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Freitag, den 9. Januar

1885.

Ä

ff

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V.

Die.Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zur Berufswahl.

(Nachdr. verb.)

Mit Schluß des alten Jahres sind so viele Sor­gen begraben worden, und mit Beginn d<.s neuen tauchen neue Sorgen empor. Nicht immer sind es Geschäftssorgen, die den Fmnilienvater drücken, seltener sind es vielleicht Nahrungssorgen, die er zu b.kämpfen hat, aber eine Sarge drängt sich sehr Vielen schon jetzt auf, die da lautet: „Was soll mein Sohn werden?" Wenige Wochen trennen uns noch von dem Zeitpunkte, an welchem wieder Tausende von jungen Leuten in das eigentliche Leben treten, in das Leben, das man einen e w i g e n Kampf nennt. Und wahrlich, es ist heute sehr schwer darüber zu rathen, welche Berufswahl wohl die beste sei. Manche Eltern täuschen sich in den Fähigkeiten ihrer Kinder und überschätzen deren günstige Anlagen. Solchen Eltern wird zwar die Wahl leicht, sie wägen wenig, aber wagen sehr viel, ja noch mehr, sie setzen die Zukunft ihres Sohnes leichtsinnig auf vas Spiel.

Zu den beliebtesten Wahlen gehört die des Kaufmannsstandes. Dorthin drängt sich heute Alles. Kaufmann zu werden, klingt manchem Vater wonniglich in die Ohren. Und der gute Junge, dem schon in der Schule das Rechnen ziemlich schwer fiel, dem Orthographie ein unbekanntes Ge­biet und Schönschreiben eine Qual war, der gute Junge glaubt es endlich, daß er zum Kaufmann am besten paßt, und daß die Kaufherren nur dar- auf warten, ihn in die Lehre zu bekommen. Bit­tere Täuschung für beide Theile. Der Vater sieht es zu spät ein, welchen Fehler er gemacht hat, als er seinem Sohne einen Beruf ausdrängte, zu wel­chem dieser nicht paßte, und der Sohn? Wohl dem Vater, wenn ihm nicht von dem Sohne Vor­würfe gemacht werden, daß er auf einen Lebens­weg gedrängt wurde, zu welchem er weder Lust noch Fähigkeiten besaß. In der Regel „satteln" diese jungen Leute später um, aber viel Geld ist fortgeworfen, und vor Allem sind denselben meh­rere kostbare Jahre verloren gegangen, die sie nie wieder zurückrufen können. Traurige Verhältnisse!

Ein großer und ein Hauptgrund aber, daß so viele junge Leute dem Kaufmannsstande den Rücken kehren, ist die Uebersüllung in diesem Berufe. Alle größeren und großen Städte sind überfüllt mit stellenlosen Handlungskommis. Alle Warnun­

gen der Presie haben nichts genützt, sie waren in den Wind gesprochen. Gewiß trägt einen guten Theil der Mitschuld allerdings die Mehrzahl der Prinzipale der Jetztzeit, welche Lehrlinge in Masse heranlocken, sie indessen nur als Handlanger, Dienst­boten und Lausburschen ausnutzen, ohne sie zur Erlernung von Fachkenntniffen anzuhalten und an­zuleiten, sich aber nicht entblöden, nach kurzer Lehr­zeit ein Zeugniß auszustellen, welches die jungen Leute empfiehlt, „zu allen kaufmännischen Werken geschickt". Sehr häufig sind leider solche Prin­zipale selbst noch Lehrlinge und unfähig, ihren Un­tergebenen etwas Tüchtiges zu lernen — eben weil sie selbst nichts können und wissen. Wie kann auch mancher kaum 22 Jahre alter Handelsherr (?), dem Lebenserfahrungen schlechterdings nicht zur Seite stehen, junge Lehrlinge zu erziehen im Stande sein. Hierin mögen die Väter mehr Vorsicht ob­walten lassen, ein alter Meister hat Praxis und Lebenserfahrung, das gilt auch bei dem Kaufmanns­stande. (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Januar.

