Fuldser
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Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Dezember.
(*) Die Kaiserin ist gestern Abend von Coblenz in Berlin im besten Wohlsein eingetroffen. Auf Wunsch der hohen Frau unterblieb jeder Empfang bei der Ankunft auf dem Bahnhofe. — Zu Ehren der Theilnahme an der westafrikanischen Konferenz fand gestern im kronprinzlichen Palais in Berlin eine musikalische Soiree statt, zu welcher 180 Einladungen ergangen waren.
* In den Bundesrathsausschüfsen ist jetzt das Postsparkassengesetz nach den württember- gischen Vorschlägen gegen die Stimmen von Sachsen und Mecklenburg angenommen worden. Bayern und Württemberg enthielten sich der Abstimmung. Das Gesetz hat, wie die ,Nat.-Zlg." erfahren haben will, gegen den ursprünglichen Entwurf viele Abänderungen erfahren.
* Die Jmpfko mmission, welche von der Reichsregierung auf Veranlaffung des Reichstages einberufen war, hat mehrere Beschlüsse gefaßt, die jetzt dem Bundesrath vorliegen. Die Befchlüffe beziehen sich größtentheils auf die Vorzüglichkeit der Impfung; sie „konstatiren", daß die Impfung Schutz gegen Pockenkrankheit verleihe und daß sie zu diesem Zwecke nach 10 Jahren wiederholt werden müffe. Der 7. und 8. Beschluß lautet: ■„§ 7. Die Impfung kann unter Umständen mit Gefahr für den Impfling verbunden fein. Bei der Impfung mit Menschenlymphe ist die Gefahr der Uebertra- gung von Syphilis, obwohl außerordentlich gering, doch nicht gänzlich ausgeschlossen. Von anderen Jmpsschädigungen kommen nachweisbar nur acciden- telle Wundkrankheiten vor. Alle diese Gefahren können durch sorgfältige Ausführung der Impfung auf einen so geringen Umfang beschränkt werden, daß der Nutzen der Impfung den eventuellen Schaden derselben unendlich überwiegt. 8. Seit Einführung der Impfung hat sich keine wissenschaftlich nachweisbare Zunahme bestimmter Krankheiten oder der Sterblichkeit im Allgemeinen geltend gemacht, welche als eine Folge der Impfung anzusehen wäre."' Die Kommission macht dann den Vorschlag, allmählich die Impfung mit Thierlymphe durchzuführen und Anstalten zur Gewinnung der letzteren zu errichten. Weitere Beschlüsse beziehen sich auf das Verfahren bei der Impfung, auf die Jmpfärzte und deren Vorbildung, auf eine Pockenstatistik u. s. w.
(*) Für den Bau des Reichstagshauses enthält der Reichshaushaltsetat für 1885/86 die Summe von 1 Million Mark. Nach dem Bauprogramm soll im Jahre 1885 außer dem Reste des Kellergeschosses nur ein Theil des Erdgeschosses zur Ausführung gelangen. Da aber schon während des nächstjährigen Winters ein Theil desjenigen Rohmaterials beschafft und bearbeitet werden soll, welches erst im Jahre 1886 zur Verwendung kommt, so sind in dem Etat die für das ganze Erdgeschoß erforderlichen Geldmittel von 1 Million Mark in Ansatz gebracht. — Zum Bau des Kaiserpalastes in Straßburg ist in den Reichs- hamhalts-Etat für 1885/86 als vierte Theilsumme der anschlagsmäßigen Kosten von 2660,000 Mark ein Betrag von 300,000 Mark eingestellt. In den drei vorhergehenden Jahren waren bereits bezw. 71,200, 552,300 und 453,200 Mk. flüssig ge- macht, so daß für künftig noch 1,282,400 Mk., nahezu die Hälfte der Anschlagssumme, vorbehalten sind.
