist ein altes Projekt des Fürsten Bismarck. Er nennt es jetzt Erleichterung der Kommunallasten!
* Der Reichstag beendete gestern die Be- rathung des Ordinariums vom Militär-Etat nach den Anträgen der Kommission ohne bemerkens« werthe Debatte; es folgt die Berathung des Extra- ordinariums.
** Die Centrumsfraktion des preußischen Land- und des deutschen Reichstages versammelte sich heute Abend zur Feier des 73 Geburtstages ihres Führers des Abg. Dr. Windthorst in dem festlich dekorirten Speisesaale des „Hotel de Russie". Sämmtliche hier anwesende Abgeordnete und zahlreiche Gäste hatten an drei Tafeln Platz genommen. Der Abg. Frhr. zu Francken- stein brachte den Toast auf das Geburtstagskind aus und betonte hi seiner Rede im Namen aller Centrumswähler, daß das Centrum unerschütterliches Vertrauen in seinem Führer beseele, welches wenn überhaupt möglich, von Tag zu Tag wachse. Frhr. v. Schorlemer-Alst brachte sodann den Toast auf die Gemahlin des Geburtstagskindes aus. Dr. Windthorst erwiderte in der ihm eigenen launigen und geistreichen Weise. Das ganze Fest machte den Eindruck, daß die Vertreter des katholischen Volkes um so inniger und geschlossener zusammenstehen, je heftiger ihr Führer angegriffen wird.
* Behufs Konzentrirung der Sammlungen zur Darbringung eines Nationalgeschenks an Fürst Bismark anläßlich dessen siebzigsten Geburtstags bildete sich ein Centralkomito, dem angesehene Persönlichkeiten aller Berufskreise und Parteien angehören; das Centralkomito wird demnächst einen Aufruf erlassen.
wohlhabenden Müller avancirt. Tas muß eine Urfache haben und Sie werden vor Gericht diese Ursache erklären müssen."
Der Müller stöhnte, antwortete aber nicht.
„Wenn Sie so viel dafür bekommen, daß Sie die Wahrheit verschweigen," sprach Alexa ernst und eindringlich, „wird es das Beste für Sie sein, Sie sagen Alles, was Sie wissen. So sicher, als Sie leben, wird der Name Lord Stratford Heron's wieder zu Ehren gebracht werden. Wollen Sie mir dabei helfen?"
„Lord Stratford ist tobt," murmelte ber Müller. „Der jetzige Marquis wird Marquis bleiben. Die Sache muß bleiben, wie sie ist. Es ist zu spät, etwas zu thun."
„Es ist nie zu spät, ein begangenes Unrecht wieder gut machen," sagte das Mädchen. „Sie werden nichts verlieren, wenn Sie die Wahiheit sogen, wohl ober gewinnen. Wenn Sie ihre Mühle und Ihr Haus behalten wollen, so ist ber einzige Weg dazu, die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie das nicht thun, werden Sorgen und Unheil über Sie und Ihre Familie kommen. Gehen Sie zu Mr. Dalton, dem Pfarrer, und sagen Sie ihm — "
„Ich weiß nichts, und kann deshalb nichts