1884.
Sonnabend, den 6. Dezember
WnlMihls-Anzcigkr.
Beilage zur »Fuldaer Zeitung'.
3W Die nächste Nummer des ,weihnachts-Anzeige? wird Sonnabend den \5. Dezember erscheinen. Annoncen werden bis Freitag den \2. d. erbeten.__________________________________________
Dezember ist's; von Schnee und Eis bedeckt Ist Stadt und Land, und überall ists Nacht. Die Kinder schlummern in der Mutter Schutz Und träumen von dem lieben Christkindlein, Jndeß der Vater bei der Lampe Schimmer Noch sorgend wacht an weit entlegner Stätte, Wohin durch eines Schurken Lug und Tücke Ein unverdientes Schicksal ihn entführte.
Getrennt vom Glück des häuslich stillen Herdes Und von der Gattin Trost und Rath und Pflege Und von der Kinder unschuldfrommen Lippen Verbüßt er gottergeben fremde Schuld.
Schon senkt ein heil'ger Weihnachtsfriede sich Ihm tröstlich und erquickend in die Seele, Denn an die Seinen denkt er, denkt und sinnt. Und was er sinnt und denkt, wird zum Gedichte. Wer nie getrennt von Weib und Kindern war. Hat wahre Vaterliebe nie empfunden.
Wo fände eines Menschen Phantasie Ein Bild so paradiesisch schön, so himmlisch, Das mit dem Zauber zu vergleichen wäre, Der eines Kindes Schlummer hold umstrahlt? Wie athmen sie so leicht und sorgenlos Vier Engelsköpfchen, wie selbst Rafael Sie schöner nicht der Mit- und Nachwelt zeigte. Vier Sterne in der Finsterniß des Dqseins, Vier Edelsteine in dem Meer der Sorgen, .
Bier Blumen an dem Dornenpfad des Lebens I Louise, schlank und leicht, ein Elfenkind
• Von Hellem Geist und träumerischer Seele, Schon jetzt erhaben über das Gemeines-. Und Otto, breitgeschultert, blondgelockt, -- Ein seelenguter Junge, weichen Herzens/
Zwei Weihnachtsbilder.
Von W i l h. Koch. lNachbr. oetb.]
Die weißen, gelben, rothen und blauen Weih- nachtskerzchen, die von einer Riesentanne gestrahlt hatten, waren erloschen;- nur eine von Ketten getragene, weilbauchige Silberampel erhellte das große Gemach, und das rothe Glas derselben überhauchte alle Gegenstände mit Purpur. Auch die blaffen Wangen des hochgewachsenen Mannes, der in dem Zimmer auf- und abschritt, waren scheinbar von rosiger Jugendfrische übergossen, und seine Lippen murmelten bisweilen die Worte: „Poesie-, schöne Winterpoesie!" Halb träumerisch, halb sinnend folgten ihm die Blicke einer jungen Frau, die eine Zeit lang schweigend auf einem Polsterstuhle ge- seffen und die sich jetzt erhob, um geräuschlos das anstoßende Gemach zu betreten. Sie stand vor zweiBettchen, in welchen friedlich schlummernd zwei goldlockige Kinder lagen, deren rothe Bäckchen von einem süßen Lächeln verklärt waren. Aufregung und Glückseligkeit hatten die Kleinen länger als gewöhnlich wach erhalten; jetzt aber hatte die Natur über den Jubel gesiegt und ihre Rechte geltend gemacht, indeß konnte sie nicht verhindern, daß goldene Traumbilder die fröhlichen Erlebniffe des schönen Christabends weiterspannen. Inmitten des mit Härzgeruch, Wachs- und Lebkuchendüften angefüllten Wohnzimmers stand der breikästige Tannenbaum, behangen mit knisternden Fähnchen, leuchtenden Glaskorallen, Aepfeln, goldenen und silber- nen Nüffen, Eiszuckec und feinem Backwerk, und der Tisch war mit Spielsachen, Vuppen, Trommeln, Schachteln und ähnlichen Herrlichkeiten, die Kinder glücklich machen, fast überladen. Phantastisch lugten die seltsamen Thiergestalten von Zucker und die Kuchenmänner mit großen Korinlhenaugen aus den grünen Nadelzweigen hervor, und oben auf der schwankenden Spitze des Baumes schaukelte ein Englein in goldflimmerndem Gewände.
