Sonnabend, den 27. Dezember
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Zweites Blatt.
(Ka$br. eet6.)
oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von v. Wagner.
42. Kapitel.
Stumme Zeugen.
Nach dem Zusammentreffen mit dem anscheinenden Hausirer ging Lady Wolga jeden Abend stundenlang in und um Clyffebourne spazieren. Jeden Tag fuhr sie auf dem Strandwege nach dem Dorfe Mont Heron, aber von dem Manne sah und hörte sie nichts wieder. Sie hatte sich bei dem Hauspersonal in Clyffebourne und in Mont Heron vorsichtig nach ihm erkundigt, aber Niemand hatte ihn gesehn. Es war klar, daß er keinen Versuch gemacht hatte, seine Maaren zu verkaufen, und dieser Umstand schien Lady Wolga's Vermuthung über seine Identität zu bestätigen.
Sie war in einer beständigen fieberhaften Unruhe, so daß Felice, welche die Ursache nicht wußte, sehr besorgt war. In dem einen Moment war Lady Wolga voll sprudelnden Humors, voll Geist und Leben, als sei ihr etwas ganz besonders Freudige» zugestoßen, im nächsten befand sie sich in tiefer Niedergeschlagenheit und tiefsinniger ' Grübelei, als habe sie eben ihre letzte Hoffnung zu Grabe getragen. In solchen traurigen Mo- menten achtete sie auf nichts, was um sie vorging und nichts konnte sie aus ihrer trüben Stimmung reißen. Es war, als sei ihr Geist der Wirklichkeit entrückt und schwebe in fernen Schattenreichen. Was diesen Wandel in ihrem Geisteszustände hervorgerufen, ahnte Niemand; aber Lady Markham lächelte geheimnißvoll bei ihren Plaudereien mit der Lady und ließ einzelne Bemerkungen fallen über eine „zweite Siebe" und Mont Heron.
Der Montag war ein echter Novembertag, mit Regen, Nebel und kaltem Wind; aber dennoch ging Lady Wolga, in einen schützenden Regen- mantel gehüllt, hinunter nach den Klippen, wo sie über eine Stunde lang stand und langsam hin- und herging. Felice wunderte sich über die seltsamen Grillen, ihrer Herrin, die sie für die Vorboten einer schweren Krankheit hielt.
Der Dienstag war noch unangenehmer als der Montag; der Regen fiel dichter, der Wind wehte stärker, und den ganzen Tag hindurch wurde es nicht recht hell. Spaziergänge und Fahrten waren ganz außer Frage, und die Damen in Clyffebourne holten ihre Stickereien und andere Arbeiten hervor, um sich damit die Zeit zu vertreiben. Beim Frühstück wurde allgemein beschlossen, am nächsten Taqe abzureisen.
Mrs. Jngestre hatte Einladungen zum Essen geschickt, die anzunehmen selbst das schlechte Wetter nicht verhindern konnte. Die gute Dame hatte sich von dem Schreck und der Erkältung, welche sie sich bei dem Unfall auf dem Wasser zugezogen, wieder ganz erholt. Die Aussicht auf den Gesell- schaftsabend hatte nicht wenig znr Beschleunigung ihrer Wiederherstellung beigetragen. Sie hatte eine große Vorliebe für Gesellschaften und gefiel sich ganz besonders in der Rolle als Herrin des Schlosses.
„Mein Regiment hier wird bald vorüber sein," dachte sie, als sie mit den Vorbereitungen zum Diner beschäftigt war, „und das der Lady Wolga wird bald beginnen. Ich will mich glänzend zurückziehen. Das heutige Diner soll ein Triumph der Kunst fein."
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Sie hatte alle Hände voll zu thun: den Speise- zettel mit dem französischen Koch, die Dekoration des Speisezimmers, der Tafel und der Salons mit dem Gärtner und Kellermeister und sonstige Angelegenheiten mit der Haushälterin zu besprechen. Für Alexa hatte sie heute keine Zeit, und so war diese sich selbst überlassen. Alexa hatte sich während des Montags im Hause gehalten, aber das Bedürfuiß nach frischer Luft und Bewegung zwang sie nun zu einem Spaziergangs.
