Einzelbild herunterladen
 

Sonnabend, den 20. Dezember

1884.

M 3

WtihnÄthls-Anzeigtr.

Beilage zur ,Fuldaer Zeitung'.

Wrihnachtsgriißk.

--------- fNachdr. Derb.]

Heil'ger, süßer Abend komme, Komm' in's Thränenland hinieden, In des Lebens Kriegsdienst bringe Waffenstillstand, Glück und Frieden, Daß der Engelsbotschaft in excelgis Alle Menschenkinder lauschen, Und die Wonnm ihrer Schönheit Ihnen durch die Sinne rauschen!

Klangen einst zwei gold'ne Worte Durch die Länder und die Meere, Klingen fort durch alle Zeiten: Menschenfriede, Gottesehre! Sind es nicht aus Engelsmunde Schöner'» Daseins Ideale?

Tönt es nicht wie Himmelsklänge Aus dem fernen Hirtenthale?

Nur die Welt, die glaubenslose. Hört sie nicht, die Himmelsgrüße, Und sie findet nicht den Frieden Und das wahre Glück, das süße. Nicht in Lust- und Prunkgemächern, Nicht, wo Götzenbilder thronen, Nur an gottgeweihter Stätte Kann der wahre Friede wohnen.

Nur des Gotteskindes Beispiel Kann die Noth der Armen mildern, Daß sie nicht erbittert werden Und in ihrem Groll verwildern. Und dem Schooß der Mutter fluchend Gott und Welt und Recht verachten Und mit schrankenloser Gierd« Nach dem Sturz der Ordnung trachten.

Kling' in's Herz, o Himmelsbotschaft, Allen, die nach Rache dürsten, Klingt in's Herz, ihr Engelsgrüße, Allen Völkern, allen Fürsten, Daß ein guter Wille wand'le Durch die Länder und die Meere, Und, wo Menschen sind, auch wohne Menschenfriede, Gottesehre! D.

Unter dem Weihnachtsbaum.

Von Marie Romany.

(Nachdr. verboten.]

Heilige Nacht. — O berauschendes Wort! Wel­ches Herz, gesund und lebensfrisch, schlüge Dir nicht mit erwartungsvoller Freude entgegen; wen auf Erden, ob Jung oder Alt, drängte nicht das Verlangen, Deine Weihe zu athmen, sich an dem Strahlenglanze Deines Kerzenscheines zu entzücken, beglückt durch seine Lieben und seine Lieben wieder beglückend, eine Ahnung der Seligkeit zu genießen, welche uns die heilige Deutung der Christnacht für ein ewiges Jenseits verspricht.

So lange wir zurückdenken mögen, war die Feier des Weihnachtsabends der schönste Traum: Süd und Nord, Gering und Vornehm, Greis und Kind, Alles sah und sieht mit stets erneutem Ver­langen dem Augenblicke entgegen, wo Groll und Unfrieden ersterben und die Liebe, die sich in dieser gepriesensten aller Nächte alljährlich auf6 Neue verjüngt zeigt, nun wiederum mit versöhnendem, glückverheißenden Banden die Welt umschlingt.

Und die Phantasie des Menschen, wie viel trug sie nicht zur Verherrlichung dieses hehren und heiligen Augenblickes bei! Könnte es wohl etwas Erbauenderes geben, als den Anblick des schim­mernden Lichtmeeres, auf den Zweigen der ewig grünen Tanne aufgebaut, wohl etwas Beglücken- deres, als den Freudenjubel entzückter Kinder, die in dem Wonnetraum der Beicheerung unter Kerzen die Nähe eines unsichtbaren Gewinnes suchen, der sich geheimnißreich, zaubervoll Lust und Freude austheilend, der Menschheit naht?

