«. U 292. Donnerstag, den 18. Dezember (884 >
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Zweites Blatt.
* Der Anarchisten-Prozeß Reinsdorff und Genoffen vor dem Reichsgericht
zu Leipzig.
(Fortsetzung.)
Um 9 Uhr werden die Angeklagten, durchgängig jugendliche Personen, hereingeführt. 48 Zeugen sind geladen. Der Angeklagte Reinsdorff gibt zu, daß er wegen Verbreitung sozialistischer Schriften, Führung falschen Namens, verbotenen Waffentragens und intellektueller Urkundenfälschung wiederholt mit Gefängniß bestraft worden sei. Bachmann ist wegen Beleidigung, Toellner wegen Unfug und Diebstahl bestraft worden. Hierauf gelangte der Eröffnungsbeschluß des Gerichtshofes zur Verlesung. Bezeichnend für die Macht, welche Reinsdorff besaß, ist der Umstand, daß die Angeklagten die geforderten Beiträge sich selbst erst zusammenborgten.
Präsident (zu Bachmann): Bekennen Sie sich des Attentates in Elberfeld für schuldig? Bachmann: Ich habe die Explosion berbeigeführt; aber ich wollte nicht Menschen damit tobten. Präs.: Seit wann haben Sie sozialistische Schriften gelesen und der SozialDemokratie sich gewidmet? B.: Seit 1877; aber Reinsdorff hat mich erst zu allem aufgeredet. Präs.: Wie wurden Sie mit demselben und den Andern bekannt? B.: In Elberfeld, bei einem gewissen Palm und Windmüller; da traf ich auch Küchler und Andere. Reinsdorff erzählte dort, daß er in Süddeutschland eine Explosion habe anrichten wollen, die ihm aber mißglückt sei; ferner, daß Dynamit am besten durch Schwefelsäure zu explodiren sei Dann kam Reinsdorff auf das vorigjährige Sedansfest zu sprechen, welches gestört werden müsse; es sollten Explosionskörper unter die Menge geworfen werden; wir gingen aber nicht darauf ein. Am 1, September ist Reinsdorff wieder zu mir gekommen uud zeigte mir an einer Stelle vergraben einen Steinkrug, der angeblich voll Dynamit war. Wir fanden noch eine Blechbüchse voll Dynamitpatronen. Diese und noch ein anderer Behälter mit Dynamitpatronen wurden zu Weidenmüller gebracht, der sie auspackte. Nun wurde eine Lilerflasche mit Patronen gefüllt. Nachdem wir den Rest des Dynamits wieder vergraben und die Flasche mit uns genommen hatten, gingen wir in die Wirtschaft zum „Gemüthlichen Gottfried", wo wir Küchler und Palm trafen. An demselben Abend sollte eine Explosion im Kasino angerichtet werden. Reinsdorff sagte, er werde eine Büchse im „Deutschen Kaiser" zur Explosion bringen, zwei kleinere Büchsen sollte ich zur Explosion bringen. Ich ging nun nach der „Frankfurter Bierhalle"; weil da aber zu viel Menschen waren und ich dachte, es könnten welche verletzt werden, fuhr ich nach dem Willemsen'schen Lokal, wo ich die Zündschnur der kleinen Büchse mit der Cigarre anzündete und unter einen Stuhl stellte. Die Explosion hörte ich aber noch , im Garten. Ich habe geglaubt, daß es nur einen großen Knall geben würde. Schaden wollte ich den Menschen nicht tijun, auch habe ich nicht gewußt, daß so viel Menschen in der Nebenstube waren. Präsident.: Ist in jener Büchse Blei gewesen? B.: Nein. Präs.: Es hat sich aber gezeigt, daß durch die Explosion eine Menge Blei verstreut worden ist. B.: Ich wollte keinen Schaden thun und habe deshalb die Büchse unter einen Stuhl in den Garten gestellt. Präs.: Nach der Beweisaufnahme müssen Sie dieselbe unter den Stuhl im Lokal gestellt haben, wo Sie gesessen haben. Welchen Zweck hatte Reinsdorff mit der Explosion? B.: Er wollte den Honorationen einen großen Schreck einjagen. Pr.: Um ein Haar wäre aber doch der Kellner gelobtet worden? B.: Ich dachte, Dynamit schadet nur wenn er eingemauert ist. Pr.: Hat Ihnen Reinsdorff außer den 5 Mark, die er Ihnen gab, noch etwas versprochen? B.: Nein. Pr.: Hat Ihnen ein Gefangener in Elberfeld gesagt, Reinsdorff lasse Ihnen sagen. Sie sollten nur immer tüchtig lügen, dann kämen Sie am besten ro „. B.: Ein Gefangener hat mir allerdings in Elberfeld gesagt, Reinsdorff halte das Lügen für ein gutes Mittel.
