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M 7.

Sonnabend, den 10. Januar

1885.

— mit der

Di. Kuldaer ^eituna' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bri^erlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., ®te .Fuldaer Leitung -Nch-mr agiug ® n ^tmie unil Blume«- in Fulda 1 Ä 70 Pfg-, a»swarts 1 Mk. 75 Pfg

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Erstes Blatt.

Zur Berufswahl.

(Schluß.)

Besonders ergiebig als sogenanteHandlungs­kommisfabrik en sind die kleineren Städte. Nach vier-vielleicht auch nach dreijähriger Lehrzeit, wenn die Prinzipale und Lehrherren Salär zahlen sollen, werden dann die jungen Kommrs entlasten, und diese drängen sich blindlings nach den großen Städten. Ob sie von den Verhältnissen der Groß­stadt etwas verstehen, danach fragen weder diese selbst, noch der Lehrherr. Mit dem Lehrbrief in der Tasche kommen die armen Handlungsbeflissenen in der Großstadt an in dem Wahne, sofort Stel­lung zu erhalten. Bald, nur zu bald wird ihnen die Thatsache klar, daß schon Hunderte vor ihnen da waren, die alle auf Stellung warten. Ohne alle Mittel werfen sich viele auf den Zwischenhan- del, welcher zur Zeit alles überwuchert und er­drückt, verderben den bestehenden Gewerbetreiben­den das Geschäft, machen Schulden, greifen zu Schwindeleien und — das Zuchthaus endlich bie­tet das Unterkommen, welches sie vergeblich in der Großstadt gesucht haben.

Man werfe nur einen Blick in den Annoncen­theil unserer Zeitungen, wo die Rubrik „Stellen­gesuche" von Agenten, Buchhaltern, Kommis, La­geristen rc. steht, und man vergleiche dann die an­dere Rubrik „Offene Stellen-' damit, und der eine Blick wird genügeiwen Brivets bringen, daß das Angebot weit größer ist, als die Nachfrage. Da­gegen suchen Handwerker vergebens nach Lehrlin­gen und Gesellen, Landwirthe bieten umsonst hohe Löhne für männliches und weibliches Hilfspersonal. Das sind allerdings Zeitcharakterbilder der unerfreu- lichsten Art.

Unter unserer Jugend ist eine Arbeitsscheu ein­gerissen, die von den bedenklichsten Folgen begleitet ist. Viele denken, nun ein Kaufmann braucht nicht zu arbeiten, oder aber, wenn es als Kaufmann nicht glückt, glückt es als Restaurateur. In einer Ladenthüre stehen und Cigarren rauchen, oder als Schankwirth mit den Gästen trinken, kanne­gießern und räsonniren helfen, das ist nach ihrem Geschmack — ein Handwerk gehörig zu lernen, fällt ihnen nicht ein. Man will zu hoch hinauf, kommt aber deshalb zu tief hinab. Von einem

xAlkra

ober

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

„Was soll das bedeuten?" fragte er sich selbst. „Vorgestern Abend kam sie an, gestern ging sie nach Leicester-Square zu irgend einem ihren Vater betreffenden Zweck, und von Leicester-Square be­gab sie sich zu Lady Wolga Clyffe. Ist ihr Vater doch noch in dem Hotel, und hat mich der Kellner belogen, als er saghtz er sei nach Griechen­land zurückgekehrt? Ist das INädchen eine Mittels- Person zwischen Lord Stratsö^ Heron und seiner geschiedenen Gattin? Da ist etwas im Werke, was ick nicht verstehe. Das Mädchen ist schlauer, als ich geglaubt hätte, und darum kann sie ge­fährlich werden. Lord Stratford Heron mag Verdacht gehabt haben, auf Grund dessen sie fpionirt. Vielleicht hat sie etwas entdeckt. Zum ^ufel! Ich will morgen selbst nach Mont Heron gehen und rhr das Spiel verderben!"

