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1885.

Montag, den 5. Januar

Fuldaer

— mit der

WM

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Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.____

(Nechdr. »erb.

100)

oder

Auf dunklen Wegen.

Roman von ®. Wagner.

Es schien dem Pastor, als habe der freund- liche und sanfte Lord Montheron in Wirklichkeit einen gehässigen Charakter, denn oftmals schaute aus der Freundlichkeit und Milde eine Erbitterung und Härte hindurch, die das Herz des Pastors empörte. Die darbenden Arbeiter, welche im Park dürre Reiser sammelten, um ihren kranken Frauen eine Suppe zu kochen, die Knaben welche sich vergessend, sein Gebiet betraten, die Mädchen, welche unbedachtsamer Weise eine Blume pflückten, wurden mit der größten Strenge, welche das Ge- setz nur zuließ, für diese „Verbrechen" bestraft. Der Marquis verhüllte aber seine Härte mit dem Mantel der strengsten Gerechtigkeitsliebe.

An dem Tage, an welchem Alexa die wichtige Entdeckung in dem ehemaligen Schlafzimmer des ermordeten Marquis gemacht hatte, faß Mr. Dalton allein in seinem Arbeitszimmer. Ein schwarzes Sammetkäppchen, unter welchem einige 'spärliche weiße Locken hervorragten, bedeckte seinen Scheitel. Er hatte ein Buch vor sich, in welches er sich vertieft hatte, so daß er nicht hörte, wie ein Wagen vor seinem Hause hielt. Erst, als das Hausmädchen Mrs. Jngestre und Miß Strange in fein Zimmer ließ, sah er auf.

Als er die beiden Damen erblickte, stand er auf, legte fein Buch auf den Tisch und begrüßte die Eintretenden mit offenbarem Erstaunen.

„Wir kommen in einer höchst sonderbaren An­gelegenheit, mein lieber Mr. Dalton," nahm Mrs. Jngestre das Wort, indem sie sich auf den ihr angebotenen Stuhl niederließ. „Es ist eigentlich eine ganz seltsame Sache, und ich bin überzeugt,

Hochzeitsgebräuche imWesterwald.

Das Freien und das sich Freienlassen ist so alt als die Menschheit selbst, wird aber nach dem Sprichworts: „Landesact — Landessitte" gar verschieden betrieben. In den von der „Alles be­leckenden Kultur" noch wenig berührten Orten un­seres Gebirges, so wird dem,Rh. C.' vom Wester­wald geschrieben, hat es sich noch bis auf den Heu- tigen Tag in derselben Eigenthümlichkeit erhalten, wie zu der Zeit, „als der Großvater die Groß­mutter nahm". Bei dem ernstlichen Freien steht von vornherein fest, daß derjenige Bursche, der „ein Auge auf das Mädchen geworfen", die Zeche übernimmt. Seine Kameraden sind seine „FreierS- leute", von denen einer wieder später den Sprecher abgeben niuß. Schon bei ihrem erstmaligen Auf­treten lasten die Freier ihre Absicht merken und dabei wird ganz genau das Verhalten des Mäd­chens und deren Eltern beobachtet, um daraus fol­gern zu können, ob ihr Besuch angenehm sei, ob sie wiederkommen dürfen und ob ihr Unternehmen auch von Erfolg begleitet sein wird. Welches sind denn nun diese stummen Zeichen^ welche den Bur­schen auf ihre nicht gestellte Frage Antwort geben? Selbstredend zunächst das Benehmen des begehrten „Schatzes". Da aber dieses häufig aus wohler­wogenen Gründen auf Täuschung beruht, wird mit Spannung erwartet, was „aufgetischt" wird. Wird Handkäse und Brod aufgetragen ohne Butter, so ist dies die untrügliche Aufforderung, ein zweites Mal nicht wiederzukommen. Dagegen drücken Käse mit Butter oder Kaffee das Verlangen aus, den angenehmen Besuch öfter empfange« zu können und dann läßt der Bursche ordentlich „laufen" und