* Der Reichstag trat heute nach Beendigung der Weihnachtsferien wieder zusammen und begann seine Arbeiten mit der zweiten Berathung des Reichsamtes des Innern. Abg. Lingens be­klagte an der Hand der Berichte der Fabrik-Jn» spektoren, daß die Sonntagsarbeit und die Frauen« und Kinderarbeit in einzelnen Industriezweigen nicht abgenommen habe. Bei dem Kapitel für Ueberwachung des Äuswanderungswesens brachte derselbe Abgeordnete wiederholt die Mißstände auf den deutschen Auswandererschiffen zur Sprache, bei­spielsweise sei für die weiblichen Passagiere auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd keine weib­liche Aufsicht eingeführt, während dieselbe auf eng­lischen Schiffen längst bestehe. Redner lenkt schließ­lich die Aufmerksamkeit des Hauses auf das ge­wissenlose Treiben mancher Auswanderungsagenten. Hasenclever fragt, warum das schon längst in Aus­sicht gestellte Auswanderungsgesetz dem Reichs­tage noch nicht vorgelegt sei. Staatssekretär v. Böt­ticher erwidert, die Verhandlungen über dasselbe seien noch nicht abgeschlossen, in Folge von Mei­nungsdifferenzen innerhalb des Bundes caths, aber nach wie vor bestehe die Absicht, das Auswan­derungswesen reichsgesetzlich zu regeln. Abg. von

3m Kerker.

CjKam sonst der erste Strahl der Morgenhelle, Al Dann trieb's mich auf, mein Tagwerk zu beginnen;

*' Nun fitz' ich hier und kann ihm nicht entrinnen, Dem dumpfen Vdem dieser Kerkerzelle. Barmherz'ger Gott, was ist aus mir geworden? Noch jüngst mit Weib und Kind am lveihnachtsbaume Und jetzt in diesem öden Kerkerraume, <D Gott, o Gott, wie kam ich denn an’s Morden? Ich Armer, der die Seinen redlich nährte, Der nie an Mord und frevle Dinge dachte, ®ie kam es doch, daß meine ksand vollbrachte, Wonach das Herz im Innern nicht begehrte? Weil gegen Mord mein heißes Blut fich sträubte, Und weil ich's nicht mit Ruhe könnt' ertragen, Daß man den Freund, den theuern, mir erschlagen, Weil mir des Helfers Spott den Sinn betäubte. Ich trank mein Glas im stillen Kreis der Zecher, Nicht ahnend, daß im nächsten Augenblicke Ich schon verfallen sollte dem Geschicke Der Mörder, Ser Hallunken, der Verbrecher. Ein Unglück roar’s; verbrechen nennt's die Menge, Doch wenn ihr menschlich fühlt, so habt Erbarmen Wit einem Tagelöhner, einem armen, Und urtheilt nicht zu grausam, nicht zu strenge! Wer je gefühlt des Jähzorns wilde Flammen, Wem je ein Freundesherz da drinnen pochte, Wem je das rasche Blut im Zorne kochte, Der kann mein Thun als Mensch nicht ganz verdammen. Wie trifft mich hart und schwer die <QuaI der Reue, Ich kann's nicht fassen, daß es so gekommen,

Und daß der sel'ge Glaube mir genommen An meiner Kinder Achtung, Liebe, Treue. Noch wär' das Schlimmste nicht die Kerkerzelle Und auch die Schande nicht, die mich getroffen. Hält' ich als Mörder noch ein Recht, zu hoffen, Daß Gott mir einst ein gnädig Urtheil fälle. Und ach, wie wird es geh'» mit Weib und Kindern? verstoßt fie nicht, o Freunde, urtheilt milde, Sie sind von euerm Blut und Ebenbilde;

<D denkt an sie — und helft ihr Elend lindern! — was hilft's, wenn alle Nerven euch erbeben, wenn Mord und Schande, Blut und Kerkermauern, was hilft's, wenn alle Schrecken euch durchschauern, Es ist ein Stück nur aus dem Menschenleben.

D.

