Montag, den 1. Dezember
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* Reichstage im Mittelalter und^jetzt.
Unsere jetzige Volksvertretung hat trotz aller sonstigen Bescheidenheit, deren sie sich freiwillig oder nothgedrungen befleißigt, einen recht pompösen Namen. Bei dem Worte „Reichstag" denkt man an die glänzenden und wichtigen Versammlungen der Fürsten und Stände des Reiches, wie fie Friedrich Barbarosia oder Karl V. oder sonst ein mächtiger Kaiser in Gelnhausen oder Worms ooer Augsburg rc. abhielten. Da sah es etwas anders aus, als in dem nüchternen Gebäude, wo jetzt unsere deutsche Redeanstalt untergebracht ist. Der jetzige Reichstag ist nichts weiter, als eine Versammlung von 397 Bürgern, die bescheiden und still auf Grund der gnädigst überwiesenen Freifa hrtkarte mit der Eisenbahn in Berlin eintreffen, sich ein Zimmerchen in einer Herberge oder bei einer Handwerkerfamilie miethen, bei einer Petroleumlampe die zahlreichen Drucksachen durchstudiren und in Gummi-Ueberschuhen zum Reichstagsgebäude trippeln, um dort täglich 5—6 Stunden die Bänke zu drücken, endlose Reden anzuhören und aufzustehen, wenn der Präsident zur Abstimmung schreitet. Nach einigen Monaten darf der Reichsbote ebenso still und bescheiden auf Grund seiner Freikarte wieder zu „Muttern" reisen, und wenn er fleißig die Zeitungen verfolgt, dann kann er nach und nach erfahren, wie viele von den Forderungen und Wünschen des „hohen Hauses" in den großen Papierkorb des Bun- desraths oder des Reichskanzlers gewandert sind. Erst wenn der Reichstag mit feinem Beschluß fertig gestellt ist, tritt der BundeSrath in seinem eigenen Saale zusammen und thut, was er (ober vielmehr sein Vorsitzender) will.
Der größte Unterschied der modernen Gesetzgebung und der früheren liegt in dem unendlich sich steigernden Verbrauch von Papier, Dinte und Druckerschwärze. Unsere großen Vorfahren konnten zwar zum Theile lesen und ein kleinerer Theil verstand sich auch auf die Schreibkunst; aber sie verminderten diese anstrengende Thätigkeit, so weit es eben ging, um die Bücherei und das Schreibwerk den gelehrten Gehilfen zu überlassen und sich auf kurze und kräftige mündliche Reden zu verlaffen. Stenographische Berichte wurden im alten Reichstage nicht aufgegeben; somit konnte Niemand in die Versuchung kommen, vor leeren Bänken eine mehrstündige
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oder
Auf dunklen Wegen.
Roman von E. Wagner.
31. Kapitel.
Auf frischer Thal ertappt.
Der Mann, welchen Alexa eilig in das Gebüsch schlüpfen sah, war in der That ihr Vater. Ihr Erstaunen, ja ihr Schreck, ihn hier in England und zu Clyffebourne zu sehen, während sie ihn sicher in den fernen Gebirgen Griechenlands verborgen glaubte, läßt sich leicht denken.
Einen Augenblick glaubte sie, die Erscheinung sei nur ein Trugbild, denn es schien ihr unmöglich, daß ihr Vater hier sein könnte. Was sollte ihn bewogen haben, seine sichere Zufluchtsstätte zu verlaffen und sich solchen Gefahren auszusetzen? Ihr Vater hier, wo die Menschen ihn für einen Verbrecher hielten und ihn mit Freuden dem Schaffst überliefern würden I O, Himmel! Hatte er in seinem Kummer alle Vorsicht vergeffen?
Als ihr Ruf des Erkennens sein Ohr erreichte, taumelte er zurück in das tiefere Dunkel des Gebüsches. In ihrem Schreck und ihrer Angst sprang Alexa ihm nach und erfaßte seinen Arm.