Angeklagter Reinsdorff bekennt sich nichtschuldig. Ich wurde mit Bachmann und den Andern bekannt, und da ich Anarchist bin und jene Sozialdemokraten waren, so sprachen wir uns über den Unterschied aus. Schon 1867 ging ich von Pegau als Schriftsetzer in die Fremde und kam auch in die Schweiz, wo ich viele politische Flüchtlinge, namentlich in Zürich, kennen gelernt und mich mit der internationalen Arbeiter-Association bekannt gemacht habe. Anarchist aber bin ich nicht durch lieber: rebung, sondern durch Ueberzeugung geworden. In Pesth konnte ich Arbei finden, aber zu so niedrigem Lohne, weil dort nämlich die Israeliten fo auf den Lohn drücken, daß ich dort nicht arbeiten mochte. Zuletzt fand ich wieder in Leipzig Arbeit und besuchte auch sozial-demokratische Versammlungen. Aber diese Herren hatten alle so große Angst vor einem Anarchisten, daß sie mich gar nicht zu
Worte kommen ließen. Eines Abends wurde mir gesagt, ein junger Mensch Namens Hödel sei bei mir gewesen. Derselbe wollte mich aushorchen im Auftrage der Sozial- Demokraten, welche ihn dann übrigens auch bei Seite warfen. Ich lieh mich aber nicht mit ihm ein und hörte später, daß er ein Attentat in Berlin verübt habe. Most, den er in Berlin kennen gelernt, habe für ihn Sympathie gefaßt. Nach Einführung des Sozialisten-Gesetzes habe sich Most von den Sozial-Demokraten wegen deren zu lauen Vorgehens getrennt und eine neue sozial-revolutionäre Partei gegründet. Er (R.) habe Most gerathen, die neue Partei dem Anarchismus zuzuführen. In Berlin wurde R. wegen intellektueller Urkundenfälschung bestraft, weil er unter falschem Namen ein Protokoll unterschrieb. In Elberfeld arbeitete R. vom 30. Juli v. I. ab in einer Druckerei, bis er sich angeblich durch einen Fall am 9. September eine Verletzung am Fuße zuzog. Präs.: Sie sind in dieser Zeit einmal in Wiesbaden gewesen, um eine Explosion vorzunehmen? R.: Das ist eine Phantasie von Bachmann. Präs.: Auch noch Andere haben es bekundet; was denken Sie sich unter dem Morte Anarchist? R.: Ich denke mir unter Anarchie denj. Zustand, wo der Mensch nach seiner Veranlagung die höchste Stufe der Glückseligkeit und Entwickelung ersteigen tarnt. Zu diesem Zwecke ist es nöthig, die Leute von der übermäßigen Arbeit zu entlasten, sie mehr von Kummer und Sorge zu befreien, Dummheit und Aberglauben aus der Welt zu schaffen. Eine Menge Menschen läuft arbeitslos umher, namentlich auch weil die Maschinen so viel die Arbeit des Menschen ersetzen. Noch schlimmer wird die Lage der Armen durch das Ausbeutungssystem. Bei der jetzigen Produktion haben nur die oberen Zehntausend alle Bildung und Genüsse, die Andern nichts. Um die Zustände zu bessern, müßte die Privatausbeutung durch die anarchistische Produktion vertilgt werden. Pr.: Was ist anarchistische Produktion? A.: Konfiskation und Expropriation aller Produktionsmittel zu Gunsten der Arbeiter, welche sich nach Centralpunkten föde- riren und organiftren sollen. Auch die Landarbeiter müffen organifirt werden, was sehr zum Segen der Landwirthschaft gereichen wird, zumal Dampf und Elektrizität der Landwirthschaft zu Hülfe