M 294. Sonnabend, den 20. Dezember 1884.
Fuldaer
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Adreßlosigkeit. Weitaus den ersten Rang nehmen in dieser Beziehung die Vereinigten Staaten ein, was zum großen Theil von der Eintönigkeit herrührt, deren man sich daselbst bei der Benennung der Ortschaften befleißigt; weist doch das neueste Ortsverzeichniß dec Union 18 Berlin, 23 Columbia, 23 Columbus, 16 Athen, 18 Palmyra, zahlreiche London, Pari?, Wien, Homer, Humboldt rc. auf! Alle nicht sofort bestellbaren Stücke kommen in's „Bureau für unbestellbare Sachen", in England, „Bureau für tobte (ober blinde) Briefe" genannt. Das vorzüglichste Institut dieser Art ist das dem englischen General-Postamt unterstehende zu London. Es besteht aus fünfzig Beamten und Beamtinnen, die unbedingt zu den geduldigsten und scharfsinnigsten Menschen gehören, die es geben mag. Sie haben mit der Dummheit, mit der naivsten Vertrauensseligkeit, mit der größten Unwiffenheit, mit der fabelhaftesten Sorglosigkeit und Nach- läffigkeit einen niemals endigenden Kampf zu kämpfen. Je ein Theil dieser klugen Armee hat seine Specialität; die Einen entziffern unleserliche Schriften, Andere leserliche, richtige aber unrichtig niedergeschriebene Adressen, die Dritten vervollständigen halbe Adressen, die Vierten bemühen sich, Absender ober tue Empfänger gar nicht abressirter Briefe — bie natürlich vorher von Amts wegen geöffnet werben müssen — herauszuspeculiren rc. Aber Alle streben banach, so viele Stücke wie möglich an ben Mann zu bringen, unb es gelingt auch in ber That, ben größten Theil ber bieser
• Hindernisse des Postverkehrs.
Die dem Postverkehr sich entgegenstellenben Hinbernisse treten theilweise schon vor Beginn ber Postlaufbahn ber Sendungen ein, theilweise erst während der Beförderung. Immer spielen dabei die „unberechtigten Eigenthümlichkeiten" des Publikums eine große Rolle. Die pünktliche und richtige Behandlung vieler Briefe u. s. w. wird durch Aufgabe an ungeeigneten Stellen, durch ungenaue, mangelnde oder abwesende Adressirung und durch vorschriftswidrige Beschaffenheit der Sendungen selbst verzögert, oft unmöglich gemacht. Zu Aberdeen in Schottland wurde ein Mann beobachtet, der sich große Mühe gab, einen Brief in die Oeffnung eines in Reparatur befindlichen Straßen -Hydranten hineinzustecken. Bei näherer Untersuchung des letztem fand man, vaß bereits früher mehrere andere Aufgeber Briefe hineingeworfen hatten. Dieser Vorfall steht keineswegs vereinzelt da; e» giebt kaum eine nach der Straße zugehende Oeffnung, die nicht gelegentlich von Unkundigen für den Spalt eines Briefkästchens gehalten wurde.
Die unter Kreuzband versendeten Manu- script- und Buch-Packete pflegen die aller- verschiedensten Dinge zu bergen, namentlich Schneiderwerkzeuge und diverse lebende Angehörige der Thierwelt. Hier brummt ein Buch; es enthält einen Hirschkäfer. Dort bewegt sich ein anderes in verdächtiger Weise hin und her; man öffnet es, und heraus springt eine zierliche weiße Maus. An dem jämmerlichen Quaken eines dickleibigen Manuscrips ist sofort zu erkennen, daß dahinter ein geängstigter Wetterprophet sich ver- birgt. Wie der englische Ober-Postdirektor berietet, soll es auch an Schnecken und Austern nicht fehlen. Das Wunderbarste in dieser Art ist aber gewiß der vor einigen Jahren auf dem Londoner Hauptpostamte vorgekommene Fall, baß zwei Buchpackete — unb zwar nicht retommanbirt — ausgegeben würben, bereit jedes eine werth-
ober
Aus dunklen Wegen.
Roman von 6. Wagner.
Er ging an's Fenster und sah hinaus in die finstere Nacht, in welcher es stürmte und tobte; aber in seinem Innern stürmte und wogte es weit heftiger, als da draußen. Renard machte noch einige Bemerkungen und zog sich dann zurück. Der Marquis warf sich wieder in feinen Stuhl.
„Fluch diesem Vampyr!" zischte er durch die zusammengebiffenen Zähne, an seinen Diener denkend. „Wäre er tobt, so könnte ich freier athmen. Er hat mich gequält unb gepeinigt bis zum Wahnsinn. Ich würbe ein Vermögen darum geben, ihn los zu werden. Aber ehe er geht, mag er noch dieses Werk ausführen. Thörichte» Mädchen! Sie hätte besser gethan, in Griechenland zu bleiben. Sie hat die Züge Ihres Geschlechtes; wie kann Lady Wolga so blind sein, dies nicht zu beachten? Stratford am Leben unb hier? Bricht bas Verhängniß über mich herein? Wohlan! Ich werde meine Feinde vernichten oder mit ihnen untergehen.--
39. Kapitel.
In Todesgefahr.
Der folgende Morgen brach hell und klar an. Es wehte ein frischer Wind von der See her, welche im Sonnenschein glitzerte, als wäre die
Stündchen am Pulte eines solchen Beamten den den Zuschauer zu machen und zu beobachten, welche „höhern" Kombinationen er oft an einander reihen muß, bis er an fein Ziel gelangt, das heißt die richtige Willensmeinung ungeübter Briefschreiber erräth.