RedeZzu halten, bie’Ieinen andern Zweck hat, als einige Spalten des stenographischen Protokolls oder der Zeitungen zu füllen. Und da die alten Herren ihre Nase lieber in da« praktische Leben als in staubige Folianten steckten, so waren sie mit ihren Entschlüffen viel schneller fertig, als die weisheit- triefenden Theoretiker, welche jetzt in drei Plena r» und Kommissionsberathungen alles Wiederkäuen, was feit Anfang der Welt Paffendes und Unpaffende« über irgend eine Frage geschrieben ist. Ein wahrer Chimborasso von Drucksachen häuft sich in der Zimmerecke jedes modernen Abgeordneten an. Neben dem dickleibigen Etat stellen sich umfangreiche und schwierige Rechnungsberichte aus früheren Jahren ein, deren unendliche Zahlenmenge nur ein geschulter Kopf zu bewältigen weiß. Dazu kommen zahlreiche Vorlagen der Regierung mit ihrer manchmal umständlichen Begründung, welche früher mit dem Fremdwort „Motive" bezeichnet wurde. Daran schließen sich die Anträge der Mitglieder und die ebenso zahlreichen wie langen Berichte von den verschiedenen Kommissionen. Damit noch nicht genug, überschwemmt eine Menge von Bittstellern und Schriftstellern, Vereinen, Korporationen u. s. w. die Abgeordneten mit gedruckten oder stellenweise auch litographirten Eingaben, die nicht zelten den Umfang ganzer Bücher annehmen. Wenn ein Abgeordneter alles durchlesen wollte, was ihm in's Haus geschleppt wird, so würde er ungefähr seine ganze freie Zeit außer der Plenar-Sitzung opfern müßen und doch nicht mit dem Normal-Arbeitstag ausreichen. Es gibt aber auch in unserem papierneu Zeitalter noch Volksverteter genug, welche das Lesen und Schreiben lieber Andern überlassen, um von deren Munde nachher die Quintessenz des Schreibwerks zu hören. Für diese Veute, welche längst nicht immer den letzten Rang in der Weisheit und Geschicklichkeit einnehmen, ist die Erfindung der Fraktionen von unschätzbarem Werthe. In jeder größeren Fraktion bildet sich eine praktische Arbeitstheilung heraus. Diejenigen Mitglieder, welche durch Beruf, Neigung, Studium oder Erfahrung auf einem Gebiete des öffentlichen Lebens besonders zu Hause sind, bearbeiten ihr Spezialfach mit Eifer und Gründlichkeit und übermitteln dann das Wesentliche worauf es ankommt, ihren vertrauensvollen Freunden. Damit diese Maschine
„Vater!" rief sie wieder mit gedämpfter Stimme. „Vater!"
Ihr plötzliche« Erscheinen und Erkennen hatte Mr. Strange beinahe der Sinne beraubt. Dann aber stieß er einen leisen, freudigen Ruf au«, breitete seine Arme aus und schloß seine Tochter an seine Brust.
„Alexa — meine liebe Alexa!" hauchte er erleichtert und freudig hervor.
„Ich bin es, Vater; aber was brachte Dich hierher?" fragte das Mädchen in ängstlichem Tone. „Wenn Du gesehen, erkannt würdest!" und sie warf., einen Blick zurück nach den Fenstern aus welcher ein Heller Lichtglanz strömte. „Wenn Dich sonst Jemand getroffen hätte und nicht ich!"
„Niemand kann mich erkennen. Du vergißt, wie sehr ich mich verändert haben muß. Beruhige Dich, Alexa. Bedenke, wie viel von Deiner Vorsicht abhängt."
„Der Schreck, Dich so unerwartet zu sehen, hat mich zu sehr überrascht. Es kann Jemand heraus- kommen und uns sehen. Komm mit mir nach den Klippen, Vater."