kommt. Schließlich wird man eine ganze internationale Föderation der Arbeiter erhalten. Auf gleiche Weise können die Arbeiter Post und Telegraphie und das ganze Verkehrswesen organiftren, wozu sie großen Verstand besitzen und keine Autorität brauchen. Durch die Centralisation der Arbeit wird die Produktion eingeschränkt werden, und man kann berechnen, daß dann die Arbeitszeit nur zwei Stunden dauern wird. (Genau nach Bebel.s Sobald dem Menschen garantirt, daß er auch ohne persönlichen Egoismus existiren kann, kann er seine ganze Kraft dem Ganzen der menschlichen Gesellschaft zuwenden. Eine Uebervortheilung Eines durch den Andern ist im anarchistischen Staat nicht möglich, weil es da kein Privateigen-- thum gibt. Die Aufhebung allen Zwanges ist keine Utopie, mehr im anarchistischen Staate. Wo die größte persönliche Freiheit herrschte, da entwickelte sich Staat und Menschheit auch am meisten, wie in Griechenland. Unser jetziges Elesid ist nur eine Folge der Privatproduktion. Die Anarchisten wollen durchaus nicht die Ehe abschaffen, auch nicht die Religion, sondern die Pädagogik so ausbilden, daß Niemand mehr etwas glauben wird. Pr.: Im Wesentlichen suchten Sie aber doch durch Attentate den gewünschten Zustand herbeizuführen; liegt das im anarchistischen Prinzip? R.: Nach letztem: gibt es kein bestimmtes Gesetz der Aktion; im Uebrtgen brauche ich Ihnen aber meinen Operationsplan nicht zu enthüllen. In einem aufgefundenen Notizbuch des Reinsdorff finden sich zahlreiche französische Namen vor, über die R. Auskunft verweigert; auch deutsche Namen, deren Träger mit in Untersuchung gezogen worden waren, so Neve, der Expedient der .Freiheit'. Der Angeklagte bestreitet sodann entschieden die Angaben des Bachmann.
Polizei-Kommiffar Gottschalk aus Elberfeld hält R. für einen Emissär von Most. Bachmann habe ihm erzählt, daß er von R. zu dem Attentat im Willemsen'schen Lokal aufgereizt worden fei. Zeuge hat den Platz aufgefunden, wo R. mehrere Dynamitbehälter vergraben.
Frau 0r. Hartmann, Tochter des Restaurateurs Wil- lemfen, bekundet, die Explosion sei so stark gewesen, daß alle Gasflammen verlöschten und die Menschen, an ein Erdbeben glaubend, zu den Fenstern hinausflüchteten. Der Fußboden zeigte Löcher, viele Mobilien waren demolirt. R.: Bei Willemsen wurden Arbeiter stets hinausgewiesen. Frau H.: O nein; aber mein Vater hielt streng auf Ordnung.
Aus den Aussagen des verschwundenen Weidenmüller geht hervor, daß Letzterer einen Theil des von R. vergrabenen Dynamits ausgegraben und in die Wupper gewor- fen hat. Pr.: Sind Sie nicht nachher mit einem Hammer in den Busch gegangen, um den verschwundenen Gegenstand zu suchen? R.: Wir gingen wohl Alle hin und wieder mit einem Hammer in den Busch, um Pilze und Vogelnester zu suchen.
Nach den Aussagen des verstorbenen Willemsen hat ein Geschoß eine Thür und die Ofenwand durchbohrt.
Zeuge Frincken, früher Kellner bei Willemsen, hat bemerkt, wie Bachmann die Explosion unter dem Stuhl,
auf dem et gesessen, angerichtet. Frincken wurde bis in's dritte Zimmer geschleudert und erlitt mehrfache Verletzungen, namentlich auch durch Bleisplitter.