Der Regen und schmutzigen Wege ließen eine weite Tour nicht zu, weshalb Alexa, ein Tuch um die Schultern und Kopf gehüllt, in der überdachten Kolonade auf- und abging.
Sie war seit ihrem Unfall einmal in Clyffebourne gewesen, aber ihr Unterredung mit Lady Wolga war durch Lady Markham unterbrochen worden und war ihr Besuch ziemlich resultatlos gewesen. Sie hatte jedoch Lady Wolga halbwegs versprochen, mit ihr nach London zu gehen, und dieser Gegenstand beschäftigte jetzt ihre Gedanken mit. Sie wünschte ihren Vater zu sehen, um seinen Rath zu hören und ihn zu überreden, England zu verlaffen. Sie hatte ihn seit jenem zweiten Zusammentreffen in Clyffebourne nicht wiedergesehen und glaubte, daß er in London und in Sicherheit sei. Wenn Sie noch London ging, hoffte sie ihn zu sehen.
Ihr erster Gedanke war immer an ihren Vater. Ihre Liebe zu Lord Kingscourt, ihre Siebe zu ihrer Mutter, die keine Ahnung hatte, daß sie ihre lang betrauerte Tochter war, ihre Zukunft, ihre Hoffnungen und mädchenhaften Träume — Alles war der großen Aufgabe ihres Sehens untergeordnet, der Mission der sie sich gewidmet: die Unschuld ihres Vaters an dem Verbrechen zu beweisen, deswegen er zum Tode verurtheilt worden war, und ihm wieder zu Ehren und zu seinen Rechten zu verhelfen.
An diesem Morgen nach dem Frühstück, nachdem er seine Briefe gelesen, gab Sord Kings- court seine Absicht kund, auf seine Güter zu reifen.
„Ich muß einmal nach dem Stand meiner Angelegenheiten sehen," sagte er. „Ich bin schon lange fort und habe andere Freunde, die mich um einen Besuch drängen und die ich seit meiner Rückkehr aus Griechenland nicht gesehen habe."
„Alles will fort!" sagte der Marquis, verdrießlich zum Fenster hinaussehend. „Sady Wolga und ihre Gäste werden nicht länger als bis Morgen bleiben. Dieses böse Wetter wird wenigstens vierzehn Tage anhalten. Es werden noch furchtbare Stürme hinzukommen und Comwallis wird in eine Wüste verwandelt werden. Wenn Sie gehen, Sord Kingscourt, werde ich Sady Wolga in die Stadt folgen."
„Wenn Ihr Alle geht, werde ich ganz allein sein, wenn es mir nicht gelingt, Miß Strange zu bewegen, bei mir zu bleiben," bemerkte Mrs. Jngestre. „Doch ich hoffe, sie wird bei mir bleiben, bis Du Sady Wolga als Gattin heimführst ; und das wird nicht mehr lange dauern — nächsten Monat, denke ich."
Sord Montheron sah finster auf Alexa. Die strahlende Schönheit des Mädchens war ihm peinlich; denn die lockigen Wellen und Ringe ihres blonden Haares, ihre saphirblaucn Augen erinnerten ihn an den flüchtigen Sord Stratford Heron. Er befand sich in ihrer Nähe stets unbehaglich, welcher er durch seinen Besuch in Sondon entging.