hat nachher die Freude, eine gehörige Zeche zu be­zahlen, zumal seine Kollegen an dem ihnen gewähr- ten Freitisch sich keineswegs blöde zeigen. Je nach dem Vermögensstande des Freiers wiederholen sich derartige Zechabende öfter und die beiden Braut­leute rücken sich dabei immer näher, wenn dies nicht schon von Anfang an der Fall gewesen fein sollte. Doch auch im umgekehrten Falle denkt man: „Mit der Zeit werden auch die härtesten Birnen mild." Was die gewöhnliche Zeit nicht vermocht, das bringt schon ein Markt zu X oder U 5U Stande oder auch eine „Kirmes". Namentlich sind es die Westerwälder Märkte, die schon manches Paar sich haben finden lasten. Sind nun Bursch und Mädchen ihrer Sache „eins" geworden, so tritt an Beide die Aufgabe heran, sich zu verge- wistern, was die Eltern dazu meinen. Denn unter keinen Umständen fragt ein „Bursch" offiziell an, wenn die Antwort noch fraglich ist. Ein „Korb" drückt eben gar zu sehr und „vom Esel will sich keiner schmeißen lasten". Die Meinung der Alten auszuforschen oder auch nöthigenfalls umzustimmen, ist Sacke des „Freiersmannes". Eine günstige Ant­wort erfolgt seitens der Alten um so eher, je mehr Aecker und Wiesen der künftige Schwiegersohn be­sitzt. Denn die Frage: Was hat er? ist auch hier zu Lande in den meisten Fällen die erste und wichtigste. Wir nehmen an, der Freiersmann habe seine Miss'?, zur Zufriedenheit gelöst und sehen jetzt, mL ..xD der Freier selbst „das Jo" holt, d. h. wie eine Verlobung oder nach unserer Aus- drucksweise ein „Winkoff" gefeiert wird. Am Verlobungsabend versammeln sich die beiderseitigen Kameraden und Verwandten in dem Hause der Braut. Nichts außer der großen Zahl der Be- sucher deutet auf etwas Ungewöhnliches hin, auch die Vorbereitungen wurden geheim betrieben. Das daß wir nicht weise gethan haben, zu kommen; aber Miß Strange bestand darauf."

Mr. Dalton wandte feine Augen forschend auf Alexa. Sie war bleich, aber der Ausdruck der Entschlostenheit auf ihrem edlen Gesicht, die Be­geisterung und Hoffnung, welche aus ihren Augen blitzten, erweckten sogleich fein Interests.

„Ich stehe ganz zu Miß Strange's Diensten," sagte er höflich. „Es muß eine ernste Angelegen- heit fein, welche eine junge Dame bei solchem Wetter zu mir führen tarnt," und sein Blick schweifte nach den nasten Fensterscheiben.

„Ja, es ist eine ernste Angelegenheit, Sir," erklärte Alexa. Wir kommen zu Ihnen, als zu dem Gerichtsherrn."

„Lord Montheron ist nach England gegangen, wie ich höre," sagte der Pastor, sich selbst er­klärend, weshalb ihm die Ehre des Besuchs zu Theil wurde. „Hat einer von den Dienern im Schlosse Unrecht gethan oder sind Sie von Bettlern belästigt worden?"

„Nein!" erwiderte Alexa. „Unsere Angelegen­heit ist ganz anderer Natur. Es betrifft das Montheron-Drama."

Des Pfarrers Gesicht wurde ernster. Er fah das Mädchen mit Staunen an.

„Gewiß, es ist Alles Unsinn," sprach MrS. Jngestre. „Ich weiß schon im Voraus, was Sie sagen werden, Mr. Dalton. Ich redete Miß Strange zu, zu warten, bis Lord Montheron wiederkommt, aber sie wollte sich nicht zureden lassen. Sie nimmt ein ganz seltsames Interesse an dem Drama und hat sich die sonderbare Idee in den Kopf gesetzt, daß Lord Stratford Heron unschuldig an dem Morde war, wegen dessen er zum Tode verurtheilt wurde."

Mr. Dalton erschrak und sah Alexa mit großen Augen an.