* Leipzig, 2. Dez. Das Attentat am Niederwalddenkmal, von dem zuerst nur mysteriöse Andeutungen laut wurden, die Eugen Richter zu einer bezüglichen Anfrage im Reichs
tage veranlaßten, wird, nachdem es alle Stadien eines Schauderdramas in der Presse durchlaufen, nunmehr seinen letzten Akt vor dem Reichsgericht erleben und möglicherweise mit einem Todesur« theil gegen die Hauptattentäter abschließen. Denn die Anklage lautet nicht auf vorbereitende Handlungen zu einem hochverrätherischen Unternehmen, worauf als höchste Strafe Zuchthaus steht, sondern auf Hochverrath selbst, auf den mit Tod bedrohten, versuchten Mord des Landesherrn. Vor dem vereinigten II. und III. Strafsenat des Reichsgerichts, unter Vorsitz des Präsidenten Drenkmann, wird die Hauptverhandlung gegen das anarchistische Komplott Reinsdorff und Genossen am 15. Dezember beginnen. Die Untersuchung ist mit großer Sorgfalt und Umsicht, mit einer nahezu peinlichen Gewissenhaftigkeit geführt worden, die Akten sind dickleibig angeschwollen und die Osfizialvertheidiger werden längere Zeit zu ihrer Information bedürfen. Als solche werden genannt die Herren Rechsan- malte Fels, Lewald und Erythropel, doch bleibt Bestätigung abzuwarten. Unter den Beweisstücken, die dem Gerichtshof vorliegen werden, befinden sich auch zwei Baumstämme vom Thatorte, in denen Dynamitpatronen gefunden worden sind. Die Baumstämme, nachträglich von der Oberreichsanwaltschaft requirirt, trafen hier erst an einem der letzten Tage ein. Das Beismaterial ist ein die Angeklagten schwer belastendes. Zweifel an der Absicht der Angeklagten,- der, Kaiser zu tobten, sollen gänzlich ausgeschlossen sein. Ob diese Absicht durch eine „höhere Macht", die über dem Willen der Angeklagten stand, vereitelt worden ist, oder ob dies in Folge des Durchschneidens der sZündschnur seitens eines der Attentäter geschehen, wie derselbe behauptet, dürfte auch in der Hauptverhandlung nicht aufgeklärt werden.
Ausland.
• Wie man der,F.Z.' telegraphisch aus Wien meldet, hat Fürst Löwenstein 150,000 Mark zur Gründung einer katholischen Universität in Salzburg zur Verfügung gestellt.
* lieber die letzten Stunden des Bischofes von Linz berichtet das .Vaterland":
„Nach einem relativ guten Vormittag trat Nachmittags plötzlich eine Verschlimmerung ein. Um halb drei Uhr begann die Agonie. Anwesend waren der Beichtvater, das Domkapitel, der Neffe, Pfarrer Rudigier aus Vorarlberg, einige andere Geistliche und die Dienerschast. Niemand konnte die Thränen zurückhalten. Der Bischof kämpfte den letzten Kampf bei stetem Bewußtsein; er betete immer, besonders zur Mutter Gottes, deren Bild er wiederholt an die Lippen führte. Allmälig begann die Stimme zu versagen. Sanft, ruhig und gottergeben ging der Bischof in die Ewigkeit hinüber. Es waren 35 Min. nach 3 Uhr, als der Beichtvater ihm die Augen zudrückte. Ein Arzt war nicht zugegen. Der Statthalter kam gerade noch zu den letzten Momenten. Vor dem Bischofshofe hatte sich eine große Menge Volkes angesammelt, das bekümmert Nachrichten aus dem Sterbezimmer erwartete. Kurz vorher war in den Kirchen das Allerheiligste ausgesetzt worden und eilten von allen Seiten Andächtige herbei, die unter Thränen laut zum Allmächtigen um die Erhaltung des geliebten Oberhirten flehten. Gott hatte es anders beschloffen. Um 3»/« Uhr verkündeten die Glocken der Stadt und der Diözese, daß ihr Oberhirt vor Gottes Thron stehe. Die Trauer ist allgemein und ohne Unterschied der Parteien sehr groß und ungeheuchelt. In der Zeit von halb 3 bis 4 Uhr merkte man es am ganzen Leben und Bewegen der Stadt, daß ein erschütterndes Ereigniß sich vollziehe. Es war, als hätte Jedermann das Gefühl, daß ein großer, heiliger und patriotischer Mann sterbe. Das Leichenbegängniß findet Mittwoch um 9 Uhr Vormittags, am Namenstage des Hochseligen statt."" — Zum Leichenbegängnisse Bischof Rudigier"s begiebt sich Fürsterzbischof Dr. Ganglbauer nach Linz, woselbst er die Einsegnung der Leiche vornehmen wird. —
