Einzelbild herunterladen
 

JV 5.

Donnerstag, den 8. Januar

1885.

- I

W

S)te .Fuldaer Zeitung erscheint täglich. Sonn-und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellaeld: 1 Mk 50 Vf — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.. auswärts 1 Mk 75 Pf» '

^userate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Januar.

* Der Bundesrath beschloß, dem Gesetzent­würfe, betreffend die Abänderung des Art. 32 der Reichsverfassung (Diäten), die Zustimmung nicht zu ertheilen, dagegen dem Gesetzentwürfe, betr. die Abänderung des Gesetzes über die Kranken»er- sich er un g der Arbeiter, zuzustimmen. Die Ein­gaben wegen Erhöhung der Eingangszölle für landwirthschaftliche Erzeugnisse wurden zur Kennt- niß genommen.

* Es verlautet bestimmt, daß die Kanal- Vorlage nicht an den Landtag gelangt.

* Die ,Hamb. Nachr.' wollen wissen, daß die Holzzoll - Vorlage dem Reichstage wiederum zu­gehen werde.

* Mit Ende dieses Jahres erlischt das Mandat der Mitglieder des Volkswirthschaftsrathes, da dieselben nach der königlichen Verordnung vom 17. November 1880, betr. die Errichtung eines Volkswirthschaftsrathes, nur für eine Sitzungs­periode von fünf Jahren gewählt worden sind. Es müßten also im Laufe dieses Jahres Neu- wählen erfolgen, wenn man die Körperschaft weiter erhalten will. Das letzte Mal wurde der Volks- wirthschaftsrath im Januar 1884 einberufen zur Berathung der Grundzüge für das Unfallversiche­rungsgesetz. Schon damals waren die Mittel nicht mehr bewilligt worden, um die für einen Theil der Mitglieder bestimmten Diäten auszahlen zu können.

* Der vatikanische Korrespondent des ,R-ichsboten' schreibt aus Rom: „In den hohen Kirchensphären wünscht man lebhafter als je die Wiederauf- n a h m e der Negociationen mit Preußen und man hofft, daß die Vacanz des Limburger Bischofs­stuhles dazu einen günstigen Anknüpfungspunkt bieten könnte. Daß diese Diözese nicht lange ver­waist bleiben dürfte, unterliegt bei dem guten Willen und dem Interesse, das Staat und Kirche an der baldigen Besetzung haben, gar keinem Zweifel. Die betreffende Kandidatenliste wird natürlich erst nach erfolgter Approbirung durch den hl. Stuhl vom Kapitel vorgelegt werden. Man nennt hier bereits zwei Prälaten, die wohl die meiste Aus­sicht auf den Bischofssitz haben sollen. Es schwebt darüber ein lebhafter Jdeen-Austausch zwischen Rom und dem preußischen Episkopat. Von staat­

licher Seite werden im vorliegenden Falle keinerlei Schwierigkeiten besorgt."

* Für das von der ,Nordd. Allg. Ztg.' betonte Bedürfniß nach einer kleineren Reichsmünze als der Pfennig waren die besonderen Verhältnisse Bayerns gellend gemacht. Demgegenüber wird darauf hingewiesen, daß das Gesetz über die Aus­prägung von Reichsgoldmünzen vom 4. Dezember 1871 diesen Fall bereits vorgesehen hat, indem es in 8 13 bestimmt: „Im Gebiete des König­reichs Bayern kann im Bedürfnißfall eine Unter­theilung des Pfennigs in zwei Halbpfennige statt­finden." Von dieser Bestimmung ist nie Gebrauch gemacht worden.

§ Wie die Freimaurer den Sylvester be­gehen, zeigt die .Neue Zeitung', das kulturkämpfe- rischste kirchenfeindlichste Blatt aller Berliner Zei­tungen. Sie schreibt:

„Die Freimaurerloge Royal York" beging die Feier des Sylvesterfestes in althergebrachter Weise. Nachdem die zahlreichen Festgenossen an fünf langen Tafeln Platz ge­nommen hatten, begrüßte der Meister vom Stuhl dieselben und hieß sie willkommen. Mitglieder des Domchors san­gen hierauf das „Deutsche Kaiserlied", während Schulvor­steher Drerbach einen Toast auf den Kaiser ausbrachte. Das Festessen wurde durch musikalische Vorträge gewürzt, die mit Toasten abwechselten. Herr Richard Schmidt-Ca- banis trug ein von ihm verfaßtes Gedicht über die Freund­schaft vor. Gegen !!*/< Uhr v erfinste rte sich der Saal und das maurische Dreigespräch begann, welches die Freu­den und Leiden des alten Jahres hervorhob. Nach Been­digung desselben verkündeten zwölf Glockenschläge, daß das alte Jahr vorüber war. Eine junge Dame (!) bestieg nun die Bühne und sprach die Worte: „Es werde Licht!", woraus sich der Saal wieder erhellte. Nachdem dieselbe Dame ein von Herrn Richard Vogler verfaßtes Gedicht

Sot'-sag gebracht , hatte, wurde von den königlichen Domsängern das Sieb „Des Jahres letzte Stunde" angestimmt. Um halb 2 Uhr wurde die Tafel aufgehoben. Die Festgenossen begaben sich nunmehr in die großen Nebenräume und blieben in frohe­ster St mmung noch bis gegen 5 Uhr zusammen."

Also „eine junge Dame" gebeut: „Es werde Licht!" Ihr habt es ja herrlich weit gebracht — und werdet es noch viel weiter bringen! Wie lange wird es, wenn solches vorkommen darf, noch dauern, bis die „Göttin der Vernunft" ihren Ein­zug hält in die Stadt der Aufklärung.

* In der Frage der Wiederbesetzung des evan­gelischen Bisthums in Jerusalem ist von einer Antwort der betreffenden britischen amtlichen Stellen auf die in der Presse verlautbarten Ausführungen der preußischen Regierung noch nichts bekannt ge­worden. ,Die Frage scheint hiernach noch nicht

entschieden, ob dem Wunsche der preußischen Re­gierung gemäß das evangelische Bisthum in Je­rusalem aufrecht erhalten werden wird oder eine Lösung des zwischen England und Preußen im Jahre 1841 geschlossenen Vertrages zu erwarten ist.

** Der ,Badische Beobachter' feiert dieser Tage sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Die Anfänge des katholischen Blattes waren klein; man erwarb ein kleines, farbloses Matt, welches schon in Karlsruhe bestand, für die katholische Sache. Es war der .Karlsruher Anzeiger', unter welchem Namen dann auch das Blatt in den ersten Jahren weiter erschien, bis es bei wachsender Bedeutung und Erstarkung der katholischen Volks- Partei seinen Namen änderte. Der Verleger und Drucker war Protestant; er erfuhr, als sein Blatt katholisch wurde, nicht nur die sofortige Kündigung aller seiner protestantischen Abonnenten, sondern auch die Kündigung von Capitalien, die Kündigung von Miethwohnung, kurz, er wurde derartig chieanirt, daß es zuletzt zur Nothwendig- keit wurde, das Blatt in das Eigenthum einer katholischen Firma zu übernehmen. Nach ver­schiedenen Schicksalen wurde endlich die Actien- Gesellschaft „Badenia" gegründet, in bereit

Druckerei der .Badische Beobachter' jetzt eine ge- sicherte Heimath besitzt. Nicht minder schwer waren die Gefahren, die das Blatt vor den Gerichtshöfen durchzumachen hatte. Die schlimmste Zeit hatte der gute Redakteur Berberich aus- gestanden, welcher zahlreiche Male angeklagt und fast immer auch verurtheilt wurde, meist zu Ge- fängnißstraftn. Gegenwärtig- stehl der ,Vüd. Derk.‘ M wie wohl den meisten unterer Leser bekannt ist, unter der Leitung des Herrn Dr. jur. A. Kausen, des früheren Redakteurs der ,Fuld. Ztg.' Das Gedeihen der katholichen Zeitungen, besonders des ,Bad. Beob.', der zuerst und ohne Orga­nisation der Partei, ohne jede Beihilfe it^rtu einer eigentlichen Partei aufkam und erstarkte, beweist am besten, daß die katholische Bewegung nicht etwa künstlich gemacht ist, sondern urwüchsig aus dem Volke heraus entstanden ist und im Volke selbst ihre Wurzel und ihre Kraft hat. Auch die .Kölnische Volkszeitung' hat am 1. April ihr erstes Vierteljahrhundert hinter sich. Dabei sind die kurzen Lebensjahre der .Volkshalle' nicht mitgerechnet, welche der damaligen preu­ßischen Regierung nicht gefiel und urplötzlich