Er kehrte in das Hotel seines Herrn zurück und fand diesen in seinem Wohnzimmer. Das sonst freundliche Gesicht Lord Mont Heron's zeigte

Jahr zum andern ist auf Besserung dieser trüb­seligen Zustände gehofft und gerechnet worden, lei« der vergebens. Namentlich im Kaufmannsstande sind die Verhältnisse immer schlechter geworden, so schlecht, daß man heute von kaufmännischem Pro­letariat sprechen kann. Das ist traurig, aber es ist wahr.

Es giebt zur Besserung nur zwei Wege.

Der erste ist, daß alle Ueberschußhände im kauf- männischen Gebiete zu anderem Erwerb greifen müssen, falls sie nicht untergehen wollen. Daß die­ser Weg wenig betreten werden wird, zeigt der falsche Stolz und Ehrgeiz vieler Handlungskommis, die nach ihrer Meinung eine „höhere Bildung" be­sitzen, oder einer höheren Gesellschaftsklasse ange­hören und darum „höhere Ansprüche" machen kön­nen. Wenn sie aber einmal ohne Stellung sind, dann warten sie, bis sie etwas „Passendes" finden; wie häufig aber wäre es besser, sie griffen vor­läufig zu etwas „Unpassendem". Selbst der Hand­arbeiterstand müßte genügen, auch er ist ein ehren­voller Stand, und tausendmal besser, als ein „brod- loser Kaufmann". Möchten doch recht Viele die Wahrheit dieser Worte einsehen!

Der zweite Weg ist ein Mahnruf für die Väter solcher Knaben, die künftige Ostern die Schule ver­lassen: Lasse Niemand seinen Knaben Kaufmann werden, es ist gegenwärtig der erbarmungswürdigste Beruf, den es giebt. Ist der Handlungsbeflissene, gleichviel ob durch fremde oder eigene Schuld, um seine Stellung gekommen, so erhält er selten bald wieder solche. Und das Ende ist in der. Regel: Dem kaufmännischen Proletariat ist ein neues Glied eingereiht worden. In den Gerichtssälen aber, wenn die Aermsten zu geringeren oder größeren Freiheitsstrafen verurtheilt werden, hört man so oft den Ausruf: An meinem Schicksal tragen meine Eltern Schuld, warum ließen fie mich Kauf­mann werden.________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Januar.

Das früher so intime Freundschafts-Verhält- niß zwischen Berlin und Rom scheint sehr er­kaltet zu sein. Es erhellt dies wenigstens aus der beleidigenden Sprache, welche sich die ita­lienischen liberalen Blätter gegen Deutfchland er­lauben. Unter anderm wird von ihnen behauptet, Fürst Bismarck wolle die römische Frage auf die einen verdrießlichen Ausdruck, und er sah finster auf, als sein Diener eintrat.

„Ich habe mich selbst aukleiden müssen!" rief er mürrisch. „Was soll das bedeuten, daß Du ohne Entschuldigung fortgehst? Ich will es nicht haben I Entweder Du wartest mir auf, oder —"

Eine entsprechende Handbewegung nach der Thür diente als Ergänzung des Satzes.

„Ich habe sowohl für Sie Geschäfte abgemacht, als für mich," erwiderte Renard dreist. „Was das Aufwarten betrifft, würden Sie, wenn ich nicht in der Weife thätig wäre, wie ich es bin, bald gezwungen sein, sich beständig selbst aufzuwarten. Was meinen Sie, wo ich gewesen bin? Was denken Sie, was ich geihan habe?"

Er warf sich zum Aerger feines Herrn in einen Lehnstuhl und ließ seinen Hut auf den Teppich fallen.

„Nach Deinem Benehmen zu urtheilen, sollte ich meinen, daß Du in einem Wirthshause gewesen bist und getrunken hast," sprach Lord Montheron zornig. „Ich habe mit Deiner Unverschämtheit lange genug Nachsicht gehabt und hege Lust, Dich zu entlassen."