Ja, gewiß; ein geheimnißreicher Zauber ist es, welcher dem schönsten unserer Feste, der ewig jungen Christnacht, seine unsterbliche Weihe gibt; ein ge- heimnißvoller Zauber durchweht die ganze Schöpf­

ung ; er waltet aller Orten, in Palast und Hütte, wirkt vom kleinsten Sandkorn bis zum hohen Fir- mamente, auf Gemüther, auf Herzen, führt, was Unfrieden und Bosheit von einander geschieden, in Liebe zusammen, in Einigkeit und Freundschaft einander zu. — Oder wie denn? Würde es wohl Einem unter uns Allen möglich sein, in solchem Augenblicke sich mürrisch abzuwenden, wenn der Beleidigte versöhnend die Hand reicht, würde wohl Jemand die Rechte zurückziehen, die der entfremdet Gewesene zur Erneuerung der Freundschaft be­gehrte? Wer von Euch Vätern würde die Thüre verschließen, wenn am Christabend der verlorene Sohn auf Eure Schwelle tritt, wer würde nicht beim Scheine des Kerzenlichtes dem Bruder Ein­laß gewähren, ob ihn auch die Form oder ein Verhältniß des Lebens ein langes Jahr hindurch ferne hielt?

Der unsichtbare Zauber, welchen die Christnacht über das Weltall zieht, ist es ja, der die Ge­müther und Herzen zur Einigkeit anruft; es sind die Himmelsstrahlen der Liebe, die von Herzens- schwingen getragen während dieser heiligen Stun­den aufs Neue zur Erde herniedersteigt. — Und gleichsam, als ob der bloße Schein dieser Liebe auf Alles, was sie beschattet, Zaubermacht übt, zerinnen Schmerz und Wehmuth, die Herzen perlen, die Stimmung erhebt sich zum Frieden, zur Freude, sie geht in Lauterkeit Über, in Duldung, und ent­schlummert, ob sie es gleich nicht wolle, in dem Glücke berauscbender Träumerei.

O, ein glückliches Schwärmen, in welches uns der Zauber der Christnacht versinken läßt! Möge sich das reale Leben für uns noch so eisig ge­stalten, während dieser wonnereichen Stunden ist Alles Licht und Wärme, ist Alles Milde, ja es dünkt uns, als ob mit der Feier dieses Abends jedes Leiden und für immer gebrochen sei. —

Treten wir in jenes Haus. Obgleich noch jung, obgleich in seiner Ausstattung solid und einfach, durchweht es jener warme Zug von sinniger Trau­lichkeit; rings erfüllt es Glück und Eintracht, ein stilles Wohlbehagen von Glückseligkeit hat sich in Ecken und Winkeln heimisch gemacht.

Auch mich, die ich Über die Weihnachtszeit in diesem Hause verweilte, riß der Wonnezauber mit sich, auch ich träumte von seligem Behagen und herzinniglicher Zufriedenheit. Ich gedachte nicht der Stürme, welche die schönsten Tage meines jungen Lebens zerrissen, ich erinnerte mich kaum des herben Leidens, welches mir vor einem Monat erst die einzig süße Hoffnung für die Zukunft ge­raubt; ich sah ja rings nur Glück und Freude; ich fühlte Liebe, die mir an diesem Orte aus vollem Herzen gegeben ward; ich schaute aus ein buntes Lichtmeer, athmete Wohlbehagen und sand Ruhe, wohin ich mich wandte; und wenn ich, dem schimmernden Weihnachtsbaum gegenüber in einen Lehnstuhl gewiegt, mich in Träumereien vertiefte, so muß es wohl der verhängnißreiche Zauber der Stunde gewesen sein, der im Kreise lieber Freunde eine kurze Spanne Zeit meinen Geist etwas ab­seits rief.

Ja, man vergebe mir, doch--ich träumte;

meine Gedanken, der Gegenwart entflohen, eilten zur Vergangenheit zurück. Ueber Jahrhunderte glitten sie hinweg, ohne einen Moment zu ver­weilen, bis sie an jenen Ort zurückgekommen, der die Wiege meiner Kindheit gewesen war. — Dort blieben sie am Ziel. Jene Stätte meiner Jugend, welche die unversiegbare Liebe der Eltern meinem Herzen für immer geheiligt, stellte sich auch heute, hervorgezaubert durch die rings mich umgebende Weihe, farbenreich, als fei ihr Glanz für mich niemals geschwunden, meinem von Glückseligkeit träumenden Geiste vor.

