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293. Freitag, den 19. Dezember

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* Regierung und Reichstag.

Der Reichskanzler hat in der Montagssitzung des Reichstages eine sehr empfindliche, persön­liche Niederlage erlitten. Die von ihm für einen zweiten Direktor im Auswärtigen Amte ver­langten 20,000 Mark sind vom Reichstage nicht bewilligt worden, obgleich er selbst zweimal in die Debatte eingriff, die neue Stelle für absolut noth« wendig erklärte und im Falle, daß man ihm die Mittel verweigere, mit seinem Rücktritt drohte. Der Reichstag lehnte gleichwohl die geforderte Summe mit 141 gegen 119 Stimmen ab und bewies dadurch, daß er sich — durch die schon so oft gehörten Rücktrittsdrohungen — nicht mehr imponiren läßt. Der Schlag war für den Reichs­kanzler um so empfindlicher, als es ein offenes Geheimniß ist, daß er die neue Stelle seinem ältesten Sohn Herbert zugedacht hat.

Ein wahren Glück, daß der Reichstag nicht auch seinerseits die bekannten Strafantragsformu­lare in Gebrauch genommen hat, denn sonst würden die Strafkammern reiche Arbeit bekommen. Hagel- dicht praffeln die Injurien auf die Mehrheit des Reichstags nieder, keine Kraftvhrase der Ver­achtung ist den regierungsfreundlichen Blätter zu stark. Die .Nordd. Allg. Ztg.' sieht in dem Be- . schluß „eine persönliche Insulte" gegen den Reichs­kanzler, die ,Köln. Ztg/ geht noch weiter, sie be­schuldigt die Mehrheit, ,,das deutsche Volk von seinem Kaiser bis herab zum letzten Arbeiter, der ein deutsches Herz im Busen hat, durch ihr schmutziges, niedriges Benetimen beleidigt zu haben". Andere Blätter bemühen sich, das Volk zu Ent­rüstungskundgebungen gegen den Reichstag anzu­regen, auch der Wunsch wird laut, die Regierung möge das „schmachvolle" Verhalten der Mehrheit mit Auflösung des Parlaments beantworten.

Wir stehen nicht an, auf das lebhafteste zu be- dauern, daß es in Deutschland so weit hat kom- men müssen. Wenn der leitende Minister zur Er­langung einer so geringfügigen Summe selbst zwei­mal in die Debatte eingreift, wenn ein Mann, der nunmehr 23 Jahre die auswärtigen Ange- legenheiten erfolgreich leitet in der bestimmtesten Weise erklärt, daß er die Arbeitslast allein nichi mehr zu tragen im Stande sei, sondern der Unter- stützung durch jüngere Kräfte bedürfe, dann sollte man wohl keine weiteren Schwierigkeiten machen, sondern die Summe, die bei der Feststellung des

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Auf dunklen Wegen.

Roman von 6. Wagner.

Pierre Renard berichtete über seinen erwachen- den Verdacht beim eisten Anblick des Mädchens, von der Reise seines Bruders nach Griechenland, deffen Besuch bei Mr. Strange und sein Erkennen desselben. Er erzählte von seinem Plan, den er, zwar erfolglos, gegen Alexa ausgeführt, um diese bei Mrs. Jngestre zu verdächtigen und in Folge deffen aus dem Hause zu verbannen. Seine ganze Erbärmlichkeit und Schwärze seiner Seele legte er ohne Scheu vor seinem Herrn bloß, und dieier hörte aufmerksam zu, ohne sich zu entsetzen. Nur beunruhigte es ihn, daß das Mädchen in seinem Hause war, nur war es ihm unerträglich zu hören, welche unangenehme Möglichkeiten für ihn aus dem Vorhandensein der wirklichen Erbin der Montheron'schen Güter erwachsen konnten.

