Mittwoch, den 7. Januar
1885.
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Erstes Blatt.
Die Beisetzung der Leiche des hochw. Herrn Bischofs von Limburg,
Dr. Peter Joseph Klnm.
Limburg, 3. Januar.
Wohl noch nie hat Limburg einen solchen Tag gesehen, wie den gestrigen. Galt es ja, unserem unvergeßlichen, vielgeliebten Oberhirten, dem verstorbenen hochwürdigsten Herrn Bischof vr. Peter Joseph Blum, die letzte Ehre zu erweisen. Wie bei jeder Gelegenheit, so zeigte sich besonders gestern, in welch' hohem Maße der hohe Verstorbene nicht bloß in der Bischofsstadt, sondern in der ganzen Diözese und weit über ihre Grenzen hinaus sich die Hochachtung, Liebe und Verehrung Aller, die ihn kannten, erworben hat. In ganz überraschender, fast ungeahnter Weise zeigte sich gestern, wie die Diözesanen ihrem Bischöfe treu ergeben ge- wesen, und diese Treue und Anhänglichkeit bis in's Grab hinein bewahrt haben.
Nachdem am Donnerstag Abend die beiden hochwürdigsten Herren Bischöfe von Fulda und Hildesheim hier eingetroffen waren und an der Leiche ihres verstorbenen Mitbruders noch eine Zeit lang gekniet und gebetet hatten, wurde die Leiche eingesargt und unter Begleitung der nächsten Umgebung in den Chor der Bischöflichen Kapelle gebracht. Dort, an jener Stelle, wo der Verstorbene während seines 42jährigen Pontistkates am öftesten das Opfer der hl. Messe dargebracht, wo er so vielen Priestern die Hände aufgelegt und ihnen das hl. Sakrament der Priesterweihe gespendet hat, dort an jener Stelle, von der aus er die jungen Priester hinaussandte, um das Evangelium zu predigen, dort sollte er auf einem prächtig hergerichteten Ka- tafalk, über und über mit Kränzen bedeckt, die letzte Nacht ruhen.
Schon früh am Morgen brachten die verschiedenen Eisenbahnzüge eine ungeheure Menschenmenge zur Stadt und waren die zur Stadt führenden Landstraßen bis gegen 10 Uhr überaus belebt. Den ganzen Morgen hindurch strömte Die Menge hin zur Bischöfl. Kapelle, um dort an der Leiche des Verstorbenen noch einmal zu beten, zumal es für Viele sehr zweifelhaft sein mußte, ob es ihnen möglich würde, an den Trauerfeierlichkeiten im Dome Theil zu nehmen.
Schon gegen 9 Uhr erschienen auswärtige De-' putationen von Vereinen mit ihren Fahnen, denen sich nach und nach sämmtliche städtische Vereine, sowie auch andere aus der Diözese zugesellten. Wir zählten nicht weniger als 20 Vereinsfahnen, darunter die des hiesigen Kriegervereins, des Turnvereins, des Gewerbe- und Gesellenvereins und des hiesigen evangelischen Kirchenchors. Außer drei waren die Gesellenvereine der Diözese sämmtlich durch Deputationen vertreten.
Um 9 72 Uhr beteten die inzwischen zahlreich erschienenen Geistlichen in der Bischöflichen Kapelle das Todtenoffizium, worauf der hochwürdigste Herr Bischof von Hildesheim die Einsegnung der Leiche vornahm. Sechs Geistliche nahmen alsdann den Sarg, um ihn zu dem vor der Bischöflichen Ka- pelle bereitstehenden, reichlich bekränzten Leichenwagen zu tragen. Auf ein gegebenes Glockenzeichen setzte sich der Trauerzug in Bewegung und sämmtliche Glocken der Stadt fingen ihr Trauergeläute an.