O Zeit der unschuldsvollen Kindheit, welche die Liebe allen Anfechtungen des Lebens entzogen hat! nie wird Deine Erinnerung ganz aus dem Ge- dächtnisie schwinden, Dein Segen waltet ewig, ob auch das Haar grau wird, ob auch ein rauheres Schicksal unsere späteren Jahre umweht!

Jene Zeit war nun dahin. — Mit schweren, sorgenreichen Stunden hatte die Vorsehung meinen Lebenspfad umstellt. — Kummervolle Stunden waren mir geworden: aber der Segen der Liebe, zaubervoll und mächtig, umschwebte mich noch heute, lächelte mir Grüße, öffnete meinen Sinn, wenn auch nur für Momente, der mir feit langen Jahren so entfremdet gewordenen, glückseligen Traulichkeit.

Ja, ich schwärmte. Träumend schaukelte ich in meinem Lehnstuhl und hielt das Auge fest auf die Tanne gebannt; und je weiter meine Gedanken sich abseits verloren, je bunter das Spiel, welches die Phantasie trieb, desto mehr entschwand die Wirklichkeit meinen Blicken, und es entstand das Bild, als nähme der dürre Baum da vor mir selbst Leben an. Nein, er bewegte sich nicht; steif und ruhig streckte er die grünen Neste zu mir und hinüber; aber seine Krone, von Nadeln prächtig gebildet, zeigte mir ein Antlitz; und dieses Antlitz, behutsam sich neigend, damit es seine Zier nicht verliere, nickte mir geheimnißvolle Grüße und lächelte verständnißvoll.

„Du denkst an Deine Kindheit," flüsterte er mir zu. „Du bist glücklich in der Erinnerung dessen, was seit Jahren für Dich kaum mehr als im An­gedenken ist. O, wie bunt ist das Schicksal! Sieh' nur mich an, ich fühle mit Dir; denn ich kannte Dich, als Du ein Kind warst; wir haben manches hübsche Spielchen mit einander gemacht."

Ich öffnete die Augen und starrte auf den Baum.

„Du erinnerst Dich nicht mehr?" redete dieser fort. „Weißt Du nicht mehr, daß ich auf einem versteckten Berge des Schwarzwaldes geboren wor­den, doch, zwei Jahre kaum, aus dem heimath« liehen Boden geriffelt ward? Man schleppte mich auf das Gehöft eines Großbauern, und eine An­zahl meiner Schwestern, die man ebenso erbar­mungslos mitnahm, kam mit mir; ich glaube fast, daß man uns stahl. Habe ich Dir nicht so man- chesmal geklagt, wie ich mir bei jener bösen Wan­derung eine Erkältung zugezogen, die Schuld war, daß ich nicht stattlich, wie die Uebrigen heran- wuchs, sondern ein unscheinbares, kleines Bäum­chen geworden bin?

„Du lächelst mich an? — — Erinnere Dich nur einmal jenes bösen HaderlingS, des Großbauern Felix, besten Herz steiniger war, als der Boden meiner Heimath, und schmutziger, als die Erde seines Gehöfts, in die er mich eingepflanzt; dann denkst Du an mich.--O, ich verstehe; feine

Gestalt ist Dir nahe. — Du weißt ja, daß er eine Schwester hatte, fromm und duldsam, deren Eigenthum das Gehöft war, besten Besitz er sich in frevelnder Begierde angemaßt; Du weißt, daß sie es von ihrem sterbenden Gatten ererbte, und daß sie es, bald darauf von der Erde scheidend, ihrem einzigen Kinde, der blauäugigen, goldköpfi- gen, kleinen Herta ließ; Du weißt, daß man jenen Felix zum Vormunde des Kindes ernannte; und Du weißt auch, daß dieser Vormund Unterschleife machte, Schulden erfand und Ausgaben summirte, die niemals bestanden, bis er die goldköpfige, kleine Herta um ihr Erbtheil und sich selbst in den Besitz des Gehöfts gebracht.--Ja, Tu entsinnst

Dich; warst Du nicht die lustige Gespielin meiner Herta? und habe ich nicht so manches vergnügte Kinderspiel mit Euch gemacht?"

„O, entsinne Dich nur ganz. — Freilich,- der­artige Berichte am Christabend mögen Dir nicht