„Ich kann es nicht ertragen, dies Alles zu hören," unterbrach er endlich den Dien-r, mit Mühe seine Fassung bewahrend. „O, weshalb starb das Mädchen nicht in ihrer Kindheit? Warum ist sie nicht ertrunken? Die Wunden,

Etats kaum in's Gewicht fällt, bewilligen. Das ist in der Regel bisher auch geschehen. Der Reichs­kanzler hat bisher keine Klage darüber führen dürfen, daß man ihm gegenüber Pfennigfuch­sers i getrieben habe. Daß man jetzt ihm gegen­über anders verfährt, daß man ihn fühlen läßt, der Reichstag habe auch etwas zu sagen, daß man ihm Forderungen nicht bewilligt, deren Gering­fügigkeit selbst den Hinweis auf die schlechte Finanz­lage des Reiches nicht gestattet, ist sehr traurig, allein Fürst Bismarck trägt selbst einem großen Theil der Schuld daran, daß es in Deutschland so weit hat kommen müssen. Ein Minister tritt nicht ungestraft der Volskoertretung gegenüber so auf, wie es der Reichs­kanzler in der letzten Zeit dem Reichstage gegen­über gclhan hat. Zwischen einem auch noch so erfolgreichen Minister und der so vielköpfigen Volksvertretung werden immer Meinungsverschie­denheiten bestehen, wird es immer zu Reibereien kommen. Das ist aber für gewöhnlich nicht allein schlimm, sondern sogar im Jntereffe des Landes gelegen. Man spricht sich gegenseitig aus, man hört die Gründe, welche für und wider beigebracht werden, ruhig an, man faßt alsdann Beschlüsse und verträgt sich wieder in der Ueberzeugung, daß, so schroff die Gegensätze im Uebrigen auch sein mögen, die Liebe zum Vaterlande und die Sorge für das gemeine Wohl Allen gemeinsam ist. Was soll man aben dazu sagen, wenn ein Minister von der Bedeutung des Reichskanzlers, alle Diejenigen, welche seiner Politik nicht unbedingt anhangen, antinationaler Gesinnung beschuldigt, wenn ein Mann, der in der Schöpfung des Reiches und seiner Verfassung so großen Antheil hatte, der auf Grund der Letzteren gewählten Volksvertretung die Beleidigung in's Gesicht schleudert, daß sie ihm nicht im geringsten imponire?

Das Centrum hat auch gegen die vom Reichs­kanzler geforderte Summe gestimmt und mit gutem Grunde; denn wenn eine Partei Ursache hat, dem leitenden Staatsmanns zu grollen, so sind wir es. Ec versagt uns noch immer die Beendigung des Kulturkampfes, er ist taub für die Klagen des katholischen Volkes, er denkt nicht daran, unsere bescheidenen Forderungen zu bewilligen. Kann man es unseren Vertretern unter diesen Umständen übel nehmen, wenn sie ihrerseits auch dem Reichs­kanzler kein Entgegenkommen beweisen?

welche ihr Verlust der Mutter zugefügt, sind so ziemlich geheilt, wenigstens hat sie sich daran ge- möhnt, den Verlust zu ertragen. Das Mädchen kann die Schande, welche ihr Vater ihr als Erb­schaft hinterläßt, nicht verdecken, selbst nicht mit der Krone einer Marquise. Und was wird aus mir werden?" — —

„Und aus mir?" fügte Pierre hinzu. „Das ist die Hauptfrage, so weit ich in Betracht komme. Ich habe von dem Mädchen nichts zu erwarten, als mit Entrüstung zurückgewiefen zu werden. Wenn Sie den Wanderstab ergreifen und als Bettler hinausziehen aus dem Schloß, in dem sie so lange als Herr in Glanz gelebt haben, muß auch ich meinem Einkommen, dem Luxus und anderen Annehmlichkeiten Lebewohl sagen. Ich werde mir eine andere Stelle suchen müffen, wo es mehr Arbeit als Lohn giebt. Nein, das soll nicht geschehen, — sie soll nicht in den Besitz des Schlaffes kommen! Pierre Renard nimmt seine Jntereffen zu sehr wahr, als daß er zugeben könnte, daß das Mädchen Marquise von Mont- heron wird!"

„Aber ich will keine Gewaltthat, — ich will nicht, daß ihr ein Leid geschehe!" rief der Mar­quis rasch.