„Sagen Sie nicht zu viel," entgegnete Renard ruhig, aber in warnendem Ton; „sonst möchten

diplomatische Tagesordnung setzen. Dann heißt es, Fürst Bismarck habe sich vorgenommen, Italien für sein politisches Renegatenthum dadurch zu züchtigen, daß er Triest zum Ausgangspunkt des deutschen Orienthandels erhebt. Endlich aber wird von der .Gazetta Piemontese' insinuirt, Deutsch­land wolle Triest — annektiren und zu diesem Zweck erwähle es Triest zu seinem Südhafen.

* Die ,Germ/ schreibt neuerdings: Nachdem das Projekt des Congo-Monarchen der all­gemeinen Heiterkeit verfallen ist und nur mehr von den Witzblättern fruktifizirt wird, sucht man in Abrede zu stellen, daß es überhaupt cxistirt habe.

* Kontreadmiral Knorr, Chef des westafrika­nischen Geschwaders, welcher sich mit den Schiffen „Bismarck" und „Olga" vor Kamerun befindet, telegraphirt an die Kaiserliche Admiralität: „Die Truppen der Schiffe „Bismarck" und „Olga" haben am 20., 21. und 22. Dezember aufrüh­rerische Negerparteien in Kamerun mit Waffengewalt niedergeschlagen. Mehrere Häupt­linge und eine größere Zahl Krieger sind gefallen, vertrieben oder gefangen, einige Ortschaften ver­nichtet worden. Unter den schwierigen klimatischen und Terrainverhältnissen war die Haltung der Truppen eine vorzügliche. Die diesseitigen Ver­luste sind folgende: Der Matrose der „Olga" Bugge ist tobt, vier Mann sind schwer, vier leicht verwundet; unter letzteren befindet sich der Unter­lieutenant von Ernsthausen. Die Autorität der Flagge und die Ruhe am Ort ist wieder herge­stellt." — Der Kaiser hat dem Geschwader seine allerhöchste Anerkennung ausgesprochen.

** Der Reichstag setzte die zweite Berathung des Etats des Reichsamts des Innern fort. Bei der Forderung für das Gesundheitsamt rich­tete der Abg. Lingens drei Anfragen an die Re­gierung, betreffend die Verwerthung des wissen­schaftlichen Materials über die asiatische Cholera, über die Verwerthung der neuen wissenschaftlichen Erfahrungen betreffs der Anlegung von Kirchhöfen und ob nicht von Reichswegen eine Definition von Bier und Wein auszusprechen sei. Red­ner tadelt die veraltete Einrichtung der Sani- tät skommissionen, welche auf dem preußischen Gesetz vom Jahre 1835 beruhen und den Gemeinde­behörden gegenüber zu weit gehende Befugnisse haben. Von Reichswegen müsse ausgesprochen wer« Sie es bereuen. Verstehen Sie? Solch' ein Gerede von Entlassung und dergleichen paßt nicht zwischen uns. Lassen Sie uns ernstlich und von Geschäften sprechen. Ich bin verschiedene Male in Leicester- Square gewesen und Jean hat das Haus mehrere Tage lang bewacht, aber wir haben von dem Flüchtling nichts gesehen."

„Er hat das Land wieder verlassen?"

„Ich glaube nicht. Gestern wollte ich einmal zusehen, ob er wieder in dem Hotel angekommen sei, wo ihn mein Bruder, wie Sie wissen, ge­funden hat. Zu meiner großen Ueberraschung sah ich Miß Strange, die wir in Mont Heron ver­lassen, in einem Wagen wegfahren."

„Bist Du sicher, daß sie es war?"

„Ganz sicher. Ich miethete mir einen andern Wagen und folgte ihr bis zu bem Hause der Lady Wolga Clyffe. Sie blieb zwei bis drei Stunden dort und fuhr dann nach einem Hotel in Westend, wohin ich ihr wieder folgte. Hier erfuhr ich, daß Mrs. Jngestre daselbst logirte und das Beide am Abend zuvor angekommen waren."

„Eine seltsame Neuigkeit."

„Ich hatte einen Plan entworfen, um mich Miß Strange zu bemächtigen und sie aus unserem