103)

-rAlera

(»-chdr. >ni.) allein zu machen. Ich denke, ich muß bei

bleiben, bis sie in« Schloß zurückkehrt. „Und dann?"

ihr

„Ich muß mit ihr zurückkehren," sagte Alexa, bedenkend, daß sie ihren. Vgter nur in Mont

ober

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

Lady Wolga saß in einem Schaukelstuhl am Kamin, stand aber bei Alexa's Eintritt rasch auf, eilte ihr entgegen und umarmte sie freudig wie eine Schwester.

»Es freut mich, Sie zu sehen, mein Kind?" rief sie, des Mädchens Hut abnehmend und diese zu einem Sitz am Feuer führend. „Das ist eine angenehme Ueberraschung. Aber wie kam es, daß Sie zu dieser Stunde eintreffen?"

„Wir kamen gestern Abend an, Mrs. Jngestre und ich," antwortete Alexa. „Wir logiren in einem Hotel und nach dem Frühstück fuhr ich allein hierher."

»Aber das ist nicht recht, Alexa," sprach Lady Wolga vorwurfsvoll. „Sie hätten direkt zu mir kommen sollen."

,.»3ch konnte Mrs. Jngestre nicht verlassen, sonst würde ich gern gleich zu ihnen gekommen sein, Mylady. Mrs. Jngestre ist sehr gütig gegen mich geroefen und wollte mir nicht erlauben, die Reise

Heron zu sehen hoffen konnte. Sollte er aber das Land verlassen haben und an sie schreiben, so konnte der Brief bei ihrer Abwesenheit leicht in unrechte Hände kommen. „Ich muß nach Mont Heron zurückkehren, sobald Mrs. Jngestre zu reifen im Stande ist — morgen denke ich."

„Aber warum haben Sie solche Eile, Alexa? Welche Anziehungskraft hat das graue und düstere Schloß für Sie? Bleiben Sie bei mir. Ich werde nächste Woche nach Clyffebourne zurück- kehren und Sie sollen mit mir gehen."

„Nein, ich muß morgen gehen — wirklich, ich muß. Mrs. Jngestre wird reifen, und sie bedarf meiner."

__ „Ich werde eifersüchtig werden, Alexa. Wollen Sie mich ganz hinter Mrs. Jngestre zurücksetzen?"

Alexa schlug ihre Augen voll Liebe und voll Vorwurf zu Lady Wolga auf, als sie verneinend antwortete.

„Warum eilen Sie denn so, um mich zu ver­lassen? Denken Sie, ich mißtraue Ihnen? Nein,

mein Kind, ich liebe Sie, und wahre Liebe hegt volles Vertrauen. Wenn Sie auch gefehlt haben sollten, weiß ich doch, daß Sie wissentlich kein Unrecht thun. Sind Sie gekommen, um mir etwas über jenen geheimnißvollen Besucher im Garten zu Clyffebourne zu sagen? Ich kann mir Ihren flüchtigen Besuch hier nicht anders er­klären."

Tiefe Röthe schoß in des Mädchens Wangen.

„Ich bin nicht gekommen, um davon mit Ihnen zu sprechen, Mylady," sagte sie. „Vielleicht komme ich nie in die Lage, Ihnen Aufklärung geben zu können? aber ich bitte Sie, meines Schweigens wegen nicht gering von mir zu denken. Wenn ich könnte, würde ich Ihnen Alles mit» theilen, aber das Geheirnniß ist nicht das meine."

»Was ist dann dec Zweck Ihres Besuches?" fragte Lady Wolga.

„Ich kam, um Ihnen einen Vorfall zu er­zählen , der sich vorgestern in Mont Heron zu- getragen hat," antwortete Alexa. „Ich weiß Nie­manden, zu dem ich sonst gehen könnte. Wollen Sie mich anhören und mir sagen, was ich thun soll?"

„Gewiß, sprechen Cie nur. Sind Sie be­leidigt worden?"