In dem Gemache paarte sich Behaglichkeit mit Prachtliebe; werthvolle Oelgemälde zierten die Wände, und dicke Teppiche dämpften den Schritt. Die Frau kehrte zurück, und mit glückstrahlendem
Wnhnalhlsgt-anlren eines Gefangenen.
(Nachdr. verboten.)
Den Gott behüten mag vor rauhen Händen;
Clotilde mit den großen dunklen Augen, Der Schönheit Pflegekind, ein Schmeichelkätzchen, Das viel zu sagen und zu fragen weiß;
Und Ella, die mit unschuldlieben Händchen, Geliebkos't mich in sorgenschwerer Stunde, Bei deren Liebreiz ich den Himmel bat. Zu schützen uns vor Unrecht, Roth und Trübsal. Solch ein Besitzthum ist des Mannes Ehre Und gibt ihm Muth und weiht und adelt ihn. Für sie zu beten, daß sie glücklich werden. Ist mehr als ird'sche Lust, ist Seligkeit. Und von den Kindern ab die Blicke wendend Umschwebt sein Geist der jungen Gattin Bild; Sie schlummert süß und sanft und träumt von ihm, Von seiner Liebe, seinem Dulden, Hoffen. — Sie zürnt ihm nicht trotz Ungemach und Trennung, Sonst wär' ihr Schlummer nicht so sanft und friedlich. Sie könnte jetzt auf seid'nen Kiffen ruhen, Hätt' ihr der Mammon einst das Herz geblendet, Doch Martha wollte--wahrhaft glücklich sein.
Und daß sie glücklich, wahrhaft glücklich ist, Deß ist ihr süßer sanfter Schlummer Zeuge. O dieser Friede müßte den entwaffnen, Der frevelnd daran dächte, ihn zu stören. Wem Gott ein solches Kleinod anvertraut, Dem gibt er auch die Kraft, es zu behüten. Durch edle Seelen wird der Mensch veredelt. Durch Frauensanftmuth ist der Mann ein Held, . Durch Weiberstarrsinn ein gebrechlich Wesen.
Erhab'ne Gottheit, höre mein Gebet!
Sticht Glanz und Reichthum ist's, um was ich flehe, Der Kampf ist ja des echten Mannes Feld,
Antlitze, wie es nur bei einer jungen Mutter gefunden werden mag, blieb sie vor ihrem Gatten stehen und sagte, ihm beide Hände auf die Schulter legend:
„Erich, war das nicht ein schöner Abend? Der Jubel der Kinder und unsere eigene Freude in harmonischem Einklang — gibt es etwas Herrlicheres auf Erden, als eine christliche Familie um den Christbaum geschaart?" ... Er aber faßte mit seinen Händen die schlanke Rechte seines Weibes ; seine Augen leuchteten hell auf und mit einem Tone, der die vollste Herzensbefriedigung durchzittern ließ, entgegnete er: „Ja, Emma, es war schön — die reinste Poesie! Wie ein Feenmärchen umfing mich der Zauber dieses Abends. Du glücklich, die Kinder glücklich — was will ich mehr?"
Wie ein Schatten glitt es über das Antlitz Em- ma's und mit fast zagender Stimme fragte sie; „War es nur Poesie, Erich? Hatte der Abend keine höhere Bedeutung in Deinen Augen?" — „Wie soll ich das verstehen, liebe Frau? Ist die hehre Poesie, der Idealismus, mag er sich nun in Tönen oder Bildern, in Gedichten, Marmorbildern oder aufjauchzender Herzensfreude kundgcben, nicht das Höchste, was es auf Erden gibt? Erhebt uns die Poesie, in Wort und Bild, nicht himmelhoch über das armselige, materielle Alltagsleben?" „Ganz gewiß, Erich; aber die poetische Verklärung des hl. Weihnachtsabends wurzelt doch tiefer, als in dem flimmernden Baume! Die Freude der Kleinen reicht über den bunten Flitter, die brennenden Kerzen, die Kuchenmänner und Spielsachen nicht hinaus; sie sehen in den Geschenken des Christkindes ein Stück Paradies, ein Stück Himmel auf Erden; — aber genügt der Tannenbaum, mit Allem, was dran hängt, auch, um Dein Herz mit Freuden auszufüllen? — „Habe ich denn nicht Dich und die Kinder dabei?" fragte der Mann lächelnd .... „Ich meine, Erich, ob Dir das Weihnachtsfest lediglich ein Familien- und Winterfest ist, oder ob Du ihm auch die höhere, christliche Bedeutung beilegst? Ist Deine Weihnachtsfreude nicht durch den Glauben an das großartige
Und Selbzufriedenheit gibt nur di« That. Mit Gottvertrauen rüste meine Seele, Auf daß ich nicht vom rechten Wege irre, Wenn ich der Gimpel höhnisch Achselzucken, Der Memmen Uebermuth und Wohlstand sehe. Was thut's, ob auch die Freunde mich verlaffen, So lange Du, Allmächtiger, Allweiser, Mein starker Helfer bist in aller Roth?