Den Adressaten einer in Glauchau unter der Adresse „Signore Vornässezubewahren" eingetroffenen Sendung ermittelte man, indem man bei denjenigen Fabrikanten Umfrage hielt, die diese Bezeichnung auf ihren eigenen Sendungen an» seltenen Appetit zurückkammen und alle ®eine Leiden würden verschwinden wie durch Zauberei."
„Ich bin keine Freundin von Wasserpartien," erwiderte Mrs. Jngestre, und man merkte deutlich ihre Enttäuschung. „Als ich die letzte Fahrt in der Jacht mitmachte, gelobte ich mir, daß es das letzte Mal fein sollte; denn ich war sehr krank darnach."
„Du brauchst nicht in der Jacht zu fahren. Wir haben genug Segelboote, welche sich weit besser zu einer Morgenfahrt an der Küste eignen. Ich denke, Miß Strange würde gern zu einer Fahrt bereit fein."
Alexa's Augen leuchteten.
„Ich bin am Wasser ausgewachsen," sagte sie. „Mein Vater hatte eine Jacht, und wir pflegten häufig Ausfahrten zu machen. Ich bin immer gern auf der See gewesen, und wenn Mrs. Jngestre eine Segelpartie zu machen beliebt, würde es mir angenehm fein, sie zu begleiten."
„In einem kleinen Boote herrscht nicht so viel Bewegung, wie in einer großen Jacht," bemerkte Mrs. Jngestre, „und da Du es empfiehlst, Roland, will ich einen Versuch machen."
In den Augen des Marquis zuckte es dämonisch auf, was jedoch weder Mrs. Jngestre noch Alexa bemerkte.
„Ich will sogleich Befehl geben," sagte er kurz.
Er klingelte und befahl dem eintretenden Diener, den „Heron" zu einer Luftfahrt an der Küste bereit zu machen.
volle vergoldete Uhr enthielt, und die noch dazu für Australien bestimmt waren. Die Blätter der Bücher waren von innen so ausgeschnitten, daß die Uhren gerade Platz hatten. Ein solches Factum spricht Bände für die Verurtheilnng des Geizes, der Thorheit und der Unverantwortlichkeit, mit denen unverständige Leute wegen einiger Pfennige großen Verlusten sich aussetzen, ein so außerordentlich wohlthätiges Institut, wie die Post, mißbrauchen und die Angestellten in die Gefahr bringen, durch die so schwere Versuchung unglücklich zu werden.
Die Zerstreutheit des Publikums, die sich im Aufgeben unverschlossen gelassener Briefe knndgiebt, ist groß. Es ist unglaublich aber wahr, schreibt L. Kätscher in der Didaskalia, daß in London allein jährlich nahezu 100,000 Briefe aus Vergessenheit offen aufgegeben werden, die erst von Amts wegen verschlossen weiden müssen. Noch unglaublicher aber klingt es, daß solche Briefe zuweilen Geld, ja sehr hohe Summen enthalten. 1874 fanden sich in Londoner Brief-Sammelkästen zwei offene Briefe, bereit einer 700, der andere sogar 2000 Pfund Sterling in Banknoten enthielt. Erfahren somit zahlreiche Sendungen schon vor der eigentlichen postalischen Behandlung die Ungunst des Schicksals, so ist dies in noch höherem Maße während derselben der Fall. Die Haupt- Hindernisse der ordnungsgemäßen Beförderung ergeben sich aus der Adressirung der Sendungen. Die Zahl der ohne jede Adresse aufgegebenen Briefe und Postkarten beträgt im Jahresdurchschnitt in Deutschland weit über dreißig Tausend, in England weit über zwanzig Tausend. Einem Berichte des britischen General-PostmeisterS entnehmen wir die merkwürdige Thatsache, daß man in London vor einigen Jahren in einem adreß- losen Couvert das Sümmchen von 2000 Pfund Sterling in Banknoten fand, ohne daß ein Brief beigelegen hätte, der über den Absender ober den Adressaten hätte Aufschluß geben können. Unvoll, ständigkeit, Unrichtigkeit, Unleserlichkeit und Unverständlichkeit der Adresse sind in der Regel eben so häufig und eben so schlimm wie gänzliche unendliche Wassermasse mit Goldstreifen durchflochten
Lord Kingscourt war nach dem Frühstück in Privatgeschäften in's Dorf gegangen und Mrs. Jngestre und Alexa befanden sich im Baiconzimmer. Mrs. Jngestre war wieder voller Klagen, wie gewöhnlich. Ihr Kopf und Herz und all' ihre Glieder waren in Unordnung und die Sitze tausendfältiger Schmerzen, wie sie Alexa erzählte; und diese hörte geduldig zu und äußerte zeitweilig ihr Beileid, während ihr Blick ernst auf den goldigschiminernden Wellen des Oceans ruhten.
Lord Montheron trat in's Zimmer, leise und sanft wie immer. Er hörte mit scheinbarem Interesse auf die Klagen feiner Schwägerin und bemerkte den ernsten Blick Alexa's.
„Meine liebe Auguste," sagte er, „ich denke, ich kann Dir ein Mittel empfehlen, welches Dir bessere Dienste thun wird, als all' Deine Tropfen, Zuckerpillen und Salben."
„Wirklich?" rief MrS. Jngestre gespannt. „Ist es Homöopathie oder Allopathie? Ich habe beide Heilmethoden angewendet, neben Electricität und anderen Mitteln. Ich habe nicht gedacht, daß Du irgend ein Interesse an meiner Gesundheit nimmst, Roland. Was hast Du für ein Mittel?" , _
„Du hälft Dich zu viel im Zimmer auf. Du mußt mehr frische Luft und Bewegung haben. Wenn Du an diesem schönen Morgen eine Wasser- partie machen wolltest, würdest Du mit einem