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Zweites Blatt.

71)

Alen

oder

(«ochdr. »tri.)

Auf dunklen Wegen.

Roman von E. Wagner.

„Meine liebe Lady Wolga," sagte die alte Dame, „selbst Sie, die Tochter eines Herzogs und die Schwester eines Herzogs und Günstling des Hofes, können nicht alle Vorurtheile nach Belieben umstoßen. So lange in unseren höheren Klaffen noch gelehrt wird, Rang und Geburt strenge zu unterscheiden, können Sie nicht erwarten, daß man ein Mädchen von unbekannter Herkunft als gleich­berechtigt ansieht, selbst wenn ste eine gleich gute Erziehung genoffen hatte, durch welche sich'unsere Klaffe auszeichnet. Ihre Freunde beabsichtigen durchaus nicht, Sie zu verletzen, Lady Wolga; aber sie wisien, daß Miß Strange Ihnen fast fremd ist, und nehmen an, daß Sie sich in ihr täuschen."

„Ich habe mich für sie verbürgt und das sollte für meine Gäste genug sein," entgegnete Lady Wolga ernst.

„Das würde auch der Fall sein, wenn sie nicht glaubten, daß Sie hintergangen worden wären. Lasten Sie sich von Miß Strange Ausschluß über ihre Familie geben; laffen Sie sie ihre Vergangen­heit offen darlegen und Ihre Freunde werden die Freunde des Mädchens sein. Sie werden von ihr getäuscht, Wolga. Wo ist Miß Strange in diesem Augenblick?"

„Ich denke, daß sie sich auf ihrem Zimmer be­findet. Man kann nicht erwarten, daß sie in dieser Gesellschaft zu bleiben geneigt ist," antwor­tete Lady Wolga gereizt.

„Sie ist nicht auf ihr Zimmer gegangen, Lady Wolga. Ich sah sie in einem weißen Shawl ge­hüllt vor länger als einer Stunde durch die Halle und aus der vorderen Thür gehen. Sie ist noch nicht wieder zurückgekehrt."

Lady Wolga warf einen raschen Blick auf die Uhr und wurde blaß.

„Es ist schon zu spät für sie, um draußen allein zu sein," sagte sie besorgt. „Ich will Jemanden ausschicken, um sie zu suchen. Sie könnte zwischen den Klippen verunglückt sein."

„Oder ein Stelldichein mit Lord Kingscourt haben," warf Lady Markham boshaft hin.

„Lady Markham, ich will solche Verdächtigungen nicht hören, auch nicht von Ihnen!" tief Lady Wolga in ermahnendem Tone. „Ich würde mein Leben zum Pfände einsetzen für Miß Strangr's Reinheit und Tugend, und ich kenne Lord Kings­court zu gut, um annehmen zu können, daß er ein heimliches Zusammentreffen mit seiner Ver­lobten suchen würde."

„Ah! Ist es schon dahin gekommen? Hat die Abenteuerin den stolzen, reichen Lord Kingscourt gewonnen?"

„Lady Markham —"

„Wolga, glauben Sie mir, das Mädchen ist zur Verfolgung ihrer geheimen Zwecke in diesem Hause; sie hat ihre Freunde und Verbündete und ist im Stillen Ihre Feindin. Sie ist hinausge­gangen, um mit Jemandem ziisammenzutreffen. Denken Sie an meine Worte und sehen Sie, ob ich nicht richtig geurtheilt habe. Sie kann doch nicht verlangen, daß das Hauspersonal ihretwegen länger aufbleibeu soll. Ich will einmal sehen, ob sie vom Fenster aus sichtbar ist."

Sie schritt nach der andern Seite des Salons, der Richtung zu, wo Alexa und ihr Vater standen, die nichts von der Unterredung gehört hatten.

„Vater!" flüsterte Alexa, „Du mußt gehen."

Mr. Strange erschrak, wie aus einem Traume plötzlich erwachend, warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf seine geschiedene Gattin und trat dann mit einem halb unterdrückten Seufzer in das Ge­büsch zurück.

„Wenn ich sie doch einmal könnte sprechen hören!" murmelte er. „Ich muß wiederkommen."

„O, Vater, Du bist hier nicht sicher! Wenn Du doch England verlaffen wolltest!"

„Welche Sicherheit gäbe es irgendwo für mich? Ein Land ist so sicher oder unsicher wie das an­dere, Jedermanns Hand darf sich gegen mich er­heben. Aber der Himmel ist gerechter und barm­herziger als die Menschen. Sieh'! kommt sie ans Fenster, Alexa?"

„Lady Wolga? Rein. Lady Markham schaut heraus; aber sie kann uns nicht sehen. Doch jetzt muß ich gehen, man wird mich sonst vermissen. Ich kann unbemerkt in mein Zimmer gelangen. Ich werde an jedem Abend auf der Teraffe des Schlosses Mont Heron auf Dich warten. O, ich kann Dich nicht gehen laffen. Jean Renard hat Dich in Griechenland gesehen und verfolgt Dich vielleicht. Versprich mir, daß Du Dich unkenntlich machen willst, ehe Du wiederkehrst und so lange Du in England bleibst."

Sie hatten sich etwas weiter vom Hause zurück­gezogen und sprachen ganz leise.

„Ich verspreche es Dir," sagte Mr. Strange. „Und nun laß' uns scheiden. Du darfst Dich nicht um mich ängstigen, ,Alexa. Der Himmel wird nichts Schlimmeres über uns kommen laffen, als bereits geschehen ist. Gute Nacht, mein theu- res, muthiges Kind!"

Er schloß sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küffen. Dann ließ er sie rasch los, entfernte sich eiligst und verschwand in dem Dunkel der Bäume.