Der Angeklagte Küchler deponirt, daß Bachmann und Reinsdorff am Abend des 4. Sept, bei ihm gewesen und dann zusammen fortgegangen seien. R. kam etwa um 11 Uhr allein zurück. Wir gingen zusammen fort und trafen eine Menge von Menschen, die uns sagten, daß eine Explosion stattgefunden. Weiter weiß ich nichts von der Sache. Früher hat K. sehr detaillirte Angaben über Dynamit-Anschaffungen seitens des Reinsdorff und Bachmann gemacht und bekundet, daß Reinsdorff den Bachmann aufgefordert, „auch etwas zu machen", sowie daß Reinsdorff über die ZU früh ftattgehabte Explosion entrüstet gewesen. Pr. (zu Reinsdorff): Was haben Sie denn mit diesen Worten zu Bachmann gemeint? R.: Ein Zusammenhang ist in diesen Worten nicht mehr für mich erfindlich. Was übrigens Küchler hier aussagt, das hat der Untersuchungsrichter ihm alles abgefragt, und aus Bequemlichkeit hat er stets Ja gesagt. Alle Zeugen sagen hier anders aus als vor dem Untersuchungsrichter. Pr. (zu R.): Sie haben nur die Aussage des Küchler anzuerkennen ober nicht. (Zu Küchler.) In welchem Verhältniß standen Sie zuletzt zu Reinsdorff? K.: Ich bin nach alle dem, was ich gehört und gesehen, sehr von meiner Freundschaft für ihn zurückgekom- men. In politischer Beziehung wollte Reinsdorff stets ein schärferes, energischeres Vorgehen; ich mochte solche Gespräche nicht leiden und verbat mir für die Zukunft dieselben.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
§ Unter ungeheurem Andrang begann am Mittwoch in Regensburg die Strafverhandlung gegen.jene Brauer, welche die zur Bier-Erzeugung verwendeten Malz-Surrogate und Ingredienzien von der Firma Wich u. Co. bezogen haben. Es kam diesmal nur die erste Serie der Bierpantscher, neun an der Zahl zur Verhandlung; die zweite soll erheblich größer fein. Die Ingredienzien sind bei einzelnen Brauern folgende: 27 Pfd. Tanninfäure, 163 Pfd. Zuckerkouleur, 125 Pfd. doppelkohlensaures Natron, 125 Pfd. Süßholz, 1880—1883 fünf Mal 5 Str. doppelkohlensaures Natron, 1880—1883 fünf Mal 193 Pfd. Mouffirpulver u. f. w. Außerdem sind angeklagt drei Kaufleute wegen je acht Vergehen der Theilnahme. Keiner der Angeklagten hat einen Vertheidiger, sie haben im Vorverfahren alles zugestanden. Ganz unwesentlich sind die Aussagen der Zeugen. Jntereffant war in der Nachmittags-Sitzung der Vortrag des Sachverständigen, Professor Vogl, welcher in fast dreistündiger Rede sowohl über die Bierfabrikation als über die in Frage stehenden Ingredienzien gutachtlich sich verbreitete. Bierkouleur erklärte er als Färbemittel; der Zweck des Zusatzes sei nicht klar, er hält es für ein Geheimmittel, das ohne Wirkung fei; Tanninsäure sei Hopfensurrogat behufs Klärung des Bieres; mit Mouffirpulver wird schal gewordenes Bier, mit doppelkohleusaurem Natron sauer gewordenes Bier turirt, beide seien verbotene Mittel, das letztere ungleich strafbarer als das Mouffirpulver. Das Urtheil wird am 17. d. gesprochen.
§ Zur Herstellung des elektrischen Lichtes für Experimente in Schulen gelangte bisher meistentheils die Bunsen'sche Batterie in der geringsten Stärke von 6—8 Elementen zur Anwendung. Der verhältnißmäßig hohe Preis der Letztem, die Unbequemlichkeit, welche die Salpetersäure verursacht, die nothwendige Reinigung der Bunsen'schen Elemente nach jedesmaligem Gebrauche stehen in keinem Verhältniß zu dem dadurch erzielten Effekt. Hierzu kommt der Umstand, daß eine mit Schwefel- und Salpetersäure gefüllte Batterie sehr schwer transportabel ist. — Diesen Uebelständen hilft der vom Mechaniker I. C. Schloesser in Königsberg i. Pr. konstruirte Glühlichtapparat ab. Er besteht aus zwei Theilen, einer Tauchbatterie als Elektrizitätsquelle und der Glühlampe selbst, die eine Lichtstärke von fünf Normalkerzen besitzt. Die Tauchbatterie wird durch 8 kleine Zinkkohlenelemente gebildet, die an einem hölzernen Deckel befestigt sind, in acht in einem Holzgestelle befindlichen Gläsern stecken nnd durch Heben und Niederlassen des Deckels in die Gläser gesenkt und wieder aus denselben gezogen werden können. Ein sehr niedriger Preis (Mk. 22.50) für Batterie und Glühlampe, verschwindend geringe Kosten für die Füllung, welche durch Ausdünstung keinerlei Beschwerden verursacht und ein überraschend starker Lichteffekt sind die Vorzüge dieses sorgsam ausgeführten Apparats. Derselbe ist gering dotirten Schulen, Liebhabern physikalischer Experimente, namentlich aber als interessantes Festgeschenk für größere Knaben zu empfehlen.
(Unangenehme Aehnlichkeit.s A.: „Guten Tag, lieber Freund. Ei, wie lange haben wir uns nicht gesehen! Wie geht's Dir und was macht Deine liebe Frau?" — B.: „Danke, danke. Mir geht es nicht schlecht und meine Frau lebt wie eine Quelle." — A.: „Das kann ich mir denken, so frisch und rein." — B.: „Das weniger; aber sie murmelt in Einem fort."