Du gibst den Frieden dem, der guten Willens Sein Ziel erstrebt, ob er's erreicht, ob nicht. Oft ist, was wir ein Unglück nennen, Glück, Und manchen Fehltritt wendet Gott zum Guten. Die Dinge ändern sich; — das Gute siegt, Und Gottes heil'ge Rache trifft den Schurken. Für ihn gibt's keinen Weihnachtsfrieden mehr. Den braucht er nicht, der Hochmuth braucht nur Geld, Der Neid nur Speichellecker und Spione.
O Martha, träume süß, von Mutterglück, Von Engelsköpfchen hold umgeben. Und wenn der heil'ge Weihnachtsabend kommt, Dann laß ich gern die Alltagssorgen ruhen Und denke, Martha, Deiner in der Ferne Und sehe, wie Du's Tannenbäumchen schmückst. Und wie's die Lichtlein märchenhaft umstrahlen, Und wie die Kinder jubelnd Dich umjauchzen, Louise, Otto, Ella und Clotilde.
Wie dann der Trennung Leid in Dir erwacht, Und eine Thräne still und unbemerkt
Dein Auge netzt und Deinen Schmerz besänftigt.
Nur Muth, mein Lieb, die Trennung geht vorüber. Sie ist der Weg zu einer beffern Zukunft,
Und was uns heute noch das Herz durchschnerdet, Wird tausendfaches Glück beim Wiederseh'n.
Mysterium der Menschwerdung des Gottessohnes geweiht?"
Der Mann schaute lange und sinnend in die umflorten Augen seiner Frau, dann trat er langsam an ein Fenster und blickte hinaus in die kalte, sternenhelle Winternacht. Wie eine stahlblaue Schale wölbte sich der Nachthimmel über die Erde, besäet mit Myriaden glitzernder Gestirne. „Und jedes dieser leuchtenden Pünktchen ist eine Welt," murmelte Erich; „in unermeßlichen Weiten wandeln sie seit Jahrhunderten chre Bahnen in wunderbarer Harmonie; welch' ein Riesen-Uhrwerk der Schöpfung! Ist das Plan — kann es blinder Zufall sein?" . . . Erich öffnete die Fensterthür und trat hinaus auf den Balkon unbekümmert um die Kälte. Wenn der Geist sich mit den höchsten Problemen beschäftigt, tritt der Körper in den Hintergrund .... Ein großer, viereckiger Platz, von einer vierfachen Baumreihe garnirt, lag zu den Füßen des Mannes, gleich einem großen Leichentuchs. Tags vorher Hattees geschneit; auf allen Dächern, auf allen vorfpringenden Kanten lag der weiße Schneehermelin, gleich als habe die Natur jede Härte mildern wollen. Die kahlen Aeste und Zweige der Bäume trugen ein weißes Polster, und mit magischem Lichte umwoben die Mondstrahlen jeden Dachfirst, jede Ecke und den ganzen weiten Plan. Sol- datenfüße hatten den Schnee platt getreten und der Platz glänzte wie ein Silberspiegel. _ Im Westen schloß eine grandiose, den heil. Aposteln geweihte Kirche das herrliche Panorama ab, deren Konturen fich scharf vom leuchtenden Nachthimmel abhoben, und deren hohe Fenster in blaffem Goldglanze schimmerten. Es war spät, und dennoch waren die Straßen und der Platz belebt; von allen Richtungen sah man vermummte, tief in ihre Mäntel, Tücher und Pelze gehüllte Gestalten kommen, und Aller Ziel war dasselbe — die Kirche. Auf einem nahen Thurme schlug es Mitternacht, und in demselben Augenblicke begannen die Glocken der^lpo- stelkirche und unzähliger anderer Kirchen der Stadt mit ehernen Munde das Christfest einzuläuten. Harmonisch, wie Gesang von Engeln und Sphären-