104)

xAleu

ober

Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

,,©ie!" rief Lady Wolga verwundert. „Wel­ches Interesse können Sie an seiner Rechtfertigung haben? Sie kannten ihn nicht, Sie haben ihn nie gesehen. Die Leute, welche Ihnen die Geschichte des Mordes erzählten, glaubten an seine Schuld. Wie kommt es, daß Sie nicht wie diese daran glauben? Sie handeln auf Grund eines roman«

Kardorff widerlegte die Richter'sche Annahme, daß die Zuckerkrisis eine Folge der neuen Wirthschafts- politik sei, worauf sich eine lebhafte Auseinander­setzung zwischen dem Reichskanzler und dem Abg. Richter entspann. Nachdem noch Abg. Rickert für den Schutz der Landwirthschaft durch Zölle ge­sprochen, wurde schließlich das Kapitel „Reichskom- miffariate" genehmigt. — Morgen: Etat. Nach­tragsetat (Kamerun).

* Dem Reichstage ist nunmehr auch das Post­sparkassengesetz zugegangen. In den nächsten vier­zehn Tagen sollen unausgesetzt Plenarsitzungen statt­finden, welche sich mit der Etatsberathung und der ersten Lesung der Gesetze, betr. die Ausdeh­nung der Unfallversicherung, der Postsparkassen, den griechischen Handelsvertrag und auch wohl mit der zweiten Lesung der Dampfervorlage zu beschäftigen haben werden. Dann dürfte nach den getroffenen Dispositionen die Zeit bis Ende Feb­ruar den Kommissionen überlassen bleiben, so daß in derselben der preußische L a n d t a g in fort­laufenden Plenarsitzungen sich seiner Staatshaus- haltsberathung widmen kann.

* In Frankfurt a. M. liegen sich Sabor und Sonnemann, die liberale und demokratische Mehrhest der Stadtverordneten in den Armen, denn es geht gegen die Eröffnung einer katholischen Volksschule in Bornheim. Seit 1870 sind die früheren Konfessionsschulen bis auf wenige in simultane umgewandelt worden. So lange Frank­furt eine freie Stadt war, blühten die Konfesssons- schulen. Die preußische Provinzialstadt bat. bif Simultanschule eingeführt, begünstigt durch die Aera Falk. Da nun der größte Theil der katho­lischen Bürger die Konfessionsschule erhalten wissen will und in diesem Wunsche mit der orthodoxen protestantischen Minderheit übereinstimmt, hat die Regierung zu Wiesbaden schon seit drei Jah­ren erklärt, daß sie bei ferneren Schul-Neubauten sich vorbehalte, den Charakter der Schule zu be­stimmen. Demgemäß hat sie die neue Volksschule in Bornheim, wo an 1000 katholische Schulkinder sind, als eine katholische bestimmt. Mit Ostern 1885 soll dieselbe bezogen werden. Damit wäre das seitherige starre Prinzip de» Simultanschul­wesens durchbrochen. Darob geräth die ganze wilde und zahme Demokratie sammt Fortschritt und Na­tionalliberalismus in Aufregung, und die liberalen Preßorgane veröffentlichen einen Aufruf an alle

haften Impulses. Was können Sie thun, um einen edlen Namen, der so schmählich geschändet, zu reinigen? Und wenn Sie etwas thun könnten, ist es doch nicht Ihre Sache, es zu thun. Die Pflicht und das Recht sind mein — "

„Aber Mylady —"

„Nein, nein," unterbrach Lady Wolga das Mädchen; „das ist nicht Ihre Sache, sondern die meinige. Ich habe gelobt, Lord Stratfortd Heron's Namen von jedem Makel zu befreien, und wenn es möglich ist, werde ich cs thun. Seit Jahren habe ich im Stillen gewirkt, aber vergebens. Dies ist die erste wirkliche Spur, die ich erlangte. Der Himmel segne Sie, daß Sie sie gefunden und mir brachten. Ich werde diesen Dienst nicht vergessen, selbst wenn er erfolglos bleiben würde. Aber wenn die Spur auf den rechten Weg zur Klärung des Dunkels führen sollte, wenn die Wahrheit an's Licht käme und Lord Stratford Heron vor den Augen der Welt gerechtfertigt werden sollte, würde ich Ihnen auf meinen Knien danken und Sie segnen. Ihre Zukunft soll meine Sorge fein, Alexa, verlassen Sie fich darauf."

Sie neigte sich vorwärts und küßte das bleiche, liebliche Gesicht des Mädchens wieder und wieder. Aber Alexa war nicht gesonnen, ihre