Der Zug selbst, welcher programmmäßig aufgestellt war, war so imposant, wie Limburg einen solchen noch niemals gesehen. Er nahm seinen Weg von dem Bischofsplatze nach der oberen und untern Grabenstraße, führte über die Chauffee durch die Brückengasie nach dem Dome zu. Die Häuser der Straßen selbst waren mit Trauerfahnen überaus herr'ich geziert. Dem Zuge voran ging die ganze hiesige Schuljugend, woran sich sämmtliche städtische Vereine, der Kirchenvorstand, die Gemeindevertre, tung, ht» Geistlichkeit und dje Ordenslent» anschlss- sen. Die Zahl der Geistlichen belief sich auf ca. 170. Wir bemerkten darunter außer dem zahlreich erschienenen Diözesan-Klerus als Vertreter des Bisthums Freiburg Herrn Domkapitular Marmont, von Mainz den Kapitelsvikar und Bisthumsver- weser Herrn Domkapitular Dr. Moufang und Domkapitular Dr. Hirschel, von Trier Domdekan de Lorenzi und Domkapitular Meurer, von Fulda Domkapitular Dr. Komp. Von den Ordensleuten waren vertreten die Patres Kapuziner durch Pater Alphons (Reißen, Hadamar) und Pater Ludwig Hannapel, Montab.); die Redemptoristen durch Pater Netix, zuletzt Rektor des Klosters Bornhofen. Außerdem die barmherzigen Brüder von Monta- )aur durch 17 Mitglieder, die Vinzentianerinnen von hier, die armen Dienstmägde Christi von hier und auswärts, sowie die Franziskanerinnen aus Frankfurt. Unmittelbar vor dem Leichenwagen
gingen das hohe Domkapitel und der hochwürdigste Herr Offiziator mit seinen Assistenten; demselben folgte der Bischöfliche Sekretär mit den Ordensinsignien des hohen Verblichenen, die Anverwandten und eine unabsehbare Menge von Männern. An der Spitze der König!. Beamten, die aus unserer Stadt vollzählig vertreten waren, befand sich der Oberpräsident, Excellenz Graf Eulenburg zu Kassel in Galauniform, Herr Regierungs-Präsident v. Wurmb, Herr Landesdirektor Sartorius von Wiesbaden 2c. Von hervorragenden Laien erwähnt der ,Nass. B.' noch den Erbprinzen von Löwenstein, Grafen von Walderdorff, Herr Reichs- und Landtagsabgeordneter Dr. Lieber von Camberg und Baron Spieß-Büllesheim von Bensheim. Die einzelnen Städte unserer Diözese waren sehr zahlreich vertreten, besonders Frankfurt und Wiesbaden. Während des Zuges wechselten die von der hiesigen städtischen Musikkapelle ausgeführten Musikstücke und die Gesänge des Domchors ab.
IP/4 Uhr langte der Leichenwagen am Portale des Domes an. Hier war die freiwillige Feuerwehr schon während des Zuges in anerkennens- werther Weise in Aufrechthaltung der Ordnung thätig, insbesondere um den Dom von dem an- drängenden Publikum freizuhalten. Bis zu dem Eintreffen des Leichenwagens war es ihr verhält- nißmäßig leicht gewesen, die Ordnung aufrecht zu erhalten; als aber der Sarg eben wieder von 6 geistlichen Herren in den Dom getragen war, strömte die nach vielen Tausenden zähl^.rdc M.u- schenmenge mit einer solchen Gewalt nach dem Eingänge des Domes hin, daß das Schlimmste zu befürchten war. Den fast übermenschlichen Anstrengungen der freiwilligen Feuerwehr, die überhaupt in diesen Tagen sich Die höchste Anerkennug verdient hat, ist es zu verdanken, daß die Feierlichkeit nicht durch eine Katastrophe gestört wurde.
Der Dom war trotzdem überfüllt. Auf dem mit Blumen reich geschmückten, mit vielen brennenden Kerzen umgebenen Katafalk wurde der Sarg aufgestellt. Alsdann begann das von dem Hochwürdigsten Herrn Bischof von Hildesheim celebrirte Pontifikalrequiem. Nach demselben bestieg der Hochwürdigste Hert Bischof vonFulda die Kanzel. Der Redner wies darauf hin, mit welchem Jubel und welcher Freude vor einem Jahre die Diözesanen ihren aus dem Exil zurückkehrenden Bischof empfangen haben, wie sich dann
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
„Ich meine, die Sache sollte Lord Montheron überlassen werden," sagte Mr«. Jngestre. „Er fft am meisten dabei interessirt. Das Schloß gehört ihm und selbstverständlich diese Kette auch. Es kommt mir vor wie Verrätherei an ihm, diesen Beweis — wenn es ein Beweis ist — zu einem andern Gerichtsherrn zu bringen."