Wir beklagen auf's tiefste, daß es in Deutsch­land so weit hat kommen müffen. Reichstagsver­handlungen der Art, wie sie letzten Montag statt­fanden, sind ein erbauliches Schauspiel für Nieman­den, dem die Ehre und das Wohl des Vaterlan­des am Herzen liegt. Dieselben endeten mit einer Niederlage des Fürsten Bismarck, bedeuten aber keineswegs einen Sieg des Reichstages.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Dezember.

cf Der Reichstag hielt heute seine letzte Sitzung vor den Ferien ab und wählte zunächst das bisherige Präsidium (v. Wedell-Piesdorf, Präsident, v. Frankenstein und Hoffmann, Vize­präsidenten) definitiv wieder. Dann wurde in die Berathung der Anträge auf Abänderung des Krankenversicherungsgesetzes einget^eten. Sozialdemokratischerseits war beantragt worden, den Termin für das Inkrafttreten des Gesetzes hinauszuschieben. Inzwischen ist das Gesetz bereits in Kraft getreten und die Kommission empfiehlt nun die Annahme einer Novelle, wonach den Mitgliedern solcher freien Hülfskafsen, die ihre Statuten nicht rechtzeitig dem Krankenkassengesetz anzupaffen vermochten, der Wiedereintritt in die freie Kaffe, sobald deren Statuten genehmigt werden, bis zum 1. Juli 1885 offen gehalten wird. Es entspann sich hierüber eine lebhafte Auseinandersetzung zwischen dem Dresdner Abge­ordneten Hartwig (kons.) und den Sozialdemokraten Bebel (Hartwig's Gegenkandidaten) und Kayser. Abg. Hartwig hatte die verbündeten Regierungen ersucht, die vorgeschlagene Novelle möglichst rasch zu verlaffen, um die Unzufriedenheit, welche der jetzige Zustand zwischen Arbeiter und Arbeitgeber schaffe, zu beseitigen. Abgg. Bebel und Kayser warfen nun Hartwig vor, derselbe spreche nur im Jntereffe der Dresdener Arbeitgeber, die unzu­frieden seien, daß sie ein Drittel der Beiträge zu den Octskassen zahlen sollten. Abg. Hartwig er­klärte diese Beschuldigung für eine infame und wurde dieserhalb zur Ordnung gerufen. Staats­sekretär v. Bötticher theilte den Wunsch Hartwigs, erklärte aber, daß der Bundesrath nicht' in der Lage sei, noch vor Weihnachten die An­gelegenheit zu erledigen. Abg. Richter-Hagen beschwerte sich über das Vorgehen der preußischen

„Vielleicht möchten Sie sich lieber dem Hunger' tobe Preis geben?" höhnte sein Diener. „Heber* lassen Sie die Sache nur mir. Ich bin kein nervenschwacher Narr, kein sentimentaler Idiot. Ich kann die Sa tze schon ordnen, wenn mir freie Hand gelaflen wird. Es darf durchaus kein Aufsehen gemacht werden und Lady Wolga darf nicht erfahren, daß das Mädchen Ihre Tochter ist."

Der Marquis rang verzweifelt die Hände, Schweißperlen zeigten sich auf seiner Stirn.

„Wie steht Ihre Sache bei Lady Wolga?" fragte Pierre vertraulich. „Sind Sie wirklich verlobt?"

„Thatsächlich noch nicht; aber Sie hat mich nicht abgewiesen. Sie hat sogar versprochen mich zu heirathen — unter einer Bedingung."

„Und diese Bedingung lautet?"

„Ich soll den Namen Ihres Gatten, den sie tobt wähnt, von ber auf ihm haftenden Schmach befreien. Sie glaubt ihn an dem Verbreche« schuldlos, weswegen er verurtheilt wurde, und sie hat mich zu beirachen versprochen, wenn ich den wirk- lichen Mörder ermittle und zur Bestrafung bringe/

Der Diener machte ein ernster Gesicht und pfiff leise vor sich hin.

„Sie muß wahnsinnig sein!" rief er.