Gespräch dreht sich längere Zeit um Alltagsdinge: um das Wetter, die Viehpreife u. f. w. Endlich kommt der von den jungen Leuten lang ersehnte Augenblick. Einer der erschienenen Gäste (es ist der „Sprecher") beginnt sich zu räuspern, er hustet und bringt endlich die Frage vor: „Mei,foht mer'mol,woßwollt'rallhie,JhrLeut?" Darauf antwortet ein anderer, er hätte gehört, der N. N. wolle sich in diesem Hause eine Frau holen. Es folgen nun manche drollige Auftritte. So ist nicht selten das Mädchen plötzlich verschwunden und kann nicht sogleich gefunden werden und wird erst, nachdem verschiedene ältere Frauen oder jüngere Mädchen dem Burschen vorgeführt sind, mit der Frage: „Ist das die rechte?" wiedergefunden und von dem „Bursch" als die erkannt, nach der sein Herz sich sehne. Auf die an Beide gerichtete Frage, ob sie wirklich die Absicht hätten, Mann und Frau zu werden, antworten Beide bejahend, hierauf wer­den auch die Eltern um ihre Einwilligung gefragt. Geben diese ein lautes „Jo" zur Antwort, so beginnt vor den Fenstern ein Peitschengeknall, daß Einem bas Hören vergeht. Dies wird von den Ortsburschen ausgeführt. Es meldet dem Orte, daß das „Jo" gefallen ist, und gibt den Burschen das Anrecht auf einen großen Freitrunk im Wirths- hause. Als erste Folge des „Jo" reichen sich Braut und Bräutigam die Hände und letzterer übergibt der Braut ein kleines Packetchen, welches das „Handgeld." enthält, je nach dem Vermögensstande 5 bis 50 Mark. Darauf folgt eine allseitige Be­glückwünschung und kurze „spassige" Ansprachen erheitern die Gesellschaft. Schnaps, Bier und Kaffee erregen die Geister. Bursch und Mädchen sind nun Braut und Bräutigam. Das Aufgebot erfolgt bald und nachdem das Nöthige in einer Nachbarstadt eingekauft ist, findet die Hochzeit statt.

„Welche Veranlassung rührt die Geschichte nach so vielen Jahren wieder auf?" fragte er.

„Ich intereffire mich sehr für da« Geheimniß," sprach Alexa ruhig und mit wunderbarer Selbst­beherrschung, „und ich bin überzeugt, daß Lord Stratford Heron unschuldig verurtheilt wurde —“

„Wie sonderbar," fiel ihr Mrs. Jngestre in's Wort, „daß eine ganz fremde Dame, wie Miß Strange, welche zu jung ist, um die schreckliche Affaire wirklich zu begreifen, ein solches Interesse daran nimmt und eine solche Idee faßt. Wir Alle wissen, daß Lord Stratford feinen Bruder ermordete."

„Gewiß, er wurde des Verbrechens schuldig befunden," entgegnete Mr. Dalton. „Aber was können Sie in der Sache zu sagen haben, Miß Strange?" (

„Nur dies: Das Zimmer in welchem Lord Montheron ermordet ward, wurde nach der Unter­suchung verschlossen und ist seitdem nie wieder ge­öffnet worden bis auf den heutigen Tag. Die Neugierde trieb mich, das Zimmer zu besuchen, und Mrs. Jngestre war so freundlich, meinem Wunsche zu willfahren. Das Zimmer wurde diesen Nachmittag geöffnet —"

„Und es war eine Luft darin, wie im Grabe," unterbrach sie MrS. Jngestre, „obgleich die Fenster vorher geöffnet worden waren und das Zimmer geheizt wurde."

„Ich dachte, daß irgend eine Spur zur Ent­hüllung des Geheimnisses nach all' den Jahren gefunden werden könnte," fuhr Alexa fort, „und besichtigte die Mobilien, den Fußboden und die Wände. Die Vorsehung führte mich. In einer tiefen Ritze der Verzierung der Bettstelle fand ich dieses Stück einer Kette."

Sie öffnete das Papier, in welches sie die Kette gewickelt, und reichte dem Pastor ihren Fund.