„Miß Strange hat Recht gethan, keine Zeit zu verlieren, um dieses Beweisstück in sichere Hände zu bringen."
„Halten Sie dieses Ding für wichtig?"
Vielleicht nicht, vielleicht aber auch ist es von der größten Wichtigkeit, erwiderte der Pastor ernst. Lord Stratford Heron ruht in einem entehrten Grabe in fremdem Lande. Er hinterließ kein Kind, welches feine Schmach erbte; selbst seine Gattin ist von ihiu geschieden; aber Hunderte von Menschen, die ihn jannten und liebten, werden sich freuen, wenn fein Name von dem Makel befreit wird, der auf ihm lastet, und Lord Montheron wird sich am
meisten freuen, denn der Flecken auf seinem Wappen muß ihm schrecklich sein. Bei feiner strengen Gerechtigkeitsliebe wird er Himmel und Erde in Bewegung setzen — um mich eines alten Sprichwortes zu bedienen — um die Schuld dahin zu bringen, wohin sie von Rechtswegen gehört."
„Aber die Kette kann Lord Stratford Heron gehört haben oder dem ermordeten Marquis," wendete Mrs. Jngestre ein, welche nicht geneigt war, ihre Ueberzeugung, daß Lord Stratford der Mörder sei, zu ändern.
„Das wird sich Herausstellen," entgegnete Alexa. „Ich bin entschlossen, zu ermitteln, wem sie gehörte."
Mr. Dalton nahm die Aussagen Alexa's und der Mrs. Jngestre zu Protokoll, wickelte die Kette ein, versiegelte das Papier und verschloß es mit dem Protokoll in einem Schrank, während Alexa die Glieder in ihr Portemonnaie steckte. Eine heimliche, unbestimmte Ahnung sagte dementschlossenen Mädchen, daß diese Kette ein wichtiges Beweisstück fei, um die Unschuld ihres Vaters an das Licht zu bringen und die Schuldigen zu entdecken.
„Das Alles scheint mir viel Lärm um nichts," sagte mißvergnügt MrS. Jngestre. „Ich weiß nicht, ob ich mir Vorwürfe machen soll, dem Verlangen Miß Strange's nachgegeben zu haben, oder nicht.
Da ich aber so viel gethan habe, muß ich heute Abend an Lord Montheron schreiben und ihm Alles mittheilen, was vorgefallen ist."
„Ich bitte Sie, das nicht zu thun, Madame," versetzte Mr. Dalton. „Warten wir, bis er zurückkommt. Ich will ihm dann selbst Alles mittheilen und er wird mit mir berathen, was zu thun ist."
„Entschuldigen Sie," sagte Alexa,, „aber ich möchte Sie Beide um die strengste Verschwiegenheit bitten, bis ich Ihnen die Freiheit zum Sprechen gebe. Ich habe die Kette gefunden; überlaffen Sie mir vorläufig das Weitere. Sie werden es mir nicht abschlagen, Mrs. Jngestre, ich weiß es."
Dabei blickte sie bittend die alte Dame an.
„Ich muß gestehen, ich begreife Sie nicht, meine Siebe, aber ich will schweigen, wenn Sie es wünschen. Was beabsichtigen Sie zu thun?"
„Das kann ich noch nicht sagen. Angenommen — ich sage angenommen — Lord Stratford Heron wäre noch am Leben und dieses Stück einer Kette führte zu dem Beweise, daß der Mörder eine bis jetzt unverdächtige Person wäre," und Alexa dachte an Pierre Renard und seine Juwelen. „Was bann?"
„Was dann!" wiederholte der Pastor. „Sein Name würde wieder hergestellt werden. Er würde