Alexa wandte sich um und ging eiligen Schrittes dem Hauke zu. Die Thür war noch offen und eine Lichtfülle strömte in die Nacht hinaus. Alexa hatte kaum zehn Schritte vorwärts gethan, als eine Gestalt hinter einem Baume hervorkam und ihr den Weg vertrat.

Alexa's Herz drohte still zu stehen.

Die ihr so unerwartet in den Weg Getretene war Lady Markham.

„Habe ich Sie endlich auf frischer That er­tappt?" rief ihre Feindin triumphirend. „Mein Verdacht war also doch begründet. Folgen Sie mir in den Salon, Miß Strange, und verant­worten Sie sich wegen Ihres Betragens vor der edlen Dame, die Sie so furchtbar getäuscht haben. Kommen Sie, die Stunde Ihrer Entlarvung hat geschlagen!"

32. Kapitel. Entlassen.

Ehe Alexa sich von ihrem Schreck zu erholen vermochte, ersaßle Lady Markham ihren Arm und führte sie durch die große Halle in den Salon.

Lady Wolga schritt langsam auf und ab; bei dem Geräusch der hastigen Tritte blieb sie stehen und sah die Eintretenden Überrascht an.

Alexa war bleich. Ihre blauen Augen glühten; ihr schönes Gesicht drückte Schmerz und Ver­zweiflung aus, auf ihren Wangen waren Sparen von Thränen, und ihr ganzes Wesen zeugte von Verwirrung und Angst.

Lady Markham dagegen bot ein Bild des Tri­umphes dar. Sie hatte wirklich geglaubt, daß Alexa hinterlistig, sei, und war nun außer sich vor Freude, ihre Meinung durch die Thatsachen be­stätigt zu sehen. ,

„Was soll das bedeuten?" fragte Lady Wolga, ihre Freundin unwillig ansehend.

„Es bedeutet, theure Lady Wolga," antwortete Lady Markham, ,,daß dieses Mädchen eine ge­heime Zusammenkunft mit einem Manne in Ihrem Garten gehabt hat. Es bedeutet, daß sie soeben Abschied von ihm genommen hat in einer Weise, welche auf ein sehr vertrauliches Verhältnis« schließen läßt. Ich selbst sah sie in seinen Armen und horte ihn sie wieder und wieder küffen. Aber dieser Mann war nicht Lord Kingscourt.

Sie ließ Alexa frei, welche mit niedergeschlagenen Augen, und nach Athem ringend, dastand.

Der Ausdruck des Unwillens auf Lady Wolga's Gesicht verwandelte sich in den des Zornes, aber er war gegen die Anklägerin, nicht gegen die Angeklagte gerichtet.

„Ich kann nicht einsehen," sagte sie kalt, welches Interesse Sie, Lady Markham, an Miß Strange's Privatangelegenheiten haben können. Ich will nichts davon hören!"

Alexa warf Lady Wolga einen dankbaren Blick zu.

Lady Markham schlug die Hände zusammen, und ihre Mienen drückten das höchste Erstaunen ans.

„Lady Wolga," rief sie aus, „Sie müffen mich nicht verstanden haben. Dieses Mädchen hat Ihnen gesagt, sie sei eine Fremde in England, sie kenne Niemanden in diesem Lande außer Lord Kingscourt. Sie hat Sie getäuscht. Ich sah sie vor kaum zwei Minuten in den Armen eines Mannes, der mir unbekannt war. Mag sie es läugnen, wenn sie es kann."

„Sie müffen jedenfalls im Jrrthurn fein, Lady Markham —"

„Miß Strange!" rief die alte Dame, Lady Wolga unterbrechend und sich zu Alexa wendend, „können Sie es mir widerlegen, daß ich soeben Zeuge Ihres Abschieds von einem fremden Manne war?"

Alexa antwortete nicht, und ihr Schweigen be­unruhigte Lady Wolga.

„Sie wagt nicht zu läugnen!" rief die alte Dame triumphirend. „Lady Wolga, diese Person ist eine Natter, und es ist Ihre Pflicht, die That- fache zu erfahren und zu prüfen. Sie haben das Mädchen Ihren Gästen zugeführt und ihnen! gleichgestellt: es ist Ihre Pflicht sich selbst $u: überzeugen, daß Sie Ihren Gästen keine Un­würdige zugeführt haben; Wenn sie beweisen kann, । nichts Unrechtes gethan zu haben, will ich sie, gern um Verzeihung bitten."

Alexa sah noch immer schweigend zu Boden. , „Ich glaube sicher, daß Sie sich geirrt haben," sagte Lady Wolga. ,

„Ich habe Sie ja beim Arm genommen und sie direkt zu Ihnen gebracht, ohne sie ans den Augen zu verlieren!" rief Lady Markham eifrig.; „Ein Jrrthum ist ganz unmöglich! Ich sehe daß^ Sie nichts Schlimmes glauben wollen von Miß, Strange, als auf ihr eigenes Gestäitdniß hin.: Miß Strange," und sie wandte sich zu benv Mädchen mit strengem Ton und herrischer Geberde, „haben Sie heute Abend einen Mann im Garten getroffen? Habe ich Sie nicht von ihm Abschied, nehmen gesehen?"

Jetzt schlug Alexa ihre Augen auf und Lady Wolga bemerkte den angstvollen Blick darin und; den verzweifelten Ausdruck auf ihrem Gesicht. Ihre: Lippen öffneten sich ein wenig, aber es kam kein. Laut über dieselben.

Es herrschte eine peinliche Stille. Lady Wolga j wurde bleich. Weshalb wies Alexa die Beleidig gung nicht zurück? Weshalb vertheidigte sie sich' nicht gegen die schwere Beschuldigung?

(Fortsetzung folgt.)