Sie zog ihn sanft fort und führte ihn im Schatten der Bäume den Klippen zu, wo sie sich an
in gutem' Gange bleibt, ist es von besonderer Wichtigkeit, daß ein oder einige leitende Köpfe, welche das ganze große Gebiet der schwebenden Fragen zu übersehen und zu beherrschen vermögen, über diesen Fachleuten stehen, lenkend, mäßigend, ausgleichend, einend. Diese große Aufgabe versteht Niemand bester zu lösen, als unsere „kleine Excellenz." Den Fleiß eines modernen Volksvertreters kann man an dem Zustande feiner Drucksachen ablesen. Liegen sie mit zahlreichen Kniffen, Flecken und Randbemerkungen wirr durcheinander, dann hat ihr Inhaber sein Amt ernst aufgefaßt. Wenn aber am Schluffe der Session ein dienender Geist den ganzen Stapel, von völlig sauberen, nach der Reihenfolge des Einlaufs auf- geschichteten Drucksachen beim Wurst- oder Käse- Händler als Einschlagepapier verkaufen kann, dann gehört der Adrestat der Drucksachen, wie die ,Kobl. Vzt.' sich ausdrückt, zu den Drohnen, die es für zu umständlich halten, den Honig selbst zusammen zu suchen.
In der letzten Nummer der .Fliegenden Blätter' ruft ein preußischer Gardelieutenant beim Anblick des Kölner Domes 'aus: „Colossal schneidiges Lokal!" Bei einem Rückblick auf die Macht und Pracht des mittelalterlichen Reichstags möchte man in diesen Ruf einstimmen; an Herrlichkeit und Schneidigkeit verhält sich der neue Reichstag zum alten, wie etwa eine Schulstube zum Kölner Dom. Die alten großen und schönen Formen sind zerfallen; aber auch in bescheidenen und einfachen Formen kann Tüchtiges und Unsterbliches geleistet werden, wenn der rechte Geist in ihnen lebt und webt. Der Geist des Volkes und seiner Gewählten vermag auch jetzt noch die frühere Herrlichkeit des deutschen Reiches wieder- herbeizusühren, wenn er an Kraft und Muth, an sittlicher und religiöser Tiefe, an Energie und Ausdauer sich als ebenbürtiger Nachfolger und Erbe jenes Geistes erweist, der einst die deutsche Nation zur ersten Macht der Christenheit, zur Führerin des ganzen civilisirten Erdkreises machte.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. November.
(*) In einer fünfstündigen Sitzung hat gestern die Kommission der afrikanischen Konfere nz die Redaktion der von Deutschland vorgeschlagenen Deklaration über die Handelsfreiheit im Kongo-
einetn abgelegenen, nur selten besuchten Plätzchen niederließen.
„Was führte Dich nach England, Vater?" fragte das Mädchen.
„Dein Brief," antwortete Mr. Strange zärtlich. „Dein Brief erzählte mir, daß mein Weib nie an mir gezweifelt hätte, ungeachtet alles deffen, was vcrgegangen — daß die Scheidung nicht auf ihr Ansuchen vollzogen wurde, und daß ihre Liebe, ihre Treue und Ergebenheit zu mir niemals wankend geworden sind."
Alexa zitterte vor Aufregung. Ihr Vater zog sie wieder an seine Brust und streichelte besänftigend ihr Haar.
„Mein liebes Kind," sprach er in zärtlichem Tone, „Du darfst Dir keine Vorwürfe darüber machen, daß Dein Brief mich hierher führte. Du warst es mir und Deiner Mutter schuldig, mir die ganze Wahrheit zu sagen.
»Aber ich konnte nicht ahnen, daß Du nach England kommen würdest," sagte Alexa. „O, Vater! Vater! Was hast Du gethan?"
„Nachdem ich Deinen Brief erhalten, nachdem ich erfahren, daß meine Frau, welche ich bewund rte in ihrer Liebe und Treue, sich niemals von mir gewendet, konnten alle Gefahren, welche mit meiner