Alexa aber bedachte, daß, wenn er nach Sondon ging, sein Diener ebenfalls mitgehen werde. Ihre Aufgabe war jetzt, Pierre Renard zu beobachten, und sie wußte, daß Sord Montheron beständig Lady Wolga umschwärmen und Pierre Renard
oft zu Felice kommen werde. Würde sie also zur Erreichung ihres Zweckes nicht besser thun, wenn sie mit Lady Wolga nach Sondon ging, als wenn sie in diesem alten Schlosse blieb, wo sie nur das Brausen des Windes, das Toben der Brandung und das Stöhnen und Klagen der Mrs. Jngestre zu hören hatte? Diese altersgrauen Mauern konnten ihr nicht die Geheimnisse des Dramas von Montheron offenbaren, dachte sie; diese harten Steine waren wohl Zeugen jener grauenvollen That gewesen, aber sie konnten ihr nicht die Spur jenes wirklichen Mörders andeuten.
„Ich muß mit Sady Wolga gehen," sprach sie zu sich selbst, als sie die Colonade auf- und abschritt. „Ich kann hier nichts thun, wenn Renard abwesend ist. Was ich in Sondon ober auf dem Sandsitz der Sady Wolga thun kann, weiß ich nicht. Ich sehe meinen Weg nicht klar; aber die Vorsehung, welche mich bisher geführt hat, wird mich nicht verlassen."
Sie war die Einförmigkeit ihres beschränkten Spazierganges müde. Daß Sord Kingscourt sie hier nicht aufsuchen würde, wußte sie; er glaubte sie in ihrem Zimmer. Renard hatte sie in ihr Zimmer gehen sehen, und Niemand hatte bemerkt, daß sie das Haus verlassen. Sie hatte noch den ganzen langen Morgen vor sich. Niemand beobachtete tfre Bewegung, und so entschloß sie sich kurz und lenkte ihre Schritte zu den Ruinen, die sie in kaum 'zwei Minuten'erreicht hatte.
Sie schritt langsam durch die großen Räume, Alles in Augenschein nehmend, was für sie Interesse hatte — und das war selbst das unscheinbarste Plätzchen und das einfachste Mauerwerk, zumal ihre Ungeduld ganz mit ihrer Stimmung im Einklang stand. In einem kleinen dunkeln Raume in der Nähe der Kapelle blieb sie stehen, sah sich aufmerksam um und fetzte sich dann auf das breite Gesims des großen Bogenfensters, welches fast ganz mit Epheu überwachsen war und blickte hinaus. Vor ihr lag der neue Theil des Schlosses mit seinen Thürmchen und Thürmen. Von dem höchsten derselben wehte die Flagge, zum Zeichen, daß der Besitzer anwesend war.
Mit bebendem Herzen verweilten die Blicke Alexa's auf dem majestätischen Gebäude und ihr geistiges Ange schweifte zurück in die Vergangenheit. Hier war sie geboren; ihr Vater, ans dem, obwohl unschuldig, der Fluch des Brudermordes lag, sollte hier Herr sein. Sie war die rechtmäßige Herrin und konnte vielleicht noch in den Besitz kommen, aber sie dachte kaum an eine solche Möglichkeit, da ihr einziger Gedanke nur stets an ihren Vater war.
Ihr Blick senkte sich an der Mauer hinab und fand mehrere Fenster, die von innen durch Süden verschlossen und von außen mit Epheu bewachsen waren.
Dies waren die Fenster des Zimmers, in welchem der letzte Marquis ermordet worden war. Mrs. Jngestre hatte ihr bei einem Spaziergange auf der Terrasse die Fenster gezeigt und gesagt, daß das Zimmer, in welchem der Marquis ein so schreckliches Ende gesunden hatte, nach der gerichtlichen Durchsuchung verlassen und seitdem niemals wieder geöffnet worden war.
Als sie nach jenen Fenstern sah, überkam Alexa die Sehnsucht, einmal die so lange geschlossenen Zimmer zu betreten. Wohl mochten sie von den Beamten nach dem Morde sorgfältig durchsucht worden fein; konnte aber nicht eine Kleinigkeit, irgend ein Umstand ihrer Aufmerksamkeit entgangen fein, weicher zum Wegweiser werden könnte zur Entdeckung des wirklichen Verbrechers?
(Fortsetzung folgt.)