A Wien, 2. Dez. Angesichts der Erfolge, welche Oesterreich mit seinen neueingeführtcn Postsparkassen erzielte und die nicht blos im In- lande vom Volke gewürdigt, sondern auch vom
Auslande anerkannt werden und zur Nachahmung anlocken, ist man in maßgebenden Kreisen daran, auch die Organisation von Schulsparkassen in die Hand zu nehmen und so eine wirksame Ergänzung der Postsparkassen zu schaffen. Die Idee der Schulsparkassen hat sich in anderen Staaten bereits trefflich bewährt und ist ein hehres ethisches Ziel. Wir zweifeln nicht, daß die Einführung der Schulsparkassen bei richtiger Organs- fation große Vortheile bietet und auch in den Herzen der Jugend den Sinn für Sparsamkeit rege macht. — Die Regierung beabsichtigt ferner, die sog. Bruderladen und Knappschaftskassen der Bergarbeiter einer entsprechenden Reform zu unterziehen und gleichzeitig mit der Reform des Berggesetzes eine diesbezügliche Vorlage dem Reichs- rathe einzubringen. — Sehr zu begrüßen wäre es aber auch, wenn von maßgebender Seite den bäuerlichen Darlehenskassenvereinen nach Raiffeisen's bewährtem Systeme, welche in Deutschland so blühen und sich als wirksame Dämme wider den Wucher gezeigt haben, eine größere Aufmerksamkeit geschenkt und selbe in Oesterreich eingeführt würden. Kürzlich mar der Professor der Nationalökonomie und Abgeordneter Dr. von Dobransky aus Budapest eigens in Neuwied am Rhein, um diese wohllhätige Institution näher kennen zu lernen und sie womöglich in Ungarn einzuführen. Gleiches wäre auch für Oester-, reich sehr erwünscht.
* Rom, 2. Dezbr. Der h. Vater hat gestern den Herrn Bischof Dr. Korum von Trier empfangen. — Nach dem „Monteur de Rome"" hat Butenieff, der Vertreter Rußlands beim h. Stuhle, die Rückreise nach Rom angetreten.
* Rom, 1. Dez. Es kann nicht fehlen, daß die Beziehungen zwischen Rußland und dem apostolischen Stuhle gegenwärtig den Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen in den hiesigen diplomatischen Kreisen bilden. Inzwischen ist die Antwort des Vatikans auf die diplomatische Note Rußlands abgegangen. Es ist selbstverständlich, daß die Kurie in derselben die Schlußfolgerungen aus veröffentlichten Reden, welche objektiv den Wortlaut nicht wiedergeben, die zudem keinen offiziellen Charakter tragen, einfach zurückweist. Die Note soll anderseits mit besonderer Schärfe betonen, wie der Papst nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht habe, die Bitten der Katholiken anzuhören und ihre Interessen zu ver- theidigen. Dagegen soll nach der ,Köl. Vztg." von der Erwähnung der jüngsten Gewaltmaßregeln Abstand genommen sein, um den Konflikt nicht zu verschärfen und den Weg zur Verständigung nicht abzuschneiden.
* Newyork, 1. Dez. Nach Meldungen aus Mexiko erfolgte die Uebernahme der Regierung durch den Präsidenten Dia; in größter Ordnung und Ruhe.
Aus Stabt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 3. Dezember.
* Nachdem wir unlängst daran erinnert haben, daß es besser sei, die Weihnachtseinkäufe am Orte zu machen, liest man jetzt auch in verschiedenen Nachbarzeitungen:
Nur noch wenige Wochen trennen uns und die fröhliche Weihnachtszeit ist da. Jung und Alt freut sich auf dieses Fefi. Wohl bei Manchem drängt sich schon jetzt die Frage auf, was wirst du deiner Frau oder deinen Kindern kaufen, um ihnen auf diesen Tag eine Freude zu bereiten, ebenso der Bräutigam der Braut, ber Bruder der Schwester und umgekehrt. Nun, wir hoffen, es wird ihnen Allen gelingen, bald etwas Passendes herauszufinden, um alle die Wünsche besriedigen zu können. Vor Allem aber soll man möglichst am Orte kaufen und sich nicht von auswärtigen